13.11.2012 - 18:43 Uhr

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"Viele talentierte Leute gehen für die Forschung verloren"

Text: juliane-frisse - Foto: Uni Bielefeld

Wer nach dem Studium an der Uni bleiben will, steht vor einer unsicheren beruflichen Zukunft. Der "Herrschinger Kodex" soll das ändern. Ein Interview mit der Doktorandin Wiebke Esdar, die ihn mitentwickelt hat.

Wer nach dem Studium an der Uni bleiben und forschen will, steht vor einer unsicheren beruflichen Zukunft. Damit sich das ändert, haben Doktoranden in Zusammenarbeit mit der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft einen Leitfaden für Hochschulen und Forschungseinrichtungen erarbeitet: den Herrschinger Kodex, der am Donnerstag vorgestellt wird. Wiebke Esdar, Doktorandin an der Uni Bielefeld, hat den Kodex mitentwickelt. Gleichzeitig promoviert sie über „Zielkonflikte von Nachwuchswissenschaftlern am Arbeitsplatz Hochschule“.

jetzt.de: Wiebke, mit dem „Herrschinger Kodex“ wollt ihr die häufig prekäre Situation von Nachwuchswissenschaftlern an den Hochschulen verbessern. Unter welchen Bedingungen promovierst du denn?  
Wiebke Esdar:
Meine Situation ist so, dass ich während meiner Doktorarbeit zuerst ein Jahr lang in einem Forschungsprojekt gearbeitet habe. Inzwischen habe ich ein Stipendium von der Hans-Böckler-Stiftung und nebenbei noch eine Viertelstelle an der Uni mit doppeltem Lehrdeputat, das heißt, ich lehre zwei Semesterwochenstunden, was eigentlich einer halben Stelle entspricht. Das Stipendium ist auf maximal drei Jahre befristet, die Stelle inzwischen zum zweiten Mal auf ein Jahr.  

Wiebke Esdar

Geht es dir damit im Vergleich zu anderen Doktoranden eher gut oder eher schlecht?  
Ich glaube, ich bin der Normalfall. Das zeigen auch die Statistiken. Typisch ist, dass ich ganz unterschiedliche Finanzierungsformen habe, dass meine Stelle immer wieder befristet wird und auch, dass ich ein Stipendium bekomme. Immer mehr Doktoranden sind Stipendiaten.  

Ist das nicht eine positive Entwicklung, wenn ein Stipendium Doktoranden ermöglicht, sich auf ihre Promotion zu konzentrieren?
Ein Stipendium hat den Nachteil, dass man keine Sozialabgaben leistet, also zum Beispiel noch keine Rentenbeiträge zahlt, und wenn man nach der Dissertation arbeitslos wird, hat man auch keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld. Außerdem muss man sich als Stipendiat, der nicht übermäßig viel Geld bekommt, von diesem Stipendium auch noch krankenversichern.    

Mit dem Herrschinger Kodex wollt ihr bessere Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft erzielen. Welche Probleme haben Nachwuchswissenschaftler? 

Natürlich haben wir zwar das Glück, dass wir uns mit etwas beschäftigen können, das uns sehr interessiert. Die Entscheidung für die Forschung ist in der Regel aber eine Entscheidung für prekäre Arbeitsbedingungen. Erstens ist da vor allem die unsichere Berufsperspektive durch die verbreiteten Befristungen zu nennen. Nur zwei Prozent der Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiter, also diejenigen, die keine Professur haben, fallen nicht unter das Wissenschaftszeitvertragsgesetz, sind also unbefristete Stellen. Außerdem sind die Laufzeiten der unbefristeten Stellen häufig sehr kurz: 53 Prozent aller wissenschaftlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen haben einen Vertrag mit einer Laufzeit von unter einem Jahr. Ein zweiter Punkt ist die Bezahlung im Verhältnis zur geleisteten Arbeit. Laut Vertrag ist der Stundenlohn zwar gar nicht so niedrig. In der Realität ist es aber so, dass viele zwar etwa eine halbe Stelle haben. Deswegen können sie aber nicht am Mittwochmittag den Computer herunterfahren. Sondern es wird häufig stillschweigend erwartet, dass 40 Stunden oder noch mehr gearbeitet wird.  

Ist die Situation von Doktoranden in allen Fächern so prekär oder gibt es Unterschiede?

Es gibt deutliche Fächerunterschiede, die sich daraus ergeben, wie der außeruniversitäre Arbeitsmarkt aussieht. Verallgemeinernd kann man sagen, dass es zum Beispiel in den Ingenieurswissenschaften und den Naturwissenschaften mehr volle Stellen gibt als in den Geistes- oder den Sozialwissenschaften.  

Wie soll der Herrschinger Kodex das ändern? Was fordert ihr?
Wir fordern grundsätzlich, dass es sichere, berechenbarere Karrierewege geben muss und sich die Arbeitsbedingungen verbessern. Zum Beispiel, dass berücksichtigt wird, dass, wer innerhalb einer bestimmten Zeit promovieren muss, nur eine bestimmte Menge Lehre leisten kann. Der Herrschinger Kodex ist dabei als Leitfaden für Hochschulen und Forschungseinrichtungen vor Ort gedacht, mit Anregungen, wie sie Personalpolitik konkret gestalten können. Die Interessenvertretungen der wissenschaftlichen Mitarbeiter an den Universitäten müssen das natürlich aufnehmen und jeweils über konkrete Mindeststandards vor Ort mit ihrer Hochschulleitung verhandeln. Das Ziel ist, dass dann am Ende die Hochschulleitung zum Beispiel der Uni Bielefeld auch unterschreibt, dass wir bestimmte prekäre Beschäftigungsbedingungen hier nicht haben wollen.  

Die Probleme von Nachwuchswissenschaftlern gibt es schon länger, den Hochschulleitungen dürften sie also bekannt sein. Für wie realistisch hältst du es denn, dass sich mit dem Kodex tatsächlich etwas ändert?   

Das Ziel des Kodex ist ja, dass Hochschulleitungen vor Ort konkrete Vereinbarungen für Mindeststandards unterschreiben. Natürlich ist so etwas kein Gesetz. Aber wenn sich Hochschulleitungen nicht an Vereinbarungen halten, können wir darauf aufmerksam machen und, wenn es nötig ist, das auch skandalisieren. Aber die Hochschulleitungen dürften durchaus ein Interesse daran haben, dass sich endlich etwas ändert. Die Probleme der Doktoranden sind am Ende auch die Probleme der Universitäten. Sie werden als Arbeitsplatz immer unattraktiver. Viele gute, talentierte Leute gehen für die Forschung verloren, weil sie zum Beispiel genug Sicherheit haben wollen, um eine Familie zu gründen.
 
Wenn die Bedingungen für den einzelnen Nachwuchswissenschaftler besser werden, also aus seiner halben Stelle eine volle wird, dann heißt das am Ende aber womöglich auch, dass dann viel weniger Absolventen promovieren werden können.

Die erste, ganz grundlegende Forderung ist, dass wir natürlich eine bessere finanzielle Ausstattung der Hochschulen bekommen. Wir sehen ja, dass genug Arbeit da ist. Das, was bisher auf zwei halben Stellen geleistet wurde, die in der Realität zwei vollen Stellen entsprechen, kann in Zukunft natürlich nicht von einer einzigen Person geleistet werden, die Vollzeit angestellt wird. Die Frage von Sicherheit und Unsicherheit wiederum ist aber vor allem eine Frage der Organisation, nicht von Kosten. Es kann mir keiner erzählen, dass es notwendig ist, dass über die Hälfte aller wissenschaftlichen Mitarbeiter Verträge haben, deren Laufzeiten unter einem Jahr liegen. Das ist auch eine Frage des Wollens.         




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heidelbaerin
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Mag ich Mag ich nicht

2

13.11.2012 - 19:54 Uhr
heidelbaerin

Klingt alles in der Theorie gut und nett. Und ohne jetzt die Bedingungen der Böckler-Stiftung zu kennen, ist die Kombination eines Stipendiums mit einer Viertelstelle eigentlich ungewöhnlich. Evtl. wird dabei der Rahmen des zugelassenen Zusatzverdienstens knapp ausgenutzt, vorgesehen sind Stipendien dafür aber nicht.

Ich betrachte die verstärkte Verlinkung eines Promotionsstudiums mit einer Stelle auch mit Sorge. Heute, immer weniger als früher, ist es noch möglich, sich privat zu finanzieren, so lange man die Zulassungsbedingungen für die Promotion erfüllt und einen Doktorvater findet. Ich kenne die Situation von einer ausländischen Hochschule an der als große Neuerung eingeführt wurde, dass ein Doktorand zwangsläufig eine relativ gut dotierte Stelle bekommt, steht sie nicht zur Verfügung, dann übergangsweise ein Stipendium, aber nur um die Lücke bis zum Stellenantritt zu füllen. Einige Doktoranden haben versucht, diesen Rechtsanspruch für sich durchsetzen, worauf ohne weitere Begründung ihnen der Doktorvater die Betreuung aufgekündigt hat. Wer dabei böses denkt... für Neudoktoranden ergab sich dann auch ein stärkerer Verdrändungskampf, da immer eine Stelle zur Verfügung stehen musste, was erstens die Doktoranden quantitativ reduzierte, der Qualität aber auch nicht zuträglich war, da ja neben Faktoren wie Leistung eben auch das persönliche Beziehungsgeflecht eine Rolle spielt. Das führte dann dazu, dass Professoren in ihrer ursprünglichen Heimat Doktoranden rekrutierten, die Stellen dann besetzt waren, die Leute vor Ort keine Chance hatten.
Die heutige Regelung ermöglicht zum Glück einige Schlupflöcher.

Auch wenn das Geschwafel um Sicherung und Möglichkeit der Familienernährung ja nett sich anhört, aber das Problem wird verschoben auf die Zeit nach der Promotion. Oder wird eine Anstellung auf Lebenszeit gefordert? Ich verstehe, dass einige Probleme angegangen werden sollten, aber die hier diskutierte Lösung ist alles andere als optimal.

juliane-frisse
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13.11.2012 - 20:53 Uhr
juliane-frisse

@heidelbaerin

Das Problem soll nicht auf die Zeit nach der Promotion verschoben werden, im Herrschinger Kodex geht es auch um Perspektiven für Post-Docs. Die jetzt.de-Zielgruppe ist aber eher im Doktoranden-Alter, deswegen geht es im Interview um deren Probleme.
Viele Grüße, Juliane

heidelbaerin
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Mag ich Mag ich nicht

3

13.11.2012 - 21:27 Uhr
heidelbaerin

juliane-frisse sagte:
@heidelbaerin

Das Problem soll nicht auf die Zeit nach der Promotion verschoben werden, im Herrschinger Kodex geht es auch um Perspektiven für Post-Docs.


Natürlich. Ich muss zugegeben, den Kodex habe ich nicht durchgelesen, dazu fehlt mir leider die Zeit. Aber was will man den Post-Docs für Perspektiven bieten? In manchen Fächern existieren die Perspektiven bereits, dort wo ein Mangel, bzw. harte Konkurrenz aus der Privatwirtschaft herrscht, andernorts herrscht die Perspektivlosigkeit pur. Eine mit mir eng befreundete Mitarbeiterin im Jobcenter musste sich auch schon bei mir ausweinen, dass sie keine Ahnung hat, was sie mit all diesen Dr. ALGII tun soll. Die einzige Lösung wäre die in einem anderen Faden genannte Anstellung auf Lebenszeit, wie sie zu DDR-Zeiten praktiziert wurde, Mitarbeiter, dazu zähle ich die interviewte ältere Dame einmal nicht, die spöttisch DDR-Altlasten genannt werden. Mit entsprechenden Vorurteilen. Im Idealfall hat man heute die 6/6 Jahresreglung, also vor/nach Promotion, in der Regel aber weniger, beliebt eben auch die Zweijahresverträge mit dazwischen überbrückter Arbeitslosigkeit, oder genauer, einer Arbeitslosigkeit die durch Zweijahresverträge überbrückt wird. Den Sprung nach Oben schaffen nur wenige. Besonders in den Geisteswissenschaften, in meiner Branche weniger. Da ist ein solcher Kodex sicher mal schön. Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen? Die Unis pfeiffen finanziell aus dem letzten Loch, häufig wird der Lehrbetrieb nur durch den Einsatz von Fronarbeit, sprich Arbeitslose mit Lehraufträgen, aufrecht erhalten. Dahinter steckt kein böser Wille, sondern mangelnde Mittel. Es reicht nicht, die Mittel um 10% zu erhöhen, will man wirklich auch den Postdocs Perspektiven bieten, hat man nur zwei Möglichkeiten:
1. Massive Reduktion der Postdocs Analog zur Beschränkung der Doktoranden auf Zahl der vorhandenen Stellen.
2. Erhöhung der Mittel in einer Größenordnung von 100-200%.

Die "berechenbaren Karrierewege" sind dabei ein Witz. Entweder hat man WiMis aus Lebenszeit mit entsprechend weniger Personen oder muss mehr Stellen schaffen. Die Kurzverträge werden ja nicht heute automatisch verlängert, sondern es herrscht das Rotationsprinzip. Bei einer Festanstellung würde eine Person diese Stelle über 20 Jahre bekleiden, heute sind es faktisch 10 Personen, rotierend und abwechselnd mit Arbeitlosigkeit, Minijobs etc. So vernünftig die Forderung eben an sich wären, ich sehe keine Möglichkeit wie dies in der Praxis umgesetzt werden könnte. Außer eben mit einer eindeutigen Reduktion der Personen, denen eine Promotion und danach eine Arbeit an der Uni ermöglicht wird.

Um das nicht ausufern zu lassen, wie sollte ein solches System eingeführt werden? Sagen wir doch, wir führen es für das Jahr 2015 ein. Dann trifft es die, welche ab 2015 mit der Promotion beginnen, so um 2018 besetzen sie die festen Stellen für Postdocs. Und bleiben dort für die nächsten 30 Jahre. Was ist mit denen die 2017 mit der Promotion beginnen? Was ist mit denen die 2005 promoviert haben? Zaubert man für diese neue Stellen aus dem Hut?

afrirali
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Mag ich Mag ich nicht

0

13.11.2012 - 21:51 Uhr
afrirali

man müsste konsequent die lehrstühle mit all ihren privilegien, sekretärinnen, hiwis, etc., abschaffen, und stattdessen, wie in den usa oder im uk, relativ schnell nach der doktorarbeit unbefristete stellen schaffen. es ist ja kein wunder, dass deutsche akademiker alle ins ausland wollen, in dieser situation.

klar würden dann auch weniger leute promovieren, aber das wäre (zumindest in den geisteswissenschaften) auch nicht tragisch, wenn man sich die qualität vieler doktorarbeiten anschaut. (wer einen eindruck gewinnen will, werfe einen blick in verlagsprogramme von verlagen wie dem lit-verlag oder anderen verlagen, die doktorarbeiten publizieren.)

das problem ist v.a. die pyramide in dt.: viele doktoranden; immer noch einigermaßen viele post-doc stellen, ein par paar weniger wissenschaftliche mitarbeiter stellen, und wenige professuren; und dann ist man 40. man sollte einige dieser graduiertenkollegs mit ihren zig unnützen doktorandenstellen zumachen und dafür eben lieber sichere, unbefristete stellen schaffen.

heidelbaerin
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Mag ich Mag ich nicht

3

13.11.2012 - 22:06 Uhr
heidelbaerin

afrirali sagte:
man müsste konsequent die lehrstühle mit all ihren privilegien, sekretärinnen, hiwis, etc., abschaffen


Wer sollte dann die Arbeit erledigen? Ich kenne keine Sekräterinnen und studentischen Hilfskräfte die chronisch unterfordert wären, im Gegenteil. Durch die Blognareform ist der Verwaltungsaufwand für den Lehrstuhl sogar eher gestiegen. Lehrstuhlinhaber selbst werden in Deutschland im internationalen Vergleich schlecht bezahlt. Da sehe ich keinen Raum für eine Beschneidung der "Privilegien".

und stattdessen, wie in den usa oder im uk, relativ schnell nach der doktorarbeit unbefristete stellen schaffen.


Das ginge ohne Vervielfachung der Mittel nur mit extremen Einschnitten bei der Quantität. Unbefristet bedeutet beim heutigen Rentenalter bis zu 40 Jahre,selbst wenn man Rotationen wegen Mutterschaft, Abwanderung in die Privatwirtschaft oder Ausland einrechnet, würde dann ein Lehrstuhl neben dem Lehrstuhlinhaber in 40 Jahren bei den heute üblichen Mitteln weniger als ein Dutzend Wissenschaftler beschäftigen. Was machen die anderen?



klar würden dann auch weniger leute promovieren, aber das wäre (zumindest in den geisteswissenschaften) auch nicht tragisch, wenn man sich die qualität vieler doktorarbeiten anschaut. (wer einen eindruck gewinnen will, werfe einen blick in verlagsprogramme von verlagen wie dem lit-verlag oder anderen verlagen, die doktorarbeiten publizieren.)


Ich hatte nie das Gefühl, dass deutsche Doktorarbeiten im internationalen Vergleich qualitativ nicht mithalten können.

afrirali
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Mag ich Mag ich nicht

0

14.11.2012 - 06:48 Uhr
afrirali

völlig klar ist, dass es nicht mehr geld geben wird (es sei denn, man verlangt studiengebühren, und zwar exorbitante, die direkt an die unis gehen, was aber im moment nicht absehbar ist -- und auch gut so ist). aber, gerade für die geistenwissenschaften, sollten auch nicht unbedingt mehr gelder bereit gestellt werden. es gibt wichtigeres, als irgendwelche graduiertenschulen zur aufklärung oder sonst was zu fördern. wenn man die abwanderung von akademikern stoppen will (was ziel der deutschen wissenschaftspolitik zu sein scheint), muss man irgendwo sparen -- und das wäre an der struktur. statt, bis man mitte 40 ist, von job zu job zu wandern und nie zu wissen, ob man angekommen ist und eine gewisse sicherheit hat, braucht es dringend schneller fester stelle -- nach der diss, oder relativ schnell danach (nach max. einer post-doc stelle). junioprofessuren gingen ja in die richtung, v.a. wenn sie tenure-track stellen sind, aber davon gibt es viel zu wenige. und vielleicht die top 10% der deutschen doktoranden (in geisteswissenschaften) können international mithalten. aber es gibt einfach eine unmenge großen, großen schrott, der produziert wird. es wäre ja auch fairer, schon zu diesem zeitpunkt zu sieben, so dass leute sich noch was anderes suchen können und nicht mit mitte dreißig arbeitslose akademiker werden, die noch nie was anderes gemacht haben.

achja, und diese ganzen exzellentcluster usw., das ewige antragsschreiben für sowas, verschlingt ja auch schlicht unmengen an zeit und geld. auch da sollte rigoros gespart werden zugunsten von dauerhaften stellen. innovation fördern die eh nicht, da die einzelnen leute dann ihre projektanträge und dissertationsvorhaben immer auf solche großprojekte hinschreiben müssen, um irgendwie reinzupassen. dann lieber eine gute und intensive betreuung von doktoranden an unis, auch verbunden mit lehrerfahrung und ausbildung in der lehre.

dem_osten_so_nah
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14.11.2012 - 08:52 Uhr
dem_osten_so_nah

Die erste, ganz grundlegende Forderung ist, dass wir natürlich eine bessere finanzielle Ausstattung der Hochschulen bekommen.

Fordern kann man viel. Aber woher soll das Geld kommen wenn doch fast alle Länder praktisch klamm sind? Gerade in NRW.

afrirali
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Mag ich Mag ich nicht

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14.11.2012 - 09:31 Uhr
afrirali

dem_osten_so_nah sagte:
Die erste, ganz grundlegende Forderung ist, dass wir natürlich eine bessere finanzielle Ausstattung der Hochschulen bekommen.

Fordern kann man viel. Aber woher soll das Geld kommen wenn doch fast alle Länder praktisch klamm sind? Gerade in NRW.


das ist wirklich eine grundverkehrte forderung. die struktur muss sich ändern, ohne dass viel mehr geld in den betrieb gepumpt wird.

anagramm
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Mag ich Mag ich nicht

1

14.11.2012 - 11:32 Uhr
anagramm

das problem besteht ja nicht nur an den hochschulen. inzwischen braucht man im bereich kunstgeschichte eine promotion, um jobs zu machen, die auch ungelernte erledigen könnten. da darf man sich auch nicht über die dissertationsschwemme wundern. unterhalb des doktortitels bekommt man gar keine arbeit mehr.

heidelbaerin
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Mag ich Mag ich nicht

1

14.11.2012 - 12:29 Uhr
heidelbaerin

afrirali sagte:
es gibt wichtigeres, als irgendwelche graduiertenschulen zur aufklärung oder sonst was zu fördern.


Ich pflege auch gerne Vorurteile gegenüber Geistes- und Sozialwissenschaften. Aber das Ausspielen gegen andere Studiengänge ist Humbug. In der Forschung ging es nie darum, einen direkten Nutzen ziehen zu wollen, da wären die meisten Universitäten gar nicht gegründet worden. Warum sollte man Graduiertenschulen zur Aufklärung nicht fördern, dafür aber Kernphysiker? Letztere braucht man langsam auch nicht mehr hierzulande könnte man ganz platt einwenden.


und vielleicht die top 10% der deutschen doktoranden (in geisteswissenschaften) können international mithalten. aber es gibt einfach eine unmenge großen, großen schrott, der produziert wird.


Da wäre ich für Beispiele dankbar, d.h. nenn mir einen Lehrstuhl, an dem die Dissertationen zu 90% aus Schrott bestehen und ein Land, wo 100% der Doktoranden mit den 10% der Spitze in Deutschland mithalten können. Gerade in den Geisteswissenschaften liegen deutsche Promotionen qualitativ gut da.


es wäre ja auch fairer, schon zu diesem zeitpunkt zu sieben, so dass leute sich noch was anderes suchen können und nicht mit mitte dreißig arbeitslose akademiker werden, die noch nie was anderes gemacht haben.


Das Verortung des Siebes ist politisch gewollt. Es gab mal Zeiten, da war ein Studium Luxus, die Aussiebung fand früh statt, nur wenige machten Abi, nur wenige konnten sich ein Studium finanzieren. Nicht zuletzt durch die 68er die Chancengleichheit forderten, kam es zum flächendeckenden Abi in Deutschland, in einigen Bundesländern ist macht "fast jeder Abi" und fast jeder der die Zulassungsbedingungen erfüllt, darf studieren, wenn die Mittel fehlen, stellt der Staat sie zur Verfügung. Das Sieb wurde nach hinten verschoben, auf die Zeit nach dem Studium, teils auch nach der Promotion. Ich würde eher diskutieren, ob man dieses Sieb nicht wieder nach vorne schieben sollte.

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