"Distanz macht es einfacher, sich anzuvertrauen"
Ann-Marie, 22, und Eva, 24, schreiben einander seit zehn Jahren Briefe. Getroffen haben sie sich nur ein einziges Mal, als sie sich im Urlaub kennenlernten. Der direkte Kontakt fehlt ihnen aber gar nicht. Zwei Gespräche über eine besondere Freundschaft.
jetzt.de: Ihr habt vor Kurzem eure zehnjährige Brieffreundschaft gefeiert und schreibt euch immer noch. Wäre es nicht einfacher sich über Facebook zu schreiben?Eva: In unserem Fall nicht, Annie ist, soweit ich weiß, gar nicht bei Facebook angemeldet. Aber es gibt ja auch noch andere Social Networks. Es stimmt schon, dass es einfacher wäre, sich nur noch über das Internet zu schreiben, und es ist ja nicht so, dass wir uns nur Briefe schreiben. Wir schreiben uns auch im Internet. Aber wir haben unsere Brieffreundschaft nie dadurch ersetzt.

Was ist das Besondere am Briefeschreiben?
Ein Brief ist viel persönlicher als eine Nachricht oder Mail. Man kann es nicht mit einem Chat vergleichen, in dem man sich schnell mal zehn Minuten austauscht. Wenn ich Annie schreibe, kann das manchmal Tage, vielleicht sogar eine Woche dauern, bis ich mit dem Brief fertig bin. Beim Schreiben macht man sich viel mehr Gedanken um den Inhalt, der Brief entwickelt sich quasi beim Schreiben. Außerdem ist es doch ein viel schöneres Gefühl, einen handgeschriebenen Brief in der Hand zu halten, als auf den Bildschirm zu starren. Im Chat läuft es einfach anders. Im Endeffekt landet man doch immer beim Smalltalk.
Aber ihr seid keine Internet-Muffel, oder?
Nein. Ich habe absolut nichts gegen das Internet und auch nichts gegen chatten! Ich bin bei Facebook angemeldet, schreibe tatsächlich auch dort anderen Menschen und nutze es wie jeder andere auch.
Wie hat eure Brieffreundschaft begonnen?
Wir haben uns 2002 in der Türkei im Urlaub kennen gelernt. Wobei „Kennenlernen“ es eigentlich nicht richtig trifft. Wir haben uns erst am letzten Tag von Annies Urlaub getroffen und abends entschieden, Adressen auszutauschen.
Viele Brieffreundschaften hören nach wenigen Briefen wieder auf, warum hat eure so lange gehalten?
Ehrlich gesagt, dachte ich damals im Urlaub auch, dass das bestimmt nur ein halbes Jahr oder so hält. Ich hatte vorher schon ein paar Brieffreundschaften, wie das eben mit 12 oder 13 so ist. Ich hätte 2002 nicht im Traum daran gedacht, dass ich ihr immer noch schreibe, wenn ich schon die Schule hinter mir habe. Ich denke, unsere Brieffreundschaft hat so lange gehalten, weil wir uns sehr gut verstehen und uns charakterlich auch nicht auseinander gelebt haben. Wir sind wirklich gute Freundinnen geworden. Uns sind nie die Themen ausgegangen, es gab immer wieder was Neues zu berichten und wir haben oft unsere Meinungen ausgetauscht, egal ob es jetzt um Schule, Familie, Freunde oder zum Beispiel unseren Berufswunsch ging.
Habt ihr euch zwischendurch mal getroffen oder telefoniert?
Komischerweise haben wir uns tatsächlich kein einziges Mal getroffen.
Warum nicht?
Es hat sich irgendwie nicht ergeben. Wir wollten uns mal nach meinem Abi treffen. Als ich Zeit hatte, war sie im Urlaub. Als Annie Zeit hatte, war ich schon zum Studieren nach Ungarn gegangen. Ich bin zwei Jahre älter als Annie, von daher gab es bei einer von uns immer etwas, was es zeitlich verhindert hat, dass das klappt. Abitur, Studienbeginn und so weiter.
Aber du weißt schon, wie Ann-Marie aussieht, oder?
Ach, eine Digicam besitze selbst ich als altmodische Briefeschreiberin - und man stelle sich vor, sogar per Post kann man Fotos schicken! Klappt prima!
Ist es nicht trotzdem ein komisches Gefühl, jemanden seit zehn Jahren zu kennen, ohne ihn zu treffen?
Ich weiß nicht, ob ich es komisch finden soll. Einerseits ist es seltsam, dass man einen Menschen so gut kennen gelernt hat, obwohl man ihn weder gesehen noch gehört hat. Andererseits habe ich nicht das Gefühl, dass unsere Freundschaft dadurch in irgendeiner Weise eingeschränkt war oder ist. Sie ist anders entstanden als alltägliche Freundschaften. Aber für mich ist das eher ein besonderes Gefühl als ein komisches.
Was steht denn eigentlich in euren Briefen?
In unseren Briefen steht alles, was uns gerade beschäftigt, Sorgen, Probleme, aber auch, was gerade ganz besonders toll ist. In den letzten Jahren hat sich viel um Schulabschluss und Studium gedreht.
Ist es eventuell sogar einfacher, sich jemandem anzuvertrauen, der weit weg ist und nicht zum Freundeskreis vor Ort gehört?
Es gibt schon Dinge, die ich ihr erzähle, die ich zu Hause auch nur ganz wenigen Leuten erzähle. Was sich für mich immer als sehr positiv herausgestellt hat, ist die Tatsache, dass man bei Problemen auf eine objektive Antwort vertrauen kann. Wenn ich ein Problem habe und Annie davon erzähle, dann antwortet sie manchmal ganz anders darauf als ich es erwartet hätte. Sie sieht das Problem aus einem anderen Blickwinkel. Das hat mir wirklich oft weitergeholfen. Manchmal macht es die Distanz vielleicht auch einfacher, sich anzuvertrauen. Schließlich erzählt ein Brief nichts weiter und private Sachen bleiben dort, wo sie hingehören.
Hebt ihr die Briefe auf?
Ja natürlich hebe ich die Briefe auf! Ich habe Briefboxen und daheim sogar eine eigene Schublade, in der alle Briefe und Postkarten verstaut sind.
Haben sich eure Briefe über die Jahre verändert?
Ja, sicher haben sie sich verändert, so wie wir uns auch verändert haben.
Hat sich Ann-Marie auch verändert?
Na ja, es ist normal, dass man sich im Laufe der Zeit verändert. So ist es auch bei Annie. Wobei sich diese Veränderungen, soweit ich es beurteilen kann, nicht auf den Charakter beziehen. Sie ist immer noch so nett, verlässlich und vertrauensvoll wie immer. Es sind mehr die Themen, die sich verändert haben.
Schreibst du auch anderen Leuten Briefe?
Ich habe zumindest keine zweite Brieffreundin. Ich schreibe ab und an anderen Freunden einen Brief oder eher eine Postkarte, aber eben nicht so regelmäßig, wie ich ihr schreibe.
Und wer hat die schönere Handschrift?
Ganz diplomatische Antwort: Wir sind beide mit unserer wundervollen Handschrift Anwärter auf die Finalrunde in Germany's next Top Handwriting.
Auf der nächsten Seite liest du, was Ann-Marie über ihre Brieffreundschaft sagt.
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