Inhaltsbusting.
Gestern haben die Piraten in Niedersachsen ihre Kampagne vorgestellt, mit der sie im Januar in den Landtag einziehen wollen. Neben teilweise schon bekannten Plakaten, die auf die Ziele der Piratenpartei hinweisen, wurden auch eine Reihe von Motiven gezeigt, die Slogans und Design der Werbung von Großunternehmen persiflieren. Diese Wahlkampfplakate stehen unter dem Motto: "Lies das Wahlprogramm, alles andere ist Werbung."
Zugegeben, die Idee ist an sich aufmerksamkeitsstark und im Bereich der Parteienwerbung eher ungesehen. Das ist durchaus sympathisch – denn was ist heutzutage wichtiger als Aufmerksamkeit zu bekommen – nun gut: vielleicht Wähler. Und hier setzt meine Kritik an den Motiven an:
1. Ich habe mal gelernt, dass Plakate aus sich selbst kommunikativ funktionieren müssen. Das macht aber keins der Motive. Der Betrachter versteht den Witz und die Ironie dahinter nur in Verbindung mit der übergeordneten Idee: "Lies das Wahlprogramm, alles andere ist Werbung." Alleine sind die Plakate eben nur eine Persiflage - mal mehr mal weniger gelungen - auf die Werbung von Katzenfutter, Halbfett-Margarine oder ähnlichen Dingen des alltäglichen Bedarfs. Die Motive sind dann einfach inhaltsleer, man fragt sich: Warum verbinden die Piraten Politik mit der Kommunikation von McDonalds? Wie stellt man die Verbindung von "Entdecke die Möglichkeiten" zu "Entdecke dein Wahllokal" er - und warum? Außerdem stelle ich mir die Frage, warum man die Auflösung des ganzen, also den Satz "Lies das Wahlprogramm, alles andere ist Werbung" nicht in die Motive integriert hat, denn dann hätte der Betrachter das Motiv richtig decodieren können. Ansonsten bleibt eher nur ein halb garer Scherz, den man viel zu oft erzählt. Denn durch die Vielzahl der ideenkopierer.de Motive werden meiner Meinung nach die anderen Motive und Ziele der Piraten in den Hintergrund gedrängt. Ist die Aussage, dass Wahlprogramm zu lesen so wichtig? Wäre es nicht viel wichtiger einzelne Themen aus dem Programm zu kommunizieren, weil sowieso die meisten Menschen kein Wahlprogramm lesen werden?

2. Da komme ich zu meinem nächsten Kritikpunkt: Werbung - und auch Parteienwerbung - verdichtet Aussagen und bringt sie auf den Punkt. Es ist doch gerade die Kunst der Kommunikation aus einem 100-seitigen Programm fünf Sätze zu filtrieren, die genau dafür stehen, was die Partei erreichen will: und zwar die Herzen und die Köpfe der Menschen in Niedersachsen. Oder Deutschland. Diese Chance wird vertan, weil man sich L’art pour l’art an sich selbst berauscht und aus einer Motiv-Idee den Kern einer Kampagne macht. Für mich persönlich ist die Aussage: "Lies das Wahlprogramm, alles andere ist Werbung" ein einziges gutes Motiv. Aber doch nicht sechs oder sieben. Der Witz ist doch längst auserzählt und muss nicht total ausgewalzt werden. Für einen guten Scherz werden wichtige Inhalte der Piratenpolitik in den Hintergrund gedrängt. Alle sprechen jetzt über Milka, Ikea oder Whiskas - und nicht erst über die Piraten.
3. Ein weiterer wichtiger Kritikpunkt: Die Piratenpartei macht indirekt Werbung für äußerst sympathische Großkonzerne wie die Vegetarierfreunde von McDonalds, einen Weltkonzern mit Herz wie Unilever oder den Ex-Arbeitgeber von DDR-Häftlingen IKEA. Dies alles sind Unternehmen, die gerne Geld verdienen dürfen, aber nicht unbedingt auf politischen Plakaten stattfinden müssen. Denn die Piraten nutzen deren Claims für durchaus positive Botschaften wie: "Ich wähle es." oder "Wählen ist geil". Auch wenn die Intention dahinter eine gute ist, so sind Großunternehmen nicht das richtige Vehikel, um politische Botschaften unters Wählervolk zu streuen. Gleichzeitig entsteht die Gefahr, dass unbedarfte Betrachter der Motive die Piraten mit diesen Firmen verbinden. Hat die Piratenpartei etwa was mit McDonalds zu tun? Die werben ja schließlich mit deren Logo und Slogan. Und nicht zuletzt wird meines Erachtens Politik banalisiert, wenn ich sie mit flotten Werbesprüchen kombiniere. Zwar ist dies ja genau die Absicht der Macher, aber da - wie oben schon beschrieben - die auflösende Idee auf den Motiven selbst nicht zu finden ist, kann dies niemand auf einen Blick decodieren. Zudem bieten die Motive cleveren Werbeagenturen (die von McDonalds ist bestimmt clever) die Chance, mit den Motiven der Piraten zu wählen: Auf das "Ich wähle es" Motiv würde ich einfach kleben: "Maxi-Menü nur 3,99 Euro – jetzt bei McDonalds". Wer will das ernsthaft?

4. Die Piratenpartei in Niedersachsen hat es mit den Werbe-Motiven geschafft, dass wieder nur über die Form ihrer Politik gesprochen wird und weniger über deren Inhalte. IKEA will vielleicht gegen die Verwendung des Logos klagen, VW beobachtet die weitere Entwicklung und überhaupt machen sich Piraten über das Urheberrecht lustig, weil sie es ja abschaffen wollen (was nicht stimmt). Aber warum differenzieren, wenn die Piraten Niedersachsen den Medien wieder eine Steilvorlage liefern, einfach wieder Vorurteile loswerden zu können. Genau das sollte doch nicht passieren.
5. Fehlt mir eine wirkliche Strategie bei der Kampagne. "Lies das Wahlprogramm, alles andere ist Werbung" kann es ja wohl nicht sein. Aber gerade der Satz bleibt als zentraler bei allen hängen und wird über die Medien weiter verbreitet, denn für die haben nur die Ideenkopierer-Motive Nachrichtenwert. Also werden viele andere wichtige Forderungen in den Hintergrund gedrängt und es bleibt hängen: die Piraten meinen, man sollte mal deren Wahlprogramm lesen.
Vielleicht mach ich das sogar gleich mal.
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Übrigens, ein Plakat fehlte in der Auflistung: Die Greenpeace-Variante mit "Rettet die Wahlen."
und außerdem gibt es wieder ein paar blau-weiße zeitgenossen, die schnell mal ihre meinung abwerfen. ich liebe es.
ich finde die kritik von synthi samt roma richtig: man verstärkt den systemquatsch, gegen den man angeblich antritt.
der treppenwitz ist allerdings, daß s&r in seinen satiren ebenso arbeitet.
Natürlich ist es Werbung. Das soll es sein. Das soll es vorallem verdeutlichen.
Wahlplakate sind immer inhaltsleer. Und diese Praxis ändert sich nicht dadurch das man inhatlsreiche Plakate dagegenhält. Das haben wir schon einmal versucht. Bürger freuen sich, aber es ändert nichts an der allgemeinen Praktik.
Diese Aktion spitzt den Status Quo in der deutschen Parteienwahlplakatslandschaft zu und übertreibt es. Im Grunde ist diese Aktion also Satire. Sie zeigt uns durch platte Offensichtlichkeit wie es eigentlich überall ist.
Und nur um das noch anzumerken: Nein es ist keine Kunst ein Wahlprogramm auf 5 knappe Sätze zu verdichten. Das nämlich genau geht nicht. Da bleiben nur noch Behauptungen übrig. Und dieses SchöneWelt-Geseier soll mehr Inhalt sein als dieses hier?
Ich bitte sie! Und kontere zugleich mit "Wir haben die Kraft!"
oder "Sie wissen was sie wählen." und ähnlichem Gedöns. Das soll besser sein? I think not.
Im Übrigen zu 5.: Ihnen fehlt die Strategie der Kampagne? Wieso? Hat doch funktioniert! Sie wollen plötzlich vielleicht doch mal das Wahlprogramm lesen.
Haben sie jetzt gar nicht gemerkt oder wie?
Übrigens nicht nur das der Piraten.
Der Spruch ist bewusst allgemein und neutral gehalten. Es heißt eben nicht "unser Wahlprogramm lesen". Man soll auch wissen was die Spaßvögel die man sowieso immer wählt eigentlich auch genau wollen.
Schaden kanns ja wohl nicht.
cityman sagte:
Und keine Angst, so genannte Themenplakate wird es auch noch geben. Upps, habe ich jetzt ein Geheimnis geleakt...?
... auch zu Themen, die nicht mit Shitstorms innerhalb der Piratenpartei zu tun haben?
Ach so, andere Theman gibt's da ja gar nicht, mit denen man werben könnte. :-)
Man vergleiche mal diese Plakate mit denen aus dem Wahlkampf in Schleswig-Holstein, wo sofort die Piraten erkennbar waren und aber auch ein Bezug zu Landesthemen im Vordergrund stand (HSH Nordbank als Motiv mit dem Talking Point Transparenz z.B.). https://wiki.piratenpartei.de/Plakat/Vor...
Ich denke schon, dass man gewisse Inhalte transportieren kann und muss, vor allem was Landesthemen betrifft, sonst braucht man ja auch gar keine Plakate aufzuhängen. das wäre sicher noch "genialer".
Es ist doch gerade die Kunst der Kommunikation aus einem 100-seitigen Programm fünf Sätze zu filtrieren, die genau dafür stehen, was die Partei erreichen will: und zwar die Herzen und die Köpfe der Menschen in Niedersachsen. Oder Deutschland.
Hat das irgendein Wahlplakat schon mal geschafft?
Gibt es da gelungene Beispiele für?









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20.11.2012 - 15:24 Uhr
cityman
Und ein Plakat findet leider gar keine Erwähnung: Die Greenpeace-Variante "Rettet die Wahlen".
Und keine Angst, so genannte Themenplakate wird es auch noch geben. Upps, habe ich jetzt ein Geheimnis geleakt...?