Alles ist gut oder: How I met my father
Istanbul, 04.Oktober 2012, es ist spät am Nachmittag und meine Bluse flattert im Wind. Ich habe mich schick gemacht, möchte gut aussehend. So gut, wie ich kann. Deswegen trage ich meine Lieblingsbluse, Lieblingshose, Lieblingsschuhe. Ich habe Parfum aufgelegt und meine dicken, schwarzen Haare offen gelassen. Ich will ein bisschen wie meine Mama aussehen, damit du mich besser erkennst.
Der Weg hierhin war nicht einfach. F. war bei der Vorbereitung dabei und vielleicht hätte ich es ohne ihn nicht gemacht. Es war Dienstag, als er mir das Telefon mit der schon gewählten Nummer in die Hand drückte, Mittwochabend bin ich geflogen. Live dabei ist nun S., die mir später erzählen wird, dass sie unsicher war, ob sie das Richtige tut: Mich mit einem fremden Mann alleine lassen.
Dann stehen wir uns plötzlich gegenüber. Der Mann, den ich schon die ganze Zeit im Augenwinkel beobachtet und mir gewünscht hatte, dass dieser es nicht ist (Sorry, Papa. In meiner Vorstellung warst du immer Südseekapitän und zuletzt einfach ein junger, moderner Typ, der es damals einfach nicht hingekriegt hat. Doch du bist weder Südseekapitän noch erfolgreicher Börsenmakler). Du hast eine angenehme Stimme, vor allem am Telefon, aber wenn du hier so vor mir stehst, siehst du einfach nur fertig aus. F. wird später sagen, dass ich dir ähnlich sehe und ich selber werde ihm zustimmen. Deine Augen, dein Mund. Aber nicht den von Drogen und Alkohol zerfressene Rest.
Dann sitzen wir im Balloncafé in Istanbul und - klar: trinken Tee. Du erzählst mir, was du so gemacht hast (viel und doch irgendwie nichts) und dass du es liebst, jederzeit gehen zu können, wenn es dir zu viel wird (yeah I somehow noticed that, thank you). Ich versuche dir zu sagen, was Theaterpädagogik ist. Du nickst. Dein Deutsch ist besser als dein Türkisch und du schläfst lieber auf harten Matratzen als auf weichen, wenigstens zwei Dinge, die wir gemeinsam haben. Ansonsten sehe ich dich an und mit jeder Minute wächst mein Unwillen, hier zu sein. Du bist nicht, was ich gesucht habe. Trotzdem: Zu erfahren, dass nicht ich ein Scheißkind war, oder ein Scheißmensch bin, dass ich nicht nicht ausreichend war, sondern dass du es einfach nicht hingekriegt hast, ist ein Wissen von unbeschreiblichem Wert. Es trägt mich an diesem Tag nach Hause. Alles ist gut.
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wollmops sagte:
Arrangieren muss man sich sicher immer. Das heisst aber nicht, dass etwas Positives nicht möglich wäre. Und ich bin schon der Meinung, dass das auch wichtig ist, sofern irgendwie zu erreichen.
Das Positive, was könnte das sein? Tatsächlich Liebe? Freundschaft? Innerer Frieden?
Und was ist mit der Frage nach dem "Warum", also der Schuldfrage? Sie ist ja eigentlich nebensächlich (ändert ja nix), aber ist sie nicht vielleicht einer der stärksten Antriebe? Zumindest für ein Kind, das der Situation - ohne Eltern/Vater/Mutter aufzuwachsen - einfach ausgeliefert war.
MojoMenges2 sagte:
Das Positive, was könnte das sein? Tatsächlich Liebe? Freundschaft? Innerer Frieden?
Ja, warum nicht? und mehr erfahren über die eigene Identität.
Und was ist mit der Frage nach dem "Warum", also der Schuldfrage? Sie ist ja eigentlich nebensächlich (ändert ja nix), aber ist sie nicht vielleicht einer der stärksten Antriebe? Zumindest für ein Kind, das der Situation - ohne Eltern/Vater/Mutter aufzuwachsen - einfach ausgeliefert war.
och, das wird irgendwann obsolet. Ist doch sowieso nie irgendjemand an irgendwas schuld, dieses Eindimensionale kickt man doch irgendwann in die Tonne.
wollmops sagte:
Ja, warum nicht? und mehr erfahren über die eigene Identität.
Identität ist für alle (denkenden und fühlenden) Menschen ein Thema. Auch für die, die wohl behütet aufgewachsen sind ...... wobei es ihnen genauso um Emanzipation von ihrer Vergangenheit und die Autonomie ihrer Zukunft geht.
Oder sind Emanzipation und Autonomie gar nicht das Thema? Selbstfindung sehe ich eher als Abnabelungsprozess - sich von familären Bindungen zu lösen.
MojoMenges2 sagte:
Identität ist für alle (denkenden und fühlenden) Menschen ein Thema. Auch für die, die wohl behütet aufgewachsen sind ...... wobei es ihnen genauso um Emanzipation von ihrer Vergangenheit und die Autonomie ihrer Zukunft geht.
Oder sind Emanzipation und Autonomie gar nicht das Thema? Selbstfindung sehe ich eher als Abnabelungsprozess - sich von familären Bindungen zu lösen.
ja, wenn man die mal hatte, vielleicht. Wenn man sie nicht hat, kann der (irrige?) Weg in die andere Richtung gehen.
wollmops sagte:
ja, wenn man die mal hatte, vielleicht. Wenn man sie nicht hat, kann der (irrige?) Weg in die andere Richtung gehen.
Solange man sich nicht obsessiv darin versteift, wird man es sicher spüren, ob es einem weiter hilft oder ob es ein Irrweg ist ....
queen_without_a_country sagte:
ich finde das auch enorm wichtig und mutig. meine beste Freundin hat sehr daran zu nagen, dass sie ihren Vater kaum richtig kennengelernt hat (sie war 2, als er gestorben ist) und ich merke an ihr, wie sehr es einen beschäftigt, bei einem so wichtigen Part nicht zu wissen, "woher man kommt". ob das nun besonders gut oder toll wäre, spielt da eher keine Rolle. und natürlich hat das was mit Identität zu tun. viele Dinge, die ich frei Haus geliefert bekommen habe (Familienähnlichkeit, Geschichten, Vorlieben), muß sie mühsam erarbeiten, das ist mir auch erst über die Jahre klar geworden (ihr andersrum, dass für mich Elternhaben eben so selbstverständlich ist, wie Arme und Beine zu haben.
Mich macht das stutzig. Wie stark offenbar die reine biologische Abstammung eine Rolle zu spielen scheint, wo wir doch als Gesellschaft die letzten 30 Jahre davon ausgingen, dass Millionen Frauen auch ohne den eigentlichen Erzeuger Kinder aufziehen können.
Diie Beiträge hier klingen jedenfalls so, als sei eine konventionelle "intakte" Familie eine notwendige Bedingung zur Identitätsfindung.
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31.10.2012 - 16:44 Uhr
wollmops
Arrangieren muss man sich sicher immer. Das heisst aber nicht, dass etwas Positives nicht möglich wäre. Und ich bin schon der Meinung, dass das auch wichtig ist, sofern irgendwie zu erreichen.