28.12.2012 - 01:16 Uhr

7 3

25.12.2012 - Unsichtbar sein

Text: pitz

Wir erfüllen uns einen großen Wunsch und schlunzen den ganzen Tag zu Hause herum. Die Kinder spielen sehr begeistert mit ihren neuen Sachen, wir bummeln so ein bisschen zwischen Tee und Küche rum. Mir tun die Glieder weh, kommt das von dem Bier? Mich ärgert das, denn für so viel Kater war es doch sehr wenig Bier. Wir kreisen alle um die Süßkram-Beutel herum, essen nur Quatsch, gehen nicht raus und es ist wirklich gemütlich.

Später setzt * den Braten an, der ein ausgeklügeltes Prozedere über sich ergehen lassen muss. Mein Vater kommt, wir essen, zum ersten Mal etwas halbwegs gesundes an diesem Tag. Während die Kinder im Schlafzimmer sich in unser Bett wurschteln und die neue Mumin-DVD schauen, unterhalte ich mich mit meinem Vater. Wir reden ein bisschen übers lernen, ich erzähle ihm von meinen Zweifeln an der Schule, er packt ein paar Anekdoten aus: wie sie mit dem Physiklehrer Stahlkugeln aus dem dritten Stock der Schule nach unten fallen ließen, um die Formel für die Beschleunigung herzuleiten, und wie einer seiner Lehrer vor der Klasse von der sozialistischen Zukunft schwärmte: mit zurückgelegtem Kopf, geschlossenen Augen und Schaum vor dem Mund. Er erzählt auch, wie sie in der Schule manchmal diskutierten und dann jemand kam und sie warnte, Leute, lasst das nicht überall hören, was ihr hier gesagt habt. Über seine Schwester redet mein Vater auch eine Weile, und ich kann immer noch nicht verstehen, dass ich sie nicht kennengelernt habe. Er meinte vor langer Zeit einmal, ich würde ihn manchmal an sie erinnern, und dass er das gesagt hat, ist wie ein Haken in meinem Brustbein, den er ausgeworfen hat und nicht wieder eingeholt, und ich weiß gar nicht, wohin es mich zieht und warum. Dass sie ganz hervorragend russisch konnte, und ihre Männergeschichten und dass es ihr zu dieser Zeit nicht gut ging, aber was genau, spricht er nicht aus.

Wir kommen wieder kurz auf die Sache mit den Blogs zu sprechen, die er da liest (im Nebenzimmer schauen sie immer noch Mumins), und er meint, ich hätte ihm doch da auch was von mir gezeigt, und ich höre mir fasziniert zu, wie ich plötzlich scharf sage, ich hätte ihm nichts gezeigt (und denke, er habe mir ja damals nicht wirklich zugehört) und journalistisch könne ich nicht, und er sagt, na, ich meine das bei jetzt.de, wo ihr euch euer Essen zeigt, und ich falle innerlich in Ohnmacht, weil er es für das banalste auf der Welt hält, wenn Leute übers Essenmachen reden und weil er an mir nur das sieht, was da im Grunde gar nicht ist, denn ich rede hier in erster Linie über anderes, zum Beispiel über ihn. Ich fühle mich so unglaublich übersehen und ignoriert, dass mir der Atem stockt. Mal davon abgesehen, dass ich dachte, er habe bei der leidlichen Essensdiskussion ein Einsehen gehabt, dass es kein Zeichen von Dummheit und Kulturlosigkeit ist, sich über Rezepte auszutauschen, wir hatten dieses Gespräch schon öfters, sogar mit 16 habe ich das schon kapiert, obwohl ich mit 16 wirklich kaum was kapiert habe. - Ich werde kurz traurig, so wie Gemüse ein wenig anfault, dass ich den zwei Menschen, die ich in meinem Leben am wenigsten kenne, meinen Eltern, vielleicht so fremd geblieben bin, eine Milchglasscheibe zwischen uns, die von beiden Seiten nur Schemen erkennen lässt, aber da geht die Schlafzimmertür auf und Licht und Gewurschtel und Bettkrachen dringen heraus und die Kinder verschwinden protestierend im Bad, wie Gnome stampfen sie schimpfend und kichernd durch den Flur, dass sie noch Film schauen wollen und dass es gemein sei und dass die neuen Folgen toll seien.


Neue Texte zum Label '2_0_1_2':
Textoptionen
Mehr Texte von
pitz
Mehr Texte zum Label
2_0_1_2
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
3 Kommentare
Für diese Funktion musst du eingeloggt sein.
queen_without_a_country
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

28.12.2012 - 04:37 Uhr
queen_without_a_country

hm. mich erinnert da viel an meinen Vater. es gibt mich, wie ich mich sehe, und mich, wie er mich sieht, und die Schnittmenge sind wahrscheinlich weiblich, lange Haare, schlau.
und natürlich *

nany
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

28.12.2012 - 11:29 Uhr
nany

kommt mir auch nicht ganz unbekannt vor diese Situation.

und über das ich meine das bei jetzt.de, wo ihr euch euer Essen zeigt musste ich schon amüsiert kichern

addictedToSleep
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

30.12.2012 - 10:22 Uhr
addictedToSleep

*

um so älter ich werde, um so öfter wird auch mir schmerzlich bewusst, wie fremd ich meinen eltern bin ... - und sie mir. es gibt dinge, die ich gerne wissen würde, aus ihrem leben und mich nicht traue zu fragen, aus angst vor den antworten, bzw. den nicht-antworten. es würden dinge kommen wie "ach, das ist so lange her, was interessiert dich das?" oder "das würdest du heute eh nicht mehr verstehen" oder am schlimmsten wäre "das ist doch unsere vergangenheit, das war doch vor dir, damit hast du nichts zu tun".

Jetzt-Mitglied

pitz offline

pitz

ist jetzt-Userin und hat diesen Beitrag verfasst.