14.11.2012 - 18:30 Uhr

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Milde gesagt: Unerklärlich

Text: daniel-koehler - Foto: dapd

Schmuse-Rapper Xavier Naidoo und Kool Savas haben zusammen eine Platte gemacht. Darauf: Ein versteckter Song mit ziemlich fragwürdigen Zeilen. Jetzt gab es deswegen eine Anzeige gegen die beiden - ein guter Anlass, um mal darüber nachzudenken, was hinter dem seltsamen Vorfall steckt, findet unser Autor.



Vier Wochen lang schlummerte ein Song auf „Gespaltene Persönlichkeit“, der aktuellen Platte von Xavas, ohne dass sich jemand dafür interessierte. Kein Wunder, der Song war ein "Hidden Track", versteckt, ganz am Ende der CD-Laufzeit. Der Inhalt: Behauptungen über satanistische Kindsmorde einer weißen Machtelite, die angeblich in ganz Europa stattfinden sollen. Dazu Drohungen, die Kinderschänder und Homosexuelle gefährlich nah nebeneinander stellen und auf die der krude Ruf „Wo sind unsere Führer?“ folgt. Vier Wochen lang interessierte sich niemand so richtig dafür, bis gestern die Linksjugend Strafantrag gegen Kool Savas und Xavier Naidoo stellte. Ihr Vorwurf: Homophobie, Aufruf zu schwerer Körperverletzung, Totschlag und Volksverhetzung. 

Presse, Blogs, Twitter, Facebook: Die Empörungsmaschinerie läuft an, sie tut das auch zu Recht, verliert sich aber meist gleich in Stereotypen: Rapper ist gleich gewalttätig, stumpf und schwulenfeindlich. Das Duo Xavas hat mit seinem, milde gesagt, unerklärlichen Song mehrere dieser Klischees bedient. Unerklärlich, weil ein Text über satanistische Kindsmorde Fragen aufwirft, derer Beantwortung sich die Künstler entziehen. Unerklärlich, weil sie aktuell durch Androhung von Interviewboykotts in Richtung kritisch berichtender Medien den Status „Missverstandener Künstler“ überstrapazieren. Unerklärlich, weil der Song versteckt wurde – nicht nur auf der CD selbst, sondern auch vor der Presse: Auf den Vorabversionen, die als Interviewvorbereitung verschickt wurden, war der Song nicht enthalten. Dieses Versteckspiel der Künstler macht zu Recht skeptisch, und lädt dazu ein, eben jene Stereotypen zu bemühen: Gewalttätig. Stumpf. Schwulenfeindlich. Es genügen ja ein paar Zeilen aus Kool Savas’ Vergangenheit , um zu zeigen: das hier, das ist ein ganz schlimmer Finger. Dass Savas aber mittlerweile gänzlich andere Themen anspricht – nee, lass mal.

Fakt ist: Künstler haben das grundsätzliche Recht, über das zu singen, wonach ihnen der Sinn steht. Fakt ist aber auch, dass Songs rezipiert werden, und dass diese Rezeption Fragen aufwirft, die beantwortet werden wollen. Das muss diesen gestandenen Künstlern, besonders aber Xavier Naidoo klar sein. Wer sich wie er derzeit laufend via Fernsehschirm in bundesdeutschen Wohnzimmern aufhält, kennt die eigene Fallhöhe und die Medienklaviatur sehr gut. Die Kontroverse um den Song besteht aus mehr als den Fragen: Ist das schwulenfeindlich? Ist das ein Aufruf zur Selbstjustiz? Ist das mit der Menschenwürde zu vereinbaren? Es muss ebenso hinterfragt werden, wie ein komplettes Verwertungssystem, bestehend aus Produzenten, Managern, Verlegern, Promotern und Plattenfirmen, allesamt – ob kalkuliert oder nicht - „Ja“ zu diesem Song sagen konnte, und ihn somit produzieren ließ?

Klar, die im Song enthaltenen Textzeilen und die Gesinnung dahinter sind allesamt komplett abzulehnen. Die Anzeige der Linksjugend wird vermutlich juristisch nicht haltbar sein, aber sie ist ein gangbarer Weg in Richtung inhaltsgetriebener Debatte. Nur besteht der Inhalt eben nicht nur aus der Interpretation einzelner Textzeilen. Den Finger in eine Richtung zu zeigen reicht nicht aus, weder für die Ankläger noch für die Angeklagten. Denn klar ist auch: die Kontroverse bezieht sich explizit nicht auf ein HipHop-Phänomen, sondern auf eine gesellschaftliche Strömung, diesmal transportiert durch HipHop. So bleibt zu befürchten, dass diese Kontroverse nur einen Gewinner hervorbringen wird: jene Gruppe im Web, die an die wirre Theorie dieser Kindsmorde glaubt und die Xavas bejubelt, weil sie vermeintlich endlich aussprechen, was viele insgeheim denken. Und damit ist ja nun wirklich keinem geholfen.        

Daniel Köhler ist langjähriger Autor des Hiphop-Fachblatts Juice und Chef vom Dienst bei Radio Fritz.



Nachtrag: Es gibt ein aktuelles Statement der beiden auf xavas.com


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wollmops
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Mag ich Mag ich nicht

23

14.11.2012 - 18:35 Uhr
wollmops

Seit 20 Jahren warte ich darauf, dass der Welt endlich klar wird, was Xavier Naidoo für ein Vollidiot ist.

dunkelziffer
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Mag ich Mag ich nicht

4

14.11.2012 - 19:28 Uhr
dunkelziffer

Egal, ob die Textpassagen nun aus dem Kontext gerissen sind oder nicht - eine Sache wird völlig außer Acht gelassen:

Der Text ist einfach nur vollkommener Bullshit.

Ich bin auch gerne dazu bereit, mich vom Gegenteil überzeugen zu lassen, allerdings muss mir dann jemand erklären, was an

Ich schneid euch jetzt mal die Arme und die Beine ab, und dann ficke ich euch in den Arsch [...]
Ihr tötet Kinder und Föten und ich zerquetsch euch die Klöten


lyrisch, musikalisch oder auch poetisch wertvoll sein soll. Geht Naidoo demnächst mit Bushido auf Tour?

Und
"Wo sind unsere Helfer, unsere starken Männer, wo sind unsere Führer, wo sind sie jetzt?"

könnte auch von den frühen Onkelz, Freiwild oder irgendeiner anderen austauschbaren Dorfjugendkapelle kommen.

Das ganze Theater bestätigt meine Sicht auf die deutsche Musiklandschaft: Bis auf wenige Ausnahmen machen die Deutschen die beste Musik, wenn sie dabei die Klappe halten.

Und um noch ein wenig Stereotypen zu bedienen: Wenn Rap und christlicher Fundamentalismus zusammenfinden, kann nur Homophobie dabei herauskommen.

koikarpfen
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Mag ich Mag ich nicht

-2

14.11.2012 - 19:57 Uhr
koikarpfen

Zugegeben, die Texte sind primitiv, aggressiv und hetzerisch - gegenüber Pädophilen.. Darin Homophobie zu erkennen, bedarf aber schon einer sehr seltsamen Phantasie.

wollmops
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Mag ich Mag ich nicht

15

14.11.2012 - 20:12 Uhr
wollmops

koikarpfen sagte:
Zugegeben, die Texte sind primitiv, aggressiv und hetzerisch - gegenüber Pädophilen.. Darin Homophobie zu erkennen, bedarf aber schon einer sehr seltsamen Phantasie.

*setzt Lesebrille auf*
*hüstelt*
*verliest*
Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist?


noja. Schon nicht grad ultraverständnisvoll.

Henriettesbimmelbahn
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Mag ich Mag ich nicht

0

14.11.2012 - 21:10 Uhr
Henriettesbimmelbahn

aha. Was ein Käse. Die Texte waren Solid schon weit länger bekannt, aber dass das Fachblatt "Juice" erst jetzt davon mitbekommt, liegt natürlich an den urgemeinen Tricksereien der Beiden?

Hip-Hop an sich ist ja nicht Homophob, sondern bloß die Leute, die das machen? ernsthaft?

Wo sind denn dann bitte die ganzen anderen Rapper, die sich davon distanzieren, wenn Eminem mal wieder eine seiner irrelevanten Platten rausbringt? Oder Kendrick Lamar mich von "Bitches" und "Hos" zuschwallt? Ist das alles nur so ne Randerscheinung? Dieser Relativierungs-Blödsinn wenns um die, für einige heilige Kuh Hip Hop geht, macht mich langsam richtig wütend.
Und über die Macht und die Wirkung des Wortes, bzw. solcher Musik brauche ich doch mit einem Hip-Hop-Experten nicht ernsthaft diskutieren, oder?

alces
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2

14.11.2012 - 21:56 Uhr
alces

Xavier Naidoo hätte man schon vor Jahren wegen Volksverhetzung anklagen sollen, so wütend wie mich sein Gesülze macht.

Andererseits ist auch die Linksjugend "solid" ein Dreckshaufen. Daher: egal.

clnet
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Mag ich Mag ich nicht

0

14.11.2012 - 22:01 Uhr
clnet

Ist das nicht ganz normale Rap-Folklore, sowas?
Nicht alles was widerwärtig ist, ist auch strafbar.

alces
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Mag ich Mag ich nicht

1

14.11.2012 - 22:31 Uhr
alces

clnet sagte:
Ist das nicht ganz normale Rap-Folklore, sowas?
Nicht alles was widerwärtig ist, ist auch strafbar.


Nun, es scheint so, als ob aus Sicht von solid schwul "person of colour" sticht (hihi), was die Trümpfe im großen Kartensatz der von bösen weißen hetero-Männern unterdrückten Minderheiten betrifft. In gewisser Sicht wohl ein Fortschritt.

bangshou
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Mag ich Mag ich nicht

0

14.11.2012 - 23:36 Uhr
bangshou

Böse weiße alte reiche heteronormative Männer.

JoergAuch
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Mag ich Mag ich nicht

0

15.11.2012 - 10:49 Uhr
JoergAuch

wollmops sagte:
Seit 20 Jahren warte ich darauf, dass der Welt endlich klar wird, was Xavier Naidoo für ein Vollidiot ist.

Haha, sowas wollte ich auch gerade schreiben. Gutt dass du es schon getan hast.

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daniel-koehler offline

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