30.11.2012 - 18:30 Uhr

1 19 Über Twitter weiterempfehlen

Streetcredibility, ausgerechnet aus Düsseldorf

Text: dennis-sand

Ein deutsches HipHop-Label setzt neue Maßstäbe. Warum Selfmade Records das bessere Aggro Berlin geworden ist.

Weil Authentizität noch immer ein Wert an sich ist, liegt das kreative Zentrum deutscher Sprachkunst  auf der vielzitierten Straße. In einer unscheinbaren Seitenstraße in Düsseldorf brennen zwar keine Mülltonnen, doch wer hier durch die Gassen zieht, der hat wohl das, was man im authentizitätshungrigen HipHop gut und gerne als „Straßenkredibilität“ bezeichnen könnte. Ein Wort, das das hier ansässige Label Selfmade Records zunächst konsequent durchdekliniert und dann wieder und wieder in all seinen Facetten gebrochen hat.

Von dem demnächst erscheinenden Kollabo-Album zwischen Kollegah, dem Aushängeschild von Selfmade Records, und Farid Bang wurde am Donnerstag die erste Vorab-Single "Dynamit" auf YouTube veröffentlicht. Sie brachte es aus dem Stand auf über eine Million Klicks in wenigen Stunden: Rekordniveau für Deutschrap-Dimension.



Nach sieben Jahren im Geschäft, 25 Veröffentlichungen und drei Top-Ten-Platzierungen in Folge ist es entsprechend nicht nur höchste Zeit für ein textgewordenes Dankeschön, sondern auch für einen genaueren Blick auf eine Plattenfirma, die die Maßstäbe gegenwärtig neu setzt: Das Label, mit Künstlern wie Kollegah, Favorite, den 257ers und Genetikk unter Vertrag, das Unternehmen, das einen noch jungen Casper entdeckt und hochgezogen hat, wurde 2005 von Elvir Omerbegovic und  Philipp Dammann gegründet. Dammann hatte da schon eine erste Karriere in der Szene hinter sich. Unter dem Künstlernamen Flipstar schrieb er als Teil des deutschen HipHop-Duos Creutzfeld & Jakob Geschichte. Bald widmete sich Dammann seiner neuen Karriere: Er wurde Neurochirurg. Omerbegovic übernahm Selfmade komplett und pushte das Label auf eine neue Ebene.

Omerbegovic hatte die deutsche Hip Hop-Szene zuvor lange beobachtet und war bald der Überzeugung, dass man sie professionalisieren könnte. Die Zeit, in der Selfmade-Records entstand, war derweil noch von einem ganz anderen Label dominiert, welches die Republik damals aufmischte. Aggro Berlin verkündete  eine neue deutsche Härte und erreichte damit einen für viele völlig überraschenden kommerziellen Durchbruch. Doch als das Ghetto Einzug in die Reihenhausidylle der Bürgertums fand, da war HipHop zum ersten Mal ganz nah an seinen Wurzeln. Mit Aggro Berlin schaffte es das Genre von ganz unten nach ganz oben. Bislang war die erfolgreiche deutsche Adaption der amerikanischen Musikrichtung dem Bildungsbürgertum - von den Fantastischen Vier bis Fettes Brot - vorenthalten. Von einigen, kommerziell zu vernachlässigenden Ausnahmen mal abgesehen. „Die Musik wurde elitär von oben an die Masse weitergegeben. Was wir gerade versuchen, ist von ganz unten in die Elite zu stoßen“, sagte Aggro-Mitgründer Specter damals in einem Interview.



Selfmade Records führt diesen Gedanken nun mit umgekehrten Vorzeichen fort. Intelligente Rapper bedienen sich der Stilmittel der Straße, um die breite Masse zu erreichen: Die ganz unten, die ganz oben und die, die irgendwo dazwischen stehen. Kollegah zum Beispiel greift dabei sowohl die Codes und Stilmittel der HipHop-Szene auf, aber zugleich gut und gerne auch auf bildungsbürgerliches Kulturgut zurück. So interpretierte er Goethes Erlkönig etwa mit der Line: „Ey wer kommt bei Nacht und Wind durch die Stadt gefahren? Es ist der King mit acht Zylindern und 'ner Slut im Arm!“

Auch die Marketingstrategien folgen dem Erfolgskonzept von Aggro Berlin, die erstmals die Stereotypisierung der Künstler etablierten. Sido, ein dauerkiffender Slacker als Sinnbild der Null-Bock-Generation, Bushido, das Klischeebild des ghettoaffinen Kleinkriminellen, und Fler, das deutsche White-Trash-Äquivalent zu Eminem, aufgefüllt mit schwarz-rot-goldener Nationalsymbolik. Bei Selfmade übernimmt derweil Kollegah die selbstherbeistilisierte Rolle als Boss, eines wahlweise Drogen oder Nutten vertickenden omnipotenten Player mit viel Geld, schönem Leben und einem latenten Hang zu Gewalt. Favorite spielt die Rolle des Anarcho, Caspar war der Punker unter den Rappern, der Emo-Spitter, das Duo Genetikk fungiert als Feigenblatt für die eher klassisch geprägten HipHop-Hörer mit Oldschool Beats und WuTang-Mystik-Anleihen. Und der mittelfristig wohl (zumindest aus kommerzieller Perspektive) erfolgsversprechendste Act, die 257ers, positionieren sich zwischen gehobenem Atzen-Sound und sozialverträglicherem Deichkind-Gefeiere: Helden des Schulhofs und Stimmungskanonen auf jeder Vorabiparty unterlegt mit elektronischen Beats. Was alle Künstler auf dem Label eint ist eine brillante Technik. „Sie müssen jung, hungrig und originell sein“, fasst Omerbegovic zusammen.

Hungrig und originell ist das Label auch sieben Jahre nach dem Start noch. Und es bleibt bissig. „Deutscher Rap wird immer dann gerne gesehen, wenn er freundlich daher kommt“, sagt der Labelchef und setzt dennoch auf Battlerap statt Schmusekurs. Im Battle verhandeln die Künstler gewaltfrei und nur basierend auf ihren Rap-Skills ihr symbolische Kapital und ihr Standing: „Das einzige krumme Ding, was Du drehst, ist deine Oma beim Walzer“, heißt es in einem weiteren Kollegah-Track. Weil gute Reime und gute Geschichten nicht immer der vielbeschworenen Authentizität gleichkommen, gewann mit dem Aufsteig von Selfmade auch ein alter Begriff neue Schlagkraft: Image-Rap. Rapper, die von Dingen berichten, die sie nie erlebt haben. Der Vorwurf kommt immer dann gerne, wenn vergessen wird, das Musik in aller erster Linie eins ist: Kunst. Und der hat sich Selfmade nicht nur gewidmet, das Label und seine Interpreten haben sie auf lyrischer Ebene perfektioniert. Und wer die echte Straßenkredibilität will, der soll, wie es Kool Savas einmal gesagt hat, doch einfach vor die Tür gehen.


Neue Magazin-Texte:

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem donnerstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
dennis-sand
Mehr Texte zum Label
Redaktionsblog
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
19 Kommentare
Für diese Funktion musst du eingeloggt sein.

Alle Kommentare anzeigen

sinaasappel
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

5

01.12.2012 - 13:18 Uhr
sinaasappel

Ich zitiere mal: "Die Bitches heute wollen Jungfrau bleiben, zwei Optionen: Arsch oder Mund auf, Kleines"
*Augen roll*
Reimtechnik hin oder her, aber der Inhalt sollte auch stimmen. Solche Tracks langweilen.

dunkelziffer
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

1

01.12.2012 - 14:12 Uhr
dunkelziffer

Ich find die Musik einfach viel zu kacke, um mir die Zeit zu nehmen, um herauszufinden, ob sie ernst genommen werden wollen oder nicht...

mia_mia
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

01.12.2012 - 14:41 Uhr
mia_mia

Ich bin echt baff, dass der Scheiß hier gefeatured wird.

Vor allem "Streetcredibility" - bitte was? Kollegah studiert strebsam Jura in Mainz, Ghettogelaber am Arsch.

Dieser gestellte Vorstadt-Gangsta-Betroffenheits-Rap ist doch einfach nur peinlich und mittlerweile komplett überholt.

So mal als Anregung:

https://www.youtube.com/watch?v=O8IRa4NN...

JetztFlower
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

1

01.12.2012 - 16:52 Uhr
JetztFlower

Ganz ehrlich: Ob einem die Musik gefällt oder nicht ist geschmackssache. Aber Hip Hop ist in erster Linie doch wohl Unterhaltung und (kann) muss (aber) nicht immer sozialkritisch sein. Das hier ist Entertainment. Und während Aggro Berlin das eher auf stumpfer Ebene bewerkstelligte, macht Selfmade das eben witzig und auf durchweg intelligente Art und Weise.

Nicht immer alle Texte so Ernst nehmen. Sprachlich ist Kollegah sicherlich ganz vorne und Deutschland talentierster Rapper. Entsprechend finde ich die Würdigung auch gerechtfertigt.

zaam
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

02.12.2012 - 09:24 Uhr
zaam

Nun denn, bei aller Sympathie. Hip Hop war mal subversiv. Was auch immer sich die Reimer von heute einfallen lassen, ist doch tausendmal gehört. Trotzdem ist es relevant - und wer den aktuellen Battle of the Year auf fernsehstrom.de gesehen hat, weiß, dass da noch eine Menge Leben drin ist. Mehr braucht man doch nicht von einer Mainstreamkultur.

Doik
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

02.12.2012 - 12:57 Uhr
Doik

Du hast sächsischen Dialekt?
Der Boss nicht, er hat sechs Ischen die er leckt.

Man kann die Themen ja einseitig finden und es ist durchaus Geschmackssache, aber Kollegah ist lyrisch und technisch auf einem sehr hohen Niveau.

Und wer auf Authentizität steht - der Bonner Rapper Xatar hat 8 Jahre bekommen weil er einen Goldtransporter überfallen und Gold im Wert von 1,8 Millionen Euro erbeutet hat. Sein letztes Album "Nr. 415" hat er in seiner Zelle auf einem Diktiergerät aufgenommen.

sinaasappel
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

02.12.2012 - 13:22 Uhr
sinaasappel

JetztFlower sagte:
Nicht immer alle Texte so Ernst nehmen.

Das würde mir hier auch schwerfallen ;-)

Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

02.12.2012 - 13:34 Uhr
sinaasappel

Doik sagte:
Und wer auf Authentizität steht - der Bonner Rapper Xatar hat 8 Jahre bekommen weil er einen Goldtransporter überfallen und Gold im Wert von 1,8 Millionen Euro erbeutet hat. Sein letztes Album "Nr. 415" hat er in seiner Zelle auf einem Diktiergerät aufgenommen.

Aber das ist doch genau die Frage, ob nur der "authentisch" sein kann, der seine Werke in der Gefängniszelle aufnimmt, in der er aus guten Gründen sitzt. Der oft (und teils zu Recht) geschmähte "Studentenrap" ist vielleicht in seiner Welt auch "authentisch" - warum nicht beides zu dieser Kultur zählen? Sie verändert sich halt mit den Leuten, die sie leben und wir von allen geprägt, auch wenn das von den selbternannten Vertretern des einzig wahren Hiphop nicht immer gern gesehen wird.
Mir geben ständige Schipfworttiraden halt nicht so viel, ganz abgesehen vom fragwürdigen Frauenbild: "Ische, Slut, Nutte" usw. brauch ich wirklich nicht in jeder zweiten Zeile und ich habe noch keinen Text gesehen, der dadurch signifikant besser geworden wäre. Die Texte sind, wenn überhaupt, trotzdem gut, nicht deswegen.

Doik
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

02.12.2012 - 14:55 Uhr
Doik

@sinaasappel:

Ich wollte auch keinem anderen pauschal die Authentizität absprechen. Es ging mir nur darum, dass es auch Rapper gibt, die wirkliche "Gangster" sind und nicht nur in ihren Texten. Da hab ich mich unglücklich ausgedrückt.

geistlosgluecklich
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

02.12.2012 - 20:45 Uhr
geistlosgluecklich

derbe geil produziert diesmal! war ja bei manchem kollegahtrack schon ganz anders..."poetenrap" kann ich mit wenigen ausnahmen (animus, shiwa...) ja nix abgewinnen, partyrap (deichkindstyle, atzenquatsch) mit außnahme von tony d auch nicht...rap muss für mich leider einfach frauenfreindlich und aggressiv sein, gerne etwas jihadrhetorik dabei, schöne musik zum schattenboxen, wenn ich chillen will kann ich psychedelic hören...

Weiter Seite 1 2

Alle Kommentare anzeigen

Jetzt-Mitglied

dennis-sand offline

dennis-sand

ist jetzt-Mitarbeiter und hat diesen Beitrag verfasst.


Hamburg

Hat Beiträge verfasst zu