Tunnelblicke
Drei Minuten auf die Bahn warten, vier Stationen mitfahren, umsteigen und nochmal ein paar Minuten bis zum Ziel: Eine U-Bahn-Fahrt ist nicht gerade die perfekte Situation, um sich in ein Buch zu vertiefen. Menschen, die es dennoch tun, sehen aber ziemlich glücklich aus
Man kann sich schönere Momente vorstellen, um ein Buch zu lesen, als eine U-Bahn-Fahrt. Zwischen lauter fremden Menschen, die einem dabei oft auch noch unangenehm nah kommen, und während man gleichzeitig achtgeben muss, die eigene Station nicht zu verpassen. Oder während man am Bahnsteig steht und auf seine Linie wartet, die man genauso wenig verpassen möchte. Manchmal scheint es, als ob mancher U-Bahn-Leser seine Lektüre nur mitgenommen hat, um mit all den Fremden auf Intimsphären-Abstand zumindest keine Blicke auszutauschen, wenn man sich schon mit ihrem schlechten Atem, aufdringlichem Aftershave und ihren Erkältungsviren arrangieren muss. Denn wirklich in eine Geschichte eintauchen kann man in diesen Minuten des Transits ja meistens nicht, und wenn doch, kommt es nicht selten zu besagten Unglücksfällen. Ein Glücksfall, dass man dafür offenbar die Nase in etwas gesteckt hat, das gemeinhin als „gutes Buch“ bezeichnet und von vielen unglücklichen Seelen nur am Strand, fern des MVV-Elends, konsumiert wird, falls überhaupt.Es wirkt auch so, als ob die glücklichen, vertieft Lesenden, die neben einem auf die Bahn oder ihre Station warten, wirklich weit weg sind, im Kurzurlaub quasi. Die Enge, die Hektik, das Alltagsgenervtsein scheinen sie völlig vergessen zu haben. Außerdem sieht es ja immer etwas altmodisch aus, aber auf diese schöne, kultivierte Art, wenn sich Menschen in ein Buch vertiefen. Ein Buch! Gedruckt und gebunden! Dabei könnten sie doch mit dem Smartphone, einem Tablet oder gar einem E-Book-Reader eine ganze Bibliothek dabei haben, um die Zeit in den öffentlichen Verkehrsmitteln herumzubringen.
Auf die Idee, den Zauber dieser Menschen festzuhalten, kam zuerst die Fotografin Ourit Ben-Haïm. Seit 2008 fotografiert sie Lesende in der New Yorker U-Bahn. Ihre Bilder haben uns so gut gefallen, dass wir ihr Projekt in der Münchner U-Bahn fortgesetzt haben. Ben-Haïm veröffentlicht fast jeden Tag auf ihrer Website Underground New York Public Library ein neues Bild. Dazu stellt sie noch Titel und Autor des Buches, wenn sie das im kurzen Moment der U-Bahn-Begegnung erfassen konnte. Jeden Freitag postet sie Bilder von Menschen mit E-Book-Readern. Ein bisschen glücklich sind die wahrscheinlich auch – und außerdem sieht ja niemand, dass sie gerade „Fifty Shades of Grey“ lesen.
- Lange Nächte, lange Finger 15.05.2013
- Trophäe aus Glas 15.05.2013
- Schaufenster-Kritik: Tausend Watt 09.05.2013
- „Kein Dudelfunk“ 09.05.2013
- „Da klebt einem schon mal der Magen zusammen“ 01.05.2013
Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem donnerstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!
Alle Kommentare anzeigen
2. gibt es für mich nichts schöneres, als im Bus zu sitzen und zu lesen (wir haben hier keine U-Bahn)
3. Ist es mir schon ziemlich oft passiert, im Bus ein Buch zu lesen und dann die Haltestelle völlig zu vergessen. Sehr häufig waren die Konsequenzen daraus aber etwas, wovon ich mit ruhigen Gewissen sagen kann, dass mein Leben ein kleines Stück schöner gemacht haben. Sei es die Erfahrung oder Personen die ich danach erlebebt habe.
Ach ja, und 4.: sowas wie ein "digitales Buch" kommt mir niemals nicht nirgends never ever ins Haus.
Allein die Vorstellung empfinde ich als gruselig.
marphine sagte:]http://www.buzzfeed.com/whitneyjefferson...
es gibt aber auch eine nette sammlung von fotos von leuten in der bahn, die tatsächlich 50 shades of grey lesen: [link=http://www.buzzfeed.com/whitneyjefferson...
haha, die sind ja grossartig, vielen Dank :D
übrigens finde ich (unabhängig von diesem text), dass du gut schreibst.
aber wir wissen ja, wie das ist, mit diesen vergewaltigungsphantasien...in wirklichkeit wollen sie das ja NICHT.
Ein Buch zu lesen ist eig. immer Entspannend, egal wo (Außer im Auto, da eher nicht ;) )
Alle Kommentare anzeigen










1
28.11.2012 - 19:08 Uhr
Trilobitin
und erst vor ein paar tagen sah ich eine frauengruppe 40+ im zug 50 shades of grey lesen. mit anschließender diskussionsrunde.