18.12.2012 - 18:30 Uhr

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Solidarität mit dem Nachwuchs

Text: helena-kaschel - Fotos: dpa/www.ruhr-uni-bochum.de

Studiengebühren werden von ihren Gegnern als unzumutbar empfunden, andererseits fehlen alternative Ideen zur Hochschulfinanzierung. Ein neues Modell soll Gerechtigkeit schaffen. Der Schlüssel: Fertig studierte Akademiker unterstützen die Unis mit einem kleinen Teil ihres Einkommens.

Noch ist die Diskussion um die Studiengebühren nicht vom Tisch. 2005 vom Bundesverfassungsgericht durchgewunken, sind sie zwar inzwischen fast deutschlandweit wieder abgeschafft worden. Sich für 500 Euro pro Semester nicht durch Bafög oder Studienkredit zu verschulden, ist nur für die möglich, die großzügig von den Eltern unterstützt werden oder sich für die Doppelbelastung Studium und Arbeit entscheiden. Außerdem sind die Beiträge für alle gleich hoch, ob man nun nach dem Studium Sozialarbeiter oder Staatsanwalt wird. Aber wie kann man der chronischen Unterfinanzierung der Hochschulen sonst entgegenwirken? Der Bochumer Professor für Wirtschaftswissenschaften Stefan Winter, der ein Buch gegen Studiengebühren geschrieben hat, glaubt die Lösung gefunden zu haben. Er will, dass Absolventen erst nach ihrem Studium einen Solidarbeitrag zahlen, der abhängig von der Höhe des Einkommens ist.



Gegen das Konzept, dass das Studium zum Teil von den Studenten selbst finanziert wird, hat Stefan Winter generell nichts einzuwenden. Schließlich haben vollzeitbeschäftigte Akademiker im Schnitt einen Einkommensvorteil von knapp 30.000 Euro jährlich gegenüber Nichtakademikern. Nur sollten nicht alle Studenten gleich stark belastet werden – und schon gar nicht, solange sie noch an der Uni sind: „Kinder aus sozial schwächeren Familien müssen dieses Geld in der Regel erarbeiten. Da gehen Hunderte von Stunden Arbeitszeit verloren, die sie nicht für das Studium haben. Die soziale Benachteiligung liegt also wahrscheinlich im größten Umfang dort. Nicht so sehr bei der Frage: Wer studiert und wer nicht? Wobei es auch da nicht auszuschließen ist,“ sagt Winter. Er schlägt eine nachträgliche Bezahlung vor - den UniSol 35 plus, den er letzte Woche im Landtag von Nordrhein-Westfalen vorgestellt hat. Hinter dem kryptischen Namen steckt ein Modell, das eine gerechte Lösung für alle Beteiligten darstellen soll.  

Die Idee: 40 Jahre lang sollen monatlich jeweils 0,1 Prozent des Brutto-Jahreseinkommens an die Unis fließen. Auf alle Akademiker verteilt wären das im Durchschnitt etwa 40 Euro im Monat. Allerdings würde mit einer Mindesteinkommensgrenze von 35.000 Euro brutto pro Jahr (daher „35 plus“) gewährleistet, dass nur diejenigen nachträglich für ihr Studium bezahlen müssen, die auch entsprechend gut verdienen. „Aus der Perspektive der Studierenden wäre es definitiv besser, wenn sie nach ihrem Studium bezahlen würden und dafür während des Studiums eine entsprechend vernünftige Betreuung hätten“, argumentiert Winter.  

Sogenannte nachgelagerte Studiengebühren – nach dem Motto „erst studieren, dann zahlen“ – gibt es in der Theorie schon länger, in Australien sind sie sogar schon Realität. Dort ist die akademische Ausbildung zunächst für alle kostenlos. Ab dem Berufsstart werden dann nachträglich Beiträge an die Uni gezahlt – abhängig von Einkommenshöhe und Studienkosten. In England hat man über eine „Akademikersteuer“ nachgedacht, wonach alle Hochschulabsolventen ihr ganzes Berufsleben lang bis zu fünf Prozent ihres Einkommens an die Unis zurückfließen lassen sollten. Durchgesetzt hat sich der Vorschlag bislang nicht.  

Prof. Dr. Stefan Winter von der Ruhr-Universität Bochum

Beide Konzepte, zwischen denen man deutlich unterscheiden muss, haben laut Stefan Winter einen entscheidenden Haken: Steuern müssen nur diejenigen zahlen, die im entsprechenden Land wohnen. „Das ist für mich ein ganz massiver Einwand gegen jede Form von Steuerfinanzierung, weil man sich dann dem Solidarsystem entziehen kann, indem man auswandert.“ Nachgelagerte Studiengebühren dagegen können in der Regel weltweit eingezogen werden. In Australien hat man sich diesen Vorteil allerdings nicht zu Nutze gemacht: Die nachgelagerten Studiengebühren werden dort wie Steuern über das Finanzamt abgewickelt.  

Im Gegensatz zum australischen System gibt es bei UniSol 35 plus nach oben hin keine Grenze – deshalb spricht Winter bewusst nicht von Gebühren. Es werden nicht einfach die realen Kosten für das Studium nachgezahlt, sondern die starken Schultern sollen mehr tragen. So könnte es sein, dass jemand, der sehr viel verdient, am Ende auch ein Vielfaches von dem zahlt, was sein Studium tatsächlich gekostet hat. „Die Idee dahinter ist, dass die Spitzenverdiener mehr bezahlen und so die Studierenden mitfinanzieren, die hinterher wirtschaftlich nicht so erfolgreich sind und von denen nie Gebühren eingehen.“ Winter sieht darin kein Gerechtigkeitsproblem. Eine solche Solidarität sollte man von sehr gut verdienenden Akademikern verlangen können.  

Dorothea Hutterer vom freien zusammenschluss von studentInnenschaften ist da skeptisch. Sie fürchtet eine Missstimmung unter den Studenten, wenn ihnen von vornherein das spätere Mitfinanzieren der wirtschaftlich Schwachen durch die Absolventen mit hohem Einkommen vorgeschrieben wird. „Das stiftet Unfrieden in der ganzen Studierendenschaft. An einer TU würde das vielleicht nicht ganz so problematisch gesehen werden wie an einer Volluni, an der es auch sehr viele Lehramts- und Geisteswissenschaftstudenten gibt. So ein Modell könnte die Studierendenschaft spalten.“ Es könnte schon während des Studiums ein Bewusstsein entstehen, dass diejenigen, die in ihren eigenen Augen etwas „zielführendes“ studieren, später für ihre ehemaligen Kommilitonen mit geringem Einkommen mitbezahlen müssen. „Das fände ich persönlich sehr schade,“ sagt Dorothea Hutterer. Die Finanzierung von staatlicher Seite müsse ausgebaut, der Wegfall der Studiengebühren ausreichend kompensiert werden - und zwar nicht von Absolventen. Ihrer Meinung nach gibt es immer noch kein Finanzierungsmodell, das tatsächlich alle Beteiligten gänzlich zufrieden stellt. Auch nicht das neue Konzept von Stefan Winter.   




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melancholieunduebermut
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Mag ich Mag ich nicht

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18.12.2012 - 21:25 Uhr
melancholieunduebermut

bildung zu finanzieren, ist gesamtgesellschaftliche aufgabe !

steuern spezifisch für eine sache einzutreiben ist ein unnötiger verwaltungsaufwand und sowieso unsolidarisch & dumm.

der staat muss eben mehr für bildung ausgeben . und gutverdienende können ruhig etwas mehr bezahlen. für alles. - ob sie nun akademiker sind oder nicht .

alces
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Mag ich Mag ich nicht

1

18.12.2012 - 21:39 Uhr
alces

Eine feine totalitär-solidarische Allmachtsphantasie aus der RUB. Weltweit einziehbar, nicht gedeckelte Abgabe, alles klar. Eingangsstempel und ab in die Rundablage. Ein weiteres wohlverdientes Professorengehalt.

derien
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1

19.12.2012 - 10:06 Uhr
derien

wuhuu,studiengebühren über statusabhängige akademikereinkommen eintreiben: die professöse idee hatte ich schon bei anschaffung der studiengebühren! ich schlage zudem vor, sozialarbeiter an der uni einzustellen.ist doch langsam mal fällig!

zusatzinfo zum artikel: bei nutzung der studiengebühren ist die relation für studenten nicht wirklich vorhanden.bsp.: medizinstudiengänge sind weitaus kostenintensiver als geisteswissenschaftliche. beide zahlen jedoch dieselben gebühren. ein mediziner wird im studium voraussichtlich besser über die studiengebühren getragen, hinzu kommt, dass er im berufsleben voraussichtlich auch finanziell besser dasteht als ein geisteswissenschaftler.dat wirft fragen of

mebasti
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0

19.12.2012 - 11:04 Uhr
mebasti

Täusche ich mich oder gehen die, bei einer Rate von 0,1 Prozent und 40 Euro durchschnittlicher Gebühr pro Monat, von einem durchschnittlichen Monatseinkommen von 40.000 Euro aus?

In so einer Welt mit DEN Einkommensverhältnissen wären 40 Euro durchaus zu verschmerzen (die Inflation bis dahin, mit der die offenbar rechnen, möchte ich hingegen nicht erleben...), auch wenn unsereins davon, wie bei allen Reformen des Hochschulwesens, davon immer nur die Lasten zu tragen und keinen Vorteil dadurch hätte - und sich zudem noch die künftige Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt mit besser finanzierter und ausgestatteter Infrastruktur und Ausbildung selbst heranzüchtet. Mal ehrlich, welcher vernünftige Mensch soll das bitte gut finden?

apollyon
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19.12.2012 - 11:37 Uhr
apollyon

alces sagte:
Eine feine totalitär-solidarische Allmachtsphantasie aus der RUB. Weltweit einziehbar, nicht gedeckelte Abgabe, alles klar. Eingangsstempel und ab in die Rundablage. Ein weiteres wohlverdientes Professorengehalt.

Was ist daran besser, wenn nur diejenigen zahlen, die im Land bleiben, und diejenigen, die es können, Belgier werden und nach Monaco ziehen?

Irgendwer muss die Unikosten ja bezahlen. Und bei der schuldenbasierten Upfront-Finanzierung, wie sie in USA üblich ist, verfallen die Schulden ja auch nicht, nur weil man über die nächste Grenze wandert.
Im Moment haben wir (größtenteils) eine Umlage auf Steuerbasis. Auch nicht nach oben gedeckelt, nur dass die diejenigen mittragen, die sich das Studium sparen. Für diejenigen, die nach ihrem von der deutschen Gemeinschaft finanzierten BWL-Abschluss ihre Stelle bei einer deutschen Bank in Luxemburg annehmen, ist das jetzige Modell natürlich besser.

Whelee
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0

19.12.2012 - 12:09 Uhr
Whelee

mebasti sagte:
Täusche ich mich oder gehen die, bei einer Rate von 0,1 Prozent und 40 Euro durchschnittlicher Gebühr pro Monat, von einem durchschnittlichen Monatseinkommen von 40.000 Euro aus?


Du täuschst dich.

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19.12.2012 - 12:10 Uhr
Whelee

Whelee sagte:
mebasti sagte:
Täusche ich mich oder gehen die, bei einer Rate von 0,1 Prozent und 40 Euro durchschnittlicher Gebühr pro Monat, von einem durchschnittlichen Monatseinkommen von 40.000 Euro aus?


Du täuschst dich.


Öhm. Also die täuschen dich, wollte ich natürlich sagen...

carohr
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Mag ich Mag ich nicht

0

19.12.2012 - 12:18 Uhr
carohr

Ich finde Studiengebühren eigentlich gut sie sollten nicht zu hoch sein so das sie sich jeder leisten kann und könnten als zinsloses Darlehen vom Staat bezogen werden.

Aber erstens würden sich viele bewusst werden was sie studieren sollten anstatt nur immer rumprobieren und es gebe einen kleinen gesunden Druck auf die Studenten.

Aber am wichtigsten wäre das mann dann als Kunde reklamieren könnte und druck aufbauen und wenn das geld richtig investiert würde gemäss dem wünschen der Studenten (Kunden)

ZeroDegrees
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19.12.2012 - 12:30 Uhr
ZeroDegrees

carohr sagte:
Aber erstens würden sich viele bewusst werden was sie studieren sollten anstatt nur immer rumprobieren und es gebe einen kleinen gesunden Druck auf die Studenten.


Hm, ich hatte/habe schon Druck genug und bei Studiengebühren hätte ich mir mein Studium kaum bis hier hin leisten können. Ich finde eine nachgelagerte Finanzierung ansich als Idee schon gut.

Und das Rumprobieren mancher Studenten ist ja wohl nicht das Hauptproblem.

Ansich fände ich es aber gut, wenn man sicher gehen kann, dass das Geld auch wirklich in die Lehre fließt - also bei den Studenten ankommt und sich zumindest für die nachfolgende Generation etwas verbessert.

Wenn man gleich zu Beginn seines doch eher kurzen Bachelorstudiums schon zahlt, wird man selbst ja auch kaum etwas davon haben. Da sinnvolle Investitionen in Verbesserung meist etwas Zeit brauchen und nicht von heute auf morgen gehen.

Und ein zinsloses Darlehen macht die Sache für viele trotzdem nicht einfacher, sondern bedeuten einfach nur noch mehr Schulden und genau das ist doch leider der Grund, warum viele "Arbeiterkinder" sich gegen ein Studium entscheiden.

alces
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Mag ich Mag ich nicht

2

19.12.2012 - 17:47 Uhr
alces

apollyon sagte:
alces sagte:
Eine feine totalitär-solidarische Allmachtsphantasie aus der RUB. Weltweit einziehbar, nicht gedeckelte Abgabe, alles klar. Eingangsstempel und ab in die Rundablage. Ein weiteres wohlverdientes Professorengehalt.

Irgendwer muss die Unikosten ja bezahlen. ... schuldenbasierten Upfront-Finanzierung


Und da ist die Lösung, ganz ohne "Solidarität". Natürlich überlegt sich da jede/r vorher, ob marxistisch-leninistische Nabelschau oder wasauchimmer Herr Professor Winter lehrt eventuell auch als Basis für die Rückzahlung der Schulden dienen kann, aber hey...

Ein System mit spottbilligen Krediten für alle die es brauchen, langen Rückzahlungsfenster und einen Schuldenerlass für alle, die auch zehn Jahre nach dem Abschluss kein Einkommen über der Grundsicherung erreichen - damit diese Sozialpseudowissenschaften nicht gänzlich aussterben. Wäre das so schwer? Wozu dann dieses hirnlose Solidaritätsbrimborium?

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