Neues Feindbild: "Twitter-Tussi"
Der neue Job für "irgendwas mit Medien"-Macherinnen ist angeblich die "Twitter-Tussi" - eine Frau, die Nachrichtenmoderatoren und dem Fernsehpublikum erklärt, was im Internet gerade so passiert. Aber nicht alle finden diese hämische Bezeichnung angebracht.
Der Medien-Branchendienst Meedia schickt täglich dutzende Mails an Menschen, die „was mit Medien machen“. Darin: Insider-Gesabbel, Einschaltquoten und Fernseh-Tipps für alle, die behaupten, aus beruflichen Gründen den Fernseher einzuschalten.Ab und zu berichten die Meedia-Autoren aber auch über vermeintliche oder echte Phänomene aus den Weiten der Medien-Welt. So auch letzte Woche, als die US-Wahlberichterstattung endlich überstanden war und die Fernsehzuschauer ganz erschöpft waren vor lauter Hochrechnungen, Live-Schaltungen und niemals funktionierenden Touchscreens in den Wahlstudios der Sender.

Angeteasert mit den Worten „Wer braucht schon die Frauen-Quote? Wer was werden will, wird Twitter-Tussi“ folgt ein Text über den neuen Trend-Beruf „Social Media Redakteur im Studio“, in dem Stefan Winterbauer über Online-Redakteurinnen lästert, die im Fernsehen das Internet vorlesen. Der Job der „Twitter-Tussi“ sei wie geschaffen für junge Damen, „die (...) halbwegs gescheit aussehen und „was mit Medien“ machen wollen.“
Unter dem Text mit dem sexistischen Grundton und seiner lahme Alliteration sammelten sich schnell Kommentare, die vom Lob auf die "schöne Satire" über "Wäre dieser Artikel auch entstanden, wenn das alles Männer gewesen wären?" bis hin zur Beschwerde über "die unsägliche Art und Weise", in der Twitter im Fernsehen eingebunden werde, reichten. Auf Twitter selbst bekam Winterbauer eine Menge Zuspruch von Twitterern, die seinen Text lustig fanden, doch auch hier wurde der Sexismus-Vorwurf laut. „Wow. @meedia so ungeschminkt sexistisch, dass es über Niveau und Intellekt der Redaktion keine Zweifel lässt", schreibt Teresa Bücker, "übel, unsachlich, sexistisch und schlecht recherchiert", twittert Anja Windmüller.
Darüber hinaus erregte der Beitrag vor allem unter Online-Redakteuren und betroffenen (vor allem männlichen) Im-Fernsehen-das-Internet-Erklärern Aufmerksamkeit. Zum Beispiel die von Titus Gast, der auf seinem Blog unter der Überschrift „Ja, ich bin Twitter-Tussi. Na und?" erklärt, warum es den Part des Menschen, der aus dem Internet vorliest, eigentlich gibt: Weil das Internet „in den klassischen Medien kein selbstverständlicher Kommunikationsraum" sei. Noch nicht. Denn das Ziel der „Twitter-Tussis", so Gast, sei eigentlich ihre Abschaffung. Und bis dahin könne man sich auch ruhig ein bisschen darüber lustig machen. Frederic Huwendiek, der sich selbst "Twitter-Tussi fürs Zweite" nennt, argumentiert ähnlich wie Gast, dass das Internet weiterhin erklärungsbedürftig sei. WDR-Online Redakteur Dennis Horn hingegen kritisiert zwar den sexistischen Ton des Textes („Natürlich ignoriert Winterbauer, dass es auch eine amtliche Menge männlicher Twitter-Tussis gibt, sozusagen iPad-Idioten"), bittet aber die Kollegen auch, mit der Internet-Vorleserei aufzuhören. An der seien allerdings nicht die Damen und Herren Schuld, die dann tatsächlich am Computer oder vor der Twitter-Wand stehen, sondern die Redaktionen der Sendungen. „Vielleicht liegt hier das eigentliche Problem: Redakteure, die noch nie mit Facebook und Twitter gearbeitet haben", schreibt Horn.
Noch vor seinem Blogpost hatte Horn sich bedauernd gezeigt: „Schade: Der furchtbare @meedia-Twitter-Tussi-Artikel verhindert, dass man einmal ernsthaft über Internet-Vorleser im Fernsehen diskutiert", twitterte er. Und dann hat sich trotz des gehässigen Ursprungsartikels diese erstaunlich sachliche und interessante Diskussion (plus eine nötige Portion Kritik am Sexismus!) darüber entwickelte, ob es den jungen Menschen im Nachrichtenstudio braucht, der den Fernsehzuschauern erzählt, was parallel zum Echtzeitgeschehen „gerade im Netz so abgeht", oder ob das Nacherzählen des Internets nicht viel mehr eine der großen Absurdität unserer Zeit ist. Die können wohl doch mehr als nur Tweets vorlesen, diese Menschen im Netz.
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Was soll das? Ich will nicht ausschließen, dass es Anwendungen für twitter im Fernsehen gibt, aber welche? Schon die klassichen »rufen Sie uns an, unter …«-Sendungen sind nur schwer erträglich. Bei Büchern bin ich auch froh, wenn ich sie jungfräulich bekomme, und nicht in den Fußnoten oder als Marginalie lesen muss, was andere so dazu meinen.
clnet sagte:
Was soll das? Ich will nicht ausschließen, dass es Anwendungen für twitter im Fernsehen gibt,
m.e. wird im moment noch nach ueberhaupt irgendeiner sinnvollen anwendung von twitter gesucht!
"geh twittern" ist zur zeit meine lieblingsantwort falls ich von jemandem vollgemuellt werde. wer nichts zu sagen hat, verkuendet es auf twitter.
HapaxLegomenon sagte:
wer nichts zu sagen hat, verkuendet es auf twitter.
och bitte.
Ich find den Meedia Artikel eigentlich ganz treffend. Der Begriff Twittertussi sei mal dahin gestellt... aber ein wenig Ironie sollte man da wohl doch verstehen. Es können ja nicht alle so einen unglaublich greißtreiche Ergüsse, wie die Süddeutsche veröffentlichen.
Gestern hat z.B. der Moderator beim Spiel Niederlande - Deutschland während der Partie einen Tweet von mir vorgelesen. Da bin ich natürlich aufgewacht - das Spiel war ja echt müde - als ich plötzlich meinen Namen hörte.
Oder damals, als Rüttgers rausgeschmissen wurde und das Skandalspiel Düsseldorf - Hertha war, hatte der Tagesthemen-Moderator Tom Buhrow einen Tweet von mir benutzt, um vom Rausschmiss zum Relegationsspiel hinzuleiten. Bei N24 wurden in den Nachrichten schon diverse Tweets von mir - meistens zu politischen Themen - vorgelesen.
Einerseits schmeichelt das meinem Ego. Andererseits finde ich aber auch, dass es im Internet ob nun Facebook oder Twitter sehr gute Meinungsäußerungen und Kommentare zu aktuellen Themen gibt. Warum sollen die nicht mal im TV oder Print zu Wort kommen.
Mein heutiger Tweet zum Stromausfall in München wird zum Beispiel in diversen Live-Tickern gefeaturet: In der Münchener Abendzeitung, dem Focus und der Augsburger Allgemeinen.
Daher bin ich sehr froh, dass es die Twitter-Tussi auch in männlicher Form gibt.
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13.11.2012 - 21:51 Uhr
JosephineKilgannon