...auch skatende Seifenblasen platzen. (AKT I)
Ich habe alles hier gehasst. Nicht weil es wirklich schlecht war. Sondern einfach weil ich es mir in den Kopf gesetzt hatte. Mir war alles zu klein, zu langweilig, zu trist, zu eng. Dabei bin ich umgezogen, weil ich genau das wollte: mal was ganz anderes. Natürlich war nie die Stadt das Problem - sondern ich. Weil ich mich nicht von meiner Heimat lösen wollte. Weil sie meine Identität war, mir den Boden gegeben hat, auf dem ich sicher stehen konnte. Und dieser wurde mir mit dem Umzug hierher weggenommen. So dass ich in der Luft hing, nicht wusste in welche Richtung ich weiterlaufen sollte. Aber anstatt das Neue in die Arme zu schließen und unbeschwert die Beine baumeln zu lassen, habe ich mich eingesperrt. Wollte niemanden sehen, keine schönen Dinge machen und mich erst recht nicht verlieben. Weil ich sicher war, dass ich hier bald wieder weg sein würde. Mein Antrag auf einen Uniwechsel lag schon im Briefkasten der FU Berlin. Und die Zusage der FU Berlin in meinem.
Und dann bin ich doch in diesen Club gegangen. Ungeschminkt und im Kapuzenpulli. Stand in der Ecke, im Arm meines besten Freundes, habe an meinem Corona genippt und kurz meinen schweren Kopf gehoben. Weggehen? Bleiben? Weglaufen? Bleiben? Und da waren auf einmal diese kristallblauen Augen, die für ein paar Sekunden auf meiner grau-grünen Netzhaut ruhten. Diese blonden Locken, die im Licht der Discokugel tanzten. Dieses rot-schwarz karrierte Hemd, mit dem meine Endorphine Schach gespielt haben. Weggehen? Bleiben? Weglaufen? Stehenbleiben?
Noch in der selben Nacht entschied ich zu bleiben. Nicht für Dich, sondern weil ich mutig sein wollte. Es war Zeit mit dem Weglaufen aufzuhören, für eine Weile stehenzubleiben. Für letzte Überlegungen bin ich runter zum Rhein spaziert. Es war ein sonniger Märztag - noch ein bisschen kalt, aber der Frühling lag deutlich in der Luft. Ich setzte mich auf die Bank direkt am Wasser, in der Hoffnung dass der Fluss meine letzten Zweifel wegspült. Hinter mir übte jemand Skateboard Tricks. Ich konnte das Rollen, Knacken und Klacken ganz deutlich hören. Ich wollte wissen, ob seine Tricks erfolgreich waren und drehte mich um. Und da war es schon wieder – dieses rot-karrierte Hemd, mit dem meine Endorphine noch vor ein paar Stunden im Club Schach gespielt hatten. Wieder guckten diese kristallblauen Augen ganz kurz zu mir rüber, bevor das Brett wieder durch die Luft wirbelte, die blonden Locken einen Leuchtstrahl in der Luft hinterließen und ich wieder auf den Rhein blickte, um Antworten zu finden.
Die Entscheidung stehen geblieben zu sein, gefiel mir immer besser. Ich fühlte mich endlich wieder lebendig und verhielt mich auch so. Mehr und mehr wurde ich wieder ich selbst, war viel unterwegs, lief fröhlich durch die Stadt und schaffte es viel zu lächeln.
Es ist drei Uhr nachts, als ich aus der WG meines besten Kumpels nach hause laufe. Mit großen Kopfhörern auf meinem blonden Haar stehe ich rauchend an der Ampel der großen Kreuzung und wippe zu den Tönen meines I-Geräts auf und ab. Während ich auf das grüne Männchen warte, kommst Du auf der anderen Seite angerollt. Auch Du hörst Musik, hälst in der einen Hand die Kippe, in der anderen das I-Gerät. Obwohl es stockdunkel ist, sehe ich wieder diese kristallblauen Augen kurz zu mir rüberfunkeln. Außer uns ist niemand da. Wir sind ganz alleine in dieser Nacht. Und als es grün wird, ich den ersten Schritt auf den Asphalt setzte, Du dein Board in Gang setzt, läuft alles in Slowmotion. Und als wir für eine Sekunde nebeneinander stehen, drehe ich meinen Kopf ganz leicht zur Seite. Wie schön Du bist.

Ich bin wie immer viel zu spät. Renne die Treppen runter, reiße die Tür auf und stolper auf die Straße. In einer Viertel Stunde fängt meine Schicht im Laden an. Mit schnellen Schritten gehe ich auf die Kreuzung zu, doch werde langsamer, als ich auf der anderen Straßenseite das Rollen höre. Schon wieder?
Es ist der 1.Mai. Wir haben die halbe Nacht im Park gejammt und sind dann durch den Regen nach hause gelaufen. Alle sind müde, und haben eigentlich auf nichts Lust. Außer auf der Dachterrasse zu chillen und die heißen Sonnenstrahlen einzufangen. Es ist ein Hochsommertag. Dann sind wir doch auf das Campus Open-Air gegangen. Ich schleppe meine müden Knochen, und meine heisere Stimme auf die Treppen neben dem großen Brunnen in den Schatten. Sitzen! Durch die Gläser meiner großen Sonnenbrille scanne ich die Menschen in meiner Nähe. Und auf einmal erstarre ich. Im ernst? Du sitzt direkt vor mir, inmitten all deiner Kumpels. Trinkst, rauchst, wirfst eine Frisbee hin und her. Dein blau-weiß gestreiftes Tanktop zeigt deine sehnigen Oberarme. Sie sind schon unverschämt braun für den 1. Mai. Es sind 5000 Menschen hier. Ich kann keinen meiner Freunde finden. Aber Dich habe ich sofort gefunden. Dummes Glück!
Das Semester war wieder voll im Gange. Und wie immer war nicht wenig zu tun. Doch auf einmal war ich unglaublich gerne in der Uni unterwegs. Ich wollte herausfinden, wer Du bist. Wer mein Skaterboy ist, der auf einmal da war und seitdem nicht wirklich verschwunden ist. Irgendwie war ich fasziniert von Dir. Vielleicht weil mir unendlich langweilig war, meine tristen Gedanken nach Abwechslung suchten, mein müder Körper nach Spannung verlangte. Vielleicht aber auch weil es wirklich so was wie Schicksal gibt. Und tatsächlich: wenn ich wie immer viel zu spät über den Campus zu einer Vorlesung renne, schlenderst Du mir entgegen. Jogginghose, Cap und Skateboard. Und wenn ich verkatert von der üblichen Mitwochs-Feierei an der Ampel vor der Bushaltestelle stehe, stellst Du dich auf die andere Seite und guckst. Auf die Ampel? Auf mich? Und was ist das mit uns und Ampeln?! Wir beide rauchen. Und als es grün wird, ich schwerfällig den ersten Schritt auf den Asphalt setzte, Du dein Board in Gang setzt, läuft alles in Slowmotion. Und als wir für eine Sekunde nebeneinander stehen, drehe ich meinen Kopf ganz leicht zur Seite. Wie schön Du auch mit Sonnenbrille bist.
Jetzt hatte ich Dich fest im Kopf. Obwohl ich eigentlich an jemand anderem interessiert war. Also aufrichtig interessiert. Ich glaube, ich war ein bisschen verliebt. Aber trotzdem hatte ich mir fest vorgenommen, etwas zu sagen, wenn ich Dich das nächste Mal sehen würde. Du gefielst mir nämlich auch ziemlich gut. Aber dann sahen wir uns eine Weile nicht. Nur ab und zu auf der Straße, oder im Supermarkt. Aber einen wirklichen Moment gab es zwischen uns nicht mehr. Bis ich benebelt von einem Gespräch mit meinem Schwarm über Liebe aus dem Bus steige. Es war nicht gut und nicht schlecht. Einfach nichtssagend-wie alles mit ihm. Dann höre ich nur noch ein Donnern, und sehe nur noch Asphalt. Ich wurde überfahren. Von Dir und Deinen 15 anderen skatenden Freunden. Und während ich Kieselsteine aus meinem Knie pule, und mit Schimpfwörtern nach Dir schmeiße, grinse ich ziemlich groß in mich hinein. War ja klar!
Ich liege mit einer guten Freundin am Rhein und wir gucken in die Sterne. Ich erzähle viel von dem Jungen, in den ich ein bisschen verliebt bin. Aber auch von Dir - dass da dieser blond gelockte Skater ist, den ich ständig und in den teilweise absurdesten Situationen sehe. Tue aber alles mit: Kleinstadt eben! ab. Wir verabschieden uns und ich hüpfe in Richtung nach hause. Es ist eine wirklich schöne, laue Sommernacht. Und außerdem ist mir der Wein zu Kopf gestiegen. Ich höre auf zu hüpfen, als mein Telefon klingelt. Meine Freundin ruft an und flüstert: Ich glaube, dein Skaterboy steht gerade mit mir an der Bushaltestelle! Ich drehe sofort um, lege auf und sprinte los. Ich komme. Meine Freundin ruft noch mal an: Er ist in weiblicher Begleitung. Blondine. Ich sprinte weiter. Das kriege ich hin! Ich renne um die Kurve und komme keuchend an der Bushaltestelle zum Stehen. Und Du bist es tatsächlich. Auch tatsächlich in weiblicher Begleitung. Aber das stört mich in diesem Moment überhaupt nicht. Denn ich versuche angestrengt zuzuhören, um den Klang Deiner Stimme aufzusaugen und in mein Gehirn einzubrennen. Schließlich höre ich sie zum ersten Mal. Und hoffentlich nicht zum letzten Mal! Dann steigt ihr in den Bus. Und ich blicke Dir hinter her, wie Du weg in die Nacht fährst. Dann klingelt wieder mein Telefon und der Junge, in den ich ein bisschen verliebt bin, ruft an. Warum lachst Du? Ach nichts- ich gucke nur meiner skatenden Seifenblase zu, wie sie durch die Nacht schwebt.
- ...auch skatende Seifenblasen platzen. (AKT II) 28.11.2012
- Carpe Vivem ... Schichsals-Stupser! 09.09.2012
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