Fünfzig Meter Nicht-Ort
Das Schönste an Unterführungen ist, sie hinter sich zu lassen. Unangenehm einsam ist es dort - wäre da nicht die Bavaria. Ein Streifzug durch und einige Gedanken über die leicht angeschmuddelte Welt unter den Straßen Münchens
Eines Tages zog die Bavaria in der Unterführung ein. An die Wand gemalt von einem Graffiti-Sprayer, der wohl von Heimatgefühlen überwältigt worden war. Ausgerechnet das luftigste Wahrzeichen Münchens versetzte er in einen Keller der Stadt, als wollte er denen, die hier im Dämmerlicht die vier Spuren der Landshuter Allee unterqueren, noch eine Ahnung von der schönen Welt oben mitgeben. Denn das ist eigentlich das Einzige, was man mit Sicherheit über Unterführungen sagen kann: Sie sind nicht schön. Sie sind eigentlich gar nichts. Gehhilfen eben, wenn es oben keine Ampel gibt und die Stadtplaner ausgerechnet haben, dass trotzdem eine relevante Menge Passanten an den Ufern der Straßen stehen wird und sich sehnlichst hinüberwünscht. Der Weg dorthin ist dann reine Passage, fünfzig Meter Nicht-Ort, niemand verweilt hier, im Gegenteil, wir gehen schneller durch die Unterführung und erst zurück auf der Erdoberfläche wird wieder flaniert, gebummelt, Nase gebohrt. Kein Kiosk, keine Automaten, nicht mal Werbeplakate gibt es da unten, was in einer übersiedelten Stadt wie München schon erstaunlich ist.Aber die durchschnittliche Unterführung ist eben unattraktiv und auf wundersame Weise stets gleich angeschmuddelt, selbst wenn gerade die Straßenreinigung da war. Eine Backsteinhöhle, ein verschmierter Fliesengang ist das, in dessen Ecken immer ein paar alte Blätter liegen, egal zu welcher Jahreszeit, unbedingt auch Reste einer Bierflasche und auf die Treppenstufe hat jemand gekotzt, gestern vielleicht oder schon vor Wochen. Es riecht, man kann es nicht anders sagen, natürlich auch immer nach Notdurft. Würde es auf einmal nach Bratapfel riechen, wäre das höchst verdächtig.
Wir vermeiden in der Unterführung also das Luft holen, genau wie Blickkontakt oder zu lautes Absatzklappern. Denn natürlich hat eine Unterführung in unserer Wahrnehmung eine hauseigene Kriminalitätsrate, viermal so hoch wie im Rest der Stadt. Einmal unten sitzt man in der Falle, das weiß jeder, der rund um den Jahreswechsel mal da war und von Zigarettenbürscherln einen Kanonenschlag mit hinunter bekam. Danach sucht man ein halbes Jahr lang die nächste Ampel. Weil es so hallt in der Unterführung, klingt eben auch jeder Schritt hinter uns nach Meuchelmörder und jeder Flötist, der hoffnungsvoll ein paar Euro verdienen möchte, ist bald genervt vom eigenen Echo und sucht das Weite. Auch weil eine Unterführung, im Gegensatz zur U-Bahn-Station, ja gut mal eine halbe Stunde ohne Laufkundschaft da liegt.
In Berg am Laim gab es mal eine besonders schäbige Unterführung, in der ein Akkordeonspieler einen Winter lang Station machte. Er funktionierte wie ein Bewegungsmelder, wann immer ein Passant die Treppe hinunter kam, legte er los und vertonte jeden Schritt bis der Passant wieder ans Licht kam. Die Bavaria unter der Landshuter Allee macht keine Musik, aber man ist dort immerhin nicht mehr ganz alleine. Neulich waren sogar Jungs unten und haben einen Fußball gegen die Wand gedonnert, immer abwechselnd. Vielleicht verabreden sie sich ja bald „in der Unterführung“ und schon wäre aus dem Nicht-Ort ein Ort geworden.
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15.11.2012 - 12:22 Uhr
SabineWoo
Nur ein paar Absätze in deinem Text wären für den Leser hübsch... :)