Sticker für eine bessere Nachbarschaft
Eine Gruppe von Schweizer Designern stellt Aufkleber her, mit denen man seinen Nachbarn zeigen kann, was man alles zu Hause hat und bei Bedarf ausleihen würde.
Es ist ein ewiges Déjà-vu: Man stellt an einem Sonntagnachmittag beim Kochen, Basteln, Gärtnern, Heimwerken oder Filmabend-Vorbereiten fest, dass irgendwas fehlt. Irgendwas, das man gerade jetzt dringend bräuchte, auch wenn man es sonst fast nie benutzt. Etwas, das deshalb auch keine Anschaffung wert wäre - abgesehen davon, dass man es sonntags sowieso nicht bekommen würde. Man klingelt also beim Nachbarn. Je nachdem, welches Verhältnis man zu den Menschen in seiner unmittelbaren Wohngegend hat, kann so ein Besuch unangenehm sein. Man hat Angst zu stören, vor allem, weil man vorher nie weiß, ob sich das Gesuchte überhaupt hinter der fremden Tür befindet.
Zum Ausleihen direkt eingeladen werden, das wär’ mal was. Hat sich ein Designer-Kollektiv aus Bern gedacht und durch Crowdfunding eine originelle Idee verwirklicht: Auf der Homepage des mit „Pumpipumpe“ betitelten Projekts kann man Sticker mit Illustrationen von Dingen bestellen, die man besitzt, aber nicht oft braucht und hin und wieder ausleihen würde. Von der Gugelhupfform bis zum Gameboy, von der Leiter bis zur Pastamaschine. Die klebt man dann an den eigenen Briefkasten oder an die eigene Haustür. So soll eine neue, offene Tausch- oder Teilkultur entstehen: „Für einen bewussten Umgang mit Konsumgütern und mehr soziale Interaktion in der Nachbarschaft.“ Teilen anstatt neu kaufen sei gut für Umwelt, Gesellschaft und Portmonnaie, argumentiert das Pumpipumpe-Team.
Das Finanzierungsziel der Designer – 4000 Franken, also etwa 3300 Euro – wurde letzten Samstag erreicht. Jetzt kann aus insgesamt 32 schlichten Stickermotiven gewählt und online bestellt werden. Die meisten Gegenstände, die einem als typische „Ausleihkandidaten“ in den Sinn kommen, sind vertreten: Hammer, Grill, Gartenwerkzeug, Umzugskisten und Co. Aber auch skurrilere Sachen wie Diskokugeln und Teleskope sind als Motive erhältlich. Braucht man Sticker von Dingen, die noch nicht auf der Liste stehen, kann man das den Designern per Mail mitteilen.
Eine Bedingung gibt es aber. Bis auf das Bild eines Beamers befinden sich bewusst keine Gegenstände von hohem Geldwert in der Auswahl. Schließlich möchte man ja nur die Nachbarn zum Ausleihen und keine Kriminellen zum Einbrechen einladen.

Nicht nur für Suchende, auch für Habende sind die Sticker von Vorteil, denn so bekommen Dinge, die man aus Nostalgie nicht wegwerfen mag, die aber eigentlich mangels Gebrauchsanlässen einen unendlichen Winterschlaf in Kellerräumen abhalten, endlich wieder eine sinnvolle Verwendung. Wenn auch nur ab und zu – nach der Philosophie: „Geben macht Freude“.
In wie weit das Projekt allerdings tatsächlich den sozialen Umgang von Anwohnern miteinander verbessert, ist fraglich. Vielleicht spricht man ein paar Mal öfter im Jahr mit Nachbar X, wenn man sieht, was er alles zu anzubieten hätte, wenn’s brenzlig wird. Vielleicht klingelt es ein paar Mal öfter an der eigenen Tür, weil jetzt alle Nachbarn wissen, dass man diesen ganz speziellen Schraubenschlüssel vorrätig hat. Aber solange man die entsprechenden Geräte sowieso nur selten braucht und aus dem üblichen kurzen Ausleih-Gespräch nicht gerade ein langer freundschaftlicher Rotweinabend wird, dürfte der Nachbarschaftszusammenhalt nur mäßig gefördert werden. Außerdem: Wenn sich jemand die Sticker bestellt, in dessen Umgebung der Trend nicht bekannt ist, was sollen Unwissende dann mit diesen ominösen kleinen Aufklebern am Briefkasten anfangen?
Trotzdem ist die Grundidee, nicht nur etwas praktisches zu erfinden, sondern mit der Stickeraktion auch ganz allgemein Solidarität zu fördern, ein guter Ansatz. Eine französischsprachige Nutzerin auf der Crowdfunding-Seite behauptet gar in einem Kommentar, die „tolle Initiative“ gebe ihr wieder „Zuversicht für die Menschheit“. Eine ganz so epische Wirkung wollen wir dem Projekt jetzt mal nicht zuschreiben, aber über eine kleine Rettung im Alltag durch hübsch illustrierte Sticker, wenn man dann doch mal wieder schnell das Waffeleisen braucht, würde sich sicher ab und zu jeder von uns freuen.
- Die fröhliche kleine Vulva 12.06.2013
- Ding der Woche: Der Nie-wieder-Essen-Drink 03.06.2013
- Das "Hab ich bei Tumblr gesehen"-Shirt 22.05.2013
- Das tragbare Bett 16.05.2013
- Gegen den Bilderfriedhof 02.05.2013
Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem donnerstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!
Alle Kommentare anzeigen
Und ich habe tatsächlich Bananenkisten en masse im Keller stehen, aber ob meine Nachbar verstehen, was gemeint ist, wenn ich das Ding bei mir an den Briefkasten bappe?
"...was sollen Unwissende dann mit diesen ominösen kleinen Aufklebern am Briefkasten anfangen?"
Vielleicht einfach mal mit den Nachbarn reden, fragen was sie von der Idee halten und ihnen vorschlagen, doch auch solche Sticker an ihren Briefkasten zu kleben. Wenn nur einer die Sticker benutzt, macht das Ganze ja eh keinen Sinn.
15.12.2012 - 15:32 Uhr
Raschka
Sollten andere vielleicht auch mal probieren. Dann braucht man solche Aufkleber auch nicht.
ts66 sagte:
Ich mache ja ab und zu mit meinen Nachbarn diese Sache mit dem "Reden". Das ist überhaupt unheimlich praktisch im Umgang mit anderen Menschen und ein friedliches Zusammenleben.
Sollten andere vielleicht auch mal probieren. Dann braucht man solche Aufkleber auch nicht.
ich kann mir zumindest nicht alles merken was meine Nachbarn so alles haben. aber das mit diesem altmodischen Reden find ich ja auch gut.
Alle Kommentare anzeigen









0
14.12.2012 - 19:12 Uhr
addictedToSleep