Herzkasperei
Nach der ersten gemeinsamen Zeit als Paar verwandelt sich manche heimische Couch in eine Kabarettbühne, wenn es um Zukunftsfragen geht. Warum sind die Beziehungskalauer aber so wichtig? Eine Beobachtung.
Die Liebe hat Etappen. Wenn der richtige Mensch gefunden ist, das Frühstücksei geteilt, die Eltern besucht und das „Ich liebe Dich“ schon routinierter über die Lippen kommt, drängt sich mit wachsender Liebe eine Frage auf, die auch der Porschefahrer in der Midlifecrisis kennt - Kommt da noch was? Sich jetzt mit dem Auserwählten auf eine einsame Parkbank zurückzuziehen und beim Entenfüttern ganz zufällig zu fragen: „Sag mal, machen wir das in 20 Jahren eigentlich immer noch?“ wäre natürlich nicht sehr elegant. Besser gelöst wird der Auftritt mit Humor. Der verschleiert und verharmlost, was ernst gesagt und ernst gemeint ganz schönen Druck auf Schultern und Herzkammern ausübt.
Denn soviel Humor auch in Bemerkungen über potentielle Hauseinrichtung, Urlaubsorte oder Nasenformen der Kinder steckt, in der Witzelei hallt immer die Möglichkeit mit. Und das umschmeichelt das Herz. Es ist verbales Üben für den Ernstfall, man sagt damit: Auch wenn das jetzt noch nicht der Ernstfall ist, ein bisschen üben möchte ich schon mal mit dir. Weil, irgendwie und irgendwann kann ich mir das vorstellen. Du und ich, die Kinder mit der krummen Nase und das Haus mit den grünen Fensterläden.
Im Scherz lässt sich das, was vielleicht noch vor einem liegt, langsam und gefahrlos abklopfen. Sie liebt Rufus Wainwright: „Also, unser Sohn lernt auf keinen Fall so ein Geklimper, das ist schon mal klar!“, sagt er. Haha, lacht sie und witzelt zurück: „Wenn du später die Riesendusche willst, such ich das Auto aus!“ Sie, große Nase, er, Segelohren, witzeln gemeinsam: „Unsere Kinder werden sicher nur gehänselt!“ Haha. Er witzelt, sie witzelt, das tut beiden gut. Die Mundwinkel ziehen sich nach oben und verharren dort ein paar Sekunden.
Der Witz erlaubt, was bei Ernst zu zitternden Knien und faltiger Stirn führen würde, entschärft was vielleicht noch Angst macht. Ein „Unser Sohn wird Ludwig heißen“ ohne das obligatorische Lächeln auf den Küchentisch zu knallen, würde beim Gegenüber wohl eher in Fluchtversuchen enden als bei einem gemeinsamen Gang zum Grundbuchamt. Der Liebeswitz dagegen tollt voller Unschuld um Tretminen und Fettnäpfchen herum, hält sich bedeckt, ein bisschen vage aber doch bestimmt genug, um eine kleine Liebeserklärung zu sein. Ob das gemeinsame Wir in die gleiche Richtung führt, lässt sich so charmant ausloten, ohne sich und den anderen dabei zu verschrecken. Vorausgesetzt, der andere witzelt zurück. Man will ja schließlich willkürlich nicht irgendwo hinlieben und am Ende mit seinem Liebesbündel wieder dahin ziehen müssen, woher man gekommen ist. Auch wenn die gemalte Zukunft womöglich noch weit weg ist, hat man das potentielle Leben schon mal gemeinsam geistig anprobiert. Damit geben sich beide Sicherheit, dass sich mit dem Miteinander zumindest über den nächsten Badeurlaub in Kroatien hinaus spekulieren lässt. Und das ist schön.
Schön ist das besonders für die Schwebephase nach erstem Händchenhalten und vor dem ersten Grundstückkauf. Wenn die rosarote Brille langsam wieder zum Sichtglas wird, aber Kinderwindeln und Kleinwagen noch nicht die Gedankenwelt bestimmen. Wenn der Liebesernst so langsam anklopft, aber sich darüber noch Witze reißen lassen. Wer sich aber tatsächlich den Heiratsantrag auf offener Straße oder großohrige Kinder wünscht und sich nicht traut, das auch zu sagen, der sollte es vielleicht besser mit Ernst probieren. Sonst verliert der Liebeswitz sein höchstes Gut: Die Pointe. Denn die hat ein Verfallsdatum.
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dementsprechend kann ich das mit der "rosaroten brille" auch echt nicht mehr lesen, überall werden einem die ewig selben stereotype marschbefehlgleich um die ohren gehauen: zuerst rosarote brille, dann ernst!
wenn mich in punkto beziehung jemand fragt: "ist es was ernstes?" dann muss ich immer an eine ganz schlimme krankheit denken und sage "nee, was fröhliches".
Was mich aber ein bisschen stört, ist die Erwartung (nicht der Autorin, sondern vieler Paare), dass eine Beziehung sich immer „höher, schneller, weiter“ entwickeln muss. Entweder man hakt irgendwann die Punkte Heirat, Haus, Kinder ab und muss sich danach dann mit der Frage beschäftigen, ob jetzt in der Beziehung überhaupt noch „was kommt“ – ich kenne schon ein Paar, bei dem sich diese Frage manchmal stellt, mit 29/30. Oder man muss sich immer die Fragen der Anderen gefallen lassen, wann man denn endlich mal auf dieser Checkliste die nächsten Punkte angehen will (oder warum man sie überhaupt nie angehen will): z.B. werden mein Freund und ich seit Jahren gefragt, wann wir denn endlich mal zusammenziehen, und ein seit 13 Jahren glückliches Paar, das ich kenne, muss dauernd erklären, warum es nicht heiratet. Das ist doch nervig.
21.12.2012 - 09:44 Uhr
chrinamu
Was mich aber ein bisschen stört, ist die Erwartung (nicht der Autorin, sondern vieler Paare), dass eine Beziehung sich immer „höher, schneller, weiter“ entwickeln muss. Entweder man hakt irgendwann die Punkte Heirat, Haus, Kinder ab und muss sich danach dann mit der Frage beschäftigen, ob jetzt in der Beziehung überhaupt noch „was kommt“ – ich kenne schon ein Paar, bei dem sich diese Frage manchmal stellt, mit 29/30. Oder man muss sich immer die Fragen der Anderen gefallen lassen, wann man denn endlich mal auf dieser Checkliste die nächsten Punkte angehen will (oder warum man sie überhaupt nie angehen will): z.B. werden mein Freund und ich seit Jahren gefragt, wann wir denn endlich mal zusammenziehen, und ein seit 13 Jahren glückliches Paar, das ich kenne, muss dauernd erklären, warum es nicht heiratet. Das ist doch nervig.
feux sagte:
kriegt ludwig auch gleich ein Grundstück zur geburt oder wieso laufen die eltern zum grundbuchamt? gute partie dieser ludwig...
Vielleicht ist der immer so breit, dass er da extra eingetragen werden muss.
cornelie sagte:
"... tollt voller Unschuld um Tretminen herum," das ist schön,
ist wohl der Sinn des ganzen Liebens.
Find' ich nicht.
Wenn sich Minenfelder abzeichnen, dann renn' ich da rein und trampel solang drin rum bis wir die gemeinsam weggelacht, weggeweint, weggesprengt haben, auf jedenfall aber DAUERHAFT entschärft, egal wie.
Denn: nichts Schlimmeres als eine "Beziehung", die sich vor lauter "unschuldig" (was für ein vollständig unpassendes Wort hier, wo's doch offenbar nicht nur schuldhaft, sondern sogar mit Vorsatz gemacht wird ... ) scharf gelassenen Minenfeldern drumzu gar nimmer mehr bewegen lässt, weil in jeder Richtung irgendwelche Minenfelder dräuen, wurscht ob "Kind/er" oder "Grundbuchamt" oder gar das erfahrungsgemäss mit veritablen Panzerminen bestückte Feld "Traumhochzeit", vom Ehevertrag mal ganz zu Schweigen.
Sollte der "Sinn des ganzen Liebens" nicht eher sein, dem Gegenüber eine gänzlich und todsicher unverminte Manege für den Auftritt zu bieten?
Aus der Minennummer hielt' ich mich jedenfalls tunlichst 'raus.
ein gänzlich unvermintes Leben für das Lieben zu bieten... das ist besser
(als "Tretminen" und "todsicher" ;-)
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20.12.2012 - 19:36 Uhr
cornelie
ist wohl der Sinn des ganzen Liebens.