Online-dating. Eine peinliche Katastrophengeschichte. Letzter Teil: Undramatisches Drama
Es ist wie bei so einem 1000-Teile-Puzzle. Bei den meisten Teilen sieht man sofort, dass sie nicht zusammenpassen koennen, manche muss man erst ein bisschen genauer betrachten. Und dann gibt es diese fiesen einfarbigen Bildbereiche, bei denen sich nicht aus dem Motiv erschliessen laesst, was passen koennte. Dann fischt man also aus dem grossen Haufen noch unbekannter Teile ein passend genug erscheinendes heraus und probiert es anzufuegen. Immer wieder. Eine muehselige Angelegenheit. Manchmal sieht es dann auf den ersten Blick passend aus und man triumphiert. Endlich weitergekommen! Bei der ganzen anstrengenden Suche kann man leicht mal uebersehen, dass man ziemlich rumdruecken musste, um das Teil dranzukriegen. Oder die Verbindung wackelt ein bisschen. Aber das ist vielleicht einfach so? Vielleicht ist das Puzzle ein bisschen schlecht geschnitten, oder einfach schon ein bisschen mitgenommen. Man macht erst mal weiter. Ab und zu kommen Zweifel, ob das so stimmen kann, aber man wischt sie weg. Weil man verdammtnochmal so sehr will, dass es passt. Man macht weiter, und das Gesamtbild wird immer deutlicher. Und dann kommt zum Beispiel auf der einen Seite eine Wolke im Hintergrundblau, auf der anderen Seite passt das aber nicht rein. Dann muss man schweren Herzens einsehen, dass man sich geirrt hat, die ruckelige Verbindung wieder loesen und weitersuchen.
Wir hatten eine sehr schoene Verbindung, die aber auch immer wieder sehr ruckelte. Insgeheim waren vermutlich schon fuer eine Weile die Zweifel gewachsen. Als von meiner Seite dann schliesslich eine Gewitterwolke kam, loeste er sich. Eigentlich schade, schrieb er, denn er mochte so vieles an mir. Ich war etwas ueberrascht von seiner abrupten Entscheidung. Dann dachte ich, na schoen, haetten wir das also geklaert - aber jetzt muss ich diesen Korrekturauftrag fertigbekommen, damit ich in die Berge kann. Ich schrieb zurueck, dass ich es auch schade fand, und wuenschte ihm viel Glueck. In der darauffolgenden Nacht wachte ich auf und mir fiel ein, dass es vorbei war. Ich vergoss ein paar verwirrte Traenen, dann schlief ich weiter. Am naechsten Tag fiel mir ein, dass ich mir jetzt endlich wieder die Haare so kurz schneiden konnte, wie es mir gefiel, und dass ich diese abscheuliche lila Trinkflasche, die er mir geschenkt hatte, nicht mehr zu benutzen brauchte. Ich musste lachen.
Zwei Wochen spaeter kam er vorbei, um die gebrauchte Waschmaschine zu bringen, die er vorher schon fuer mich gesichert hatte. Und meine Wanderstiefel, die er danach noch fuer mich gewachst hatte. Wir arbeiteten zusammen, um die Maschine ins Bad zu bekommen und anzuschliessen, dann sassen wir am Fenster wie beim ersten Date. Wir verstanden uns so gut und lachten so viel miteinander, dass mir Zweifel kamen, ob es nicht doch gepasst haette. Bis er fragte, ob wir jetzt ein bisschen rummachen koennten. Zwei Wochen, nachdem er wegen "zu viel Drama" meinerseits seine Email mit "THE END" unterschrieben hatte. Ich sagte, aehm, nein? Er fragte, warum denn nicht. Na, wenigstens waren nun meine Zweifel weg.
Sechs Wochen spaeter traf ich ihn auf einem kleinen Festival, mit einer Neuen. Er umarmte mich und laechelte mich lieb an. Sie gab mir die Hand und laechelte mich saeuerlich an. Er sah umwerfend aus, und sie auch sehr huebsch. Ein schoenes Paerchen. Eine Freundin machte sich staendig darueber lustig, wie die beiden offenbar so sehr damit beschaeftigt waren, ein schoenes Paerchen zu sein, dass sie kein bisschen Spass hatten. Ich hatte keine Zeit darueber nachzudenken, denn ich musste tanzen, Leute umarmen und ins Eismeer springen.
Das war also die Geschichte, von der ich mir eigentlich Peinlichkeiten und Katastrophen erwartet hatte. Unterm Strich war es eine gute Geschichte. Wir lernten uns kennen, mochten uns, versuchten eine Beziehung, harmonierten nicht miteinander, erkannten es und machten Schluss. Eine voellig gewoehnliche Geschichte, im Grunde - und damit ein grosser Erfolg fuer mich. Er hat mir gezeigt, dass sich sehr wohl noch jemand in mich verlieben kann, dass ich sehr wohl noch eine Beziehung haben kann (nur halt lieber nicht mit ihm), und dass ich auch mit dem Verlassenwerden klarkommen kann. Ich fuehle mich staerker und optimistischer als vorher.
Inzwischen bin ich seit ueber vier Monaten wieder Single, und das ist auch gut so. Ich widme ich mich lieber erst mal anderen Ecken, bevor ich mich wieder mit dieser fiesen Baustelle herumaergere. Mein Puzzle ist noch lange nicht komplett.
- ... 06.05.2013
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noplacespecial sagte:
wenn doch nur jeder aus solch einer geschichte so unbeschadet herauskommen könnte wie du. angenehm wenig verbitterung. du hast ein großes glück.
das hat nichts mit glueck zu tun, sondern mit therapie und harter arbeit ;)
ein_oxymoron sagte:
noplacespecial sagte:
wenn doch nur jeder aus solch einer geschichte so unbeschadet herauskommen könnte wie du. angenehm wenig verbitterung. du hast ein großes glück.
das hat nichts mit glueck zu tun, sondern mit therapie und harter arbeit ;)
Und mit Haltung.
(Sag ich jetzt einfach mal so als völlig Unbeteiligter, der keine Ahnung hat.)
12.11.2012 - 22:50 Uhr
Bangshou
Es bleibt uns wahrscheinlich nichts anderes übrig als gut gelaunt weiterzumachen und uns an folgenden Gedanken zu orientieren:
"Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better." Und:
"Success ist the ability to go from failure to failure without loosing enthusiasm".
Bangshou sagte:
Und mit Haltung.
(Sag ich jetzt einfach mal so als völlig Unbeteiligter, der keine Ahnung hat.)
und von seiner seite erst! ich war beeindruckt. wir waren zwar kein so gutes paar, aber dafuer ein sehr gutes ex-paar :D nach diversen rosenkriegsberichten von anderen glaube ich, das ist mir lieber als umgedreht.
Bangshou sagte:
Der Puzzle-Vergleich ist übrigens super, und noch superer beschrieben (da es erstaunlicherweise noch niemand gesagt hat).
danke! ich dachte schon, ich war die einzige, die sich immer mit diesen dingern abgemueht und stoerrisch die falschen teile zusammengepfuscht hat...
"Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better." Und:
"Success ist the ability to go from failure to failure without loosing enthusiasm".
das erste hat mir schon mal wer unter einen text geschrieben (du?) und ich habe es als eines meiner lieblingszitate uebernommen. das zweite ist mir erst heute mittag begegnet.
(Das sind die seltenen Momente, wo meine Kosmos-Existenz so etwas wie Sinn gehabt zu haben schienen- oder wie immer es grammatikalisch korrekt heißen müsste.)
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-2
11.11.2012 - 05:49 Uhr
DoktorGarchingHydroge…
Wie passt das zu dem zuvor geschriebenen? "Unter dem Strich war es eine gute Geschichte"? - Rational - ja! Aber vom Gefühl her????