26.12.2012 - Bewegung
Wieder bummeln wir herrlich planlos in den Tag hinein, ich kann gar nicht genug davon bekommen, und als wir mittags spontan mit *s Mutter und dem Chemiker wandern fahren, machen die Kinder lange Gesichter. Zwei Stunden nur wollen wir unterwegs sein, drei werden es.Wir fahren an den Wilisch, steigen hinauf übers nasse Laub, die Wege sind nicht geräumt und schlecht ausgeschildert. Wir stolpern den Berg hoch, haben keine Lust, den Serpentinen zu folgen und laufen durchs nasse Unterholz. Wirklich schön wird es erst oben: wir sitzen auf dem Rand des Vulkankraters, die Sonne kommt raus und ihr nachmittägliches Licht strahlt sehnsüchtig schön (Sehnsucht wonach, frage ich mich erst später, in diesem Augenblick ist es nur ein süßes Ziehen). Über uns wird das Zirpen der Flügel eines mittelgroßen Vogels immer lauter, ein schönes, perfekt abgezirkeltes Geräusch. Ansonsten: Stille im Wald, keine Wege gibt es hier mehr, nichts, nur Ruhe. Die Luft steht hoch und glimmt zartblau.
Als wir absteigen, finden wir einen guten Weg, der auf eine Kreuzung führt, und genau in diesem Moment kommen aus allen vier Richtungen Wandergruppen gelaufen. Es ist ziemlich absurd, aber ich kann nicht wegschauen, zumal alle so unterschiedlich aussehen: Großeltern mit Enkel, gutbürgerlich, dann ein Paar, das eine wilde Affäre hat, denke ich, denn sie schaut trotzig und sehr schön, Typ Model in den Modischen Maschen: Lederstiefel, Strumpfhosen, Minirock, lange Locken, gestricktes Stirnband, ihre Schritte wie Urteile in Präzendenzfällen. Auf dem dritten Weg kommt ein furchtbar provinziell aussehendes Paar, mittleres Alter, ihr Gesicht sagt: Ich habe immer kämpfen müssen, und es sagt dies in breitem Sächsisch.
Wir biegen in den Weg ein, aus dem die Modischen Maschen mit Schnute und wehenden Locken gerade heraustraten. Vernadelte Schneereste liegen hier und das kleinere Kind bewirft mich die ganze Zeit mit Schneebällen, meint begeistert, es habe ganz kalte Hände, und fällt in einem fort hin, weil es müde und der Boden glitschig ist. Der Weg wird von einem tiefer gelegenen Bachlauf begleitet, das Wasser fließt schnell und beweglich über Gesteinsbrocken, es ist milchig-grün mit weißen Schaumkronen und sieht sehr kalt aus, aber das milch-grüne fesselt meinen Blick, ich muss beim Laufen immer nach rechts hinunter schauen, während ich von links beschossen und angekichert werde. Mir geht pötzlich der Satz durch den Kopf, Den 20. ging Lenz durchs Gebirg, der traurige, dramatisch über die Steine springende Fluss passt so hervorragend dazu, und in Gedanken wiederhole ich den Satz, Den 20. ging Lenz durchs Gebirg, Den 20. ging Lenz durchs Gebirg, und frage mich, ob er wirklich so gut ist, wahrscheinlich schon, sicher sogar, nur ist der Bach flinker und behender als Lenz' Gestolpere.
Später sind wir bei den Onkels zu Gast, es gibt Stollen und Plätzchen, die hungrigen Kinder schlingen das Zeug nur so runter. Wir sitzen im Kerzenschein, es ist sehr nett. Die drei Kinder bilden eine Bande und spielen ganz wunderbar miteinander.
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28.12.2012 - 05:02 Uhr
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