Mixtape-Kai und Simon&Garfunkel
Nun ist es offiziell: Sony stellt die Produktion von Kassettenrekordern ein. Vielleicht werden wir also bald die alten Bänder nicht mehr abspielen können, wenn sie nicht sowieso schon längst auf dem Müll gelandet sind. Statt eines Nachrufs erzählt die jetzt.de-Redaktion heute ihre Kassettengeschichten.
Mixtape-KaiIch habe Kassetten einiges zu verdanken. Unter anderem die Entwicklung eines Musikgeschmacks.
In der Schule und auch noch ein paar Jahre später war mir Musik ziemlich egal. Ich war eine geradezu manische Leserin und aus unerfindlichen Gründen der Meinung, mehr als eine Freizeitbeschäftigung würde nur zu Verzettelung und mangelnder Konzentrationsfähigkeit führen. Das änderte sich, als ich meinen Freund Kai kennenlernte. Der war ein paar Jahre älter als ich, sah aus wie der jüngere Bruder von Lemmy Kilmister und begann schon bald, mich mit Mixtapes zu versorgen.

Kai hat das, was man einen eklektischen Musikgeschmack nennen könnte: Er mag erstaunlich viele und erstaunlich unterschiedliche Genres und nicht immer erschließt sich der Appeal der Musik gleich, aber ich habe gelernt, ihm zu vertrauen, weil ich bisher immer irgendwann kapiert habe, warum ein Song gut ist. So eklektisch wie sein Musikgeschmack waren auch die Tapes, die er mir aufgenommen hat: The Cramps folgten auf Patsy Cline, Hank Williams auf Ella Washington. Am Anfang konnte ich mit der Hälfte der Songs kaum etwas anfangen. Und hätte er mir die Tapes als Mix-CDs aufgenommen, ich hätte bestimmt all die Songs übersprungen, die mir beim ersten Anhören nicht gefielen. Aber diese Option ist bei Kassetten kaum möglich, also war ich gezwungen, die Tapes so anzuhören, wie sie aufgenommen worden waren. Und weil ich sie immer wieder hörte, begann ich in der Regel irgendwann, auch die schwierigeren Songs zu mögen.
Nicht lange danach fing ich an, mir eine eigene Plattensammlung zuzulegen. Kais Mixtapes waren sozusagen die Grundsteine dieser Sammlung. Bis heute bewahre ich sie in einer kleinen Kiste auf. Angehört habe ich sie allerdings seit Jahren nicht mehr.
christina-waechter
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