Lexikon des Guten Lebens

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Soll ich jedem Bettler etwas spenden?

Text: nadja-schlueter

Zu jeder Jahreszeit sitzen und stehen Menschen auf der Straße und bitten um eine Spende. Aber wie fällt man die Entscheidung, wem man etwas und wieviel man gibt? Sozialarbeiter Johannes Denninger weiß Rat.

Täglich läuft man an Menschen vorbei, die auf der Straße um Geld betteln. Sie sitzen auf dem Boden und haben einen Hut vor sich, in dem ein bisschen Kleingeld liegt, manche stehen auch am Eingang zur S-Bahn und sprechen die Passanten an, ob sie ein, zwei Euro übrig haben. Und sehr oft ist man sich einfach nicht sicher: Geb ich jetzt was – oder nicht?

Ich habe das Geldspenden auf der Straße bisher immer von meiner Laune und der Situation abhängig gemacht. Wenn ich es gerade eilig habe, hetze ich vorbei, wenn ich sowieso Münzen in der Manteltasche habe und nicht erst umständlich nach dem Portemonnaie kramen muss, gebe ich etwas. Manchmal erschrecke ich aber auch einfach, wenn mich plötzlich jemand anspricht, während ich gedankenverloren die Treppe zur U-Bahn runterschlurfe. Ich schüttle dann schnell und reflexartig den Kopf, um mich gleich hinterher zu fragen: Warum eigentlich? Überhaupt stelle ich mir immer wieder die Frage, ob es nicht eigensinnig oder falsch ist, meine Kleingeldspenden von meiner Laune abhängig zu machen. Und auch die, ob ich mit einer Spende nicht vielleicht sogar etwas Schlechtes tue, weil ich die Situation des Bettelnden so unterstütze und festige.

Johannes Denninger ist Sozialarbeiter bei BISS und hat in seinem Job oft mit Menschen in sozial schwierigen Situationen zu tun. Er stellt erst einmal klar: Betteln ist schwere Arbeit. „Man erbringt keine Gegenleistung und sitzt auf Höhe der Hüfte oder des Hinterns der anderen Menschen. Das bedeutet Demut und Unterwürfigkeit", sagt Denninger. Es sei sehr anstrengend, zu warten, bis sich der Hut füllt. Man brauche Geduld und sogar eine Art Marketingkonzept. „Ein guter Bettler weiß, bei wem er den Kopf heben muss und welcher Passant ihm am ehesten etwas geben wird." Neben diesem „passiven Betteln" gibt es auch noch das „aggressive Betteln", bei dem der Bittende direkt auf einen zukommt und nach einer Spende fragt.

Aber sollte man denn nun jedem etwas geben, der darum bittet, oder nicht? „An der Frage knoble ich auch manchmal noch rum", sagt Denniger, „denn in unseren freien sozialen Marktwirtschaft ist ja jedem die Entscheidung, ob er etwas gibt oder nicht, selbst überlassen. Wenn ein Bettler Sie zu dieser Entscheidung zwingt, dann hat er seine Arbeit gut gemacht." Um sie zu fällen, rät Denninger, erstmal einen Blick auf die eigenen Finanzen zu werfen. „Man muss sich klarmachen: Wie viel habe ich und wie viel kann ich davon abgeben und teilen. Wenn man nichts übrig hat und darum nichts abgibt, muss man kein schlechtes Gewissen haben." Aber auch, wenn man genug hat und nichts gibt, sei ein schlechtes Gewissen nicht angebracht: „Dann ist man vielleicht geizig, aber das ist ja in Ordnung, wenn man das mit sich ausmacht."

Beim Spenden auf der Straße geht es nicht um gut oder schlecht. Entscheidend ist laut Denninger etwas ganz anderes: „Wenn Sie mit der Gabe eine Erwartung verbinden, dann liegen Sie völlig falsch!" Wer durch die Geldspende zum Beispiel erreichen will, dass der Bettler weggeht, oder wer glaubt, ihm dadurch vorschreiben zu können, wofür er das Geld ausgibt, der sollte es besser lassen. „Was derjenige mit dem Geld macht, geht Sie nichts an", sagt Denninger. „Je ärmer die Menschen sind, desto eher glauben die Reicheren, dass sie ihnen vorschreiben können, was Sie mit ihrem Geld machen sollen." Darum sei es auch überhaupt nicht besser, statt Geld eine Semmel zu spenden – denn da stecke immer ein erzieherischer Gedanke dahinter. „Das sind alles keine unterernährten Menschen. Geben Sie ihnen Geld und fertig!", sagt Denninger. Zusätzlich zur Geldspende kann man aber auch einfach einen Moment stehenbleiben. „Wenn Sie die Zeit haben, versuchen Sie doch, ein Gespräch anzufangen. Vielleicht werden sie abgewiesen, vielleicht blüht der andere aber auch auf."

Es gibt allerdings Situationen, in denen es besser ist, nichts zu geben, zum Beispiel, wenn vermutlich eine Bettelbande dahinter stecke. Wie man das erkennt? „Diese Banden setzen offensichtliche Gefühlsanreger ein, zum Beispiel Kinder oder sie stehen mit Tieren auf der Straße und schwingen eine Büchse", erklärt Denninger. „Manche springen auch auf unser System auf und sagen, dass sie für Obdachlose sammeln." Grundsätzlich gilt: „Immer wenn Sie das Gefühl haben, dass da etwas nicht stimmt, dass vielleicht ganz andere Zwecke als die aktuelle Not des Bettlers dahinter stecken könnte, dann geben sie lieber nichts. Das ist besser als undurchsichtige Machenschaften zu unterstützen."

Nadja Schlüter, 26, hat neulich von jemandem gehört, der ein Budget festgelegt hat, das er über den Monat verteilt auf der Straße abgibt. Vielleicht probiert sie das demnächst auch mal aus.

Fünf Tipps, die dir bei der Entscheidung, ob und wieviel du spendest, helfen:

1. Um die Frage zu beantworten, wie viel man Bettlern in den Hut wirft, kann man ganz pragmatisch vorgehen und erstmal die eigene Finanzlage checken: Wie viel hab ich und wie viel kann ich davon abgeben?

2. Ein schlechtes Gewissen einem Bettler gegenüber ist unangebracht. Sowohl, wenn man nichts gibt, weil man nichts hat, als auch, wenn man nichts gibt, obwohl man etwas hat. Denn es bringt keiner der beiden Seiten etwas.

3. Wenn man einem Bettler etwas spendet, sollte man das ohne jegliche Erwartungen tun. Spenden bedeutet, dass es keine Gegenleistung für das Geld gibt. Und was ein Bettler mit einer Spende macht, geht den Spendenden nichts an.

4. Ruhig skeptisch sein – die Frau mit dem Baby im Arm und der Junge mit der Büchse und dem Pony gehören vielleicht zu einer organisierten Bettelbande und die sollte man nicht unterstützen.

5. Wer nicht einfach nur eine Münze abgeben will, kann auch ruhig mal stehen bleiben und das Gespräch suchen. Es kann zwar sein, dass der andere keine Lust darauf hat, aber genauso gut ist es möglich, dass er sich darüber freut. 
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Stoffon
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Mag ich Mag ich nicht

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12.12.2012 - 09:45 Uhr
Stoffon

Mich hat mal einer beim Kaufen einer Fahrkarte für die S-Bahn angesprochen (habe dafür das einzige Bargeld das ich hatte benutzt). Habe ihm dann das Wechselgeld gegeben, das war ihm aber wohl nicht genug und er fing an mich zu beleidigen und zu fordern, dass ich ihm doch gefälligst einen Burger bei Burgerking kaufen solle. Behalten hat er das Geld dann aber doch.

cougarten
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-1

12.12.2012 - 09:45 Uhr
cougarten

Ich geb denen ohne Marketingkonzept am liebsten etwas.

chrinamu
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12.12.2012 - 09:45 Uhr
chrinamu

Mein Freund hat auch ein Monatsbudget. Ich selber gebe Bettlern nichts, weil ich es unfair finde, aufgrund kurzer Blicke zu entscheiden, wer was bekommen soll und wer nicht, und weil die winzigen Beträge eh nicht viel helfen. Dafür hab ich aber größere Summen an die Tafel und an ein Obdachlosenheim gegeben, da hab ich das Gefühl, dass jeder Einzelne dann von meinem Euro mehr hat.

dem_osten_so_nah
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Mag ich Mag ich nicht

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12.12.2012 - 09:45 Uhr
dem_osten_so_nah

Die Frage ist doch eigentlich überflüssig. Die soziale Absicherung in Deutschland ist eng genug gestrickt - so dass niemand auf der Strasse hocken und betteln muss. Durch meine Steuern bezahle ich ja schon Grundsicherung, Hartz IV etc., da muss ich nichts mehr zusätzlich geben. Erst recht nicht irgendwelchen aggressiven Bettlern.

herzfein
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Mag ich Mag ich nicht

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12.12.2012 - 09:45 Uhr
herzfein

mich bringt die vorstellung, dass die bettler sich von dem geld eh nur drogen kaufen, immer in eine zwickmühle.


"aggressives betteln" schreckt mich auch immer ab. auf dem parkplatz angequatscht werden oder direkt jemanden neben der autotür stehen zu haben, schreckt mich ab.
natürlich muss man druck machen, wenn man geld haben will. und der leidensdruck ist aus verschiedenen gründen megahoch, aber hilft man denn wirklich, wenn man geld für noch mehr gift gibt?

das ist so schwierig, wirklich.

pollyjean21
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Mag ich Mag ich nicht

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12.12.2012 - 09:46 Uhr
pollyjean21

Ich finde, die schwierigen Fragen beantwortet dieser Artikel leider nicht, z.B. zum Thema Bettlerbanden. Ich hasse das, wie sie einem früher die kleinen Kinder und heute die kleinen apathischen Hunde entgegen strecken, Aufdringlichkeit provoziert bei mir Abwehr. Aber dann frage ich mich, was passiert mit den Kindern, den Hun-den, den Bettlern selbst? Die gehen ja nach dem Betteln auch nicht in ihre Zweizimmerwohnung, pfeifen sich ein Steak rein, stellen dem Hund ne Dose Chappi hin und machen die Überweisung mit der Tageseinnahme an den Oberboss klar.
Ich will keine Oberbosse unterstützen, aber wenn ich nichts gebe, geht’s den Bettlern, den Kindern und den Hunden dann nicht noch schlechter?

addictedToSleep
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12.12.2012 - 11:44 Uhr
addictedToSleep

ich entscheide da nach sympathie... wenn mich jemand wirklich nett anspricht, häufig am bhf oder auf einem großen parkplatz hier in der stadt, dann gebe ich auch etwas.
früher, als ich zur berufsschule ging traf ich fast täglich die gleiche junge frau, scheinbar stark drogenabhägig, aber immer sehr freundlich und auch an kurzen wortwechseln interessiert, ihr hab ich immer mal wieder etwas zu essen gegeben, brötchen vom bäcker, eine packung kekse oder ähnliches, darüber hat sie sich sehr gefreut. irgendwann war sie verschwunden.
ansonsten mach ich schon mal bei aktionen mit, von der tafel oder anderen organisationen in der stadt, die gezielt sammeln.

Schneemann2
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Mag ich Mag ich nicht

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12.12.2012 - 11:44 Uhr
Schneemann2

Ich geb pro Jahr vielleicht 2€, wenn mir das Marketingkonzept besonders bedauernswert erscheint - kann aber auch Masche sein.

Ich war mal mit meinem Kumpel in USA, er das erste Mal. Da ist es doch mit der Zeit recht lästig, wenn man durch Vegas oder San Francisco läuft und alle gefühlte 5m und sogar beim Essen im Burgerladen angesprochen wird. Ich hab mir das 3 Tage angeschaut, wie er wirklich jedem was gegeben hat und ihm dann gesagt, dass er vielleicht auch mal in seinen eigenen Geldbeutel schauen solle. Dann erst hat er aufgehört.

okkasionalsozialist
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Mag ich Mag ich nicht

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12.12.2012 - 11:44 Uhr
okkasionalsozialist

gute tipps, gefallen mir von anfang bis ende. und wenn man sich entschließt, abhängig von der eigenen situation einen bestimmten betrag auf jeden fall herzugeben, egal wem man zufällig begegnet, entfällt schon mal ein teil der willkür.

BeutekunstAmBau
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Mag ich Mag ich nicht

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12.12.2012 - 13:01 Uhr
BeutekunstAmBau

was mich immer so ankotzt ist dieses alte-tanten-gelaber der sorte ,ich kauf dem lieber was zu essen sonst besäuft der sich eh nur von dem geld...als ob ein alkoholiker der auf der strasse lebt nicht das recht hätte sich hirntot zu machen bei all der kälte und dem elend. Entweder man geht den ganzen weg mit ihm, wenn man es ernst meint und hilft ihm clean zu kommen (aber dazu braucht man erstmal ne alternative, weil clean auf der strasse sitzen ist einfach noch langweiliger als besoffen auf der strasse zu sitzen) oder man akzeptiert einfach des bettlers wunsch nach billiger zeitweiser erlösung.

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