08.10.2012 - 18:40 Uhr

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Was soll die "Bag Lady" in der "Vogue"?

Text: kathrin-hollmer - und juliane-frisse; Foto: Torben Schnieber

Die deutsche "Vogue" präsentiert in ihrer Oktober-Ausgabe eine Modestrecke mit Obdachlosen-Looks - nachgestylt mit Outfits von Chanel und Prada. Muss man das geschmacklos finden oder darf man einen Sinn darin suchen? Ein Fall für Zwei.

Die Strecke ist nur geschmacklos. Mode kann an sich gar nicht sozialkritisch sein, findet juliane-frisse.




Wenn Amerikaner von einer „Bag Lady“ sprechen, dann meinen sie damit eine obdachlose Frau. Der Ausdruck bezieht sich auf die Plastiktüten, mit denen man Obdachlose oft sieht.      

Auch wenn eine arme „Bag Lady“ in der Regel nicht viel Hab und Gut in ihren Tüten mit sich herumschleppt, so hat sie doch schwer zu tragen. Das kann man wie einst die Musikerin Erykah Badu metaphorisch aufgreifen. In ihrem Song „Bag Lady“ besang sie eine Frau, die an ihrer Beziehung schwer zu tragen hat. Einer anderen Interpretation der „Bag Lady“ begegnet man in der aktuellen Ausgabe der deutschen „Vogue“: Für eine Modestrecke wurde ein blondes Model auf den Straßen New Yorks fotografiert. Was die junge Frau zur „Bag Lady“ macht, sind aber nicht nur ihre Accessoires – wobei die vielen Taschen, mit denen sie abgelichtet wurde, sowieso aus hochwertigeren Materialien als Plastik bestehen und auch nicht für 20 Cent an der Kasse von Netto zu erwerben sind. Wie viele Obdachlose trägt sie auch nicht unbedingt miteinander harmonierende Klamotten, im Modebranchensprech sicherlich ein avantgardistischer Mustermix. Weitere relevante Accessoires auf den Fotos (ohne Herstellerangabe): ein Pappbecher für Almosen und ein Einkaufswagen.  Die präsentierte Kleidung von Designern wie Prada, Marc Jacobs oder Chanel stammt dagegen hauptsächlich aus dem Luxussegment.       

Von verschiedenen Seiten wurde dieser Kontrast von extremer Armut und dekadent teurer Kleidung als auch die Modestrecke an sich bereits als geschmacklos kritisiert. Gegenüber Spiegel Online erklärte die Vogue-Redaktion daraufhin, es sei „jedoch in keiner Weise beabsichtigt, mit dieser Fotostrecke Menschen zu diskreditieren". Für „den außenstehenden Betrachter, der mit der künstlerischen Komponente von Modefotografie vielleicht nicht unbedingt vertraut ist“, könnten die Bilder aber „als Provokation empfunden werden“.

Man muss auch gar nicht annehmen, dass die Idee zu dieser Modestrecke womöglich jemand in der Vogue-Redaktion witzig fand, wie es sich der Spiegel Online-Redakteur Christian Stöcker zumindest vorstellen kann. Ist es nicht wahrscheinlicher, dass die Redaktion der „Vogue“ mit der Modestrecke eigentlich Gesellschaftskritik üben, ein Statement zu den Folgen der nicht enden wollenden Krise abgeben wollte? Immerhin ist die Strecke „Signs of the Time“ benannt.  

Dann könnte man der Redaktion natürlich erst einmal empfehlen, die Fotos vielleicht auch noch mit einem Text über die Situation von Obdachlosen zur Seite zu stellen – und auf den Beauty-Tipp zu den am Model verwendeten Kosmetikprodukten von Sisley zu verzichten. Aber das wäre gegenüber den Anzeigenkunden vielleicht nicht so gut zu vermitteln gewesen, möglicherweise wäre der einen oder anderen Leserin dann die Lust an dekadent teurer Kleidung vergangen. In dieser Form ist die Strecke aber tatsächlich einfach nur geschmacklos.

Die Vogue hat es also an diesem Fall nicht hinbekommen, Sozialkritik zu üben. Dabei ist aber nicht nur fraglich, ob Mode das abseits von ästhetisch in der Regel fragwürdigen Bekenntnis-Shirts überhaupt leisten soll. Sondern auch, ob Mode das für sich genommen leisten kann, ohne dass sie zum Beispiel von einem Text oder einer Inszenierung flankiert wird. Denn auch wenn immer wieder gefordert wird, Mode nicht als oberflächlich abzutun und als Kunstform ernst zu nehmen: Am Ende ist Mode einfach eine Spielart von Design.

Im Gegensatz zu Kunst ist Design aber zweckgebunden. Genau wie ein Bücherregal oder eine Teekanne erfüllt Mode eben immer auch eine bestimmte Funktion: Kleidung soll verdecken, entblößen, wärmen, uns gut aussehen lassen oder anderen Menschen signalisieren, wer wir sind oder gerne wären. Egal wie raffiniert, Mode ist deshalb vor allem ein käuflich zu erwerbendes Produkt (woran an sich überhaupt nichts verkehrt ist). Kunst dagegen kann zwar ebenfalls einen Zweck erfüllen, als Statussymbol oder als Wertanlage etwa – doch die Funktion gehört nicht zu ihrem Wesenskern. Deshalb kann Kunst auch ein politisches, gesellschaftskritisches Statement darstellen. Ein politisches Bücherregal oder eine gesellschaftskritische Teekanne habe ich dagegen bisher nicht gesehen. Genauso wenig gehe ich davon aus, dass ich noch einmal einer solchen Handtasche begegnen werde.      

Auch die „Vogue“ kann sozialkritisch sein, sagt kathrin-hollmer. Warum, steht auf der nächsten Seite.
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kathrin-hollmer

ist jetzt-Mitarbeiterin und hat diesen Beitrag verfasst.


München