14.11.2012 - 18:30 Uhr

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"Ich beneide dich nicht"

Text: fiona-webersteinhaus - Foto: Lisa Hörterer

Haben unsere Großeltern nur fürs Geld gearbeitet, oder wollten die sich auch irgendwie selbst verwirklichen? Friederike vergleicht ihr Berufsleben mit dem ihrer Oma Dorothea. Eine Diskussion.

Friederike, 29, besucht zurzeit in Hamburg die Journalistenschule. Davor hat sie in Berlin Philosophie und Geschichte studiert. Ihre Großmutter Dorothea Schröter, 79, hat zuletzt bei der Akademie der Wissenschaften für das „Etymologische Wörterbuch“ und das „Goethe-Wörterbuch“ gearbeitet. Vorher war sie 15 Jahre Hausfrau. Sie wurde in der ehemaligen DDR zur Kinderkrankenschwester ausgebildet und hat danach Altgriechisch und Latein studiert.

jetzt: Frau Schröter, Sie haben bis zu Ihrem 56. Lebensjahr in der DDR gelebt. Wie war es für Sie, als dieser Staat in sich zusammenfiel?
Dorothea Schröter: Wir waren uns sicher, dass wir diesen Tag nicht mehr erleben würden — obwohl wir auch dachten, dass diese DDR nicht überleben kann. Als Richard von Weizsäcker seine Rede zur Wiedervereinigung hielt, stand ich in der Küche vor dem Radio, ganz still, und — mir ist das fast ein bisschen peinlich — mir sind die Tränen hinuntergeflossen. Ich weiss noch wie heute, als wir das erste Mal zur Wahl gingen. Das war unbeschreiblich.

Haben Sie manchmal das Gefühl, dass Friederikes Generation, die nie in einer Diktatur gelebt hat, diese Freiheit nicht genug zu schätzen weiß?
Dorothea Schröter: Bei Friederike habe ich nun gar nicht das Gefühl, die nutzt ja all ihre Möglichkeiten. Man kann sich das ja kaum vorstellen, für euch ist die DDR fast wie für mich die Steinzeit.
Friederike: So lange ist das ja noch gar nicht her. Aber deine Erzählungen sind natürlich wichtig, um sich immer wieder daran zu erinnern. Vielleicht auch, um sich immer wieder bewusst zu werden, wie gut man es hat.

Dorothea Schröter, Friederike

Friederike, bist du immer froh um die vielen Möglichkeiten, die dir offenstehen?
Friederike: Natürlich, ich möchte keinen Weg vorgegeben bekommen. Gleichzeitig ist es manchmal schwer, mit dieser Freiheit umzugehen, sich zu entscheiden. Ich habe mich zum Beispiel nach dem Abitur wild für alles Mögliche beworben, auch für ein duales BWL-Studium bei Siemens. Ein Grund, weshalb ich den Platz nicht angenommen habe, war: Alles war vorgegeben – die Ausbildungsstufen, das Geld und die Sicherheit. Das fand ich unheimlich. Ich wollte dann etwas komplett Freies studieren.
Dorothea Schröter: Ich durfte zunächst gar nicht studieren. Im Bewerbungsschreiben musste man angeben, welchen Beruf der Vater und die beiden Großväter ausübten. Alle drei Männer aus meiner Familie waren tot – aber sie waren auch alle drei Akademiker gewesen. Da bekam ich schriftlich: „Wir haben Ihren Unterlagen entnommen, dass es Ihnen besser tut, mit der werktätigen Bevölkerung Kontakt aufzunehmen, als zu studieren.“

Wie haben Sie reagiert?
Dorothea Schröter: Ich habe erst einmal Krankenschwester in Leipzig gelernt.

Waren Sie verärgert?
Dorothea Schröter: Ich begann diesen Staat abzulehnen. Nach dem 17. Juni 1953, dem Volksaufstand in der DDR, sagten einige zu mir und meiner Schwester: Bewerbt euch im Juli noch mal, die da oben sind verunsichert und lassen alle zum Studium zu. Haben wir sofort gemacht. Mein Vater war der Grund für meine Studienwahl – er war begeisterter Altsprachler. Ich habe ihn mit zehn Jahren das letzte Mal gesehen, aus dem Krieg kam er nicht zurück. Die Maximen meines Lebens waren immer: „Das würde dem Vater gar nicht gefallen.“ Oder: „Das würde dem Vater gut gefallen.“ Wenn ich alte Sprachen studierte, würde ihm das sicher gut gefallen, dachte ich. Was ich jedoch mit Altphilologie werden wollte – das wusste ich auch nicht.

Sollte man das schon sehr früh wissen?
Dorothea Schröter: Ich kenne viele, die sagen: Ich will dieses studieren, weil ich jenes werden will. Es gibt ja auch viele Studiengänge, die eine Berufsausbildung sind. Das ist vielleicht der Zeit angemessen – meine Art des Studierens entsprach noch dem humboldtschen Bildungsideal.
Friederike: Ich habe im Magisterstudium bewusst Philosophie und Geschichte gewählt, weil diese Fächer viel geistige Freiheit lassen, weil sie bilden – nicht ausbilden. Die verschiedenen Denkweisen der Philosophen studiert und in der Geschichtswissenschaft gelernt zu haben, wissenschaftlich exakt zu arbeiten, hilft mir noch heute.

Muss man sich im Beruf verwirklichen?
Dorothea Schröter: „Selbstverwirklichung“ ist für mich ein Reizwort. Ich bin der Meinung, dass ich nicht auf der Welt bin, um mich selbst zu verwirklichen. Das liegt auch an meinem christlichen Glauben. Wichtig ist: miteinander zu leben, einer mit dem anderen.
Friederike: Einerseits widerstrebt mir das Wort auch. Andererseits verstehe ich den Wunsch, über die Arbeit Anerkennung bekommen zu wollen. Ich wäre sicher nicht glücklich, wenn ich nur Hausfrau wäre – ich definiere mich ja auch über meine Texte, meine Arbeit.
Dorothea Schröter: Bei mir wäre immer zuerst die Familie gekommen. Aber ich hatte auch Mann und vier Kinder.
Friederike: In der Prioritätenliste liegt Familie höher – wenn irgendetwas Schlimmes passiert, dann wäre mir der Beruf erst mal egal. Aber wäre es dir wirklich genug gewesen, wenn du nur für die Familie da gewesen wärst?
Dorothea Schröter: Das kann ich nicht genau sagen. Ich hatte ja ein seltsames Glück, dass ich mit 43 Jahren erneut ins Berufsleben einsteigen konnte und bis zur Rente gearbeitet habe. Aber ehrgeizig bin ich von Natur aus sowieso nicht – auch wenn ich mit großem Interesse und mit Leidenschaft gearbeitet habe. Ich bin eher ein guter Mitarbeiter als Abteilungsleiter.

Friederike, was magst du an deinem Beruf?
Friederike: Ich mag das Gefühl, am Puls der Nachrichtenzeit zu sein, das schnelle Arbeiten, die wechselnden Themen. Durch das Internet kann man bei jedem Ereignis der Welt live dabei sein. Wir sind alle wahnsinnig gut vernetzt; so entdeckt man ständig neue Themen, kann sofort und direkt kommentieren und diskutieren. Ich befasse mich aber auch mal länger und intensiver nur mit einer Sache, muss mich in ein Thema einlesen, darüber nachdenken. Doch ich merke, dass mir das manchmal schwerfällt.
Dorothea Schröter: Ihr habt Angst, ihr könntet etwas verpassen, oder?
Friederike: Wahrscheinlich. Wenn ich morgens ins Büro komme, klappere ich zunächst alles ab: E-Mails, SMS, Nachrichten im Internet. Ich merke selbst, wie mir das viele Kommunizieren die Konzentration raubt. Längst diskutiert unsere Generation über Strategien, mit unserer Dauererreichbarkeit umzugehen, es gibt ganze Bücher dazu. Deshalb fahre ich oft ganz bewusst alles zurück und gehe aus dem Netz, wenn ich schreibe, oder mache nachts das Handy aus.
Dorothea Schröter: Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich an mein Handy gegangen wäre, wenn ich einen Wörterbuch-Artikel geschrieben habe. Bei uns stand nur im Sekretariat ein Telefon. Wir saßen zu zweit in einem Zimmer, gesprochen haben wir nicht. Naja, wenn jemand eine Frage hatte. Aber man hat sich schon genau überlegt, ob man stören wollte. Sonst kann man doch nicht konzentriert arbeiten.
Friederike: Eine Studie besagt, dass man heute im Büro alle elf Minuten unterbrochen wird: von Mails, Kollegen, SMS. Die Störung ist auch ohne Handy da.
Dorothea Schröter: Die Leute, die heute am „Goethe-Wörterbuch“ arbeiten, inzwischen sind sie beim Buchstaben K, arbeiten auch wie ihr. Das klingt vielleicht etwas arrogant, aber die sind nicht mehr so gründlich wie wir.
Friederike: Woran siehst du das?
Dorothea Schröter: Das Ergebnis kann ich nicht beurteilen. Aber ein jüngerer Kollege hat mir erzählt, dass es nicht mehr oft vorkommt, dass über die Manuskripte diskutiert wird. Wie wir uns manchmal die Köpfe heiß geredet haben! Übrigens, was spannend ist im Vergleich zu eurer Zeit: Als ich fertig war mit dem ersten Wörterbuch, musste ich zum Institutsdirektor, damit er mir eine neue Beschäftigung suchte. Ich hatte ja einen Vertrag auf Lebenszeit.
Friederike: Das hat sich völlig geändert: Alle meine Bekannten bekommen befristete Verträge — wenn sie überhaupt fest angestellt werden –, für ein Jahr oder mal zwei Jahre.

Dorothea Schröter: Ist das wahr? Man muss sich doch einarbeiten. Als ich das erste Mal in der Akademie der Wissenschaften herumgeführt wurde, sagte der Leiter: „Da musst du das machen, hier das“; da habe ich gedacht: Das lernst du nie. Man braucht einfach Zeit, um neue Situationen zu verinnerlichen.
Friederike: Viel Zeit bekommt man nicht mehr. In jeder neuen Redaktion, bei jedem Praktikum sollte man eigentlich in Ruhe herausfinden, was die Mitarbeiter wollen. Aber ich denke manchmal, dass von mir erwartet wird, ich müsse gleich am ersten Tag voll in der Redaktion integriert sein.
Dorothea Schröter: So glücklich ich darüber bin, dass ihr so lebt, wie ihr lebt — dass ihr reisen könnt, frei euren Beruf wählen könnt, all das, was wir nicht hatten —, aber um dieses Gehetzte, um dieses Getriebensein beneide ich euch nicht.



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alces
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Mag ich Mag ich nicht

-2

15.11.2012 - 22:53 Uhr
alces

schwindlicht sagte:
zu recht angegiftet. allein schon die "dose bier" da oben. hilfe, wo lebst du.
leichthin abgekanzelt, von oben herab, ohne wirkliche ahnung vom konkreten. wie alces übrigens auch. aber ihr habt ja "gewonnen".

@alcofribas: dich hatte ich auch nicht gemeint, was die gleichsetzung angeht.


Dann erzähl' uns mal, wie's so ist, konkret. Ich habe ja wirklich keine subjektive Erfahrung, weil ich um's verrecken nicht in den öffentlichen Dienst gehen würde - und hier draußen in der tatsächlich leidlich freien Wirtschaft sind die "Ossis", denen man begegnet genau so gute oder schlechte Menschen wie die anderen auch.

heidelbaerin
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Mag ich Mag ich nicht

-2

16.11.2012 - 00:22 Uhr
heidelbaerin

schwindlicht sagte:
zu recht angegiftet. allein schon die "dose bier" da oben.


Was spricht denn genau gegen die Forderung nach DDR-Einheitsrenten? Vielleicht kannst du es mir erklären.
Ich habe es ja erläutert. Die Tatsache, dass eine Kooperation mit dem System des Unrechts Voraussetzung für eine Karriere war, Kritiker im besten Fall sozial kalt gestellt wurden (wenn nicht direkt verhaftet oder wie nach 53 hingerichtet) führt bei mir zur Folgerung, dass das Unrecht zwar nicht ausgeglichen würde, wenn alle nun den gleichen Rentenanspruch hätten, sondern mindestens die Profiteure des Systems nicht weiter profitieren würden, bzw. die damals bewusst sozial Benachteiligten (wei sie eben "unbequem waren und so ihnen attraktive Positionen verwehrt blieben) das Nachsehen haben. Was spricht konkret dagegen? Mache ich eine Fehlüberlegung? Wenn ja, welche? Mir kommt als Gegenargument einzig in den Sinn:
1. Die DDR war überhaupt kein Unrechtsstaat.
2. Es war damals dort sowieso alles halb so wild, Leistung wurde belohnt, Kritiker nicht verfolgt.

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Mag ich Mag ich nicht

-2

16.11.2012 - 00:30 Uhr
heidelbaerin

@ Schwindlicht

Ich bitte dich, du kannst mich ja korrigieren. Keine Ahnung von allem, wir gewonnen (würde ich nie sagen, wenn ich sehe wie viele Menschen durch die 40 Jahre Dikatur verloren haben und immer noch unter den Folgen leiden), wo lebst du denn... wie wäre es mit konkreten Argumenten? Das ist falsch, das war nicht so sondern so, weil! Das wäre eine Argumentationsbasis. Warum entziehst du dich der Diskussion, schweigst aber nicht einmal, sondern kanzelst mal zwei, drei User ab, dass sie keine Ahnung haben? Ich bin nicht in den Geschichts- und Sozialwissenschaften groß geworden. Da lasse ich mich belehren, wenn ich irgendwo falsch liege.
Ich korrigiere auch gerne Menschen, wenn sie von meinem Fachgebiet wenig verstehen, insbesondere wenn es sich um ein Internetforum handelt und sage nicht plump "keine Ahnung, wo lebst du denn?"

izzy_bizzy
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Mag ich Mag ich nicht

-1

18.11.2012 - 09:54 Uhr
izzy_bizzy

Bitte... "Diktatur"... man kann es auch übertreiben. Ich denke die wenigsten hier haben zu Zone-Zeiten gelebt, oder?

Meine Familie und ich lebten sehr gut zu DDR Zeiten. Man muss gewisse Dinge eben hinnehmen und darf halt nicht alles kritisieren, na und?
Manchmal wünsche ich mir das auch für die heutige Zeit, in dem jeder seinen geistigen Müll publizieren darf und dafür auch noch belohnt wird (Stichwort Sarazin).

Nicht alle "Ossis" haben etwas gegen das System gehabt. Nicht jeder war Systemgegner.
Man kennt die guten Sachen, und die kommen ja jetzt auch unter "falscher Flagge" wieder
(Ganztagsschule, Kindergarten, natürlich alles nach dem "Finnischen Modell", obwohl es die Finnen damals bei uns übernommen haben)....

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Mag ich Mag ich nicht

0

18.11.2012 - 09:57 Uhr
izzy_bizzy

Was ich damit sagen möchte: eine Diktatur ist etwas anderes als unser damaliger Sozialismus.
Und wird permanent von den Wessis eingeredet wie schlecht es uns ja damals ging- ging es gar nicht. Heute geht es uns schlecht, weil wir für alles selbst Verantwortung tragen müssen, weil wir einen Überfluss an Auswahlmöglichkeiten haben, weil wir eine unsichere Zukunft haben... früher wurde sich da drum gekümmert.

alcofribas
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Mag ich Mag ich nicht

0

18.11.2012 - 11:38 Uhr
alcofribas

izzy_bizzy sagte:
(...)

Meine Familie und ich lebten sehr gut zu DDR Zeiten. Man muss gewisse Dinge eben hinnehmen und darf halt nicht alles kritisieren, na und?
(...)

Nicht alle "Ossis" haben etwas gegen das System gehabt. Nicht jeder war Systemgegner.
Man kennt die guten Sachen, und die kommen ja jetzt auch unter "falscher Flagge" wieder
(Ganztagsschule, Kindergarten, natürlich alles nach dem "Finnischen Modell", obwohl es die Finnen damals bei uns übernommen haben)....
Was ich damit sagen möchte: eine Diktatur ist etwas anderes als unser damaliger Sozialismus.
Und wird permanent von den Wessis eingeredet wie schlecht es uns ja damals ging- ging es gar nicht. Heute geht es uns schlecht, weil wir für alles selbst Verantwortung tragen müssen, weil wir einen Überfluss an Auswahlmöglichkeiten haben, weil wir eine unsichere Zukunft haben... früher wurde sich da drum gekümmert.


ich hoffe, du meinst das ironisch.

heidelbaerin
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Mag ich Mag ich nicht

1

18.11.2012 - 19:53 Uhr
heidelbaerin

izzy_bizzy sagte:
Manchmal wünsche ich mir das auch für die heutige Zeit, in dem jeder seinen geistigen Müll publizieren darf und dafür auch noch belohnt wird (Stichwort Sarazin).


Nicht wahr? Also wenn damals so leidige Typen wie Sarrazin mal was gegen den Mainstream gesagt haben, mal ein paar Monate in Hohenschönhausen und schon warn sie ganz schön auf Linie getrimmt. Selbst schuld wer so blöd war in den Zeiten was falsch zu sagen, ohne das konnte man es sich ja ganz gute gehen lassen!

Ich hoffe immer noch dass es Ironie ist, aber die Hoffnung schwindet. Ich muss schnell aufs Klo.

izzy_bizzy
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Mag ich Mag ich nicht

-2

18.11.2012 - 22:28 Uhr
izzy_bizzy

Ich habe gerne zu DDR Zeiten gelebt. Auch meine Eltern- ohne Probleme. Wir sind jedes Jahr in Urlaub gefahren, zwar nicht nach Malle oder Ibiza, sondern an die Ostsee oder nach Brandenburg. Nach der Wende war das nicht mehr drin.

Es ist immer wieder erstaunlich, dass Wessis einem einreden wollen, uns hätte was gefehlt. Zum Beispiel: Die bucklige Verwandtschaft in Schwaben haben kaum im Winter geheizt, sondern eher einen Pullover angezogen, wir haben geheizt, und wenn's zu warm war eben das Fenster kurz aufgemacht- wem hat nun etwas an Lebensqualität gefehlt?

schwindlicht
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Mag ich Mag ich nicht

0

18.11.2012 - 23:37 Uhr
schwindlicht

@heidelbaerin es bringt relativ wenig, mit jemanden diskutieren zu wollen, der sich eh schon sein welbild eingerichtet hat - und das aufgrund der beeindruckenden abstraktion von einem einzelschicksal heraus. bei dem mich eben das konkrete interessieren würde: was ihm da zur last gelegt wurde, wie er sich verhalten hat. usw. zynisch formuliert: man kann sich auch anstellen und bestimmte dinge gingen eben nicht. das hat eben auch ideologische gründe (womit sich, wie ich eben immer wieder bemerke, der westdeutsche bürger nie auseinandersetzen musste - er nur per se "dagegen" ist, ohne die idee, was kommunismus hätte sein können, überhaupt begriffen zu haben): dann versteht man auch, dass sich gegen "die partei" zu stellen, politisch anders zu denken theoretisch (!) obsolet war: weil es ja eine einheitspartei war, die theoretisch eben die interessen aller im blick haben sollte. dass sie das nie hatte: geschenkt, aber dass gerade das, die idee der gleichheit aller menschen, es gerade zu beginn war, der eben auch menschen fesselte, das kanzelt man eben auch leichthin weg: es gab' eben menschen, die an die errictung einer klassenlosen gesellschaft geglaubt haben. insofern ist diese opfer-täter-stimmung und gegenüberstellung auch etwas absurd, es spiegelt eben nicht die realität wieder: so wie mein vater fast mal in den bau gewandert wäre, weil er sich gegen die enteignung durch die braunkohle gewehrt hat (letztlich auch erfolgreich: so viel auch die rede von einem unrechtsstaat), so saßen bei geburtstagen seine neffen mit am tisch, die, wie wir jetzt wissen, bei der stasi waren. was man auch hätte ahnen können. man merkt es den leuten an, die mit dem parteibuch aufsteigen wollten. eine strategie, die ja heute noch genauso funktioniert, gucke ich mir die beiden höchsten ämter im schönen neuen staat so an. die haben übrigens noch zu ost-zeiten studiert und wohl kaum im offenen "widerstand".

aber zurück zu dir und deinem fall: aber gerade dass dein bekannter auch nicht nach der wende auf die füße gekommen ist, ist doch nicht mehr schuld des systems. das wurde doch über nacht treuhänderisch abgewickelt, wie auch sein betrieb. wieder zynisch formuliert: er hätte doch jetzt alle zeit gehabt, sich umzuorientieren. es zeugt eben aber auch davon, dass dieses system jetzt, dass auch nur eine ideologie ist, eben auch nicht fehlerfrei ist und das mit der angepriesenen chancengleichheit eben auch nicht weit her. und es, wenn nicht gewollt, dann doch zumindest geduldet wird, dass so etwas wie eine unterschicht und ein niedriglohnsektor existiert, der nicht sonderlich durchlässig ist. und dann kommen eben diese absurden ostalgischen sätze, die sich nach früher zurücksehnen, weil ein urlaub an der ostsee und gebraucht zu werden in einem staat, der einen ein recht auf arbeit garantiert, plötzlich viel schöner vorkommt als die rechte, die man dafür damals nicht hatte.

das mit dem "unrechtsstaat" ist eben nicht so einfach. und es diskreditiert lebensläufe, ihn per se so zu nennen. leute, die in diesem staat gelebt haben, weil sie es mussten, ja, aber auch weil sie wollten. es gab unrecht, ja, und das soll auch aufgearbeitet und verurteilt werden, wo das nachgewiesen ist. aber deine idee einer "einheitsrente" für ddr-bürger ist ein absurder gedanke: es widerspricht den immer von "euch" hochgehaltenen leistungsgedanken, wenn man die vorhandene chancengleichheit hinterfragen will.
und so sühnt man kein unrecht. man deklassiert damit noch mögliche opfer. kehrt alle über einen kamm. zum anderen ist diese gleichschalterei ein merkwürdiger gedanke für einen westbürger. wofür würde man dann diese rente bekommen: letztlich maximal 40 jahre teil eines realsozialistischen experiments auf deutschem boden gewesen zu sein, auf der falschen seite/ besatzungszone als der krieg vorbei war?

@alces das ist das erste mal, dass du hier konkret sprichst. und um zu sagen, dass du über ostdeutsche bis dahin recht pauschal gesprochen hast - so kam es an -, brauch ich auch keinen großen einblick in den öffentlichen dienst. die last des beweises liegt doch da nicht bei mir.

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Mag ich Mag ich nicht

0

23.11.2012 - 01:41 Uhr
schwindlicht

@heidelbaerin vielen dank für deine aufmerksamkeit. das meinte ich, es hat keinen sonderlichen sinn, wenn jemand im grunde gar nicht diskutieren will oder kann.

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