10.11.2012 - 20:58 Uhr

11 11

Ich bin mal wieder krank.

Text: schattenfisch in Tagebuchschreiber (1125)

Und wie jedes Mal wenn ich unerwartet ein paar Tage ohne schlechtes Gewissen auf dem Sofa rumhängen kann habe ich trotzdem eins.

Da sind sie dann wieder, die Gedanken was ich in der kostbaren Zeit alles tun/erledigen/fertig stellen müsste/könnte/sollte und es einfach nicht tue. Wie ich einfach etwas machen könnte um mein jammerndes, verlaufenes Ich aus dem Irrgarten zu steuern, in dem ich festhänge.

Ich bin ein guter Arbeitnehmer. Ich behaupte das einfach mal und es hat sich oft bewiesen. Gerade erst wurde mir ein fristloser Vertrag verabreicht, nach einem Mitarbeitergespräch zum rotwerden. Im letzten Moment habe ich mich daran erinnert, daß ich mich für das Lob bedanken sollte.
Ich bin ein guter Arbeitsnehmer. Ich drucke im Büro kein privates Dokument aus ohne das schlechte Gefühl 3 Blatt Papier geklaut zu haben. Ich sage, wenn mir was nicht passt. Ich bin ein sozial engagierter Kollege. Wenn ich einen Job zu erledigen habe, erledige ich ihn so gut ich nur eben kann.
Ich rühme mich damit ein mieserabler Lügner zu sein und es deshalb meistens einfach zu lassen. Ich glaube, das am Ende doch immer alles ans Licht kommt.

Wenn man mich im Mitarbeitergespräch fragt, ob die Sache Spaß macht, gebe ich seltsame Halbantworten um nicht das Gefühl zu haben gelogen zu haben.
„Spaß ist anders“, könnte ich natürlich sagen. Oder „Es tut mir leid, Boss, aber der Job ist nicht mein Lebensmittelpunkt wie bei dir. Er ist tatsächlich nur das was mich ernährt und meine Socken bezahlt.“
Und deshalb interessiert es mich auch nur so halb welches Projekt warum gut und welches schlecht gelaufen ist. An diesen Projekten interessiert mich nur, ob ich den aufgetragenen Job erledigt habe. Das ich mir nichts vorzuwerfen habe.
Ja, ich habe immer noch Angst den kreativen Teil zu verlernen weil ich nichts kreatives leiste. Aber ehrlich gesagt: Ich habe es längst verlernt. Daß dafür hier kein Platz ist habe ich begriffen und es ist legitim, denn es ist dein Büro.

Was würde ich denn stattdessen gerne machen?
Spontan: Alles andere. Manchmal ist es Dinge bauen oder Zimmer einrichten, dann wieder Filme machen, dann Bücher schreiben, dann Rockstar sein. Und dann habe ich Zeit und bin wie gelähmt. Nichts ist konkret genug, nichts erschließt sich einfach so und alles ist zu viel. Spukt mir ein Thema durchs Hirn, zu dem mir spontan Sätze einfallen, muß ich mich förmlich zwingen sie auch aufzuschreiben. So wie jetzt.

Es ist so unglaublich ironisch Leute im Bekanntenkreis zu sehen die quasi alles machen könnten und mit dieser Freiheit total aufgeschmissen sind. Da gibt es gar kein Ziel, nicht mal eine Idee. Und unsereins bricht sich einen ab, hat tausend Ideen, kann doch keine durchziehen und gibt sich mit Übersprungshandlungen wie der perfekt aufgeräumten Küche ab.

Sobald ich Sätze denke, die mit „Hätte ich doch bloß“ anfangen hau’ ich mir intern aufs Maul: Ich hab aber nicht!
Und will ich die Schuld den Eltern/Bekannten/Geschwistern geben, die ja immer wussten was gut für mich ist genauso: Ich hätte ja auch einfach machen können. Also hab auch nur ich Schuld. Basta.

Ich bin ein verfluchter Waschlappen. Und das ist jetzt kein fishing, sondern ganz nüchtern betrachtet die Wahrheit. Risiko liegt mir nicht besonders. Ich bin kein Zocker und ein mieser Verhandler. Ich bin unfähig jemanden abzuziehen, der mir an der Ampel drauffährt. Und obwohl ich mich im Grunde als Einzelgänger sehe: Ohne Hilfe bin ich oft einfach aufgeschmissen.

Fein. Das hätten wir also geklärt.
Der nächste logische Gedanke aus diesen Überlegungen ist natürlich: Was mach ich draus? Wie krieg ich die Kurve? Schmeiß ich alles hin und mache irgentwas? Versuche ich den verkorksten Berufsweg in eine andere Richtung zu schieben? In welche? Und wie stell ich es an? Schaffe ich das?

Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Und dann bin ich wieder müde. Vielleicht räume ich erstmal die Küche auf.


Neue Texte zum Label 'Leben':
Textoptionen
Mehr Texte von
schattenfisch
Mehr Texte zum Label
Leben
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
11 Kommentare
Für diese Funktion musst du eingeloggt sein.

Alle Kommentare anzeigen

MsAufziehvogel
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

10.11.2012 - 21:03 Uhr
MsAufziehvogel

wahnsinn.

PrinzessinLilli
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

1

10.11.2012 - 21:17 Uhr
PrinzessinLilli

mir gehts grade fast genauso ... nur das ich mittlerweile weiß was ich mit meinem leben anfangen möchte - aber nicht wie und wo. Und ich weiß auch nicht wie ich dahin kommen soll...

meerel
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

10.11.2012 - 21:21 Uhr
meerel

Geht mir genauso !

CaptainFable
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

10.11.2012 - 21:34 Uhr
CaptainFable

*Schlaue Sprüche Modus an*
Anfangen heißt Auswählen. (Günter Grass, Hundejahre)
*Schlaue Sprüche Modus aus*

Was immer man von Günter Grass halten mag, der Satz ist bei mir im Zusammenhang mit meinen ähnlich gelagerten Problemen, wie Du sie hier beschreibst, hängengeblieben. Man muss halt auswählen und hat keine Garantie, dass die Wahl richtig ist. Das kann echt lähmend sein.

Es wurde bei mir besser, als ich anfing, mich mit dem "Hätte ich doch" zu arrangieren. Plötzlich mehr Energie übrig, erstaunlicherweise.

Mmm, meine 2 Cent dazu.

Gute Besserung!

schwindlicht
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

11.11.2012 - 06:24 Uhr
schwindlicht

machen.

purzelmeier
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

11.11.2012 - 06:29 Uhr
purzelmeier

Genau.

Schlauer Spruch (Erich Kästner): »Es gibt nichts gutes, außer man tut es.«

Auf neudeutsch: »Just do it.«

schattenfisch
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

11.11.2012 - 12:41 Uhr
schattenfisch

Ihr tut grad so, als wär mir das nicht klar.

Anyway, vielen Dank. *g*

john_doa
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

12.11.2012 - 10:49 Uhr
john_doa

Als Conclusio deiner Beschreibung mit 'Ich bin ein verfluchter Waschlappen' zu enden, halte ich für absolut unnötig und nicht gerechtfertigt. Wer kommt den heute schon ohne Hilfe klar? Ich jedenfalls nicht. Egal ob im Haushalt, der Kindeserziehung oder bei der Steuererklarung. Ich kenne - auch nach eingehender Überlegung - keinen der von vorn bis hinten alles allein schafft. Aber davon mal ab: Ich zwinge mich, wenn ich krank bin, was zum Glück selten vorkommt, eben nur Dinge zu tun, auf die ich Lust habe, und die natürlich der genesung zuträglich sind. Ich hänge auch gerade krank ab, obwohl ich eine Krankheitsvertretung mache, die, wenn der Arbeitsplatz nicht besetzt ist, so einiges zum Stehen bringt. Soll ich mit halber Kraft arbeiten? Soll ich Kollegen anstecken? Nö!
Dafür hänge ich bei jetzt.de ab, trinke Tee mit Honig und schreibe epische Kommentare :D
Was ein Vergnügen (:

schattenfisch
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

12.11.2012 - 23:36 Uhr
schattenfisch

?

bangshou
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

13.11.2012 - 18:56 Uhr
bangshou

Mir geht es ähnlich wie Dir, nur dass ich momentan kein Lob für meine Arbeit bekomme, gelinde gesagt.
Ehrlich gesagt: warum wirfst Du Dir eigentlich Deine Gewissenhaftigkeit vor, sie ist Deine Lebensversicherung. Ich wünschte, ich hätte mehr davon.
Und was die tollen anderen Dinge anbelangt: vielleicht solltest Du erstmal in kleinen, wohldosierten Portionen beginnen, ist vielleicht realistischer. Nun gut, haste mit dem Text ja schon gemacht...

Weiter Seite 1 2

Alle Kommentare anzeigen

Mehr lesen:

Deine Geschichte erzählen