13.12.2012 - 18:30 Uhr

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Google macht die Stars

Text: friedemann-karig

In seiner Kolumne widmet sich Friedemann Karig den ungeschriebenen Regeln des Alltags. Diesmal geht es um die verräterischen Adjektive, die die Suchmaschine von selbst an die Namen anhängt.



Das Gesetz: 
Prominenz wird daran gemessen, bei welchem Buchstaben des Namens Google ergänzt: "schwul" und/oder „Freundin“ (bei Männern), „nackt“ oder „schwanger“ (bei Frauen).  



Wer früher wissen wollte, wie bekannt er ist, suchte in den Zeitungen seinen Namen, schaltete das Radio oder den Fernseher ein. Und wartete. Entweder er wurde erwähnt, im besten Falle wohlwollend – oder eben nicht. Eine Mühsal für arme Prominente und solche, die es werden wollten. Heute kann man Prominenz einfach zählen: An Treffern in Suchmaschinen. Denn wer Millionen etwas gilt, den findet man bei Google millionenfach. Jedoch existieren auch zu „Castortransport“ 449.000 Ergebnisse, und sogar Otto Normalverbraucher hat einen Wikipedia-Eintrag. Bekannt zu sein genügt nicht, bekannt sind auch Claudia Roth und Mario Barth.

Will man beliebt, berühmt, begehrt sein, braucht es eine härtere Währung als die bloße Zahl der gefundenen Seiten. Deswegen macht Google – als automatische Vervollständigung von Suchanfragen – naseweise Vorschläge, die scheinbar Gedanken lesen können. Sie zeigen das Geheime Gesetz wahrer Prominenz: Bei welchem Buchstaben des Namens ergänzt Google welche Unterstellung? Je brisanter, desto höher steht der Stern des Gesuchten.   ...schwul, nackt, Freundin, schwanger - diese Ideen basieren nicht auf der pubertären  Phantasie der Programmierer, sondern auf einem Algorithmus, der wiederum, ganz demokratisch, die häufigsten Eingaben der User berücksichtigt (neben einigen anderen, geheimeren Faktoren).

Jeder von uns bestimmt also täglich ein bisschen mit, was welchem Prominenten wie schnell angehängt wird. Die Klage einer ehemaligen Präsidentengattin, deren Name in der Eingabemaske von einer obszönen Berufsbezeichnung entehrt wurde, trifft mit der Suchmaschine also die Falschen. Wie so oft im Internet ist nicht die Technik oder Google, sondern zuerst der fehlerbehaftete Mensch schuld. In diesem Fall seine voyeuristische Neugier, gepaart mit Sexualtrieb und einem Schuss Bosheit. Diese weit verbreiteten Eigenschaften ermöglichen einen untrüglichen Klima-Index der Aufmerksamkeitsökonomie. Denn nur wer so interessant ist, dass seine Sexualität eine Rolle spielt, nur wessen Bettgefährten und Problemzonen das Publikum spionieren will, ist wirklich oben angekommen. Seriöse Menschen werden selten mit diesen Stichworten in Verbindung gebracht, und deswegen sind sie auch ein bisschen zu langweilig, um echte Stars zu sein. Normalos müssen ihren Namen bis zum letzten Buchstaben ausschreiben, und selbst dann erscheint ein Vorschlag nur, wenn man einen berühmten Namensvetter hat. Allein wer in wirklich vielen Köpfen, Herzen und Hosen seiner Mitmenschen eine große Rolle spielt, dem sortiert Google etwas vermeintlich Schlüpfriges zu. Ihr glaubt das nicht? Na los, googelt Eure Lieblinge. Man muss nicht auf die dubiosen Vorschläge eingehen, nicht auf die Suchergebnisse klicken. Das will ja alles keiner wissen.


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3 Kommentare
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apollyon
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Mag ich Mag ich nicht

1

13.12.2012 - 18:57 Uhr
apollyon

Na das musste ich doch gleich mal testen.

aaaaalso, was bietet denn google:
angela merkel: facebook, gehalt, steckbrief

nix nackt und schwanger. naja, vielleicht muss ich konkreter werden, um die fans von einer textilfreien kanzlerin zu finden.
angela merkel n: nebeneinkünfte, news, nebenverdienst, nazi

tja, frau merkel, sie mögen zwar mit nazis assoziiert werden, aber berühmt werden sie so nicht!

also, dann halt jemand, den mann schon mal ganz gerne nackt sehen würde, oder schon gesehen hat:
nicole kidman: filme, grace kelly, größe, feet
aha. auch nicht schwanger. ist wohl weg vom fleck. nach grace kelly suche ich erst gar nicht mehr.

vielleicht hilft ja jemand anders:
madonna s: shop, songs, sorry, schuhe.
madonna n: news, neues lied, nothing falls, new york.
also, madonna auch weg vom fenster.

aber wieviele leute meinen, dass jim morrison schwul ist?
jim morrison s: shirt, steckbrief, songs, sohn

auch nicht schwul. ok, ein versuch noch, und wenn da keine schwule autovervollständigung kommt, weiss ich es auch nicht:
elton john s: sacrifice, songs, sorry seems to be..., sad

also was denn jetzt? wie schwul muss man denn sein, damit dieses geheime gesetz zieht?

MsAufziehvogel
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Mag ich Mag ich nicht

0

14.12.2012 - 08:58 Uhr
MsAufziehvogel

apollyon sagte:
also was denn jetzt? wie schwul muss man denn sein, damit dieses geheime gesetz zieht?


man muss z. b. george clooney sein.

Digital_Data
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Mag ich Mag ich nicht

0

14.12.2012 - 12:44 Uhr
Digital_Data

MsAufziehvogel sagte:
apollyon sagte:
also was denn jetzt? wie schwul muss man denn sein, damit dieses geheime gesetz zieht?[Zitat]
man muss z. b. george clooney sein.


Das zeigt eigentlich das ganze Dilemma. Google ist eine Suchmaschine, wenn ich weiß, dass Elton John schwul ist, dann muss ich ja nicht danach suchen. Wir alle geben in Google Fragen ein. Deshalb kommt schwul bei George Clooney, weil viele die Frage stellen "ist er nun schwul oder nicht". apollyon nun benutzt die Google-Autovervollständigung so, wie es eben den Anschein erweckt, nämlich nicht dass die meisten das auch gefragt haben, sondern dass es ein Statement ist.

Also noch einmal die Kette. Viele stellen Google eine Frage, Google vervollständigt bei der Eingabe einer Frage diese Frage, aber die Nutzer denken nun es sei ein Statement. Daraus ergeben sich eine Menge Probleme, denen Google eigentlich gerecht werden müsste, z.B. dass jede Autovervollständigung eigentlich mit einem Fragezeichen enden müsste. Da es das nicht tut, ist das sehr zweifelhaft.

Digital_Data

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friedemann-karig

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.