27.12.2012 - 18:30 Uhr

7 54 Über Twitter weiterempfehlen

Bitte hübsch verpackt

Text: veronique-schneider - Bild: Saimen/photocase.com

Der Freund oder die Freundin liebt einen so, wie man ist. Das heißt aber noch lange nicht, dass man sich ihm oder ihr ständig in Gammelklamotten zumuten muss, findet unsere Autorin. Ein Plädoyer für mehr Oberflächenpflege

Dusche, Deo, Creme. Haare an manchen Stellen ausrupfen und an anderen föhnen, bürsten, scheiteln, glätten, zurechtstecken oder toupieren. Klamotten überstreifen, doch wieder abwerfen und zu einem anderen Outfit greifen. Nase pudern, Wimpern tuschen, Kajallinie malen, Nägel lackieren. Zwei Parfümspritzer, Labello und eher zehn statt ein Spiegelkontrollblick: Ganz klar, immer noch ich inklusive meiner Makel, aber in der besten, schönsten und sehr ansehnlichen Version meiner selbst. Stundenlang kann so eine Prozedur des Zurechtmachens dauern, die gerade wir Damen vor den ersten Verabredungen mit einem vielversprechenden Jemand auf uns nehmen. Verknallt, wie man ist, soll der andere natürlich ebenfalls so empfinden – und neben Persönlichkeit und Charme wird dabei ganz selbstverständlich auch auf Oberflächenoptimierung gesetzt.      

Sobald dieser vielversprechende Jemand aber zum Weggefährten auf Dauer (oder zumindest: Monate) avanciert ist, also sobald Körperflüssigkeiten und Liebesbekundungen als auch Pläne und Probleme regelmäßig ausgetauscht werden, lässt bei vielen, die Teil einer solchen Weggemeinschaft geworden sind, das Engagement an der Oberfläche empfindlich nach. Nicht unbedingt grundsätzlich und in jeder Situation. Aber viele, die den Status Beziehung erreicht haben, lassen insbesondere dann, wenn sie sich mit jenem Menschen treffen, den sie lieben, das Schönmachen bleiben – beziehungsweise fahren es auf das Minimalprogramm der Sozialverträglichkeit herunter: für Schatz muss geduscht und deodorisiert reichen. Die Botschaft: Alles andere ist überflüssiger Luxus zu meinen fabelhaften inneren Werten, wegen denen du dich doch für mich entschieden hast! 



Ich habe eine Freundin, die immer dann ein bis zwei Kleidergrößen zulegt, sobald das mit ihrem neuen Typen ernst wird. Andere Freundinnen finden nichts dabei, ihrem Liebsten, sollten sie Zeit zu zweit daheim verbringen, fast ausschließlich in ihren Gammelklamotten, ungeschminkt und mit Strubbeldutt gegenüberzutreten. Geht es dagegen zu einer WG-Party, in einen Club oder auch nur zum Mädchenabend, dann wird wieder gepudert und parfümiert. Ein Ex-Freund von mir hat das auf männliche Weise durchexerziert: Trafen wir uns zu zweit, trug er Brille und Haare. War er alleine aus oder wir zu zweit mit anderen unterwegs, trug er Kontaktlinsen und Frisur. Das Schönheitssparprogramm in Beziehungen scheint mir also kein rein weibliches Phänomen. Es fällt bei uns wohl nur deutlicher auf, weil wir auf diesem Terrain tendenziell mehr Aufwand betreiben.           

Ich empfinde es allerdings als herabwürdigend, als Zeichen des Egalwerdens, wenn mein Freund nicht bereit ist, sich für ein Treffen mit mir zwei Linsen in die Augen zu friemeln und ein bisschen Gel in den Haaren zu verteilen, obwohl er sich die Mühe für andere soziale Ereignisse macht. Ich könnte es gut nachvollziehen, wenn sich die Freunde meiner Freundinnen insgeheim ein bisschen darüber ärgern, dass die Damen, seit sie sich der Herren an ihrer Seite sicher fühlen, ihr Sportprogramm streifen lassen und ihnen vor allem in Jogginghose und Kuschelpulli begegnen. Und es ärgert mich, dass die Freunde, wenn sie das offen aussprächen, wohl als oberflächliche Chauvis dastünden.      

Es gibt wohl kaum etwas, das schöner ist, als wenn da jemand ist, der einen so liebt, wie man ist – auch hinter der Fassade, die man für die Welt da draußen aufzieht, mit und vielleicht sogar ein bisschen wegen all der eigenen Fehler und Macken. Und auch dann, wenn man gerade völlig verschwitzt und mit knallrotem Kopf vom Sport kommt. Ich glaube allerdings genauso: Oberflächenpflege ist Beziehungspflege – und ein Zeichen von Respekt demjenigen gegenüber, den man liebt. Niemand braucht morgens aus dem Bett zu springen, sich die Wimpern tuschen und die Haare stylen, bevor der Mensch neben einem die Augen aufmacht. Aber ihm eine genauso schöne Version des eigenen Selbst wie dem Rest der Welt zu präsentieren, das sollte ja wohl drin sein.   



Neue Magazin-Texte:

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem donnerstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
veronique-schneider
Mehr Texte zum Label
Sexkritik
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
54 Kommentare
Für diese Funktion musst du eingeloggt sein.

Alle Kommentare anzeigen

Pedro_E
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

01.01.2013 - 15:10 Uhr
Pedro_E

Böser Text. Ich glaube, bei so einer dümmlich devoten Lebenseinstellung würde es nicht nur Alice Schwarzer gruseln.

geistlosgluecklich
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

01.01.2013 - 20:27 Uhr
geistlosgluecklich

was für ein widerlicher text....und wenn ich "frisur" hätte, würde sie das eh dauernd "kaputt" machen. da bleib ich lieber bei meinen haaren...

Dieter_Wondrazil
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

02.01.2013 - 15:18 Uhr
Dieter_Wondrazil

Oh Gott, Veronicke... (Schackeline würde auch ins Klischee passen):
wenn Du nur Hochglanz-Modemagazin-Typen um Dich rum akzeptierst, wirds ja schwierig werden mit der Zeit.
Ich mag Frauen, die auch um 6:00 morgen übernächtig und verschwitzt gut aussehen. Und mit gut meine ich ausdrücklich *ungeschminkt*.
Ich kann keine geschminkten Frauen ausstehen. Und warum sollte man sich "Gel" ins Haar schmieren, wieso findet das jemand anziehend?
Zelturlaub muss ja der Horror sein für Dich...
Nein Danke, muss ich da sagen. Ich mag meine Frau so, wie sie ist. Immer und unter allen Umständen. Schliesslich ist sie die Mutter meiner Kinder. Und ich würde keine angemalte Schaufensterpuppe als Mutter haben wollen.

hellahuf
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

19.01.2013 - 18:07 Uhr
hellahuf

ich find das jetzt nicht schlimm. es ist doch total anstrengend sich jedesmal zurrechtzumachen als gäbs kein morgen. das ist doch total unmöglich im alltag!
was wenn das kind die ganze nacht gekotzt hat, man einfach scheiße aussieht, krank ist etc?
es gibt situationen, da kann man sich nicht hübsch machen.
naja. ich lege sowieso jeden tag ein standard make up auf, einfach weil ich mich so wohler fühle. schau ich da meine komillitonen an, kann das ganz anders aussehen. strubbelhaar, dreads, kernseife. hübsch machen? no way. und deren freunde und freundinnen mögen das.
klar, dem partner nur noch in jogginghosen zu begegnen ist nicht so prall, aber man geht ja im normalfall vor die tür und das wohl nicht in gammeloutfit.
spätestens da sieht man doch normal aus. ich finde das sollte einfach individuell abgesprochen werden.

Zurück Seite 1 ... 4 5 6

Alle Kommentare anzeigen

Mehr lesen:

Jetzt-Mitglied

veronique-schneider offline

veronique-schnei…

ist jetzt-Mitarbeiterin und hat diesen Beitrag verfasst.