"USA! USA!" - Eine Wahlparty in San Francisco
Als Obama vor vier Jahren gewählt wurde, flippten die Leute auf den Straßen aus. Wie bei allen guten Partys gilt auch hier: So etwas lässt sich nicht wiederholgen. Zu Besuch auf einer Hipster-Wahlparty in der Demokraten-Hochburg San Francisco.
Es beginnt ganz vorne in der Schlange, mit einem langgezogenen, lauten „Yes!“. Köpfe heben sich, blicken sich um, senken sich wieder auf Smartphone-Bildschirme. Dann schwillt drinnen der Lärm an, man hört die Schreie bis vor die Tür. Jetzt steht es fest: Barack Obama ist gerade wiedergewählt worden.Noch ist der Sieg nicht ganz sicher, aber gerade ist die erste Hochrechnung aus Ohio gekommen, dem wichtigsten und daher am meisten umkämpften Swing State. Wer ihn gewinnt, da sind sich die meisten Experten einig, wird der nächste Präsident. Den ersten Ergebnissen zufolge ist das Barack Obama.
Die Schreie kommen aus dem „Independent“, einem Live-Club in einer hippen Gegend in San Francisco. Die Band ist heute aber Nebensache, es ist Election Night, man trifft sich zum gemeinsamen Mitfiebern und Feiern beziehungsweise Trauern. Die Wahlen sind hier ein soziales Ereignis. Überall sind die Bars voller Menschen, die mit einem Bier oder einem Drink in der Hand auf einen Bildschirm schauen und das, was sie dort sehen, mit ihrem Nebenmann diskutieren. Schon um 19 Uhr sind die Läden voll. Die Schlange vor dem „Independent“, das immerhin 400 Leute fasst, windet sich bis an die nächste Kreuzung, um die Ecke und noch etwa 40 Meter weiter. Eine Stunde warten die Leute hier auf Einlass. „So eine Schlange habe ich hier glaube ich noch nie gesehen“, sagt der Türsteher. Er hat ein Tattoo auf der Innenseite seines Handgelenks. „Patience“ steht da – Geduld.

Sam, Ende 20, Obama-Shirt, kurze Haare, Dreitagebart, hat die Hälfte schon geschafft. Er war vor vier Jahren schon hier. Nachdem Obamas Sieg festgestanden habe, sei der Laden explodiert, sagt er. „War aber egal, die ganze Straße war sowieso eine riesige Party.“ Er sieht stolz aus, wenn er das erzählt, aber auch ein bisschen nostalgisch; wie jemand, der sich an gute alte Zeiten erinnert. Die Wahl 2008 war ein befreiender Moment für ihn und viele junge Amerikaner. Die Freude über das Ende der Bush-Ära, das Erleben des historischen Moments, in dem der erste schwarze US-Präsident gewählt wird, die Begeisterung, die Hoffnung, die Obama in seinem Wahlkampf damals verbreitete und die sich nach seinem Sieg in einer großen Party entlud – das sind Gefühle und Erinnerungen, die längst von der Realität des politischen Alltags überschattet sind. Sie heute wieder zum Leben zu erwecken, und sei es nur mit ein paar Stunden Party, das ist das Vorhaben der Wartenden in der Schlange vor dem „Independent“.
Drinnen fliegen Luftballons durch den hohen Saal. Auf der Bühne stehen die Instrumente der Band, die später noch spielen soll, dahinter die Leinwand mit der TV-Übertragung. Ergebnisse und Hochrechnungen tröpfeln ein. Obama führt im Swing State Virginia. Jubel. Auch in Colorado sieht es gut aus. Klatschen, Prost, „Four more years“-Rufe. In Maryland wurde neben den Präsidentschaftswahlen auch noch über die gleichgeschlechtliche Ehe abgestimmt. Angenommen. Jubel. Nächste Einblendung: In Colorado und Washington ist Marihuana jetzt erlaubt, und zwar nicht nur zu medizinischen Zwecken, sondern auch zum „recreational use“. Wieder Jubel. „USA! USA!“-Rufe. Es riecht nach Gras.
Mehr Luftballons. Ein Spaßvogel tanzt durch die Menge. Er hat sich eine Pappverkleidung für den Abend gebastelt, er geht als der „Binder full of woman“, der Romney so viel Spott einbrachte.
Obamas Wahlsieg von 2008 beruhte zu großen Teilen darauf, dass er die jungen Wähler erreichen konnte. Auch dieses Mal hat er das wieder geschafft. Nicht nur hier im mit vor allem Mitte-20-jährigen Hipstern gefüllten „Independent“ in San Francisco, das ohnehin eine Demokratenhochburg ist. 19 Prozent der Wählerschaft war heute zwischen 18 und 30 Jahre alt. Das ist sogar noch ein Prozent mehr als vor vier Jahren. Diese Gruppe stimmte wieder überwiegend für Obama, wenn auch weniger deutlich als bei seinem ersten Wahlsieg.
Als die Band sich gerade für ihren Auftritt bereit macht, geht plötzlich die Musik wieder aus und der Ton der TV-Übertragung dröhnt wieder aus den Boxen. Romneys Rede beginnt. Der Verlierer bekommt an manchen Stellen sogar Applaus: Als er Obama gratuliert und Glück wünscht, und als er seinen Glauben an Amerika und das amerikanische Volk bekräftigt. Becky, 27, ist angetan von Romneys Rede. „Plötzlich wirkt er fast sympathisch“, sagt sie. „Und er hat einen versöhnlichen Ton gewählt. Das finde ich gut.“
Trotz sportlichem Applaus für die Romney-Rede warten hier jetzt alle nur auf eines: Die Siegesrede des alten und neuen Präsidenten. Doch der lässt sich Zeit. Die Stimmung im Saal erinnert an die Umbaupause zwischen Vor- und Hauptband: Man steht herum, holt Getränke, unterhält sich oder schaut auf die Bühne (in diesem Fall: Leinwand), obwohl es dort eigentlich gerade nichts zu sehen gibt.
Und wie sich nach dem Ende eines Konzerts der Saal meist schnell leert, wenden sich nach Obamas Rede viele Gäste zur Tür und lassen die Band mit ihrem Begrüßungs-Toast auf den neuen Präsidenten alleine. Draußen hat sich schon der Nebel in die Straßen gesenkt. Die Party von 2008 wiederholt sich nicht. Die Schlange vor dem Club hat sich aufgelöst. Der Türsteher ist noch da. Er verabschiedet jeden Gast mit High Five.
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Ja so ein Saal ist schon recht lehrsam...
koikarpfen sagte:
"Und wie sich nach dem Ende eines Konzerts der Saal meist schnell lehrt, [...]."
Ja so ein Saal ist schon recht lehrsam...
Danke, ist berichtigt.









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07.11.2012 - 16:49 Uhr
zimmermonster