Veränderung
Schon immer war Weihnachten für mich eine mehr als brüchige Zeit.
Lange Zeit feierten wir im kleinen Holzhaus am Waldesrand. Eng, zu eng für die immer kurz vor dem Zerbrechen stehende Familie, die vielleicht nur durch den Pflichtethos der Nachkriegszeit zusammengehalten wurde. Stress, überdeckt durch das Brauchtum des Baumschmückens, der Geschenke und des Feiertagsessens. Ich befürchte, wir waren früh alle froh, wenn es einigermaßen rund vorbeiging und die eigenen Narben nicht größer geworden waren. Was nicht immer klappte.
Dann kam die Zeit der Flucht. Die Kinder, fast erwachsen oder schon studierend, blieben zu Hause, die Eltern fuhren ins Holzhaus. Kein Bedauern auf Seiten der Kinder, die aber trotzdem das allgemeine Brauchtum am Leben erhielten, als sei es etwas, das Sicherheit gäbe. Weihnachten blieb für mich eine merkwürdig morbide Veranstaltung. Das Vorgaukeln einer Familienharmonie, die eigentlich nie existiert hatte. Die Simulation eines Traumes von Familie, der der Realität nie standhielt. Weil man es sich wünschte. Weil ich es mir wünschte. Und doch nicht dran glaubte.
Anschließend die Zeit der Wiederkehr. Die Kinder hatten das Elternhaus verlassen. Plötzlich war Weihnachten wieder ein Sammelpunkt der Familie. Alle kamen nach Hause. Die einen aus der Nähe für ein paar Stunden, die anderen aus der Ferne für ein paar Tage. Ich für ein paar Tage, da ich die Nähe niemals ausgehalten hätte. Empfundene Pflicht, die gebüßt wurde mit unbändigem Fluchtwillen nach den paar Tagen. Denn letztendlich hatte sich nichts geändert. Nichts an der Brüchigkeit, die über die mittlerweile gefundene räumliche Distanz nur verdrängt wurde. Nichts an den ungesunden Rollen der Familie, die man schnell wieder übernahm. Nichts an der Freude über das Überstandene, wenn es vorbei war.
Danach übernahmen die Kinder die Zeremonie. Ein Versuch des Bruches mit der Vergangenheit, geschuldet der elterlichen Situation, die ein feiern im Elternhaus kaum mehr möglich machte und dem Wunsch nach Veränderung der Tradition. Zunächst ich. Einladung zu mir. Alle kamen zu mir und feierten in meiner Wohnung. Die zu klein war für alle zum Übernachten und so die Möglichkeit einer kontrollierten Nähe und Distanz gab. Ich kochte große Essen. Aber sonst blieb vieles beim alten. Aber ich war zu Hause. Bei mir. Kein Rückfall in alte Rollen bei mir. Was ich sehr angenehm empfand. Trotz des Feiertagsstresses als Gastgeber.
Zuletzt nach dem Unfall meiner Mutter und der Unmöglichkeit einer weiten Reise meiner Eltern der Übergang der Verantwortung für die Tage zu meiner Schwester. Ich wieder zu Hause. In meinem Kinderzimmer, das nicht mehr mein Zimmer ist und doch mich irgendwie wieder zum Kind macht. Dabei der Kontrast zur zunehmenden Verantwortung von mir für meine Eltern. Und der Sorge um meine Eltern. Die Beobachtung des sich beschleunigenden Verfalls der eigentlichen Kernfamilie, die durch keine eigene Familie ersetzt ist. Die Einsamkeit meines Vaters. Die Hilflosigkeit meiner Mutter. Das weihnachtliche Treffen bei meiner Schwester, das jetzt Nachmittags stattfindet. Die Rückkehr am Abend ins Elternhaus. Die Sprachlosigkeit zwischen meinem Vater und mir, die nach zwei Tagen unangenehm wird. Da wir alle persönlichen Dinge aussparen. Sentimentalität ist nicht zulässig. Über Gefühle redet man nicht. Aber was bleibt dann, wenn alle Geschehnisse der letzten Woche erzählt sind?
Und es bleibt die Frage, wie lange noch in dieser Konstellation gefeiert werden wird. Und was dann kommt. Und die ganz erschreckende Frage, ob ich nicht irgendwie froh sein werde, wenn es nicht mehr sein wird.
Mein Weihnachten. Meine Familie.
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