"Ihr gebt uns Daten, wir geben euch Dates"
Die Plattform OkCupid verleiht dem Online-Dating endlich Magie und Charme. Ihr Geheimnis lautet: Mathematik statt Psychologie.
Unter den großen Internet- und Digitalisierungsphänomenen da draußen gibt es einen schon etwas älteren Klassiker: Online-Dating. „Längst entbehrt Online-Dating jeden Beigeschmacks des Anrüchigen“, brachte es ein Artikel in der Zeit auf den Punkt, „es wird in weiten Teilen der Gesellschaft als effizientes Verfahren geschätzt und genutzt.“ Das Vorurteil, dass man bei eDarling oder ElitePartner nur die Loser vom Dienst kennenlernen kann, pflegt schon länger kaum einer mehr. Wirklich cool geworden ist Online-Daten aber auch nicht. Singlebörsen – allein, dass dieses Wort tatsächlich noch benutzt wird, sagt eigentlich schon viel – sind imagemäßig immer noch das Gegenteil von Twitter und Tumblr und dem Rest. Social Media hat es geschafft, digitalem sozialen Erleben die Aura des Avantgardistischen zu geben. Online-Dating ist irgendwo auf der Biederkeitsstufe von E-Mail stecken geblieben: Effizientes Verfahren halt, keine große digitale Revolution. Um das digitale Kennenlernen des Partners herum hat sich bisher keine eigene Magie entwickelt, die in Konkurrenz zu dem treten könnte, was wir an der analogen Variante so schätzen: „Schicksalhaftigkeit, Unberechenbarkeit, Zauber der Intuition“, die Bulletpoints der romantischen Liebe, die der Zeit-Artikel aufzählt.
Die Website, die diese große Lücke zwischen Singlebörse und digitaler Revolution endlich schließen kann, heißt OkCupid.com. 2004 in den USA gegründet, ist sie dort schon länger eine der wichtigsten Dating-Seiten. Mittlerweile gewinnt OkCupid aber auch hierzulande immer mehr Zulauf: Im letzten Jahr ist die Zahl der Nutzer dem Unternehmen zufolge um 100 Prozent auf ungefähr 70 000 nach oben geschnellt. Mittlerweile kann man auch als Berliner, Kölner oder Münchner bei OkCupid genug Menschen kennenlernen, die für mehr als eine transatlantische Brieffreundschaft infrage kommen. Und es dürfte wohl auch in Deutschland vor allem ein ganz bestimmtes Publikum sein, das man antrifft. OkCupid revolutioniert das Prinzip der Dating-Website, weil es sie anschlussfähig macht für die Welt der digitalen Boheme. Schon dem Design der Website merkt man das an: Nicht als topseriöse, pärchenbebilderte Seite kommt sie daher, sondern im flapsigen Stil und Ton der ewigen Web-2.0-Betaversion. Und: Man kann sie kostenlos nutzen.
Auf den ersten Blick unterscheidet sich OkCupid nicht von anderen Dating-Seiten: Man soll Fragebögen ausfüllen, dann werden einem andere Mitglieder vorgeschlagen, die man anschreiben möge. Die Fragen aber sind keinem von Psychologen erarbeiteten Test entnommen, sondern im Crowdsourcing-Verfahren entstanden: Man findet einen quasi-unendlichen Pool von Vorschlägen, die andere Nutzer eingereicht haben. Das gibt OkCupid schon ein Suchtpotenzial, bevor man überhaupt den ersten flirty Nachrichtenaustausch angefangen hat: Man kann Tage damit verbringen, sich durch das Frageangebot zu klicken und immer wieder Perlen darin zu finden: Man soll sich das perfekte Gespräch mit seinem idealen Partner vorstellen – würde man sich Geschichten erzählen? Diskutieren? Übereinstimmen? Oder Pläne schmieden? Charmante Fragen, zu denen man sich gern Gedanken macht, statt sterile paartherapeutische Angaben.
Das ist aber nur die Oberfläche. Dass die Seite in die Avantgardeliga für Netzaffine aufgestiegen ist, hat seinen Grund im Backend: Wenn OkCupid irgendeinen festen Glauben habe, schrieb der New Yorker im vergangen Jahr, dann in die Mathematik. Oder wie es einer der Gründer, Sam Yagan, formuliert hat: „Wir glauben, dass Daten und Algorithmen der Schlüssel zu Kompatibilität sind. Die grundlegende Prämisse unserer Seite ist: Ihr gebt uns Daten, wir geben euch Dates.“ Die Idee dahinter: In der digitalen Welt steht uns auf einmal big data zur Verfügung – riesige Datenmengen, die einfach zugänglich und leicht zu verarbeiten sind.
Welche Auswirkungen das hat, kann man sich auf dem hauseigenen Statistikblog OkTrends ansehen: Bis zum Verkauf der Seite an den amerikanischen Dating-Riesen match.com Anfang dieses Jahres veröffentlichte Christian Rudder – wie Yagan ebenfalls Mitgründer und Mathematiker mit Harvard-Abschluss – dort anonymisierte Auswertungen der Datenberge, die sich auf der Seite ansammeln. Die Ergebnisse reichen von vulgärsoziologischen Pointen (iPhone-Nutzer haben mehr Sex als Android-Nutzer) bis zu wirklich hilfreichen Hinweisen: Wenn man andere User anschreibt, welche Formulierungen und Begriffe kommen gut an – und welche sollte man vermeiden?
Auf den ersten Blick mögen die Fragen und Antworten trivial klingen – aber man muss sich nur kurz daran erinnern, wie viele Stunden, wie viele Liter Denkschweiß schon vergeudet wurden, um mit bester Küchenpsychologie zu rätseln: Wie schreib ich ihn an? Was heißt es, dass sie noch nicht zurückgeschrieben hat? OkCupid zeigt: Wir brauchen die unzuverlässige Küchenpsychologie für diese Fragen nicht mehr, wir haben jetzt big data, riesige Datenmengen, die uns echte Antworten geben können.
Vielleicht braucht es nicht einmal mehr Psychologie. Das zumindest predigen Theoretiker wie der Wired-Chefredakteur Chris Anderson schon länger: In einer Welt, in der big data verfügbar ist, würden kausale Erklärungen überflüssiger. „Wer weiß schon, warum die Leute das tun, was sie tun? Der Punkt ist, dass sie es tun – und wir es nachverfolgen und mit bisher unerreichter Genauigkeit messen können. Wenn man genug Daten hat, dann sprechen die Zahlen für sich selbst.“ Die Umsetzung dieser radikalen Idee ist OkCupid. Auf dem Blog werden auch die drei Matching-Fragen präsentiert, bei denen Übereinstimmung am meisten mit einer späteren Beziehung korreliert. Eine davon: ob man Horrorfilme mag. Es liegt keine Erklärung auf der Hand, warum ausgerechnet diese Frage – aber das wäre ja Psychologie, und die hat OkCupid hinter sich gelassen. „We’re not psychologists“, hat Yagan es einmal zusammengefasst, „we’re math guys.“
Sein Kollege Rudder (nebenberuflich übrigens Mitglied der Band Bishop Allen) hat dieses Jahr einen Buchdeal abgeschlossen, angeblich für einen Millionenbetrag: In „Dataclysm“ soll es um die ganz großen Möglichkeiten gehen, die sich angesichts der big data eröffnen. Das alles ist natürlich das Gegenteil von Schicksalhaftigkeit, Unberechenbarkeit, Zauber der Intuition. Es ist Algorithmus, Mathematik, Signifikanz. Die aber können jetzt ihren eigenen Sexappeal zeigen: Wenn die Hoffnung aufgeht, dass Zugang zu schier unendlichen Datenmengen unser Bild von der Welt und von uns selbst verändert, dann hat das nichts mehr mit biederer Effektivität zu tun. Dann hat der OkCupid-Nutzer einen Grund, sich als Teil einer Revolution zu fühlen – so wie man sich als Twitter-Nutzer als Teil einer Kommunikationsrevolution gefühlt hat.
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wie schon mein kumpel letztens sagte "ich brauche nicht mehr als 'kunden, die goethe gekauft haben, kauften auch schiller'
;)
02.12.2012 - 19:29 Uhr
ein_oxymoron
komischertyp77 sagte:
Schön und gut, aber wo ist die Dating-Seite, die mich endlich mal danach selektieren lässt, was im richtigen Leben zuerst auffällt oder zumindest ziemlich schnell zum Vorschein kommt: Hat sie nen guten Hintern? Kleidet sie sich wie ne Tussi oder hat sie Stil? Ist sie wirklich schön oder doch nur zugeschminkt bzw. auf ihren Profilfotos perfekt inszeniert? Studiert sie interessante und intelligente Fächer oder doch wieder nur Jura, BWL, Medizin, bzw. studiert sie überhaupt? Hat sie mehr als ein paar Bände Harry Potter und das obligatorische Kochbuch aus dem GU-Verlag zuhause stehen?
das koenntest du alles mit genuegend direkten oder subtileren fragen abdecken. du kannst selbst fragen erstellen, deine bevorzugten antworten einstellen, und wie stark die jeweilige frage/antwort gewichtet werden soll.
noplacespecial sagte:
diese blöden schemata und formeln und lösungskniffe und diese scheißsuche nach gemeinsamkeiten macht das leben immer uninteressanter.
noe. ist ja nicht mal so, dass du auf diese formeln hoeren muesstest. du darfst auch einfach nur auf die fotos und profiltexte achten. und das beste ist, dass man sich die antworten der anderen (sofern freigegeben) und evtl. kommentare dazu ansehen kann, was spannend ist und oft gespraechsstoff liefert.
hier am (knack)arsch der welt gibt es ja sowieso keine interessanten "matches" fuer mich, aber gute online-bekanntschaften habe ich da schon oefter gemacht.
aber wenn ich lese, sinngemäß, "wurde an den datingriesen match.com verkauft", dann scheint das etablissement bereits seine besten zeiten hinter sich zu haben, bevor ich überhaupt erst einmal dort war.
ein_oxymoron sagte:
okcupid ist so aehnlich wie jetzt.de, nur das gegenteil: auf jetzt.de geht es offiziell um artikel, geschichtenerzaehlen, lustige psychotests, diskussionen, online-bekanntschaften usw, aber eigentlich ist es eine dating site. ...
Ok, jetzt ist es offiziell: Ich bin naiv...
noplacespecial sagte:
diese blöden schemata und formeln und lösungskniffe und diese scheißsuche nach gemeinsamkeiten macht das leben immer uninteressanter. facebook und konsorten funktionieren ja ähnlich, überall vernetzung, aber das netz wird nur dichter, nicht größer oder breiter. der blick über den tellerrand wird zusehends unmöglicher.
wie schon mein kumpel letztens sagte "ich brauche nicht mehr als 'kunden, die goethe gekauft haben, kauften auch schiller'
Es gibt Menschen, die einen Partner wollen und die über solch Datingportale dann auch zielgerichtet auf die Suche gehen und fündig werden und ein Jahr später heiraten. Online macht den Markt größer, sicher. Aber das in die Welt rausgehen tut das auch.
Ich denke, dass es Typsache ist, ob das klappt mit dem online fündig werden. Ich glaube nicht so an all diese Matching Codes...
ein_oxymoron sagte:
auf jetzt.de geht es offiziell um artikel, geschichtenerzaehlen, lustige psychotests, diskussionen, online-bekanntschaften usw, aber eigentlich ist es eine dating site.
;)
Verdammt, ich muss mich hier abmelden!
ein_oxymoron sagte:
ich bin uebrigens ein grosser fan des okcupid "matching algorithm". man kann viel selbst mitbestimmen, super dran rumspielen, und damit auch freunde finden, die auf einer wellenlaenge liegen (es wird die kompatibilitaet fuer beziehung und fuer freundschaft ausgerechnet - und fuer feindschaft, d.h. konfliktpotential).
Oh geil, kann man da so einen Hatefuck Partner finden?
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02.12.2012 - 18:48 Uhr
komischertyp77