"Das wird verpuffen"
Die EU-Kommission will eine Arbeitsplatzgarantie für Jugendliche. Jobs für alle, vom Staat garantiert - das klingt traumhaft. Aber ist das auch umsetzbar? Holger Schäfer vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln zweifelt an Machbarkeit und Sinn einer solchen Garantie.
Viele EU-Staaten kämpfen mit einer hohen Jugendarbeitslosigkeit: Fast ein Viertel der Jugendlichen, die gerne arbeiten oder eine Ausbildung machen würden, hat keinen Job. In Griechenland und Spanien liegt die Jugendarbeitslosenquote bei über 50 Prozent. Die EU-Kommission will das Problem mit einer Arbeitsplatzgarantie bekämpfen. Sozialkommissar László Andor schlägt vor, dass die EU-Mitgliedsstaaten allen Menschen unter 25 eine Beschäftigung zusichern. Spätestens vier Monate nach dem Ende ihrer Ausbildung oder dem Beginn einer Arbeitslosigkeit sollen sie wieder eine Stelle haben, oder zumindest einen Ausbildungs- oder Praktikumsplatz. Jobs für alle, vom Staat garantiert – das klingt nach einer ziemlich guten Idee. Aber ist das auch umsetzbar? Holger Schäfer, Arbeitsmarkt-Ökonom beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln zweifelt an Machbarkeit und Sinn einer solchen Garantie.
jetzt.de: Herr Schäfer, es war zu lesen, die EU wolle Arbeitslosigkeit verbieten. Geht das?
Holger Schäfer: Nein. Das ist, als würden Sie versuchen, schlechtes Wetter zu verbieten.
Sie sind also nicht begeistert von der Idee einer Job-Garantie für Jugendliche?
Ich halte da nicht sonderlich viel davon. Als Staat kann ich keine Garantie geben, denn ich kann die Unternehmen schlecht verpflichten, jemanden einzustellen. Das heißt, ich muss die fehlenden Stellen und Ausbildungsplätze selbst schaffen. Das würde bedeuten, einen zweiten Arbeitsmarkt zu schaffen.
In manchen Ländern gibt es ähnliche Modelle aber wohl schon. Österreich zum Beispiel hat eine Ausbildungsgarantie für Jugendliche, die keine Lehrstelle finden.
Das läuft in etwa darauf hinaus, was ich mit einem zweiten Arbeitsmarkt versucht habe zu umreißen. Man kann argumentieren, dass so eine Ausbildung sinnvoller ist als gar keine Ausbildng. Das stimmt auch. Wir wissen aber: Je weiter weg eine Qualifizierungsmaßnahme vom eigentlichen Arbeitsmarkt ist, desto schwieriger ist dann der Übergang in den ersten Arbeitsmarkt. Das ist eine Lehre, die wir aus der Evaluation arbeitsmarktpolitscher Maßnahmen in Deutschland ziehen können.
Eine solche Regelung würde ja vor allem Staaten mit hoher Jugendarbeitslosigkeit vor eine große Aufgabe stellen – also zum Beispiel Spanien, Griechenland und Portugal. Könnten diese Länder es sich überhaupt leisten, solch eine Arbeitsplatzgarantie abzugeben? Das wäre ja sicher mit erheblichen Kosten verbunden...
Das wäre enorm teuer, ja. Die EU-Kommission hat zwar zugesagt, im Rahmen der schon bestehenden Programme auch Kofinanzierung zu leisten. Gleichwohl bliebe auch ein Eigenanteil bei den einzelnen Mitgliedsstaaten. Die Staaten, die da investieren müssten, sind defizitär und müssten sich das Geld somit leihen. Da stellt sich die Frage, ob das nicht mehr Schaden anrichtet als diese Programme zu beseitigen imstande sind. Sinnvoll sind eher Maßnahmen, die die Rahmenbedingungen verbessern, unter denen Betriebe Ausbildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten für junge Menschen schaffen.
Wird sich durch den Vorstoß von EU-Kommissar László Andor denn nun etwas ändern?
Ich glaube nicht, dass viel passieren wird. Letztendlich hat die Arbeitsmarktpolitik keine europäische Dimension. Die EU hat da keine Entscheidungsbefugnisse. Sie kann eine Empfehlung aussprechen, der die Staaten folgen können – oder auch nicht. Alle Versuche, die in der europäischen Beschäftigungsstrategie im Gange sind, kommen über den bloßen Charakter einer unverbindlichen Empfehlung nicht hinaus.
Aber eine Empfehlung der EU-Kommission ist ja auch ein bisschen was wert, oder?
Ich glaube, das wird verpuffen. Nach unseren Erfahrungen mit solchen europäischen Beschäftigungsstrategien nimmt man diese Empfehlungen in den Mitgliedsstaaten zwar zur Kenntnis, versucht dann aber, die Initiativen, die man auf nationaler Ebene ohnehin schon umgesetzt oder ins Auge gefasst hatte, irgendwie in den Rahmen dieser europäischen Strategie einzupassen, um dann vermelden zu können: Wir haben da was gemacht.
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"Ohne Ausbildung ist es noch viel schwieriger....."
Damit hast du m. E. 100%ig recht.
Aber das eigentliche Grundproblem liegt m. E. in diesem Falle darin, dass wenn ein solches Programm durchgeführt wird, der Anreiz zur Leistung fehlt.
Niemand wäre mehr dazu "gezwungen" sich wirklich Mühe zu geben, außer die Person entwickelt den Ergeiz von sich selbst aus.
Ich persönlich denke, das ein gewisser Anspruch vom Arbeitsmarkt, Firmen, staatlichen Institutionen durchaus gerechtfertigt ist.
Dieses Thema ist sehr fachübergreifend.
Es beinhaltet Biologie, Sozialwissenschaften, Lerntheorien etc...
Ich würde mich über eine Diskussion und anderweitigen Meinungen sehr freuen.
Der Wissenschaftler des Instituts der deutschen Wirtschaft will also Erleichterungen für die Wirtschaft kreieren. Herzlichen Glückwunsch!
Abgesehen davon, dass dies auch zu Lasten der jeweiligen Staatshaushalte gehen würde, denke ich, dass die reine Austeritätspolitik ihr Unvermögen in der Bekämpfung der Krise bewiesen hat. Insofern endlich mal ein alternativer, positiver Ansatz.
battlegnom sagte:
Aber das eigentliche Grundproblem liegt m. E. in diesem Falle darin, dass wenn ein solches Programm durchgeführt wird, der Anreiz zur Leistung fehlt.
Niemand wäre mehr dazu "gezwungen" sich wirklich Mühe zu geben, außer die Person entwickelt den Ergeiz von sich selbst aus.
Wieso, man kann doch auch Anforderungen stellen? Man sollte das handhaben wie eine ganz normale Stelle. Wer ständig nicht kommt oder nur Mist baut, der fliegt halt raus. Klar gibt es dann immer Grenzfälle etc. pp., aber selbst wenn man die nicht 100% optimal löst ist das Ergebnis am Ende immer noch so viel besser als das, was wir heute haben.
_warum sagte:
battlegnom sagte:
Aber das eigentliche Grundproblem liegt m. E. in diesem Falle darin, dass wenn ein solches Programm durchgeführt wird, der Anreiz zur Leistung fehlt.
Niemand wäre mehr dazu "gezwungen" sich wirklich Mühe zu geben, außer die Person entwickelt den Ergeiz von sich selbst aus.
Wieso, man kann doch auch Anforderungen stellen? Man sollte das handhaben wie eine ganz normale Stelle. Wer ständig nicht kommt oder nur Mist baut, der fliegt halt raus. Klar gibt es dann immer Grenzfälle etc. pp., aber selbst wenn man die nicht 100% optimal löst ist das Ergebnis am Ende immer noch so viel besser als das, was wir heute haben.
Ich glaube wir müssen uns nicht über eine 100%ig optimale Lösung unterhalten. Dazu sind die Vielfältigkeiten der Meinungen grade in diesem Bereich zu hoch und die wissenschaftlich fundierten Ergebnisse zu gering.
M. E. wäre es sehr viel sinnvoller den Entfernungsgrad der Bildungsfernen- und der Bildungsfreudigenschicht zu verkleinern
Hier spielt teilweise die Genetik eine gewichtige Rolle und die Frage, wie man das durch Sozialisation auffangen kann.
Empirische Forschungen zeigen, dass ein intelligentes Kind in einem sozial schwachen Raum seine Fähigkeiten nicht voll entfalten kann oder sie sogar verkümmern.
Gleichzeitig zeigen diese Forschungen, dass ein weniger-intelligentes Kind nur schwer auf das selbe Bildungsniveau gefördert werden kann, egal in welchem Umfeld es lebt.
Also spielt die Genetik schon eine gewichtige Rolle.
Gleichzeitig ist der Mensch sehr sensibel für Notwendigkeiten.
Das liegt laut einiger Forschungen daran, dass unser Gehirn nicht für die heutige Zeit ausgelegt ist (Was mich zutiefst frustriert, wenn es denn wahr ist)
Laut einiger Forschungen, konzentriert sich der Mensch primär auf lebenserhaltene Strukturen.
Wenn diese erfüllt sind, besteht keine Veranlassung mehr, weitere Energie aufzuwenden um ein anderes Maß außer der Bequemlichkeit zu erreichen.
Was ich sagen möchte: M. E. ist ein gewisser Druck notwendig um diese Gesellschaft, so wie sie jetzt besteht noch weiter voranzubringen.
Widerspruch ist jederzeit willkommen.
mfg
Wertschaffend: Landwirtschaft, Industrie, privater Handel, private Dienstleistung.
Wertverzehrend: Banken, Versicherungen, Staatsapparat, vor allem aber alle Arten von "Blasen". Herr Hollande hat einen Staatsanteil von 55% und schafft gerade die Voraussetzungen dafür, dass Frankreichs Jugendarbeitslosigkeit auch auf die 40% zugeht.
Besonders schlimm sind Immobilienblasen. Boden ist keine Ware. Es macht Sinn, dem Staat grundsätzlich ein Vorkaufsrecht zuzubilligen. Und zwar so, dass der Staat Verkäufe blockieren kann. Schlimm sind auch überbordende Staatsverwaltungen. Sie lähmen die Realwirtschaft.
Auch hierzulande gibt es Handlungsbedarf. Heerscharen von Gleichstellungsbeauftragten, Fahrradreferenten und Krötenwanderungsbevollmächtigten verzehren das sauer verdiente Geld der Arbeitnehmer.
Mit Bildung hat die Jugendarbeitslosigkeit gar nichts zu tun. Spanische Informatiker und Ingenieure kommen gerade in Scharen nach Deutschland.
03.12.2012 - 21:57 Uhr
logarithmus
Wertschaffend: Landwirtschaft, Industrie, privater Handel, private Dienstleistung.
Wertverzehrend: Banken, Versicherungen, Staatsapparat, vor allem aber alle Arten von "Blasen". Herr Hollande hat einen Staatsanteil von 55% und schafft gerade die Voraussetzungen dafür, dass Frankreichs Jugendarbeitslosigkeit auch auf die 40% zugeht.
Besonders schlimm sind Immobilienblasen. Boden ist keine Ware. Es macht Sinn, dem Staat grundsätzlich ein Vorkaufsrecht zuzubilligen. Und zwar so, dass der Staat Verkäufe blockieren kann. Schlimm sind auch überbordende Staatsverwaltungen. Sie lähmen die Realwirtschaft.
Auch hierzulande gibt es Handlungsbedarf. Heerscharen von Gleichstellungsbeauftragten, Fahrradreferenten und Krötenwanderungsbevollmächtigten verzehren das sauer verdiente Geld der Arbeitnehmer.
Mit Bildung hat die Jugendarbeitslosigkeit gar nichts zu tun. Spanische Informatiker und Ingenieure kommen gerade in Scharen nach Deutschland.
Es handelt sich weder um eine "Arbeitsplatzgarantie" noch um einen "Zwang".
Es geht bei einer Eur. Jugendgarantie darum, dass Jugendlichen zumindesten binnen 4 Monaten ein Arbeitsplatz oder eine Weiterbildung oder eine Lehrstelle oder eine Kombi-Maßnahme angeboten wird.
Also: Arbeit, Bildung oder "Aktivierung".
Es handelt sich auch um keinerlei Zwang. Die Kommission legt einen Vorschlag für eine Ratsempfehlung vor. D.h. das maximal der Rat eine nicht verbindliche Empfehlung ausspricht, dass die Mitgliedsstaaten sich selbst verpflichten, eine solche Jugendgarantie einzurichten.
Interessant ist, dass sich übrigens die deutsche Regierung bisher deutlich gegen eine solche Jugendgarantie ausgesprochen hat.
Hat auch nur 2 Jahre gedauert, seitdem das Europäische Parlament die Kommission aufgefordert hat, solche eine Jugendgarantie vorzulegen:
http://www.europarl.europa.eu/sides/getD...
WolfgangScheidt sagte:
Die EU-Kommission hängt immer stärker dem Glauben an, gesellschaftliche und wirtschaftliche Prozesse durch staatlichen Dirigismus steuern zu können. Am Anfang stand der völlig überzogene Verbraucherschutz, dann die hysterische Gleichstellungs- und Antidiskiminierungspolitik, und jetzt glaubt man allen Ernstes, Arbeitsplätze unabhängig von arbeitgeberseitiger Nachfrage schaffen zu können. Den Boden der freien Marktwirtschaft haben diese Spinner schon längst verlassen. Man fragt sich allmählich, ob 1989 wirklich der Westen die COMECON-Staaten übernommen haben, oder ob nicht nun doch vielmehr umgekehrt die Planwirtschaft leninistischer Prägung an Nordsee und Atlantik ankommt ...
Ich hätt gerne blegbare Argumente für diese These.
Ergo empirische Studien etc.
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-4
03.12.2012 - 19:38 Uhr
_warum
Ja sicher. Aber _ohne_ Ausbildung ist es noch viel schwieriger, in den ersten Arbeitsmarkt zu kommen.
Übrigens kann man noch viel weiter gehen, als der Sozialkommissar fordert, und eine grundsätzliche Job-Garantie anbieten: http://wirtschaftsphilosoph.wordpress.co...
Es gibt so viel nützliche Dinge, die getan werden konnten, und heute nur deshalb nicht getan werden, weil angeblich das Geld fehlt. Das muss doch besser gehen...