06.12.2012 - 18:30 Uhr

3 9 Über Twitter weiterempfehlen

Geheimes Gesetz (22): Ich weiß, dass ich nix mehr weiß

Text: friedemann-karig - Bastelei: Katharina Bitzl

In seiner Kolumne widmet sich Friedemann Karig den ungeschriebenen Regeln des Alltags. Diesmal geht es um die geringen Bildungsrückstände, die wir bald nach unserer Schulkarriere noch haben



Geheimes Gesetz: Von altem Schulwissen ist nichts mehr zu erinnern außer skurrilen Details. Dennoch gilt die Leistung in der Schule noch Jahre später persönlichkeitsbildend.
 

Jeder Mensch hierzulande hat eine Schule besucht, das regeln Gesetze. Was er jedoch mit all dem dort erworbenen Wissen anstellt, das regelt ein Geheimes Gesetz. Man muss nämlich, spätestens in der Nacht der Abschluss-Feierlichkeiten, möglichst viel der angehäuften Informationen vergessen. Und sich noch Jahrzehnte später wundern, wie wenig man behalten hat – gleichzeitig aber ehemalige Musterschüler in ihren ehemaligen Lieblingsfächern abfragen. Einige skurrile Details, die man einst vielleicht sogar an der Tafel exerzieren musste, darf man hingegen nie vergessen.

Obwohl kaum einer die Schule damals ernst nahm oder gar schätzte, gilt sie uns bis ins hohe Alter als richtungsweisend. Selbst Eltern ihrerseits schulpflichtiger Kinder erinnern sich sofort daran, wer aus ihrem Freundeskreis welche schulischen Leistungen ablieferte. Und wenn jemand was besonderes weiß, begründet er seinen Vorsprung an Wissen gerne mit dem Hinweis auf eine gute Note in der elften Klasse. Als wirke diese Auszeichnung bis heute fort; als wäre er nicht längst ein anderer. Das funktioniert auch andersrum: „Der Dings, der muss das wissen, der hatte doch Mathe-LK“ heißt es, wenn die Fläche eines Dreiecks zu bestimmen ist, oder „frag doch mal die Bums, wie die Hauptstadt von Togo heißt, die war doch so gut in Erdkunde!“

Die Angesprochenen blasen die Backen und zucken die Schultern, denn ihre Teilnahme an solchen Veranstaltungen ist zwar historisch richtig und mit Zeugnissen belegbar, aber doch verdammt lang her. Wenn sie nicht direkt ein Studium des betreffenden Faches – am besten auf Lehramt und damit wieder Richtung Schule – drangehängt haben, wissen die meisten nichts mehr. Zwischen heute und dem Tag, an dem der Dings zu seines Lehrers Freude jede Geometrie sofort umriss, lagen mannigfaltige andere Gedächtniszugriffe – und der ein oder andere Vollrausch. Seit der Adoleszenz musste die Bums ganz schön viel lernen und wissen, und nichts hatte mit Geographie, geschweige denn afrikanischen Metropolen zu tun. Das ist den ehemaligen Schulkameraden von Dings und Bums jedoch egal. So wie manche Geschichte aus der Grundschule bis ins hohe Alter recycelt und für immer mit einer Person verbunden bleiben, so bleiben auch die Spezialfertigkeiten wie bei Superhelden die selben. Wer mit 17 gut Texte analysieren konnte, wird heute noch nach seiner Meinung zu Literatur gefragt. Wer damals schon keine Ahnung von Botanik hatte, dem traut man heute nicht mal den Kauf von Basilikum zu. Doch hat jeder, in einem Eckschrank seines Hirns, ein kleines Häuflein Wissen behalten, quasi als Exempel für die Unmengen Stoff, die man einst lernen musste. „Die Formel für Ammoniak, die könnte ich heute noch im Schlaf aufmalen“ staunt jemand, dessen Chemie-Note einst über seine Versetzung entschied, und ein anderer kann ganze Dialoge aus den Latein- oder Französisch-Büchern der Mittelstufen zitieren: „Marcus in colosseo est. Sed ubi est Cornelia?“

Diese Erinnerungsfetzen sind der nebelumhangene Gipfel des erfolgreich bestiegenen Bildungsberges. Das Leben nach der Schule jedoch hält viele schwerere Prüfungen bereit, und manchmal wünschte man sich, sie wären so eindeutig gestellt und mit sturem Zeitaufwand zu meistern, wie es die Klassenarbeiten waren. Wenn es im Leben doch nur ein bisschen mehr darauf ankäme, Dreiecke zu berechnen oder Hauptstädte zu kennen!   



Neue Magazin-Texte:

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem donnerstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
friedemann-karig
Mehr Texte zum Label
GeheimesGesetz
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
9 Kommentare
Für diese Funktion musst du eingeloggt sein.
lottachen
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

06.12.2012 - 18:54 Uhr
lottachen

Es muss heißen: Marcus HODIE in Colosseo est.

alces
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

06.12.2012 - 19:12 Uhr
alces

Was ist das hier? "Lamento eines mittelmäßigen Schülers"?

Prinz_i
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

-2

06.12.2012 - 21:54 Uhr
Prinz_i

Sehr, sehr geiler text. Hätte von mir stammen können. :D
was ich noch angesprochen hätte ist:
Das man heutzutage um für ein Studienfach zugelassen zu werden, für das der Notendurchschnitt nicht reicht, einfach einige zeit lang warten muss.
So was schimpft sich dann Wartesemester. Im extremfall sind das sogar einige Jahre.
Jahre in denen man, wie du bereits anschaulich beschrieben hast, eher dinge vergisst also ergo eigentlich noch ungeeigneter wird.
Die logik dahinter?
Die gleiche wie beim Bund, oder bei unserem Bildungssytem, oder oder oder.
Scheiße fressen lernen ist die Devise. Darum geht es.

Eure Rechtschreibkorrekturen könnt ihr behalten.
Spache ist dafür da zu kommunizieren und nicht um sein Ego zu pushen weil man ja die Wörter richtig schreiben kann.

the_6th_sense
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

07.12.2012 - 00:28 Uhr
the_6th_sense

Marcus currit. Cornelia etiam currit.

noplacespecial
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

2

07.12.2012 - 00:58 Uhr
noplacespecial

zeigt ja nur, dass in diesem land die didaktik völlig falsch konzipiert ist. wenn das lernen nicht zum behalten führt, dann kann man auch nicht von erfolgreicher bildung sprechen. aber das dauert sicher noch dreißig jahre, bis das jemand versteht. konfuzius dreht sich weiter im grabe rum.

Schneemann2
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

07.12.2012 - 09:16 Uhr
Schneemann2

Bei 'Sed ubi est Cornelia' musste ich lachen und ich hab Latein gehasst.

Wer hat bei 'Die Formel für Ammoniak, die könnte ich heute noch im Schlaf aufmalen' noch an NH3 gedacht?

FranzN
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

2

07.12.2012 - 10:54 Uhr
FranzN

Daß diese privaten Anekdoten auf reales Systemversagen hinweisen, belegt mit zahlreichen Resultaten der Bildungsforschung dieses äußerst ernüchternde Buch:
Thomas Städtler, Die Bildungshochstapler - Warum unsere Lehrpläne um 90 Prozent gekürzt werden müssen. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2010.
Der Autor vertritt plausibel die These, daß allenfalls ein Prozent des schulischen Lehrstoffs sich einprägt, und daß kein einziger Kerngedanke irgendeines Faches verstanden wird. Meine Folgerung: Die Veranstaltung "Schule" beruht in der Hauptsache auf Bluff.

Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

07.12.2012 - 10:59 Uhr
FranzN

Daß diese privaten Anekdoten auf reales Systemversagen hinweisen, belegt mit zahlreichen Resultaten der Bildungsforschung dieses äußerst ernüchternde Buch:
Thomas Städtler, Die Bildungshochstapler - Warum unsere Lehrpläne um 90 Prozent gekürzt werden müssen. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2010.
Der Autor vertritt plausibel die These, daß allenfalls ein Prozent des schulischen Lehrstoffs sich einprägt, und kein einziger Kerngedanke irgendeines Faches verstanden wird, und zieht daraus Schlußfolgerungen, was zu ändern ist.

Balu001
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

10.12.2012 - 12:25 Uhr
Balu001

mal wieder ein sehr gelungener artikel.
ein paar sachen sind ja wirklich hängen geblieben, vor allem aus dem geounterreicht :-) und latein wurde ganz schnell wieder abgewählt.

Jetzt-Mitglied

friedemann-karig offline

friedemann-karig

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.