15.-21.12.2012
Sonnabend, späterObwohl ich gerade was anderes lese, drängt es mich wieder, diese tolle Turnszene in Katajew, Im Sturmschritt vorwärts! zu finden. Nachdem ich fast das ganze Buch durchforstet und mich wieder festgelesen habe, finde ich sie: am Ende des 11. Kapitels. Eigentlich sind es nur wenige, kurze Sätze, nun, da ich in keinem zusammenhängenden Lesefluss stecke, also quasi nüchtern bin - aber der Eindruck beim ersten Lesen war umwerfend. Auch gut: "Margulies steckte seine Nase ins Kartoffelpüree".
Sonntag
Wir gehen ins Kino. Dass die Kinder endlos viel Energie haben, wenn sie sich ziellos bewegen dürfen, dass sie aber nicht weit kommen, wenn es einen bestimmten Weg zurückzulegen gilt. Das Eis auf dem Weg schimmert grau, daneben der Schnee weiß, und darauf ockerfarbene Blätter.
Montag
Abends (Schneeharsch, trübe Straßenlichter, Erschöpfung) pfeift mir jemand auf der Straße hinterher, meine ich, und will schon innerlich die Stacheln aufstellen, als ich merke, dass es eine ganze Melodie ist, die da gepfiffen wird. Ich fahre extra langsam, denn sie kommt mir bekannt vor. Nach ein paar Sekunden hab ichs, es ist: Er weidet seine Herde. Ich nehme den Faden auf, es ist zu verlockend.
Dienstag
Im Büro reden wir über einen Kollegen, der sich bei allen unbeliebt gemacht hat. Dieser Mann ist die verkörperte Selbstüberzeugtheit, Arbeit delegiert er, und ähnlich hässliche Begleiterscheinungen. Nachdenklich sage ich zu meiner Kollegin-Chefin, dass das eigentlich der Typ Mensch ist, vor dem wir uns nach der Wende gefürchtet haben. Ebenso nachdenklich stimmt sie mir zu. Der homo faber, der aus dem Westen stammt, haut sich vor Lachen weg.
Danach findet eine Art Tombola statt. Ich gewinne ein Set mit sechs verschiedenen Schalen, deren Zweck nicht ersichtlich ist. Auf dem Beilagezettel steht, man solle selbst den Zweck herausfinden, zu dem man sie nutzen wolle - vielleicht für eine Blume oder einen Zahnstocher? Allgemeines überdrehtes Lachen und Kopfschütteln, ich schaue, dass ich das Zeug sofort wieder loswerde.
Abends Post von der Königin, wie immer rechtzeitig, liebevoll und schön.
Mittwoch
Letzter Tag. Ich zähle die Stunden, Viertelstunden, Minuten, schaffe auch noch einiges an Arbeit weg, damit geht die Zeit immer noch am besten rum. Dann endlich, raus! Komplett betäubt mache ich mich auf den Heimweg, bin aber nachmittags und abends leider ohne *, und alleine feiern mag ich nicht.
Donnerstag
Mit dem größeren Kind zur Untersuchung auf Schultauglichkeit. Die Ärztin: krause Haare, die enthusiastisch vom Kopf abstehen, runde Wangen, zarte Haut mit ein paar geplatzten Äderchen. Sie ist die Mutter eines Bekannten, wobei sie nicht weiß, dass sie mir ein Begriff ist. Das Zimmer wird dominiert von einer durchgehenden Fensterfront, das Fensterbrett versammelt Büroklammern, Autoschlüssel, Blumen, Zettelblöcke in einer losen Reihe. Auf einem Regalbrett steht das Foto eines Frühgeborenen, dessen Größe (oder besser gesagt Kleinheit) schon erstaunlich ist. Nachdem mein Kind etwas schläfrig und piepsig, aber bestens gelaunt durch alle Aufgaben durch ist und sich eine Belohnung aussuchen darf, spreche ich die Ärztin auf meinen Bekannten, also ihren Sohn an, ja, sagt sie, sie könne mich zuordnen. Gut gehe es ihm, erzählt sie, geheiratet habe er. Aber das Kind hätten sie verloren, schiebt sie hinterher, und macht eine Kopfbewegung zu dem Frühchenbild hin. Mir fällt es wie Schuppen von den Augen, auf dem Foto ist auch ein Engel mit abgebildet. Und die vielen, vielen Fehlgeburten von F damals ...? Wir verabschieden uns, finden uns auf dem Gang wieder und ich komme mir sehr schäbig vor. Mein Kind hingegen geht sofort zu dem großen Broschürenständer und sucht sich zielstrebig zwei Heftchen aus, eines zur Raucherentwöhnung und eines zum korrekten Gebrauch von Kondomen. In der Raucherbroschüre übt es schreiben, das Kondomheft lasse ich elegant verschwinden, fühle mich peinlich berührt, etwas unsicher, und untergründig immer noch schäbig.
Freitag
Die Katze wird alt, eine ihrer Pfoten gibt mittlerweile ein helleres Geräusch als die drei anderen und erzeugt einen Rhythmus. Sie läuft also im 4/4-Takt durch die Wohnung. Abends hebe ich sie in ihr Körbchen, weil sie sich nicht zu springen traut.
Ich schlafe bis Mittag, bin danach immer noch betäubt und wie versteinert. Ich setze mich vor den Rechner, will schreiben, wie die ganze Woche schon, aber es passiert nichts. Ein riesiges Vakuum, ich spüre auch immer noch keine Erleichterung, nun erstmal Urlaub zu haben - zu viel muss noch erledigt werden. Die Bude ist zwar aufgeräumt, aber der Boden so dreckig, dass ich unruhig werde. Faszinierend ist, dass ich eigentlich kaum etwas zu essen brauche, wenn ich alleine bin und rumhänge. Im normalen Arbeitsalltag würde das Essen, das ich bis 18 Uhr vertilge, noch nicht einmal bis 10 Uhr reichen. - Dann kommt * und sofort ist alles wieder in Ordnung.
- Manchmal ist alles anders 05.01.2013
- Dezember 2012 - Zwischen den Jahren 01.01.2013
- 31.12.2012 [Der Baum an dem die Sterne wuchsen] 31.12.2012
- 30.12.2012 [Mein Vorsatz für's kommende Jahr] 31.12.2012
- 31.12 31.12.2012









0
23.12.2012 - 11:10 Uhr
addictedToSleep
!