26.11.2012 - 18:30 Uhr

26 10

Geister

Text: gaen

Es war mein erstes mal Take Home. Ich sah mich schon mit den beiden Bechern ins Wochenende abziehen, als hinter mir Schritte heranhasteten. Ich drehte mich um, bemerkte ein kurzes ziehen am Handgelenk, dann lief ein Typ mit meinem Rezept in die Seitengasse davon. Eigentlich war ich viel zu wacklig auf den Beinen um ihm hinterherzurennen, aber ich wusste, ich würde noch viel wackliger werden, wenn er mit meinem Methadon davonkommt. Er hatte schon 20 Meter Vorsprung, doch ich keuchte ihm nach. Seine Schritte waren klein, genau wie er, aber er war verdammt flink. Als er in die nächste Seitengasse davonhuschte, sah ich seinen verbissenen Gesichtsausdruck. Er lief um sein Leben. Ich tat nicht weniger, und holte auf. Hinter einem Gemüsestand drehte er sich um, und merkte dass ich ihm noch auf den Fersen war. Ich blickte ihm jetzt direkt ins Gesicht, und blieb stehen.
"Mock?"
Wild schnaufend senkte er den Kopf. Er war zu schwach zum weiterlaufen. Also wartete er in der Hocke mit vergrabenem Blick, bis ich neben ihm stand, und mich laut atmend und aufgewühlt zu ihm herab senkte.
"Hab dich gar nicht erkannt. Wie geht's dir?" atmete er durch, lächelnd unter seinem Baseballcap hervorschielend.
"Ganz Ok, wenn du mir mein Rezept zurückgibst."
"Klar... nimm's mir nicht übel.... Mein Arzt hat mich aus dem Programm gehauen..." Widerwillig gab er mir den gelben Zettel. Ich nahm ihn und steckte ihn ein. Vor ein paar Monaten hatte mir Mock einmal die Hälfte seiner Tagesdosis abgetreten. Jetzt saß er so klein neben mir dass er selbst nur noch wirkte wie eine Tagesdosis. Ich hatte mir mein erstes Take Home anders vorgestellt, und obwohl ich wusste dass ich es bereuen würde, fragte ich ob er noch immer seine alte Wohnung hat.

Mit den beiden Bechern für Samstag und Sonntag liefen wir bei Mock ein. Er konnte kaum gehen vor Krämpfen, schwitzte und keuchte im Treppenhaus noch immer als ob er grad gesprintet wäre. Ich setzte mich auf seine Couch, er auf die kleine Matratze gegenüber. Dann teilten wir den Becher. Es würde nicht genug sein, um einen friedlichen Tag zu haben, aber es reichte um nicht gleich wieder weiterirren zu müssen.
Als die Portion wirkte, wurde Mock entspannter. Sein Gesicht hatte wieder Farbe bekommen, und seine Augen die vorher noch so versteckt waren als könnte sie jeder Farbton erschlagen, gingen mehr und mehr auf. Er strich sich eine filzige Strähne aus der Stirn, und kratzte sich genüsslich im Gesicht. Er war drauf, und er hatte sein Herz zurück.
"Tut mir echt Leid wegen vorhin." seufzte er. "...du weißt ja, ich bin eigentlich nicht so."
"Schon gut....Kannst dich ja mal wieder revanchieren."
Er nickte. Viel war hier nicht womit er sich revanchieren konnte. Außer der Couch und dem Bett standen noch ein kleiner Tisch und eine klapprige Kommode rum. Das war alles. Mock griff unter seine Bettdecke und zog einen Geldbeutel darunter hervor. Er schob ihn mir über den Tisch zu.
"...kannst ja mal schauen was du noch fleddern kannst."
Ich nahm das Portemonnaie und öffnete es. Ein paar Karten waren noch drin. Etwas Kleingeld. Keine Scheine. Das Teil war aus Kunststoff und schon ziemlich zerrissen, wahrscheinlich weniger Wert als die paar Cent die noch drin rumklimperten. Ich steckte es trotzdem ein. Alles war besser als hier mit leeren Händen wieder raus zu gehen.

Auf dem Weg nach Hause holte ich vor einem Kiosk das Kleingeld raus. Dabei fiel ein Ausweis aus dem Geldbeutel. Ich hob ihn auf. Der Name eines Sportvereins stand drauf. Ich öffnete den Wisch, und ein Foto kam zum Vorschein. Ihr Name war Esther Bergheim, und ihr Bild machte mir Angst, weil es stärker auf mich wirkte als das Methadon vorhin. Sie war etwa so alt wie ich, und trainierte am Stadion an der Baldushalle. Das alles stand auf ihrem Ausweis. Was da nicht stand war, dass ich keine Wahl hatte. Ich musste sie sehen, und zwar sofort. Ich vergaß dass die Portion viel zu gering war, um mich über den Tag zu bringen. Es fühlte sich an, als würde der Tag sowieso erst jetzt beginnen.

Die Baldushalle war die schäbigste Turnhalle der Stadt. Ein windschiefer Kasten, grau und unförmig hingerotzt zwischen Großschlächterei und Südbahnhof. Manchmal war ich dort gewesen um den Boxern ein paar Hübe Ephedrin abzuschnorren, doch das war ne Weile her. Die Boxer sind längst umgezogen. Genau wie die Euphorie die hier mal herrschte. Die Tartanbahn lag ein paar hundert Meter hinter der Halle. Über die ausgebleichte Strecke wehten die verfärbten Blätter, die kein Hausmeister, nur der Wind wegwischte. Ich schlenderte an den fast kahlen Bäumen am Zaun entlang, und sah runter auf den Platz. Ein eingemummelter Trainer mit ergrautem Vollbart und Trillerpfeife im Mund ging an der Rasenkante auf und ab, und behielt die drei Läuferinnen im Auge, die ihre Runden auf der Bahn drehten. Ab und zu hörte ich einen Pfiff, dann sprinteten die drei los, bis der Trainer wieder lostrillerte, und sie sich in ihren ruhigen Lauf zurückfallen ließen. Die Pfiffe kamen jetzt immer öfter, und die Phasen der Sprints wurden länger. Anfangs waren die drei auf gleicher Höhe gewesen, aber jetzt liefen sie über die ganze Bahn verteilt. Eine von ihnen hatte die anderen überrundet. Ich erkannte sie. Sie hatte kürzere Haare als auf dem Bild, und war größer als ich sie mir vorgestellt hatte. Sie tat das gleiche wie ich vorhin, als ich Mock nachgerannt bin, doch bei ihr sah es nicht nach Flucht aus wenn sie lief, es wirkte wie ihre natürlichste Bewegung.  

Sie trainierten eine Stunde. Ich saß jetzt auf den Treppen am Eingang des Platzes und rauchte eine nach der anderen. Es wurde immer kälter da draußen, und ich merkte allmählich dass ich zu wenig Methadon abbekommen hatte.  Das ruhig sitzen fiel immer schwerer, und jeder Schritt würde bald mit Schmerzen verbunden sein. Es gab mir Kraft zu sehen, wie die Läuferinnen irgendwann leichtfüßig und abgekämpft von der Bahn in Richtung Umkleide gingen. Der Trainer kam in meine Richtung, musterte mich, grüßte mich knapp und verschwand durch das Tor. Wenn er grüßt kann ich so abgefuckt noch nicht aussehen, dachte ich, und wartete. Die Minuten zogen sich. Dann kamen die drei geduscht und warm eingepackt aus der Halle. Ich stand auf, dachte nicht mehr nach, und ging auf sie zu.
"Hey, ich suche Esther Bergheim, kennt ihr die?" hörte ich mich fragen, und mein Puls schien jedes Wort niederzuwalzen.
Sie sahen mich leicht erschrocken und doch irgendwie amüsiert an.
"Wer bist du? Was willst du?" fragte Esther routiniert.
"Ich schreib nen Bericht über Leistungssport für den Anzeiger, und hab dort deinen Namen aufgeschnappt. Wenn du Lust hast, würd ich dich gern mal interviewen."
Der enttäuschte Blick der beiden anderen zeigte mir dass meine Lüge gut war. Am liebsten hätte ich ihnen einfach gesagt dass ich ein Junkie bin, und mich in ihre Freundin verknallt habe, aber dazu fehlte mir entschieden der Mut.
"Zeig mal deinen Presseausweis."
"So ein Teil hab ich leider nicht, bin nur Praktikant." gab ich kleinmütig zu.
Esther lächelte nachsichtig.
"Ach, denk dir nix... diese Ausweise verliert man ja sowieso andauernd."
Ich nickte zustimmend.

Wir hatten uns für den nächsten Abend im Cafe Karg verabredet. Meine letzte Dosis war jetzt über 24 Stunden her. Einen Tag lang wirkte das Metha. Durch den Spiegel kam der Entzug manchmal erst nach 30 Stunden. Irgendwann in der Nacht würde es mich also erwischen. Das ignorierte ich so gut es ging. Ich setzte mich an einen Ecktisch und bestellte ein Bier. Esther kam spät, aber sie kam. Sie sah sich kurz im Lokal um, dann schlenderte sie auf mich zu. Ihre Wangen waren leicht gerötet von der Kälte. Ihre kinnlangen Locken sträubten sich unter einer Strickmütze. Esthers Gesichtsausdruck war entspannt. Die Lippen ruhig und bestimmt, ihr Blick auf befriedigte Weise suchend. Sie setzte sich.
"Gar kein Tonbandgerät dabei?" fragte sie, während sie die Jacke über den Stuhl hängte, und ihre Mütze abzog.
"Digitaler Quatsch." lächelte ich, fischte mein zerfleddertes Notizbuch aus der Tasche, und legte es auf den Tisch.
"Sind das deine gesammelten Gedichte?"
"Ich dachte ich stelle die Fragen..."
"Na dann." Esther lehnte sich zurück und bestellte einen Gin Tonic.
Ich klappte mein Buch auf, nahm den Stift in die Hand und kritzelte ein bisschen rum um meine Zittrigkeit zu überspielen.
"Wie lange läufst du eigentlich schon?" notierte und fragte ich.
"Seit ich laufen kann."
"Machst du das freiwillig?"
"Bitte?"
"Ich meine, wieso tust du dir das an?"
"Ich glaub ich würd mir was antun wenn ichs nicht machen würde."
"Du meinst es ist ein Teil von dir?"
"...so ungefähr. Ich denke immer dass etwas fehlt wenn ich aus irgendnem Grund nicht laufen kann."
"Was denkst du wenn du läufst?"
"Du stellst ja ganz schön direkte Fragen."
"Ich will ja auch ganz schön direkte Antworten."
"Woher willst du wissen dass ich überhaupt etwas denke?"
"Ich kann mir nicht vorstellen wie es ist nichts zu denken."
"Dann solltest du laufen."
"...also denkst du nichts?"
"Es ist ein bisschen wie träumen, nur klarer."
"Hast du manchmal das Gefühl du läufst vor irgendwas davon?"
"Nein, nur wenn ich stehen bleibe."
Ich notierte das euphorisiert und immer angestachelter von der Unruhe die sich in mir zusammenbraute. Wir unterhielten uns noch eine Weile. Esther war offen und lächelte ständig. Sie war leicht angeheitert von den Drinks, und was sie sagte wirkte immer einleuchtend und klar. Ich sitze wirklich da und unterhalte mich mit ihr, verdammt nochmal, richtig gut unterhalte ich mich mit ihr, dachte ich, und ich wusste, es war alles wie gestohlen. Hier am Tisch saß etwas von einem Glück das ich nicht verdient hatte, und es schmerzte um so mehr, weil ich sah dass es nicht vor mir floh. Jetzt saß ich mitten drin, und starrte doch wie ausgestanzt ins leere. Ein paar Drinks später zahlten wir, und machten uns auf den Weg zur U-Bahn.
"Wo musst du eigentlich hin?" fragte Esther.
"Nicht weit von hier."
"Was hältst du von nem letzten Drink?"
"Sorry, ich geh besser." zwang ich hervor.
"Ja, siehst'n bisschen blass aus. Du verträgst wohl nicht allzu viel, hm?"
"Das wird's sein. Willst du noch weiter arbeiten an dem Interview?"
"OK." lächelte sie. "...weißt ja wo du mich findest." 

Zuhause zog ich mir die Decke über den Kopf und versuchte runterzukommen, doch ich konnte nicht still liegen, und zum aufstehen war ich viel zu platt. In meinen Armen zuckte eine ständige Spannung. Ein mechanischer Bewegungsdrang klemmte in meinen Beinen. Es fühlte sich an als würden all die überdrehten Nervenzellen aus diesem körperlichen Wrack fliehen wollen. Doch es gab nichts zum hinfliehen. Kein Geld für Zeug, und von den anderen Junks hielt ich mich sowieso fern. Ein Jahr war ich jetzt auf Metha. Lang genug um den Affen noch ein paar Monate zu spüren. Aber Morgen wird es wieder Zeug geben. Es gab immer Zeug. Aber irgendwann gab es kein Morgen mehr. Immerhin gab es jemanden der eine Erinnerung Wert war, und vielleicht war diese Erinnerung an sie ja doch mehr als nur ein Fitzelchen Vergangenheit.

Am Wochenende hatte Esther einen Wettkampf. Das durfte ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Diesmal hatte es mit dem Take Home geklappt. Ich hatte mir sicherheitshalber zwei Portionen gegeben und schlenderte entspannt ins Stadion. Es lief Euro Dance, und ein Pulk schlanker Leute auf der Bahn im Kreis. Manche dehnten sich. Manche standen nur rum und starrten entschlossen vor sich hin. Ich steuerte auf den kleinen Suppenstand auf der Rasenfläche zu. So etwas wie Appetit meldete sich zurück.
"Hey Biograf."
Jemand stupste mich an. Ich drehte mich um. Esther stand hinter mir. Mit ihrer Legging und der hautengen Jacke sah sie aus wie eine Taucherin. Doch sie wirkte nicht als würde sie bald untergehen. Die Haare zum Zopf gebunden, ihr Lächeln schneller als meine Gedanken, schien sie so schwerelos dass ich mir wie festgewachsen vorkam.
"Läufst du mit?" fragte sie.
"Äh, ich bin beruflich hier."
"Na dann, hoffentlich bringste mir Glück." Sie knickste kurz zum Abschied, drehte sich um und trabte zum Startpunkt, wo sich allmählich eine Menschentraube bildete. Ich nahm mir eine Suppe, trank einen Schluck und behielt das Geschehen im Auge. Esther war in der Masse nicht mehr zu erkennen. Ein Typ stellte sich mit einer Schreckschusspistole neben der Menge auf, die immer dichter zusammenrückte. Es knallte, und das Getrampel das drauf folgte war fast lauter als der Startschuss. Ein Monster hatte sich in Bewegung gesetzt, doch die einzelnen Bestandteile waren so leicht dass sie jeden Ballast davonschwemmten. Nach einer Runde bogen die ersten aus dem Stadion ab. Ich sah Esther irgendwo in der Mitte durchhuschen. Sie kämpfte um jede Sekunde, während ich hier rumstand und nur drauf wartete dass mich die Sekunden zum nächsten Kampf herausfordern.

"Wie ist deine Zeit?"
"Zu langsam."
"Du hast gewonnen..."
"Gegen die anderen... aber nicht gegen mich." sagte Esther geknickt als wir vor der Siegerehrung auf dem Boden der Turnhalle saßen.
"Wieso willst du dich selbst besiegen?"
"Ich will besser werden."
"Indem du Zeit verlierst?"
"Du verstehst das nicht."
"Erklär's mir."
"Ich kann's nicht. Ich will einfach meine Ziele erreichen. Willst du das nicht?"
"Doch, aber Zeit ist nicht so wichtig dafür."
"Erreichst du deine Ziele?" fragte Esther lächelnd.
"Manchmal."
"Hast du heut noch welche?"
Ich zuckte die Schultern.
"Kannst dir ja für den Anfang mal vornehmen meine Nummer rauszufinden." sagte sie zwinkernd.

Ich war aus der Halle geschlichen als Esther auf das Podest stieg, um ihren Pokal in Empfang zu nehmen. Ihre Nummer in meiner Tasche war wie eine Zeit die viel zu schnell war für mich. Nur gedopt konnte ich mit ihr mithalten. Dabei wollte ich doch gar nicht mithalten. Ich wollte stehen bleiben. Aber wieso hatte ich mich dann in eine Läuferin verknallt? Was mich viel mehr verwirrte, war dass sie sich offenbar auch für mich interessierte. Vielleicht war ich einfach nur zum Sportplatz gekommen um zu schauen. Dass sie zurückschauen würde, darauf war ich nicht vorbereitet. Lange hatte ich geglaubt ich wäre unsichtbar wenn ich die Augen geschlossen halte. Auf Methadon habe ich mich in der Anfangszeit ähnlich gefühlt. Jetzt war der Anfang längst vorbei, und unsichtbar war ich scheinbar nur noch für mich selbst.

"Schön dich zu sehen." lächelte Esther. Sie saß schon im Cafe Karg als ich kam, und nippte an ihrem Gin Tonic. Sie sah frisch aus mit ihren wachen Augen, der rosigen Haut, und den widerspenstigen Locken die noch leicht verstrubbelt waren von der Dusche nach dem Lauf. Ich begrüßte sie, setzte mich und bestellte ein Bier.
"Ich hab mir überlegt....um das Porträt authentischer zu bekommen, stellst du heute einfach mal die Fragen." schlug ich vor.
"...und wenn ich nichts wissen will?"
"Du hast schon damit angefangen."
"Eigentlich fand ich dich als Fragensteller ganz gut."
"Wieso?"
"Deshalb....kaum sagt man dir was, antwortest du mit ner Frage."
"Hältst du mich für neugierig?"
"Interessiert."
"Könnte auch ne Frage sein."
"Nein. Ich weiß dass du an mir interessiert bist."
"Was willst du noch wissen?"
"Lass uns schauen wie die Luft draußen ist."

Das Bier schwappte versteckt im Glas in meiner Manteltasche. Esther hakte sich bei mir ein als wir aus dem Cafe gingen. Wir steuerten die Treppen zur Altstadt an, gingen nach oben bis hinter einer Hecke eine Holztreppe erschien. Wir schlüpften durchs Gebüsch, stiegen die Treppen rauf, und standen bald auf dem Balkon eines unbewohnten Appartements.
"Woher kennst du den Ort?" fragte Esther, während ich das Bier auf die Ablage stellte und wir zwischen den Häusern den Fluss in der Nacht schimmern sahen.
"Du stellst ja doch Fragen."
"Gewöhn dich nicht dran."
"Du musst nichts fragen."
"Du auch nicht."
"...und wenn ich gar nichts sage?"
"Du tust es schon wieder."
Schweigen.
Fast konnte ich hören wie wir aus den Worten rutschten. Jetzt war jede Bewegung wie ein anvertrautes Geheimnis. Ich rückte an Esther ran, und sie fuhr mit ihrer Hand unter mein Shirt. Ich spürte ihre Lippen an meinem Hals. Ihre Locken streiften meine Wangen, dann drehten wir uns, und stolperten über weggeworfene Kartons an die Wand. Schräg und von der Nacht versteckt lehnten wir am Putz, mit geschlossenen Augen, unsichtbar.

Ich öffnete die Augen erst wieder als ich in der Nacht aufschreckte. Esther lag neben mir und schlief. Wir waren bei ihr in der Wohnung gelandet, und von unserer Wärme beschützt nebeneinander eingeschlafen. Jetzt war ich wach, und meine Augen waren offen wie Zugfenster im Winter. Ich spürte wie sich meine Muskeln anspannten. Alles in mir stemmte sich von hier weg. Ich drückte Esther einen sanften Kuss auf die Schulter um etwas von ihrer Ruhe zu spüren. Doch selbst im Schlaf konnte ich nicht mit ihr mithalten. Sie atmete leise und regelmäßig, und ich kam schon vom bloßen liegen aus der Puste. Einen Moment lang beruhigte es mich, ihre geschlossenen Augen zu sehen, den leicht geöffneten Mund, die Strähnen ihrer Locken die ihr in die Stirn gerutscht waren. Ich strich sie zurück, küsste sie neben die Ohrmuschel, und stand auf. Klapprig und zielstrebig schlüpfte ich in meine Klamotten. Es war vier Uhr morgens. Als ich auf die Straße stolperte driftete ich auseinander wie ein Heuhaufen bei der Suche nach einer Nadel.

Mocks Tür stand offen. Das hieß, er war entweder nicht zuhause, oder hatte kein Zeug. Ich tapste durch seinen dunklen Flur. In der Wohnung war es still. Ich klopfte an seiner Zimmertür, doch es regte sich nichts. Langsam drückte ich sie auf. Es war hell im Raum. Ich trat ein. Mock saß auf dem Bett. Er sah aus wie geschminkt. Die Lippen blau, die Augen dunkel umrandet. Leise hörte ich wie er nach Luft schnappte. Ich stürzte zu ihm hin und tastete nach seinem Puls. Sein Handgelenk war noch warm. Darunter zuckte langsam was von seinem Herzschlag übrig war. Ich kramte das Handy aus der Tasche und wählte den Notruf. Dann drehte ich Mock auf den Rücken, und blies ihm Luft in die Nase. Hinter all dem schmeckte ich immer noch Esthers Küsse. Wenn irgendwas in mir lebendig war das ich weiter geben konnte, dann das.

"Warum hast du das gemacht?" fragte Mock, als wir später bei ihm rumsaßen. Die Sanitäter hatten ihm ein Gegenmittel gespritzt, und wollten ihn zur Beobachtung mitnehmen, aber Mock hatte sich geweigert.
"Intuition."
"Das wär schon wieder geworden."
"Sah nicht so aus."
"Hab nur'n bisschen viel durcheinander genommen. Das braucht ne Weile bis ich mich dran gewöhnt hab."
"Gewöhn's dir lieber mal ab."
"...Schaff ich nicht. Ich bin ja jetzt schon wieder auf Entzug durch das Scheiß Gegenmittel."
"Das hat dir das Leben gerettet, Mann."
"Was für'n Leben?"
Wir sahen uns in die Augen. Mock musste nicht erwähnen dass er gleich wieder auf die Suche gehen würde. Ich würde mich auch so anschließen.

Am nächsten Tag stieg ich aus dem Programm aus. Ich hatte genug. Es hilft eh nur ein radikaler Cut, dachte ich, trank den letzten Becher, und knallte ihn entschlossen in den Mülleimer. Das war jetzt wirklich die letzte Dosis. Ich wartete bis zum Nachmittag, dann fuhr ich zur Baldushalle, um Esther zu treffen. Kurz vorm Ende des Trainings war ich da. Ich sah sie die letzten Runden sprinten. Ihr Trainer gestikulierte wild an der Seitenlinie. Die Stoppuhr immer im Blick. Irgendwo auf dem Platz war der Geist von Esther und lief neben ihr her. Ein Geist der aus Sekunden bestand. Den jagte sie jeden Tag. Das verband uns beide. Zumindest dachte ich das. Als sie geduscht und entspannt mit geschulterter Tasche aus der Halle kam, ging ich ihr entgegen. Ihr Blick verhärtete sich als sie mich sah. Wortlos drängte sie an mir vorbei.
"Hey." flüsterte ich ihr hinterher. Sie drehte sich um.
"Arschloch!" Ihre Augen drängten sich zusammen. Sie baute sich vor mir auf, mit ihrer schmalen Eleganz, dem Vertrauen in jede ihrer Bewegungen.
"Für jemanden der nur nen One-Night-Stand wollte, warst du verdammt langsam!" fauchte sie.
"Tut mir leid."
"Ich dachte echt du wärst an mir interessiert."
"Bin ich doch."
"Weißt du wie mies ich mich gefühlt hab, als ich aufgewacht bin und du warst einfach weg?"
"Glaub mir ich hab mich mieser gefühlt."
"Ach, verschon mich mit diesem Pathos!"
"Du hast ja recht." gab ich zu, zog ihren Ausweis aus der Tasche und gab ihn ihr. "Ich bin nur ein Aufschneider."
Sie nahm das Teil, musterte zuerst skeptisch den Schrieb, und dann mich.
"Was soll das?"
"Du hattest recht mit dem Notizbuch. Es waren meine gesammelten Gedichte."
Sie sah mich fragend an.
"...Ich bin bei keiner Zeitung, und einen Bericht schreib ich auch nicht. Ich bin Junkie, und deinen Ausweis hab ich von nem bekannten der dir irgendwann mal den Geldbeutel geklaut hat."
Sie lächelte, doch es war kein entspanntes Lächeln. Eher wie nach einem Reflextest der zu hart ausgefallen war.
"Du machst es mir ja ganz schön schwer."
"Tut mir Leid."
"Hör mal auf mit diesem Selbstmitleid."
"Wieso mach ich's dir schwer?"
"...weil du hier stehst, und einfach nicht da bist."
"Der Teil der bei dir ist, ist immer da."
"....was soll ich mit nem Teil von dir?"
"Mehr hab ich grad nicht übrig."
"Wieso gibst du dir auch diese Scheiße?"
"Weil ich sie brauche."
"Weißt du, ich kann mir auch vorstellen dich zu brauchen."
"Du brauchst jemanden der dich halten kann."
"Nein, ich brauch jemanden bei dem ich mich frei bewegen kann."
"Ich komm doch selbst nicht von der Stelle."
"Willst du mir sagen du hast aufgegeben?"
"Vielleicht bin ich wie der Geist gegen den du jeden Tag läufst."
"Du läufst in die falsche Richtung."
"Deshalb sind wir uns begegnet."
"Ich muss trotzdem wieder weiter."
"Schon klar."
Sie lächelte mir zu, drückte mir einen Kuss auf die Wange, und schulterte ihre Tasche wieder. Langsam öffnete sie das rostige Tor zum Sportplatz und ging nach draußen. Ich drehte mich nochmal um, und musterte den Platz. Bald würde es zu dunkel sein, um die Stoppuhr hier ablesen zu können. Die richtige Zeit um gegen Geister zu laufen.


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10 Kommentare
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schwindlicht
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Mag ich Mag ich nicht

1

26.11.2012 - 00:07 Uhr
schwindlicht

das ist sehr schön.

tuladoesthehula
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Mag ich Mag ich nicht

0

26.11.2012 - 00:11 Uhr
tuladoesthehula

ich mag es. ich finde den vergleich mit dem laufen teilweise etwas überdeutlich, aber doch sehr schön geschrieben. ich fands schade als es zu ende war.

_squeek
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Mag ich Mag ich nicht

0

26.11.2012 - 10:54 Uhr
_squeek

toller typ (mensch) ich mag seine gedanken.

thefupon_
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Mag ich Mag ich nicht

0

26.11.2012 - 18:57 Uhr
thefupon_

richtig, richtig gut.

EntSpannung
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Mag ich Mag ich nicht

0

26.11.2012 - 23:01 Uhr
EntSpannung

Mir sind diese Texte immer viel zu lang, erinnert mich an dein Manuskript, Absatz für Absatz durchgequält... Und das noch in der selben Situation. :/
Heute scanne ich nur noch, wie z.B. die STARTSEITE! rUlEz. (y)

Thunnus
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Mag ich Mag ich nicht

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27.11.2012 - 08:29 Uhr
Thunnus

ganz großes kino
*

klinsmaus
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Mag ich Mag ich nicht

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27.11.2012 - 15:13 Uhr
klinsmaus

Schließe mich an: sehr gut.

palpa
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Mag ich Mag ich nicht

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27.11.2012 - 17:09 Uhr
palpa

schwindlicht sagte:
das ist sehr schön.

anagramm
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Mag ich Mag ich nicht

0

28.11.2012 - 10:15 Uhr
anagramm

schön mal wieder eine gute kurzgeschichte hier zu lesen.

Chiasmus
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Mag ich Mag ich nicht

0

10.12.2012 - 18:39 Uhr
Chiasmus

Man, man, man... wenn ich nich bald ein ganzes Buch von dir lese, fange ich auch an gegen Geister zu laufen... ; )

Ich werde das Gefühl nicht los, dass sich dein Schreiben verändert und entwickelt hat und ich verneige mich vor dir und dieser Geschichte. Erst "Valva" und dann das hier, was machst du bloß mit mir, katapultierst mich in kürzester Zeit in zwei völlig verschiedene Leben, saugst mich auf und lässt mich atemlos zurück, weil ich mehr mehr mehr lesen will. Krieg ich mehr? Ich will es schwer hoffen!

Und wieder bleibt mir nichts anderes übrig als Danke zu sagen.

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