21.11.2012 - 23:53 Uhr

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08.

Text: misinform_the_uninformed

Stunden- und tagelang sind die fremden Plätze, die Pflichten, das Aufsichalleingestelltsein, das so ein Arbeitsleben mit sich bringt, mit einer wenige Millimeter dicken Lackschicht aus Weitermachen und Momentleben bedeckt, mit einer ruhigen Alternativlosigkeit. Oder einem Nebel, der das Denken über das Monatsende hinaus abschneidet.
"Dezember?", könnte ich einem Gast in meinem Kopf mit einer vagen Armbewegung deuten. Wie ein Touristenführer auf dem Hauptplatz dieser Stadt den Arm Richtung Krämpfervorstadt schwenken würde, in Richtung wolkenverhangenem Osthimmel. "Dezember, der liegt da drüben!", und schnell etwas über ein anderes Gedankengebäude erzählen, ehe unangenehme Fragen über ein Gebiet auftauchen, dessen Geschichte dem nur notdürftig informierten Guide nicht angelesen ist.
Er ist schlicht nicht Teil dieser Tour. Schrieb ich, dass nur das schwer ist, was bleibt, nie das, was im steten Verschwinden begriffen ist? Und ehe jemand Auskünfte verlangt, müsste er mir mindestens etwas zahlen. Ein Gehalt für diesen unbekannten Monat zum Beispiel. Oder ein paar Sätze in Präteritum aus weiblicher Hand und einen Kuss. Mehrere.

So ist es, bis ich Dienstagabend das alte, schnurlose Siemens-Telefon dieser Wohngemeinschaft in die linke Hand nehme und mit dem Daumen eine Nummer eintippe, die mit 08... beginnt; die schwarz auf neongrün auf dem Display erscheint und mit diesem Anblick - lange besaßen meine Mutter und ich; eher sie; ein solches Telefon - ein paar lose hängende Drähte in meinem Gehirn kurzschließt. Dann schwindelt für einen Moment der Raum, ich denke: "ein Ferngespräch!", denn so war das damals, in den 90ern, und in der nächsten Fehlverdrahtung tauchen die Momente auf, als mit unsicherer Hand auf groben Plastiktasten gewählte 08er Nummern wirklich Ferngespräche waren; die Soutterainzimmer meines Vaters in der Schweiz, ein mai-staub-trockenes Schullandheim im Bayerischen Wald. Das Gefühl allein zu sein in fremder Umgebung und nur ein kleiner Raum hautumspannter Abhängigkeit fern seiner Bezugspunkte.

Am anderen Ende hebt niemand den Hörer ab, ich lege das Telefon zurück in die Ladestation; nicht ohne mich im kalten Korridorlicht gleich auch noch zu wundern wie viele Formen von Wohnungseinrichtungen es gibt, die mir fremd und unverständlich sind.
Schließe hinter mir die Zimmertür, setze mich auf das zwischengemietete Bett in dem kleinen Zimmer, in dem nichts was mir gehört nicht in einer halben Stunde zusammengepackt wäre.
Nehme wieder das Buch in die Hand und denke: "Gut, so ist es, Glück ist es nicht, aber mein Sein reicht mittlerweile aus, um die Räume und Städte mit meinen eigenen Gedanken zu füllen und nichts so schmerzlich zu vermissen, dass nicht alles in Ordnung wäre, mit einem bisschen Nebel am Horizont und einer kargen Aufgabe. Vermutlich bin ich erwachsen. Oder etwas ähnliches. Wer weiß das schon."

Lege das Buch wieder ab und schreibe einen Text. Die Finger auf abgegriffener eigener Tastatur, die Ellbogen eng auf fremder, weißer Schreibtischplatte, die warm ist von meiner eigenen Haut.


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6 Kommentare
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asphaltfruehling
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Mag ich Mag ich nicht

1

20.11.2012 - 22:19 Uhr
asphaltfruehling

ich kenne das dezembergefühl. und ich mag diesen text, weil er wortgewordenes dezembergefühl ist.

no_twist
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Mag ich Mag ich nicht

1

21.11.2012 - 00:22 Uhr
no_twist

.

Kienlea
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Mag ich Mag ich nicht

1

21.11.2012 - 09:08 Uhr
Kienlea

Trostlos und doch der Hoffnungsschimmer am Ende des Textes... . Klingt nach Adventszeit und ist mir nach dem Gefühl her sehr bekannt.

Loseyan
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Mag ich Mag ich nicht

1

21.11.2012 - 13:11 Uhr
Loseyan

"dezember, der liegt da drüben!" und dann die passende gestik und mimik und der tonfall dazu. ja, genau so. lass uns stadtführungen anbieten.

misinform_the_uninformed
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Mag ich Mag ich nicht

1

21.11.2012 - 22:52 Uhr
misinform_the_uninfor…

aber hallo stadtführungen! und wehe, jemand fragt nach dem falschen gebäude...

Loseyan
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Mag ich Mag ich nicht

0

21.11.2012 - 23:48 Uhr
Loseyan

dann wird trotzdem die dezember-geste gebracht.

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