26.11. - 28.11.2012
Es passiert wirklich: mein Ersatzmann kommt auf Arbeit! Die ganze Nacht schon hatte ich Alpträume, er sage die Stelle am Montag morgen wieder ab, ich könne mein Sabbatical nicht nehmen usw., aber: Da steht er! Hochmotiviert, nervös und grinsend. Ich habe alle Hände voll zu tun, um ihn einzuarbeiten. Die Arbeit stapelt sich bis unter mein Schädeldach, und ich schaffe nichts davon. Stress pur, aber die Aussicht, Ende Dezember hier erstmal raus zu sein und neun Monate meine eigene Herrin zu sein, entschädigt alles. Bis abends um halb neun sitze ich an der Arbeit.Dienstags bessert es sich nur unmerklich, der Druck, alle im Urlaub liegengebliebenen Aufgaben zu erledigen, steigt und steigt und noch bekommen mein Vertreter und ich kaum etwas hin. Er sieht wahnsinnig schlecht und gurkt sehr mit seinen Brillen und den Monitoreinstellungen rum.
Abends bleibe ich wieder lange im Glasbüro und schaue mir die DVD mit dem Interview an, die ich neulich aus Melbourne geschickt bekommen habe. Der alte Herr: viril, jung, erzählt, verschweigt, die Augen verzückt von etwas, was nur er sehen kann. Der Blick beim Erzählen haargenau wie bei NAW, es ist faszinierend. Ich höre lange konzentriert zu, der Dresdner Dialekt des alten Herrn, unendlich vertraut, und die flirrigen, dunklen Augen, die eine andere Sprache als die Worte sprechen, fesseln mich. Am Ende des Interviews werden alte Fotos gezeigt. Ich habe mich so viele Jahre gefragt, wie wohl der Vater des alten Herrn ausgesehen haben mag. Und nun sehe ich es endlich! Wie ein Ruck geht es mir durch und durch, ich gerate in Bewegung (wenn ich es nicht schon vorher war) und es nimmt mich mit. Es ist aufregend! - Parallel bekomme ich Post von NAW, über die ich mich sehr freue. Unkonzentriert und ungeübt schreibt er, chaotisch, freundlich. So, wie er und sein Vater beim Reden schauen. Themen: Textilien, Kanus und ausweichen, seit Generationen.
Dienstags mache ich nicht so lange, bin mehr als erschöpft nach diesen zwei Tagen. Eigentlich wäre es klüger, schnurstracks schlafen zu gehen, aber ich muss es natürlich bunt haben und deswegen machen wir bis Mitternacht Späßchen.
Am Mittwoch morgen stehen sie alle am Bett, die Kinder wollen nichts singen, sagen aber Verschen auf. Das größere Kind hat mir drei Zauberstäbe und einen Hefter mit seinen Bildern gebastelt und ganz ausführlich beschriftet ("LIEBE MAMA DAS IST EIN HEFT FÜR DICH VON ***"). Von * bekomme ich einen tollen Stift, Handschuhe, seinen Band mit Widmung und Schokolade. Plötzlich stellen wir - alle noch im Schlafanzug - fest, dass das größere Kind in 13 Minuten im Kindergarten sein muss, die Hektik schwappt wie ein Monsun herein, Eile, Aufbruch, Kichern. Im Kindergarten und auf Arbeit Glückwünsche, Umarmungen und Süßigkeiten, nachmittags Telefonate mit *s Eltern. Die Königin schreibt aus China, A schickt mir Hör-Glückwünsche aus Berlin, auch das eine Premiere, Luise ruft ausgiebig und so freundlich und offen wie immer aus Brüssel an und Familie HH schenkt mir gebrannte Nüsse aus Usbekistan. Überraschenderweise schickt mir der stolpernde Katholik eine sehr nette E-Mail. Mein Vater und mein Bruder und seine Familie melden sich nicht an diesem Tag. Sicher werden sie später auftauchen und mir lächelnd gratulieren. Ich überlege, wie es wäre, wenn meine Mutter oder gar meine Oma noch leben würden. Macht es beim Gratulieren einen Unterschied, ob frau/man einer als Kind die Windeln gewechselt und das Fieber gemessen hat oder ob man das dem anderen Elternteil überlassen hat? Ich kann und kann es mir nicht anders denken. - Ich wische die Schatten mit ungläubigem Elan weg, es gibt Grog und Kerzenschein und Kartoffelsuppe mit glücklichen Würstchen.

Kind mit Blumen

Hochhaus mit Fenstern, die mit Decken verhangen sind, da so viele Bienen und Wespen davor herumfliegen
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