Mitgenommen
Ist es Selbstaufgabe, wenn man seinem Partner beim Jobwechsel folgt? Oder einfach nur ein Zeichen von Aufgeschlossenheit?
Wenn es mal wieder regnet in Hamburg, wenn der Arbeitstag anstrengend war, wenn sich in ihr wieder das Gefühl einstellt, nicht so glücklich zu sein in dieser Stadt, dann hat Anna ein Problem: Früher konnte sie in solchen Situationen mit ihrem Freund sprechen, ihm ihr Leid klagen. Das machte das Aushalten einfacher. Jetzt geht das nicht mehr.Schließlich war sie es, die nach Hamburg wollte, Sebastian wäre lieber in München geblieben. „Deshalb kann ich von ihm jetzt kein Mitleid erwarten“, sagt Anna. „Ich behalte meinen Stress so lange wie möglich für mich, weil ich weiß: Wenn ich mich beklage, kommt wahrscheinlich die Antwort: Du wolltest ja hierher.“ Anna und Sebastian standen vor eineinhalb Jahren vor einer Entscheidung. Sie wohnten in München, Anna bekam ein Angebot für einen Job in Hamburg. Es war nicht irgendein Job, es war ein Karrieresprung, eine Chance, die sich so schnell nicht wieder bieten würde. Oder überhaupt nicht mehr.
Anna war glücklich in München, auch ihre Arbeit dort machte ihr Spaß. Und: Sebastian wollte nicht nach Hamburg. Kein bisschen. Anna und er hatten einen großen Freundeskreis aus Arbeitskollegen und alten Schulfreunden, Annas Schwester war auch gerade nach München gezogen. Es war nach fünf Jahren gerade so richtig gemütlich geworden. Das Leben in Hamburg hingegen war ein leeres Blatt, nirgends gab es Anknüpfungspunkte. Immerhin, auf Anna wartete der neue Job, eine Herausforderung.
Die moderne Arbeitswelt ist flexibel geworden. Dass jemand seine Karriere bei dem Arbeitgeber beendet, bei dem er sie nach dem Studium oder nach der Ausbildung begonnen hat, kommt kaum noch vor. Man sammelt Auslandserfahrung, wird vom Arbeitgeber versetzt oder muss dort hinziehen, wo es gerade einen guten Job gibt. Wer weiterkommen will, muss den Job wechseln und unter Umständen auch die Stadt oder das Land. Die Entscheidung, ob man wegsoll oder nicht, ist nicht leicht zu treffen. Es gibt immer Dinge, die man zurücklassen müsste, und Ungewissheiten, die man vorher nicht abschätzen kann. Noch schwerer wird es, wenn der Partner die Konsequenzen einer Entscheidung mittragen muss.
„Diese Situationen sind vertrackt“, sagt Manfred Hassebrauck. Er ist Professor für Sozialpsychologie und erforscht vor allem Paare und Beziehungen. „Höchstwahrscheinlich wird es sich nicht vermeiden lassen, dass ein Partner unter der Entscheidung zu leiden hat – wie auch immer diese ausfällt.“ Hätte Anna das Jobangebot ausgeschlagen, hätten sie das Bedauern und der Ärger über die verpasste Chance womöglich nicht losgelassen. Vielleicht hätte sie Sebastian Vorwürfe gemacht. Aber er sagte: „Ich will nicht nach Hamburg, doch wenn du dich dafür entscheidest, komme ich mit.“ Er hat ihr die Entscheidung überlassen, ihr damit allerdings auch eine Bürde aufgeladen: Sie muss jetzt mit dem schlechten Gewissen klarkommen.

Für ein Paar kann das eine Gefahr sein. In stabilen und glücklichen Beziehungen herrsche immer ein Gleichgewicht, sagt Manfred Hassebrauck. Wenn jemand für die Karriere der Freundin Teile seines Lebens aufgibt, könne dieses Gleichgewicht ins Wanken geraten. Hassebrauck spricht von „nachteiliger Unausgewogenheit“, die das Paar wieder beseitigen müsse, durch Zugeständnisse und Entgegenkommen. Beim Umzug nach Hamburg hatten Anna und Sebastian zwei Wohnungen zur Auswahl, jeder favorisierte eine andere. Anna gab nach, genauso wie beim neuen Kühlschrank und der neuen Couch. Nachdem sie sich für Hamburg entschieden hatten, heirateten beide. Anna versprach, Sebastians Namen anzunehmen. Und falls sein Traum von einer Greencard für die USA irgendwann in Erfüllung geht, wird Anna ihm wahrscheinlich folgen. Nach San Francisco.
Conny ist mit ihrem Freund Felix ins Ausland gegangen. Seit knapp einem Jahr wohnen die beiden in Sydney, er leitet dort den Aufbau und den Betrieb einer neuen Maschine zur Papierproduktion. Ein guter Karriereschritt, Felix, 31, ist verantwortlich für eine Maschine so groß wie ein Fußballfeld. Es ist das dritte Mal, dass sein Job in der Beziehung den Wohnort vorgibt. Während seines Studiums machte Felix ein Praxissemester in Kapstadt. Conny kündigte ihre Stelle als Praxismanagerin in München und begleitete ihn. Als beide zurück in München waren, wurde schnell klar, dass Felix seine Diplomarbeit bei einem Unternehmen in der Nähe von Hamburg schreiben und dann dort eine Festanstellung bekommen würde. Conny ging mit. Zwei Jahre später fand Felix in seinem Posteingang eine Mail von einem seiner früheren Professoren: In Sydney werde jemand für die neue Maschine gesucht, ob er nicht Interesse habe. Er bewarb sich und wurde genommen. Conny ging mit.
Die ersten beiden Ortswechsel sind Conny leichtgefallen. In der Arztpraxis war sie schon längere Zeit unzufrieden, sie hatte Geld gespart, und es ging ja nur um fünf Monate. Sie besuchte in Kapstadt eine Sprachschule, die beiden bekamen dreimal Besuch, die Zeit war schnell um. Ob sie sich danach in München oder woanders einen neuen Job suchen musste, war ihr relativ egal. Und Hamburg klang spannend. Sie arbeitete erst im Büro einer großen Kinokette, danach baute sie ein eigenes Geschäft auf: Sie verschönerte gebrauchte Möbel von Flohmärkten und verkaufte sie über die Internetplattform Dawanda. „Damit hatte ich zum ersten Mal etwas gefunden, das mir richtig Spaß machte und auch noch gut lief“, erzählt Conny. Dann kam Australien. „Ich habe sehr darunter gelitten, das aufgeben zu müssen“, erinnert sich Conny. Und doch zog es sie auf die andere Seite des Planeten. Irgendwann wären die beiden sowieso ins Ausland gegangen, das war fest geplant. Der Zufall hatte nun eben schon jetzt Australien aufs Menu geschrieben. Nachdem der potenzielle Arbeitgeber Felix und Conny eine Woche nach Sydney eingeladen hatte, um ihnen Firma, Mitarbeiter und mögliche Wohngegenden zu zeigen, waren beide überzeugt.
Aber selbst wenn man es will – für denjenigen, der dem Partner folgt, ist es besonders schwer, am neuen Ort anzukommen. Vor allem, wenn man dort keine eigene Aufgabe hat, wenn nicht gleich Arbeit wartet und Kollegen, die einen nach Feierabend auf ein Bier mitnehmen. Auch das ist eine Art von Ungleichgewicht. „Ich bin froh, dass Conny ein Mensch ist, der gut viel Zeit mit sich selbst verbringen kann“, sagt Felix. „Ich hatte durch die Arbeit sofort Anschluss. Für sie war das schwieriger.“ Ihr Onlinegeschäft mit den Möbeln baut Conny in Australien zwar wieder auf. Aber es ist ein einsamer Job, die meiste Zeit verbringt sie zu Hause. Am Anfang, erzählt sie, habe sie oft den ganzen Tag mit niemandem geredet außer mit den Papageien auf dem Balkon. Viel wirft ihr Möbelgeschäft nicht ab. Ein finanzielles Problem entsteht dadurch nicht, Felix’ Gehalt versorgt beide. Wenn sie essen gehen, holt am Ende er das Portemonnaie aus der Tasche. Es sind eher die Erwartungen von außen, die die beiden manchmal stören. Wenn Freunde oder Bekannte fragen, was Conny in Australien „jetzt eigentlich macht“, hört sie einen Unterton. Die Frage scheint stille Vorwürfe zu beinhalten, von wegen: Conny lasse sich aushalten, sei dem gut verdienenden Freund hinterhergezogen, interessiere sich nicht für eine eigene Karriere und spiele nun Hausfrau.
Mit dem Freund oder der Freundin mitzugehen kann aussehen wie Selbstaufgabe, und vielleicht stimmt es auch manchmal. Ein ungeplanter Ortswechsel kann einen aber auch weiterbringen. Sebastian hatte in München oft über seinen Job geklagt. Zu einer Kündigung hatte er sich, wie er sagt, wegen der netten Kollegen nicht durchringen können. Das Jobangebot für Anna war für ihn der Schub, den ein Mensch manchmal braucht, wenn er sich etwas nicht traut. Mittlerweile hat Sebastian in Hamburg einen Job gefunden, der ihm wirklich gefällt. Vielleicht ist es manchmal ganz gut, sich treiben zu lassen. Vielleicht ist es ganz angenehm, wenn jemand anderes das Steuer hält und einen nur ab und an fragt, ob man mit einem Kurswechsel einverstanden ist. Und derjenige, den man liebt, ist sicher nicht der schlechteste Steuermann.
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izzy_bizzy sagte:
Generell ist es oft einfach die "Verlustangst". Starke Persönlichkeiten können auch eine Fernbeziehung führen. Klammeraffen kommen eben lieber mit.
Ob man es kann ist die eine Seite. Ob es auf Dauer glücklich macht ist die andere.
Ich kenne keine Fernbeziehung, bei der beide Partner mit der Situation glücklich sind und bei der das Ende der "Ferne" nicht abzusehen ist. Schon gar nicht, sobald Kinder da sind.
uther_the_puter sagte:
geile haxen.
Ich wollt gerade schon Fragen: Bin ich der einzige der sich denkt: "Das Paket nehm ich mit"
apollyon sagte:
izzy_bizzy sagte:
Generell ist es oft einfach die "Verlustangst". Starke Persönlichkeiten können auch eine Fernbeziehung führen. Klammeraffen kommen eben lieber mit.
Ob man es kann ist die eine Seite. Ob es auf Dauer glücklich macht ist die andere.
Ich kenne keine Fernbeziehung, bei der beide Partner mit der Situation glücklich sind und bei der das Ende der "Ferne" nicht abzusehen ist. Schon gar nicht, sobald Kinder da
sind.
Du kennst mich halt nicht ;-) Mein Partner und ich leben sehr glücklich auseinander in verschiedenen Städten, besuchen uns aber regelmäßig. Kinder kommen für uns eh nicht in Frage, ansonsten müssten wir wohl zusammenziehen.
Nicht jeder identifiziert sich so sehr mit seiner Arbeit, dass deren Aufgabe gleich einem Identitätsverlusst gleich kommt. Manche Menschen identifizieren sich eher durch ihre sozialen Strukturen. Da würden dann viele kritisieren "Aber was ist denn mit der Selbstverwirklichung? Man kann doch nicht nur mit dem Partner verschmelzen und sich mitschleifen lassen." Darauf könnte man erwiedern, ob es denn wirklich allein der Job ist, der einem Menschen Identität und ein Selbst gibt, ob es nicht auch viele Menschen gibt, die sich und ihr soziales Gefüge über den Job verlieren und vergessen. Ob das so viel wünschenswerter ist. Das muss natürlich nicht sein. Es kommt auf die jeweiligen Menschen im einzelnen an und zugleich auf das Paar als solches.
Auch muss es nicht sein, dass der "Mitziehende" von nun an gelangweilt daheim sitzt. Auch hier sind Menschen sehr verschieden. Die einen sind sehr flexibel und kreativ darin sich stets neue Aufgaben und Projekte zu suchen. Andere können sich nunmal nicht vorstellen, dass es einen anderen Lebensweg geben kann, als Schule, Bausparvertrag, Job, Rente, Grab.
Vielleicht zieht so mancher mit, weil er ganz opportunistisch die Gelegenheit wahr nimmt etwas mehr von der Welt zu sehen. Vielleicht auch weil er oder sie den Partner nicht nur als Lebensabschnittsgefährten, sondern als seine/ihre Familie begreift.
Ich glaube nicht, dass es etwas bringt mitzuziehen, wenn sich eigentlich das ganze Innere dagegen sträubt. Gleichzeitig macht es längerfristig Sinn den Partner zum bleiben bewegen zu wollen, wenn es für ihn/sie ein Opfer ist, dass von da an zwischen beiden steht.
Henriettesbimmelbahn sagte:
Ich glaube richtig problematisch wird es erst, wenn beide Parteien nicht so recht wissen, wo hin, wo bewerben, etc. und jeder insgeheim hofft, dass der andere den ersten Schritt tut. Da habe ich es schon einige male richtig krachen sehen in ansonsten harmonischen Beziehungen.
Hm ja, dass stimmt irgendwie. Mein Freund ist an einem für mich unmöglichen Ort gezogen, weil wir beide nicht wussten wohin und gerade bei mir den Masterbewerbungen war es ja doch sehr unklar. Jetzt haben wir statt dem mitziehen erstmal 8h Bahnfahrt. Aber auch da lässt sich bald ein Kompromiss finden. Manchmal reicht ja auch ein in die Nähe ziehen statt komplett mitziehen. Ist auch immer eine Frage, wie lange. Wenn ein Arbeitsverhältnis vll. nur auf 2 Jahre befristet ist, denkt man über mitziehen evt. anders, als wenn einer etwas langfristiges findet... Wir haben die Situation ja nun schon ein zweites Mal. Pauschal kann man da kaum einen Rat geben. Es ist jedesmal halt anders und wie gesagt, eine Sicherheit, dass man die richtige Entscheidung trifft hat man nie so richtig, da kann man noch so sehr abwegen. Denke aber Kommunikation zwischen den Partnern ist auch sehr wichtig, damit man Probleme früh erkennt und Kompromisse finden kann oder halt Auswege, wenn es gar nicht geht.
Es klingt für mich sehr ausgedacht und nach fiktiven Personen - ist das also eine Kurzgeschichte oder ein journalistischer Artikel?
Simone172 sagte:
Komisch, sind Conny und Felix nun nach Sydney, Australien, gegangen oder nach Kapstadt, Südafrika. Und warum haben sie keine Nachnamen?
Es klingt für mich sehr ausgedacht und nach fiktiven Personen - ist das also eine Kurzgeschichte oder ein journalistischer Artikel?
Man darf Texte, wenn man etwas nicht versteht auch gerne zweimal lesen... sowie man auch an mehrere Orte gehen kann...
Während seines Studiums machte Felix ein Praxissemester in Kapstadt. Conny kündigte ihre Stelle als Praxismanagerin in München und begleitete ihn. [...] Dann kam Australien.
Sie waren also erst in Kapstadt und dann später sind sie nach Sydney. Zwischendrin waren sie auch in München und Hamburg...
Und warum muss man den vollen oder gar richtigen Namen in Artikeln verwenden? Willst du sie googlen und fragen, ob das auch wirklich alles stimmt? Vielleicht möchten es die Personen selbst nicht. Ist ja jetzt nicht gerade unüblich, dass nicht volle Namen oder gar andere Namen verwendet werden.
Sie sind doch prinzipiell nur Bsp. für viele andere, die ähnliches erlebt haben. Wenn du dich in deiner Umgebung umhörst, gibt es sicher auch die ein oder andere ähnliche Geschichte.









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12.11.2012 - 16:45 Uhr
chrinamu
Mein Freund und ich sind beide Geisteswissenschaftler, da ist Umziehen für den Job vorprogrammiert. Momentan führen wir eine Fernbeziehung, weil er gerade einen Job neu angetreten hat, und wenn mein Vertrag in einem Jahr ausläuft, werde ich ihm wohl hinterherziehen - aber nur, wenn ich eine gute Stelle finde. Da es unrealistisch wäre, dass wir immer beide gleichzeitig neue Jobs brauchen und auch noch zwischen mehreren Orten wählen können, wird das wohl immer wieder mal vorkommen. Wichtig ist, dass nicht immer derselbe nachgibt, und dass man offen drüber reden kann.
Im Text hab ich den Eindruck, dass die Frauen mehr aufgeben. Gut, Anna hat ihn zum Umzug bewegt, aber danach sehr offensichtlich ein schlechtes Gewissen gehabt und ganz viele Zugeständnisse gemacht. Im zweiten Beispiel hingegen scheint der Mann kein schlechtes Gewissen zu haben.