20.11.2012 - Eisenach 3
Nachdem die Kinder wieder im Park Karussell fahren, steigen wir zur Wartburg hoch. Es ist so neblig, dass wir sie nicht sehen, bis wir direkt davor stehen. Eine Touristin, blonde Mittvierzigerin, steht desinteressiert im Weg rum. Das kleinere Kind rennt zu ihr hin und nennt ihr begeistert seinen und des Geschwisterkindes Namen. Die Frau ist irritiert, das größere Kind mault: "Orr, das nervt mich, dass ** mich immer vorstellen muss!"Sofort rutschen wir in eine Führung rein. Der Guide - sagt man das jetzt so? - ist unglaublich peinlich. Wenn es um Frauen geht, macht er Regelwitze, wenn es um ihn geht, Führerwitze. Ich krieg beim Zuhören so'ne Wut bei soviel Blödheit. Das größere Kind sagt danach: "Also, soviel Neues hat der Mann aber nun auch nicht erzählt". Wo es recht hat.
Unter den Gästen erspähe ich eine Frau, die ganz genau so wie die blasierte Mutter aus dem Kindergarten aussieht. Nachdem ich das letzte Mal mit Stanislaw Tillich rumgeführt wurde, würde mich nichts mehr überraschen, aber ich misstraue meinem Gesichtergedächtnis. Aber als die Frau die Stimme erhebt, erkenne ich das pikierte Näseln. Die Stimme klingt so, als müsse sie etwas Widerliches berühren. Und das dazugehörige Kind haben wir dann auch in der Menge der lahmen Zuhörer ausgemacht. Zum ersten Mal sehen wir den zur Familie zugehörigen Vater, eine Art Cem Özdemir. Ich stelle fest, dass es im Kindergarten kaum andere Familien gibt, von denen ich den Vater noch nie gesehen habe. Das kleinere Kind erlöst mich aus der Situation, als es uns freundlich mitteilt, es müsse mal.
(- Lahme Zuhörer übrigens, da der Regelwitz erst nach mehrmaligem Nachhaken des Führers mit Lachen quittiert wird). Danach bleiben wir lange im Burghof bei den Kanonen und den weißen Täubchen stehen. Das Kind liebt beides, sagt auch, es wolle später fünf Babys haben, weil es Babys so niedlich (niedlis) finde.

Das ist das beste an der Wartburg: der Wanderweg, der von Südwesten kommt.
Beim Abstieg rutschen wir ständig im nassen Buchenlaub aus. Das kleinere Kind suhlt sich regelrecht darin, es rollt den Berghang runter, ich rutsche händeringend hinterher. An Heerleins Grab tiefe Befriedigung der morbiden Ader des größeren Kindes. Mich gruselt es vor dem Versmaß.

Es ruht so wohl sich hier/Im Schoos der Erde/Wo ich mit Moos bedecket/zu Staube werde.
Am Nachmittag spielen die Kinder Schalenkampf, sie hauen sich mit ihren Schals. Es gibt Spielregeln: Füße in der Ausgangsposition nebeneinander, gewonnen hat, wer dem anderen Kind den Schal aus der Hand "schlägt". Ich lese nebenher Diehl: Eskimo Limon 9, eine furchtbare Enttäuschung. Dieses Buch ist keine Geschichte, sondern eine ausformuliertes Brainstorming, ein Abarbeiten von allem, was einem so zum Thema "Deutsche, Juden, Israel" einfällt und das in den letzten fünf Minuten auch noch für ein paar Sekunden das Thema ändert. Übrigens benutzt sie bis auf eine Ausnahme den Terminus Holocaust, es bleibt auch unverständlich, warum eine Deutsche für eine Israelin spricht. Spannend finde ich das Spiel mit der Erwartungshaltung der Leserinnen, besonders die Szene mit Dr. Averbrukh, aber das rettet das Buch nicht. Ein Sachbuch wäre Diehl wesentlich besser gelungen. Soviel zum Schalenkampf.
Abends gehen wir in ein kroatisches Restaurant essen. Der Raum ist vollgestopft mit künstlichen Pflanzen, sogar die Algen im Goldfischbecken sind aus Plaste. Es läuft ein Matthias-Reim-Song nach dem anderen, dazu gibt es traditionelles kroatisches Essen. Alles sehr schräg.
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