Zurück in die 50er Jahre
Bisher durften Dozenten ihren Studenten Auszüge aus Büchern und Aufsätzen in Handapparaten oder digital zur Verfügung stellen. Doch das Urheberrecht erlaubt dies nur noch bis zum Jahresende, dann läuft der entsprechende Paragraph aus. Was bedeutet das für die Universitäten und das Studium?
Wer sein Studium nicht erst gestern abgeschlossen hat, wird sich mit Grausen an die Kopierstunden zum Semesterstart erinnern. Erst stand man ewig an, um überhaupt in greifbare Nähe des Kopierers zu gelangen, dann fütterte man diesen päckchenweise mit dem Inhalt eines Semesterordners und wenn man es dann irgendwann doch nach Hause schaffte, stellte man fest, dass man den falschen Ordner kopiert hatte.Heute gibt es meistens elektronische Semesterapparate, die dem Studenten das Kopieren ersparen. Die gesuchten Texte stehen in der Bibliothek online zur Verfügung. Kein Rumsuchen mehr und auch keine Schnittwunden am Finger vom scharfen Papier. Diese entspannten Szenen könnten bald der Vergangenheit angehören: Falls der Paragraph 52a des Urheberrechtsgesetzes nicht rechtzeitig verlängert wird, dürfen Professoren ihren Studenten ab 2013 keine Literatur mehr in Semesterapparaten zur Verfügung stellen.

Dr. Klaus-Rainer Brintzinger ist Vorsitzender des Vereins deutscher Bibliothekare. „Bibliotheken dienen keiner Umsonst-Kultur, sondern sind Bildungsvermittler“, sagt Brintzinger. „Auch die Nutzung von Textpassagen in elektronischen Semesterapparaten ist nicht kostenlos - die Bundesländer leisten dafür eine Abgabe. Diese wird an die Urheber verteilt." Trotzdem waren die wissenschaftlichen Verlage beim Thema 52a von Anfang an kritisch. „Die zeitliche Begrenzung des Paragraphen war ein Kompromissversuch des Gesetzgebers“, erklärt Brintzinger, „man wollte es einfach versuchen und sehen, welche Konsequenzen den Verlagen entstehen.“ Nach Ansicht von Frank Simon-Ritz, Vorstandsmitglied des deutschen Bibliotheksverbandes, haben die wissenschaftlichen Verlage seitdem nicht klar dokumentieren können, dass ihnen durch die Semesterapparate finanzieller Schaden entstanden sei. Die Geltung des Paragraphen wurde trotzdem nur zeitlich begrenzt verlängert.
In seiner Funktion als Direktor der Münchner Universitätsbibliothek hofft Dr. Brintzinger auch diesmal zumindest auf eine Verlängerung der Geltungsdauer: „Würde der Paragraph gestrichen, müssten wir alle e-learning Module, die urheberrechtlich geschütztes Material enthalten, abschalten.“ Das Studium an sich würde diese Maßnahme zwar nicht verhindern, aber zeitgemäß wäre es auch nicht. „Man würde in die Mitte des 20. Jahrhunderts zurück katapultiert werden und das kann keiner wollen“, ist sich Brintzinger sicher, „schon gar nicht in einer Zeit doppelter Abiturjahrgänge.“
Anders als Simon-Ritz blickt Brintzinger aber noch einigermaßen entspannt in Richtung Berlin: „Es gab Andeutungen, dass der Paragraph zum 31. Dezember zumindest nicht ersatzlos gestrichen werden soll. Man wird sich in den kommenden Wochen auch noch mal mit Politikern aller Parteien und wichtigen Personen aus der Wissenschaft besprechen“, sagt der Direktor der Münchner Universitätsbibliothek. "Außerdem", merkt er an, "gibt es noch andere offene Probleme im Zusammenhang von Wissenschaft und Publikation. Der Paragraph 52a ist nur ein Indikator für die ungelösten politischen Fragen im Bereich des wissenschaftlichen Urheberrechts."
In Berlin wartet man erstmal ab, so kann sich wenigstens keine Seite beschweren. Bis zum 31. Dezember wird trotzdem eine Entscheidung gefällt werden. Vermutlich wird es eine vorläufige Verlängerung werden.
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Gerade im Bachelor, der einem Selbstständigkeit ansonsten ein bisschen abtrainiert, kann das absolut nicht schaden.
-wolkenkatze- sagte:
Oh Schreck - oh Graus, da werden die Studenten doch glatt wieder selbstständig werden und echte Bücher in die Hand nehmen müssen!
Gerade im Bachelor, der einem Selbstständigkeit ansonsten ein bisschen abtrainiert, kann das absolut nicht schaden.
naja, es ist halt einfach praktischer, sich die unterlagen im internet zusammenzusuchen und dann einfach auszudrucken. was soll man da ewig rauskopieren. wenn das für dich selbstständigkeit ist, ok, ich nutze die eingesparte zeit dann lieber zum lesen und darüber nachdenken.
zudem sind in kursen mit 40 anderen studenten die bücher in der unibib garantiert gerade von jemand anderem ausgeliehen und nicht verfügbar.
JoergAuch sagte:
"... in die Zeit Mitte des 20. Jahrhunderts zurück katapultieren .."
Hä? Auch in der Münchener Uni wurde noch bis mindestens vor 15 Jahren kopiert, was das Zeug hielt. Außerdem gibt es nach wie vor die guten alten Lehrbücher zu kaufen. Von denen hat man sogar noch Jahre später etwas, jedenfalls solange es um die "ewig währenden" Grundlagen der Studienfächer geht.
vor 15 jahren waren wohl system zur publizierung im internet einfach noch nicht ausgereift bzw. professoren haben keine lust gehabt sich darauf einzulassen-
kann natürlich auch sein dass es an münchen liegt -
sich jedes buch kaufen zu müssen ist viel viel viel zu teuer - zumal manche bücher nur sehr schlecht (antiquarisch) aufzutreiben sind
-wolkenkatze- sagte:
Oh Schreck - oh Graus, da werden die Studenten doch glatt wieder selbstständig werden und echte Bücher in die Hand nehmen müssen!
Gerade im Bachelor, der einem Selbstständigkeit ansonsten ein bisschen abtrainiert, kann das absolut nicht schaden.
Mir erschließt sich der Sinn, des stundenlangen abkopierens jetzt leider auch nicht. Ich kenne es auch jetzt noch leider zu gut, nicht an ein Buch, dass man dringend zum Lernen braucht ranzukommen, weil es verliehen ist. Momentan werden hier sogar Bücher komplett kopiert (1-2h sinnvolle selbständige Arbeit?), weil es nicht genug in der Bib gibt, die Nachbestellungen zu spät kommen werden. Undein Kauf lohnt ja wirklich nur bei Grundlagenbücher oder welchen, die einen sehr interessieren und selbst auf die muss ich leider sparen. Zumal jeder Prof. noch dazu versucht seine geschriebenen Exemplare an den Studenten zu bringen, worauf dann die ganze Veranstaltung aufbaut.
Ich würde die Kopier- und Suchzeit lieber für's Ausarbeiten und Lernen aufwenden... das ist zumindest mein Verständnis von selbstständigem Arbeiten, was auch sehr gut mit einem schon fertigen Lieraturskript geht. Geht schließlich um den Inhalt und nicht um die Beschaffung...
Damit will ich nicht sagen, dass Studenten zu doof zum Bücherfinden wären, aber ich hab leider auch schon einige Leute gesehen die beim Verfassen der Bachelorarbeit erst lernen müssen, wie man Aufsätze bibliographiert und dass die Uni eine elektronische Zeitschriftenbibliothek hat. Da frag ich mich, wie weit es mit der "Recherchekompetenz" her ist, die im BA in der Theorie gelehrt wird.
melancholieunduebermut sagte:
vor 15 jahren waren wohl system zur publizierung im internet einfach noch nicht ausgereift bzw. professoren haben keine lust gehabt sich darauf einzulassen-
kann natürlich auch sein dass es an münchen liegt -
Also, zu der Zeit hatte ich an den Münchener Unis und einigen anderen Instituten sehr viel zu tun, und Internet (und Intranet) wurde zwar zum Datenaustausch und zur Literaturrecherche genutzt aber praktisch noch nicht für die Lehre. Hatte nichts speziell mit München zu tun. Fotokopieren war also überall noch völlig normal.
sich jedes buch kaufen zu müssen ist viel viel viel zu teuer - zumal manche bücher nur sehr schlecht (antiquarisch) aufzutreiben sind
Hängt sicher vom Fach ab. Ich hab mir jedes Semester im Schnitt einen fetten Schinken und ein bißchen Kleinkram gekauft, das hat gereicht. Die stehen bis heute in meinem Regal.
-wolkenkatze- sagte:
Da frag ich mich, wie weit es mit der "Recherchekompetenz" her ist, die im BA in der Theorie gelehrt wird.
Da haste doch die Antwort. BA. Wir hatten noch Bibliographie-Einführungen, Zitierkurse, etc. pp. Offenbar bewegt sich das BA-Studium hart an der Grenze zur Unwissenschaftlichkeit.
-wolkenkatze- sagte:
Oh Schreck - oh Graus, da werden die Studenten doch glatt wieder selbstständig werden und echte Bücher in die Hand nehmen müssen!
Gerade im Bachelor, der einem Selbstständigkeit ansonsten ein bisschen abtrainiert, kann das absolut nicht schaden.
-wolkenkatze- sagte:
aber ich hab leider auch schon einige Leute gesehen die beim Verfassen der Bachelorarbeit erst lernen müssen, wie man Aufsätze bibliographiert und dass die Uni eine elektronische Zeitschriftenbibliothek hat.
Aus einigen, die du erlebt hast, werden dann alle Studenten und die im Bachelor sowieso. Tolle Schlussfolgerung.
Ich hab mal einen Studenten kennengelernt noch im so guten Diplomstudiengang im vorletzten Semester. Hat mich komisch angeguckt, als ich meinte, sie müsse schon zitieren, wo sie ihre ganzen Daten und Fakten her hat. Vier Seiten ohne jegliche Quelle - "Oh Schreck - oh Graus" diese Studenten mit Diplom!
Soviel also dazu...
17.10.2012 - 11:59 Uhr
afrirali
alcofribas sagte:
-wolkenkatze- sagte:
Da frag ich mich, wie weit es mit der "Recherchekompetenz" her ist, die im BA in der Theorie gelehrt wird.
Da haste doch die Antwort. BA. Wir hatten noch Bibliographie-Einführungen, Zitierkurse, etc. pp. Offenbar bewegt sich das BA-Studium hart an der Grenze zur Unwissenschaftlichkeit.
Und Alco, du tust mir wirklich ein wenig leid, mit dem, was du wohl an Unsinn im Studium durchmachen musstest.
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16.10.2012 - 19:46 Uhr
JoergAuch
Hä? Auch in der Münchener Uni wurde noch bis mindestens vor 15 Jahren kopiert, was das Zeug hielt. Außerdem gibt es nach wie vor die guten alten Lehrbücher zu kaufen. Von denen hat man sogar noch Jahre später etwas, jedenfalls solange es um die "ewig währenden" Grundlagen der Studienfächer geht.