11.11.2012 - 18:30 Uhr

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Hard Skills, please

Text: bernd-kramer

Angeblich muss man tüchtig an seinen Soft Skills arbeiten, wenn man es im Beruf zu was bringen will. Können wir mal aufhören mit dem Quatsch - und einfach arbeiten?

So weit ist es schon gekommen. Die Fachhochschule Fulda bietet einen Studiengang für „Sozialkompetenz“ an. Teilnehmer des berufsbegleitenden Weiterbildungsprogramms belegen zunächst den Kurs „Zwischenmenschliche Kommunikation I“, darauf aufbauend „Zwischenmenschliche Kommunikation II“, es folgen „Kommunikation im Team“ und „Persönlichkeitsentwicklung“. Nach zwei Semestern bekommen die Studenten dann von akademischer Stelle zertifiziert, dass sie jetzt mit Menschen können.

Was in Fulda passiert, ist vielleicht nur die abstruseste Curricularisierung eines Blabas, das allenthalben um sich greift in der Ausbildungs- und Arbeitswelt. Schule, Uni, Dozenten, Freunde mit und ohne BWL-Hintergrund schwadronieren darüber, wie wichtig all das ist, was nicht in ihren Ausbildungsordnungen und Lehrplänen steht. Wie unbedeutend das Fachliche und wie entscheidend alles Menschliche ist für Geld, Prestige, Erfolg. „Gute Noten haben heute alle“, deklamiert eine Rhetoriktrainerin in einem dieser Seminare mit für einen klar denkenden Menschen schleierhaftem Selbstvertrauen. „Soft Skills, das ist es, was heute zählt.“

Es ist nicht neu, dass es plötzlich nicht mehr nur wichtig erscheint, was wir können und gelernt haben, sondern dass auch zählt, wer und wie wir sind. Schon der Publizist Siegfried Kracauer beobachtete Anfang der 30er-Jahre, wie der im Arbeitsleben neu aufkommende Typus des Angestellten psychisch von oben bis unten vermessen wird – mit Fragebögen, grafologischen Gutachten, Diagnosegesprächen und Persönlichkeitsinterviews. Beim Arbeiter in der Fabrik reichte es dem Chef noch zu wissen, dass er zupacken kann. Bei Sekretärinnen, Verwaltungsbeamten und Bankangestellten brauchte es die „Totalschau“. Die Soziologin Eva Illouz hat gezeigt, dass der Psychosprech im 20. Jahrhundert von den Unternehmen aus seinen Siegeszug durch die Gesellschaft antrat: Schon die ersten Personalberater ähnelten Psychologen.
Klar, man könnte naiverweise erst einmal davon ausgehen, dass die Arbeitswelt dadurch menschlicher wird, persönlicher, wärmer und freundlicher. Aber der Ruf nach Soft Skills bedeutet, dass die Ansprüche steigen, dass uns noch mehr abverlangt wird im Job.

Und wir wissen noch nicht einmal genau, was. Wir sollen teamfähig sein und durchsetzungsstark, uneitel und zielstrebig, ehrgeizig und anpassungsfähig, flexibel und beharrlich. Bestenfalls tut man diese Anforderungen als Büro-Binsen ab und vergisst sie schnell. Nimmt man sie dagegen ernst, stellt man fest, dass sie nicht so recht zusammenpassen. Die Fähigkeiten, die wir für die moderne Arbeitswelt mitbringen sollen, widersprechen einander. Damit die Widersprüchlichkeit nicht auffällt, wird sie im Jargon des Personalmanagements als „weich“ umetikettiert.



Der Widerspruch hat Methode: Wenn die Anforderungen der Arbeitswelt einander ausschließen, heißt das auch, dass man sie nie ganz wird erfüllen können. Sobald man irgendwo in seinem Qualifikationsprofil ein Häkchen setzen kann, tut sich an anderer Stelle fast auto-matisch eine Lücke auf. Was bleibt, ist ein ständiges Gefühl des Nichtgenügens. Obwohl man in Wirklichkeit natürlich sämtliche wichtigen Voraussetzungen für seinen Job erfüllt. Denn mal ehrlich: Letztlich geht es bei der Arbeit doch nur darum, dass der ganze Kram erledigt wird.

Das Perfide ist, dass das Gefühl des Ungenügens nicht im Job hängen bleibt. Es begleitet uns wie die Dienstmails, die wir auch nach Feierabend noch beantworten. Es verfolgt uns wie der Anruf des Chefs, der uns natürlich auch im Urlaub auf dem Handy erreichen kann. Bereits Siegfried Kracauer beschrieb in seiner Angestelltenstudie die „von den Charakteranalysen her drohende Gefahr eines Übergriffs in die Privatsphäre“. Die Psychologisierung der Arbeitswelt bedeutet, dass auch deren Probleme psychologisch zu interpretieren sind. Klappt es im Büro nicht, liegt das nicht mehr nur an der schwierigen Wirtschaftslage oder dem falschen Fach, das wir studiert haben. Irgendwas tief in uns drin ist mitverantwortlich. Soll die Persönlichkeit für den Erfolg bestimmend sein, ist sie das auch für unser Scheitern. Da wird der hübsche Soft-Skills-Jargon brutal: Er führt uns direkt in eine „Welt, in welcher persönliche Niederlagen, auch wenn sie sozial bedingt sind, sozial kompetent eingesteckt werden“ müssen, schreibt der Basler Bildungsphilosoph Roland Reichenbach. Protest verrät mangelnde Sozialkompetenz.

Indem überall Soft Skills eingefordert werden, wird nicht nur unsere ganze Person in Mithaftung für sämtliche Übel der Arbeitswelt genommen. Wir müssen auch deren Ungerechtigkeiten hinnehmen.
Eigentlich lebt eine moderne Gesellschaft von dem Versprechen, dass die besten Stellen nach Leistung und Begabung vergeben werden, nach klaren Kriterien, an denen sich jeder orientieren kann. Aber was ist gerecht, wenn der Aufstieg von weichen, widersprüchlichen Qualifikationen abhängen soll?

Die Soziologen Michael Hartmann und Johannes Kopp haben die Lebensläufe von 6500 promovierten Ingenieuren, Juristen und Wirtschaftswissenschaftlern ausgewertet, also von fachlich bestens qualifizierten Leuten. Das Ergebnis: In die obersten Chefetagen schaffen es nur diejenigen unter ihnen, die aus dem richtigen Elternhaus stammen. Nur sie haben von klein auf die feinen Codes und Umgangsformen des gehobenen Bürgertums gelernt und verinnerlicht, mit denen sie ihren Förderern signalisieren, dass sie denselben Kreisen entstammen. Ist das gerecht? Man fände bestimmt ein paar Soft Skills, mit denen sich legitimieren ließe, dass sich in den Führungsetagen immer derselbe Schlag Mensch verschanzt. Weltgewandtheit, Stil, Etikette, was auch immer.

Gute Doktoranden aus Arbeiterfamilien bleiben derweil unterwegs stecken. Genau wie Frauen, die irgendwann mit ihrem Kopf an die gläserne Decke knallen beim Versuch, auf der Karriereleiter nach oben zu kommen. Woran das liegt? Soft Skills natürlich. Fehlendes Alphatiergehabe,  untrainierte Ellenbogen, mangelndes Gespür für Herrenwitz. Daran zeigt sich wieder die Verlogenheit des Soft-Skills-Konzepts: Man könnte den Aufstieg auch mit den genau entgegengesetzten Eigenschaften rechtfertigen.
Wir sind so gut ausgebildet wie keine Generation vor uns. Warum sind wir nicht selbstbewusst und treten das Soft-Skills-Gerede, das uns überall entgegenschlägt, in die Tonne? Konzentrieren wir uns besser auf das, was bei der Arbeit wesentlich ist: dass der Kram erledigt wird.



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103 Kommentare
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shafty
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Mag ich Mag ich nicht

1

20.11.2012 - 22:57 Uhr
shafty

alcofribas sagte:
Das ist das eine Schlimme. Das andere ist, dass ganze Berufszweige praktisch parasitär davon leben, dass man glaubt, man könnte soft skills entweder erwerben oder vermitteln.


und dass das nicht geht weisst du woher nochmal so genau?

alcofribas sagte:
Ich mache aus einem begabten IT-Nerd keinen Vertriebscrack .


nein, aber vielleich einen besseren IT-Nerd Teamplayer in seinem IT-Team?

wo kommt denn diese ansicht her, soft-skills seien gottgegebene, quasi angeborene fähigkeiten, die man nicht erlernen kann?
bestimmt fällt das dem einen leichter als dem anderen, aber verbessern kann sich darin jeder.

apollyon
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0

20.11.2012 - 23:01 Uhr
apollyon

Ich wünsche demjenigen, der diesen Artikel geschrieben hat (bzw. denjenigen), einen Chef, der sich bei der Arbeit immer auf Kram erledigen konzentriert hat, dafür viel geschafft hat und so Chef geworden ist, und das nun feiert, indem er keinerlei Sozialkompetenz mitbringt, sich selbst gerne reden hört, anderen nicht zuhört, seine allgemeine Wertschätzung so ausdrückt, dass er immer jemand anders für seine eigenen Versäumnisse anscheißt und auch bei jedem Arbeitsergebnis nur meint, wieviel besser er es denn gemacht hätte, anstatt vorher zu sagen, was er eigentlich will.

Ich bin mir sicher, in so einem Arbeitsumfeld bekommt der Autor seinen Kram besonders gut erledigt.

alcofribas
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0

20.11.2012 - 23:10 Uhr
alcofribas

shafty sagte:

wo kommt denn diese ansicht her, soft-skills seien gottgegebene, quasi angeborene fähigkeiten, die man nicht erlernen kann?
bestimmt fällt das dem einen leichter als dem anderen, aber verbessern kann sich darin jeder.


ich lass mich gern eines besseren belehren, nur hat das bis jetzt noch keine/r dieser Profis geschafft, die für teuer Geld eingekauft werden, die immer gleichen Methoden und Phrasen anwenden und dabei so unbeirrbar sind, als handle es sich um eine neue Religion. Wenn einer nicht schwimmen kann, liegts meistens nicht an der Badehose. Talente und Fähigkeiten sind zum Glück unterschiedlich verteilt, und wenn einer gern (und damit gut) allein an seinem Platz vor sich hin programmiert und der andere gleichzeitig einen guten Job im Vertrieb macht, hat jeder sein Ding gefunden. Nennt man Arbeitsteilung. Ich lass die Finger auch von unserer Klimaanlage, dafür gibts Leute, die das gelernt haben und gerne machen.

MsAufziehvogel
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20.11.2012 - 23:13 Uhr
MsAufziehvogel

apollyon sagte:
Ich wünsche demjenigen, der diesen Artikel geschrieben hat (bzw. denjenigen), einen Chef, der sich bei der Arbeit immer auf Kram erledigen konzentriert hat, dafür viel geschafft hat und so Chef geworden ist, und das nun feiert, indem er keinerlei Sozialkompetenz mitbringt, sich selbst gerne reden hört, anderen nicht zuhört, seine allgemeine Wertschätzung so ausdrückt, dass er immer jemand anders für seine eigenen Versäumnisse anscheißt und auch bei jedem Arbeitsergebnis nur meint, wieviel besser er es denn gemacht hätte, anstatt vorher zu sagen, was er eigentlich will.

Ich bin mir sicher, in so einem Arbeitsumfeld bekommt der Autor seinen Kram besonders gut erledigt.


genau so sind die chefs, die ich kenne.

JoergAuch
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0

20.11.2012 - 23:20 Uhr
JoergAuch

Montrose sagte:
Und ansonsten: Ich finde Leute mit soft skills durchaus angenehmer im Umgang also Leute ohne.

Ehrlich? Ich finde zumindest die Extrem-Soft-Skiller immer ziemlich schleimig und verlogen. Dann lieber ein ehrlicher Grantler.

shafty
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Mag ich Mag ich nicht

2

20.11.2012 - 23:57 Uhr
shafty

alcofribas sagte:
und wenn einer gern (und damit gut) allein an seinem Platz vor sich hin programmiert und der andere gleichzeitig einen guten Job im Vertrieb macht, hat jeder sein Ding gefunden. Nennt man Arbeitsteilung. Ich lass die Finger auch von unserer Klimaanlage, dafür gibts Leute, die das gelernt haben und gerne machen.


nun arbeite ich in einer firma, in denen sowohl programmierer als auch vertriebler arbeiten und ich sage dir: auch die programmieren keineswegs irgendwo im luftleeren raum alleine vor sich hin sondern müssen sich auch dann und wann mit vertrieblern und anderen abteilungen auseinandersetzen, zusammen an lösungen arbeiten, projekte besprechen etc.
und da ist mir ein programmierer eben wesentlich lieber, der beim meeting guten morgen sagt und sich auch sonst halbwegs sozialkompatibel und teamorientiert benehmen kann.
es geht doch wie vorhin schon gesagt bei soft-skills nicht darum aus einem programmierer einen vertriebler zu machen(keine ahnung wie du darauf kommst das sei irgendwie die intention) sondern aus einem grantligen programmierer ohne die fähigkeit zur teamarbeit einen mit dem man vielleicht lieber zu tun hat, weil ihm mal jemand ein paar tipps gegeben hat, was gut ankommt beim gegenüber.

TomJones
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Mag ich Mag ich nicht

4

20.11.2012 - 23:58 Uhr
TomJones

Ich lasse mehrfach täglich meine Hard Skills von einer Assistentin/Praktikantin prüfen. ;))))))))))))))
Sind reichlich vorhanden und haben bisher noch jeden Test übererfüllt. :))))))))))))))))

eisengrau
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Mag ich Mag ich nicht

1

21.11.2012 - 00:01 Uhr
eisengrau

shafty sagte:
der text ist von roger willemsen? sehe ich ja jetzt erst.
haha, roger willemsen echauffiert sich über soft skills und umgangsformen der elite?
ich lach mich schlapp. ohne soft skills wäre der doch mal garnichts. ausser seinem schreiben beruht doch alles was der macht auf soft skills. oder ist moderieren und auf der buchmesse smalltalken und in talkshows geschliffen daherreden jetzt knallharter hardskill-beruf bei dem "der kram erledigt wird"?


Du nimmst es mir vorweg. Ich dachte mir auch gerade, als ich den Namen las, der Mann, der ein Jahrzehnt lang der König des gepflegten Blabla war, macht hier einen auf Kohlenkumpel.

vammy
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Mag ich Mag ich nicht

0

21.11.2012 - 00:30 Uhr
vammy

melancholieunduebermut sagte:
vammy sagte:

Ob man das in Kursen erlernen kann, ist allerdings fraglich. Vielleicht ist es ja hilfreich für die Kinder aus Arbeiterfamilien, die die feinen Codes und Umgangsformen des gehobenen Bürgertums eben nicht von den Eltern gelernt haben.


lol ich hoffe das ist nun ironie


Keine Ahnung, ich kenne weder diese Soft Skill Kurse, noch die Hartman/Kopp Studie. Ich finde die Formulierungen und Schlussfolgerungen in dem Artikel allerdings etwas... anmaßend.

Aporia
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Mag ich Mag ich nicht

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21.11.2012 - 00:38 Uhr
Aporia

JoergAuch sagte: Dann lieber ein ehrlicher Grantler.

Ist Granteln nicht eigentlich auch eine spezielle Form von Soft Skill?

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