Nicht mehr als das R
Unserer Autorin hört man kaum an, dass sie aus München kommt. Dafür muss sie sich oft rechtfertigen.
Ich bin das, was man (wenn es nicht so bescheuert klänge) eine „waschechte Münchnerin“ nennen könnte: Ich wurde hier geboren, stamme aus einer Familie, die schon seit Generationen in dieser Stadt lebt, und meine Identifikation mit München könnte Sachfremden bisweilen leicht übertrieben bis manisch erscheinen.Dennoch passiert es mir seit geraumer Zeit immer öfter, dass ich von Menschen unterschiedlichster Altersgruppen und Provenienz angeraunzt werde, warum ich dann kein Bairisch beziehungsweise Münchnerisch spräche. Diese Frage wird immer und ausschließlich im maximal-vorwurfsvollen Ton gestellt und jeder Erklärungsversuch meinerseits unwirsch abgetan und darauf verwiesen, dass es „einfach nur traurig“ sei, wenn man seine regionale Identität zum Fenster hinausgeworfen habe, nur um in der Masse besser mitzuschwimmen. Woraufhin ich jedes Mal innerlich einen Tobsuchtsanfall erleide und äußerlich versuche, das bisschen Contenance zu bewahren, das mir zur Verfügung steht.
Dabei will ich all den selbst ernannten Dialekt- und Heimatpflegehelfern gerne sehr laut zurufen: „Erstens: Wenn ihr euch beschweren wollt, hier sind die Telefonnummern meiner Eltern und meiner Kindergärtnerinnen, meiner Grundschullehrer und meiner Freunde. Zweitens: Gewöhnt euch endlich dran, der Münchner
Dialekt stirbt in den nächsten Jahren aus. Und weder du noch ich noch Christian Ude können irgendetwas dagegen tun. Drittens: Was soll dieser kulturpessimistisch-dreiviertel-reaktionäre Ton? Viertens: Seit wann darf man eigentlich als Mensch diesseits der 70 ungestraft so einen Schmarrn erzählen?!“

Es ist ja nicht so, als wüsste ich nicht, dass man mir meine Herkunft kaum anhört. Aber das ist nicht meine Schuld. Es gab keinen Tag in meinem Leben, an dem ich beschlossen hätte, dass nun Schluss sein soll mit dem provinziellen Gerede und ich von nun an nur noch reinstes Hannover-Hochdeutsch sprechen wollte. Wenn überhaupt irgendjemand Schuld daran haben sollte, dann war das die Peergroup meiner Kindheit. Die besteht in einer Großstadt nun mal nicht ausschließlich aus Trachtenanzug tragenden Heimatpflegern und Wastl-Fanderl-Verschnitten, sondern aus Zugezogenen, Zweitsprachlern, Münchnern, Franken, Hessen und Ostdeutschen. Aus diesen Einflüssen entsteht eben eine Sprachmelodie, die mit der von Franz Beckenbauer wenig zu tun hat.
Ob und wie man spricht, ist nur sehr selten Ergebnis einer bewussten Entscheidung. Wenn einer nicht gerade Tagesschausprecher werden will oder einen schweren Sprachfehler hat, dann beschäftigt er sich mit der eigenen Sprache frühestens in der Pubertät. Und da ist es dann schon zu spät.
Und ja, ich bin nicht stolz auf mein stromlinienförmiges Hochdeutsch mit diesem minimal-bairischen Einschlag, der mich immerhin noch davon abhält, grausame Wörter wie „lecker“, „Kloß“ oder „Schornsteinfeger“ zu verwenden. Aber abgesehen davon und von einem stark abgeschwächten Caroline-Reiber-R gibt es nichts, was meine Münchner Identität verraten würde.
Ich beneide meine Eltern um ihr wunderschönes feines Münchnerisch, das im Übrigen den meisten Dialekt-Fanatikern ebenfalls zu hochdeutsch wäre. Und wenn ich manchmal morgens im Schwimmbad an Gruppen von Rentnern vorbeiziehe, dann spitze ich sehnsuchtsvoll meine Ohren, höre ihnen zu, wie sie einander melodiös anraunzen und freue mich, dass ich noch in den Genuss komme, das echte Münchnerisch zu hören.
Denn nicht nur hauptberufliche Sprachpfleger, sogar unsere Landesregierung hat festgestellt, dass Menschen unter 35 des Münchner Dialekts nicht mehr mächtig sind. Und dass es tatsächlich nur noch eine Frage der Zeit ist, bis der Münchner Dialekt, so wie wir ihn vom Monaco Franze und den Standlverkäufern am Viktualienmarkt kennen, verschwindet. Daran lässt sich nichts ändern. Das ist traurig. Aber es ist wahr. Und kein noch so pseudolustiges Dialekt-Fahndungsplakat wird diese Entwicklung aufhalten können.
Es sei denn, wir sehen die bevorstehende Bevölkerungsexplosion unserer schönen Stadt als Chance (und nicht als endgültigen Kollaps des Wohnungsmarkts): München wird demnächst auf 1,6 Millionen Einwohner anwachsen. Eine nicht unerhebliche Zahl der Zugezogenen wird aus der niederbayerischen Provinz stammen. Wenn die sich in ein bis zwei Generationen mit uns Großstadtschnöseln vermischt haben, dann könnte unser kleines Dialekt-Problem binnen zwanzig Jahren obsolet sein.
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Wachtelkoenig sagte:
Sprachfärbungen .
Dass wir hier unten teilweise eine eigene Grammatik und anderes Vokabular haben, weißt Du aber schon, oder?
vycanismajoris sagte:
iatzad
"Dabei birgt Dialekt einen unglaublichen sprachlichen, geschichtlichen und damit kulturellen Reichtum mit sich (wer will, kann ja mal nachsehen warum man z.B. Semmel sagt)."
Diese Aussage ist ein Paradebeispiel für die grassierende Unkennntis bzgl. Dialekt vs Standard bzw. süddeutsche Sprachunterwerfung im Besonderen! Besser geht´s fast nicht;-)
Worum geht es dir denn hier? Ob Semmel Dialekt ist oder Hochsprache? Meinetwegen - geschenkt.
Darin liegt nicht der Kern der Aussage - und natuerlich gibt es bessere Beispiele.
- Du redsch aber ned wie a Augschburgr.
- Bin ich auch nicht, ich bin ein Münchner Kindl.
- In München redns doch bayrisch.
- Leute in meinem Alter nicht.
- Ja, aber... (Weißwurst, Brezn, Oktoberfest).
Na gut, wieder mal die Geschichte meiner Migration längs der A8 erzählt, plus den halben Familienstammbaum bis zurück ins Jahr 1900 runtergebetet, dann war endlich mal Ruhe.
Grrmpf sagte: "Dass wir hier unten teilweise eine eigene Grammatik und anderes Vokabular haben, weißt Du aber schon, oder?Dass wir hier unten teilweise eine eigene Grammatik und anderes Vokabular haben, weißt Du aber schon, oder?"
Zur eigenen Grammatik schriebst du selbst: "2. Eine Bayerische Schriftsprache gibt es nicht, gell."
Was nicht verwunderlich ist. Ich wüsste auch nicht, wie man die zahlreichen bayrischen
lokalen Subdialekte unter einen gemeinsamen grammatikalischen Hut zwingen könnte.
Was das andere Vokabular angeht, stimme ich Dir voll zu. Der Rückgang der
Dialekte zieht unweigerlich eine empfindliche Verarmung des Wortschatzes nach sich.
Dialekte sind auch aus diesem Grund für mich - historisch und gegenwärtig -
ein unverzichtbarer Teil der deutschen Sprache. So mundet mir - je nach Region - ein
Brötla, Brödele, Bröötli, Rundstück, Semmel, Semmerl, Schrippe, Weck, Wecken, Weckele,
Weckl, Weckla, Weckerl, Weggli, Weckli, Kipfl, Kipfle, Kipfli, Kipfla, Laabla oder Laibl
besser als ein fades bundesdeutsches Einheitsbrötchen.
Wachtelkoenig sagte:
Grrmpf sagte: "Dass wir hier unten teilweise eine eigene Grammatik und anderes Vokabular haben, weißt Du aber schon, oder?Dass wir hier unten teilweise eine eigene Grammatik und anderes Vokabular haben, weißt Du aber schon, oder?"
Zur eigenen Grammatik schriebst du selbst: "2. Eine Bayerische Schriftsprache gibt es nicht, gell."
Was nicht verwunderlich ist. Ich wüsste auch nicht, wie man die zahlreichen bayrischen
lokalen Subdialekte unter einen gemeinsamen grammatikalischen Hut zwingen könnte.
Was das andere Vokabular angeht, stimme ich Dir voll zu. Der Rückgang der
Dialekte zieht unweigerlich eine empfindliche Verarmung des Wortschatzes nach sich.
Dialekte sind auch aus diesem Grund für mich - historisch und gegenwärtig -
ein unverzichtbarer Teil der deutschen Sprache. So mundet mir - je nach Region - ein
Brötla, Brödele, Bröötli, Rundstück, Semmel, Semmerl, Schrippe, Weck, Wecken, Weckele,
Weckl, Weckla, Weckerl, Weggli, Weckli, Kipfl, Kipfle, Kipfli, Kipfla, Laabla oder Laibl
besser als ein fades bundesdeutsches Einheitsbrötchen.
Was hat Grammatik mit Verschriftlichung zu tun zu tun?
Den Verlust alter Wörter mag man bedauern. Ich habe mich auf Deinen Kommentar oben bezogen, dass eine leichte Sprachfärbung zu erwerben halt nicht das Gleiche ist, wie einen Dialekt akzentfrei zu beherrschen. Und dies können laut der von mir noch weiter oben verlinkten Quelle nur kleine Kinder im entsprechenden Umfeld. Bei erwachsenen haut das, auch meiner Erfahrung nach, mit dem Dialekt "lernen" nicht mehr hin.
Untrennbar mit dem Münchner Dialekt verbunden war nämlich auch eine Lebenseinstellung, die aus einer Mischung von Provinziellem und Städtischem bestand, sich vor allem aber durch eine gewisse Gelassenheit auszeichnete.
Die SZ beschrieb diese Einstellung einst sehr treffend, als vor ca. 20 Jahren bei einem Klassik-Open-Air das anschließende Feuerwerk etwas außer Kontrolle geriet. Sinngemäß wurde berichtet, dass die Gäste sehr besonnen reagierten, nach dem Motto: "Entschuldigung Herr Nachbar, Sie sitzen auf a Raket'n".
Auch Fernsehserien wie z.B. "Monaco Franze" oder "Die Hausmeisterin" spiegelten dieses Münchner Leben wider. Die Serien waren wahrscheinlich auch deshalb so beliebt, weil viele sich darin selbst wieder erkannt haben. Heute ist meiner Meinung nach der Schauspieler Andreas Giebel ein gutes Beispiel dafür.
Und es ist eben so, dass Begriffe wie "Leben und leben lassen" untrennbar mit dem Münchner Dialekt verbunden sind. Mit Hochdeutsch verbindet das niemand.
Nix für unguat.
Alle reden Umgangssprache und die ist in einem großen Teil Deutschlands preußisch dominiert. Manche Hannoveraner/innen ( Gerd Schröder ) sagen übrigens: Tach, da schteht n Fead (Pferd) voam Fluch (Pflug). Dieses "Tach" höre ich neuerdings schon bei Schwaben. Bald kommt es auch nach Bayern. Der Allmächtige stehe euch bei.
Die Norddeutschen übernehmen ständig plattdeutsche Worte und Redensweisen in die Umgangssprache.
z.B. Tschüss, Nöö, nich, Pott, außen vor, Jungs, Meedels, ...
Die Süddeutschen glauben aus Minderwertigkeitskomplexen, dass das hochdeutsch sei.
Es gibt nur einen Tagesschausprecher, der sich nicht nach Nordlicht anhört:
Claus-Erich Boetzkes.
Der kommt aus Memmingen und kam dann nach München.
Ich bin dafür, dass Münchnerisch offiziell zur deutschen Umgangssprache erklärt wird.
Hubay dee Array ( des is fei boarisch for english speakers )
https://www.youtube.com/watch?v=nwT3NEcO...
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01.12.2012 - 23:05 Uhr
Wachtelkoenig
"1. Dialekt akzentfrei sprechen lernen ist nach dem 10. Lebensjahr praktisch nicht mehr möglich"
Das mag auf Dialekte erlernter Fremdsprachen zutreffen, aber sicherlich nicht auf eine einheimische Regionalsprache (Regiolekt). Auch wenn der Regiolekt sich verbal schon stark dem Hochdeutschen angenähert hat, so bleibt doch die für ihn typische Sprachmelodie erhalten. Wer länger in einem bestimmten regiolektalen Umfeld lebt, wird in der Regel (oft unbemerkt und schleichend) auch dessen Sprachfärbungen annehmen. Es sei denn, er möchte sich (aus welchen Gründen auch immer) von seinem sprachlichen Umfeld abgrenzen. So ist es jedenfalls mir ergangen, als es mich als Zugezogener ins Rheinland verschlagen ist.