16.11.2012 - 18:30 Uhr

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Bei den Vor(wellen)reitern

Text: christian-helten - Fotos: chrstian-helten; O'Neill


Santa Cruz Local Daryl "Flea" Virostko.

Die Westsiders mögen nicht freundlich zu Fremden sein. Aber sie waren ersten, die hohe Airs mit Drehungen sprangen und damit eine Entwicklung in Gang setzten, deren Ergebnis bei Contests wie dem Cold Water Classic zu sehen ist: So oft es die Wellen erlauben, setzen die Surfer zu meterhohen Sprüngen an; denn dafür gibt es mittlerweile die meisten Punkte. Wieder eine Revolution made in Santa Cruz.  

Einer der Jungs neben Flea und Jason Collins trägt kurze Hosen und weiße Socken. Unter dem linken zeichnet sich ein dicker, klumpiger Ring ab. Anthony Ruffo, ehemaliger Surfprofi aus Santa Cruz, wurde im Februar wegen Drogenhandel verurteilt, erst vor ein paar Tagen durfte er das Gefängnis verlassen, wird aber immer noch mit einer elektronischen Fußfessel überwacht. Die Surfszene in Santa Cruz begann in den Neunzigern, sich mit der Drogenszene zu überschneiden. Vor allem Crystal Meth ist immer noch ein Problem. Die Westside mit ihren hübschen Häuschen bekam irgendwann den Beinamen „Methside“. Am tiefsten in den Drogensumpf geriet wohl Flea. Vor drei Jahren lieferte er sich selbst in eine Drogenentzugsklinik ein. Er war süchtig nach Crystal Meth gewesen, trank wie ein Besinnungsloser. Die Wellen vor seiner Tür interessierten ihn kaum noch. „Ich habe von 2006 bis 2008 durchgefeiert. 2007 habe ich angefangen, Meth zu nehmen. Täglich.“ Binnen kurzer Zeit war Flea von einem weltweit angesehenen Surfer, der 15-Meter-Wellen ritt und drei Mal den prestigeträchtigen Big-Wave-Contest in Mavericks eine Stunde nördlich von Santa Cruz gewonnen hatte, zu einem Drogenwrack geworden. Er war selten nüchtern, belog und verlor seine Sponsoren, häufte Schulden an, fiel im Rausch von einer Klippe und zog sich einen komplizierten Bruch zu. Nach gutem Zureden seiner Familie lieferte er sich schließlich selbst ein.  

Fleas große Big-Wave-Karriere ist jetzt vorbei, er sieht verlebt aus, sein Reichtum ist längst verbraucht. Er verdiente mal 12.000 Dollar monatlich, erzählt er einen Tag nach dem Contest an einem Strand etwas weiter nördlich. Momentan schlägt er sich mit verschiedenen Jobs durch und arbeitet an der Umsetzung eines neuen Traums: dem Fleahab. Der Name ist eine Mischung aus seinem Spitznamen und der englischen Bezeichnung für Entzugskliniken. Flea will Drogenabhängigen in seiner Stadt helfen. Neben dem normalen Entzugsprogramm sollen sie sich bei ihm täglich auspowern können. „Ich habe 17.000 Dollar bezahlt, um mein Leben zu ändern. Aber ich konnte in dieser Zeit nicht raus, das war die Hölle. Ich wollte deshalb etwas schaffen, wo Leute mit Drogenproblemen etwas tun können, das sie abends müde ins Bett fallen lässt. Das muss nicht zwangsläufig surfen sein. Fast jeder hat irgendeine Sportart gerne gehabt, bevor Alkohol und Drogen sein Leben übernommen haben.“ Momentan besucht Flea seine „Klienten“ fast täglich und nimmt sie mit an den Strand. Er hofft, bald ein Haus für sie mieten zu können, wo sie in einer drogen- und alkoholfreien Umgebung leben können und er sich täglich um sie kümmern kann.  

Flea blickt aufs Meer. Er hat etwas entdeckt, ein paar größere Wellen rollen langsam in die Bucht. „Eins..., zwei...., drei“, zählt er langsam und reckt den Hals. Es sind die ersten Wellen, die ein neuer Sturm von weit draußen auf dem Pazifik Richtung Küste geschickt hat. Spätestens morgen werde es hier gut sein, sagt Flea. Er wird schon jetzt ein bisschen ungeduldig. Er steht auf und setzt sich auf sein Fahrrad. Er wird jetzt noch an seinem Lieblingsspot vorbeifahren, dem Ort, an dem er und seine Freunde niemand anderen dulden. Die Top-Surfer ziehen nach dem Contest wieder weiter. In Santa Cruz wird der Hunger nach Wellen deswegen nicht kleiner. 
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