29.11.2012 - 18:30 Uhr

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Geheimes Gesetz (21): Der immergleiche Stadtvergleich

Text: friedemann-karig - Illustration: Katharina Bitzl

In seiner Kolumne widmet sich Friedemann Karig den ungeschriebenen Regeln des Alltags. In dieser Folge beschreibt er die typischen Floskeln, die in jedem Gespräch über deutsche Großstädte vorkommen müssen.

Das Geheime Gesetz des Stadt-Gesprächs: Jede Unterhaltung über Deutschlands Metropolen muss den gleichen Verlauf nehmen.


Ein jeder hat seine Sehnsuchtsorte. Immer ist einer gerade wo hin oder wo weg gezogen und weiß dorther zu berichten; oder wäre zumindest gerne dort gewesen, wenigstens für einen Wochenendtrip. Große Städte liefern Storys, und weil New York und Kapstadt weit weg sind, kümmern uns vor allem die deutschen Big Four namens Berlin, Hamburg, Köln und München (warum Frankfurt, ebenso groß und wichtig, meist keine Rolle in diesen Gesprächen spielt, weiß jeder, der dort schon mal länger sein musste). Diese Gemeinden scheinen uns gleichzeitig glamourös und vertraut zu sein, wie die Protagonisten einer Seifenoper. Man findet sie super oder doof oder hübsch oder hässlich. Hauptsache jeder findet sie irgendwie, obwohl diese Orte nur wirklich kennt, wer das Glück oder Pech hatte, dort aufzuwachsen.

Das übliche Halbwissen der Anderen hingegen nutzt statt Kindheitserinnerungen rare Kurzaufenthalte, deren Verlauf die Wahrnehmung der Stadt stark beeinflusst. Hat es damals nur geregnet und der besuchte Lover war plötzlich kein Lover mehr, ist die Stadt doof. Schien die Sonne und man feierte mit einer dort gestrandeten brasilianischen Emocore-Band drei Tage durch: Tolle Stadt! Und weil der Mensch umso lieber über Dinge spricht, von denen er keine Ahnung oder besser noch: ein bisschen eingebildete, anekdotische Mehrahnung als alle anderen hat, verlaufen Stadt-Gespräche nach einem Geheimen Gesetz. Die großen Vier BerlinHamburgMünchenKöln müssen abgehandelt werden, und das immer gleich.  

Gute Nachtgeschichten sind beispielsweise: In Berlin kann man das Wochenende durchfeiern, in Hamburg muss man zwischendurch auf den Fischmarkt, in Köln ist immer Karneval und München voller Polizei. Beliebter Allgemeinplatz ist auch der Wohnungsmarkt: München ist teuer, Berlin billig (aber auch nicht mehr so wie früher), Hamburg eher auch teuer, Köln mittel – dafür gibt´s da quasi keinen Altbau, Stichwort Bomben. Oder der gemeine Bewohner: Kölner sind fröhlich aber flach, Hamburger unnahbar aber ehrlich, Münchner arrogant aber hübsch. Berliner gibt es fast keine mehr, denn man trifft dort nur noch Kulturspanier und Zugezogene. Der Stil wiederum ist in Hamburg hanseatisch schick oder ganz abgefuckt, in Köln etwas prollig, in München wieder mal teuer und in Berlin überhip. In München sind die Jobs, in Berlin die Projekte, in Köln der Karneval und in Hamburg der Hafen. 

Mehr muss man nicht wissen, um in einem Gespräch nicht unangenehm aufzufallen. Irgendwann wird jemand anmerken, dass diese von allen gepflegten Klischees ja nur eben Klischees sind, es fällt ein Satz mit „auch schöne Ecken“ und „nicht verallgemeinern“. Dann nicken alle stumm, weil ihnen außer Klischees nichts einfällt. Über den Notausgang Fußballvereine (St. Pauli ist cool, die Hertha blöd, der FC Köln ein Karnevalsverein und Bayern München eine Schnöseltruppe) oder eine bestimmte Nachtlokalität (Berghain, Übel&Gefährlich, Sixpack, Hofbräuhaus) kann das Gespräch aus den deutschen Metropolen hinaus gelenkt werden. Bis es abseits der Straßen auf einsamen Pfaden frische Luft schnappt, fern der Städte und ihrem Geplapper.


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23 Kommentare
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francinefrancoise
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Mag ich Mag ich nicht

1

30.11.2012 - 13:09 Uhr
francinefrancoise

dannen:
"Mir fällt auch immer wieder das Frankfurt Bashing der SZ Redakttion auf."

das ist so. die müssen das im arbeitsvertrag gleich mit unterschreiben. zwei immerhin noch recht erfolgreiche überregionale tageszeitungen...sz aus münchen und faz aus frankfurt. konkurrenzkampf.

das kriegen die dann gesagt, "frankfurt-bashing" zu betreiben. "karig, schreib mal was schlechtes über frankfurt."

brechen ja auch immer wieder feuilleton-wichsereien...ähm, auseinandersetzungen, zwischen faz und sz aus. soll wohl der leserbindung und deren identifikation mit dem jeweiligen blättchen dienen.

immerhin ist frankfurt die internationalste stadt deutschlands, und dies im positiven sinne.

mia_mia
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0

30.11.2012 - 14:20 Uhr
mia_mia

q.e.d.

apollyon
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Mag ich Mag ich nicht

4

30.11.2012 - 14:58 Uhr
apollyon

chrinamu sagte:
Kleine Randbemerkung: Frankfurt ist größentechnisch nicht mit Berlin, Hamburg & Co. zu vergleichen, es hat nur ca. 700 000 Einwohner. Dafür ist es aber entgegen der Klischees schön dort.


Der Autor muss halt bestätigen, dass er sich an sein eigenes Gesetz hält und über Frankfurt nicht mehr als Floskeln raushauen kann.

Wobei ich zugeben muss, dass "schön" nicht das erste Attribut wäre, das ich mit Frankfurt assoziiere, obwohl ich es dort sehr mag. Zur Verteidigung würde ich "es gibt dort nette Ecken" anführen.

Pequill
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Mag ich Mag ich nicht

3

30.11.2012 - 16:18 Uhr
Pequill

Wem in Berlin zu viele Gammler sind und in München zu viele Schnösel, kann das doch sagen, gerne auch immer wieder. Aber vergleichen kann man die (größten) deutschen Städte wirklich nicht miteinander, dazu sind sie alle zu verschieden. Berlin kann man mit überhaupt gar keiner Stadt vergleichen, schon gar keiner deutschen, Hamburg würde ich als Hafenstadt am ehesten mit Kopenhagen vergleichen, München passt von Größe und monarchischem Prunk zu Wien, Frankfurt ist durch Hochhaus-Architektur mit nichts in D zu vergleichen...
Spannender wirds eher bei einem Vergleich wie Düsseldorf-Stuttgart (beide ungefährt gleich groß, Landeshauptstadt...), aber solche Städte sind für eine Kolumne natürlich zu uncool ;-)

eisengrau
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0

30.11.2012 - 18:24 Uhr
eisengrau

Ich versteh das ganze Problem nicht. Jede Stadt hat halt ihren Charakter. Der geht natürlich wie überall langsam dank EU und Ikeaverloren, und in 20 oder 30 Jahren werden alle westlichen Städte gleich sein. Aber noch kann man diesen Charakter beschreiben, warum soll man es dann nicht tun?

Lenjia
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Mag ich Mag ich nicht

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02.12.2012 - 15:49 Uhr
Lenjia

sorry, aber stuttgart ist finde ich die LANGWEILIGSTE stadt der welt.

Frau_Keuner
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02.12.2012 - 17:33 Uhr
Frau_Keuner

berlin ist nun mal was besonderes und ich bin als fränkin ungemein glücklich, hier zu leben! von der weltoffenheit, die hier (auch) gelebt wird, könnt ihr münchner nicht mal träumen, weil es vergleichbares in ganz deutschland nicht gibt. natürlich gibt es aber auch hier den typ mensch, der seinen schrebergarten für das paradies hält, aber hausmeistertypen leben eben überall.

geistlosgluecklich
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Mag ich Mag ich nicht

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02.12.2012 - 20:56 Uhr
geistlosgluecklich

wer will denn über münchen reden? münchen ist das größte dorf der welt, mehr braucht man da nich zu wissen, oder? ach, wobei, die netten ecken natürlich...
aber wirklich, den vergleich zu metropolen wie hamburg oder berlin sollte man lieber nicht wagen.

paperdrop
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Mag ich Mag ich nicht

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02.12.2012 - 21:11 Uhr
paperdrop

aber wirklich, den vergleich zu metropolen wie hamburg oder berlin sollte man lieber nicht wagen.


Weiterpoebeln..: Seid ich von Berlin nach NYC gewogen bin und die Stadt erlebe und kennenlerne hat sich der Begriff "Metropole" fuer die Bundeshauptstadt erledigt. Aber ist schon eine nette Grossstadt, Berlin.

LeoLei
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Mag ich Mag ich nicht

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03.12.2012 - 13:13 Uhr
LeoLei

Köln und München kenne ich nicht wirklich, aber in Berlin hat´s mir besser gefallen als in Hamburg. Wie im Text so schön ebschrieben lag´s wahrscheinlich auch ein bisschen an den Umständen.

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friedemann-karig

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