Sehnsüchte Erkrankungen Vorrichtungen – BONVICINI … in guter Nachbarschaft

Seit jeher sind Buchstaben eigentlich nur Strich-Konstellationen in Wort- und Satz-Bildern. Was sich aber in Deutungssystemen normalerweise als „Linientreue“ thematisiert, drängt hier genau das Gegenteil in eine sublime Funktion der Linien. So wurden die Referenzen zum Ausstellungs-Titel auf einem Blatt falsch geschrieben: „Desire Desiese Devise. Zeichnungen 1986–2012“ … und auch handelt es sich weniger um Zeichnungen, als um Skizzen. Es wird hier weniger Lorenzo Bernini, der Vater zeitlos meisterlicher Zeichnungen, als weiterer Referent bemüht, sondern wir treffen eine unerbittlich humorvolle Architektin, die „ganz andere“ Weltbilder entwirft. So wird bereits im Vornamen „Nomen zu Omen“: MONI CA - Warnmeldungen etwa - alerts circa … eben bezüglich dieser scheinbar guten Nachbarschaften. („Für mich ergibt der Titel eine logische Folgerung.“ - Die Künstlerin) - Es wird strategisch vermieden, jenseits jedweden Ermangelns, auch nur irgend etwas nicht ohne Zweifel zu skizzieren; unreflektiert zu berücksichtigen bei der kreativen Gestaltung von Welt: Baustellen, Netzwerke, Vergänglichkeit, Untergang. Der Besucher als Mensch begleitet die Künstlerin als Menschen: auf einem Wanderweg durch einen Park voller transkognitiver Taktiken. Es geht darum Distanz zu gewinnen: Sich aus der Gefangenschaft in Problemen zu befreien, um Teil der Lösungen zu werden.
Es ist sicher kein Zufall, dass Heft N°100 - der die dOCUMENTA (13) begleitenden Bilder und Texte: „100 Notizen – 100 Gedanken“ (HATJE CANTZ) - sich auf Rudolf Arnheim bezieht … und explizit mit einem Vorwort von Carolyn Christov-Bakargiev eingeleitet wird: „Arnheim verstand Kunst als eine besondere Form der Metawahrnehmung.“ - „Diese partielle Sicht beruht auf präzisen Vorstellungen, die eine Grundlage für weite Bereiche von Werbung und Design bildeten; und es ist offenkundig, dass die Aussagekraft vieler künstlerischer Praktiken in der fragmentierten Welt von heute, in der die Medien und eine simple, ausbalancierte Kommunikation bestimmte Formen von Leben und Emanzipation verhindern, eben gerade in ihrer Mehrdeutigkeit und ihrer Bedeutungsoffenheit liegt.“ - Scheinbare Schlagzeilen, Fragmente wie von Pressemeldungen, seltsame Baumarktanzeigen, absurde Pläne, gezielte Planlosigkeit und vorhersehbare Objektive werden in ihrer expedientellen Überzeugungskraft zur perzipientellen Realität von uns als „Contempladores Contemporáneos”: “Ich bin ein Ball, der Ball ist ich. Wir sind ein Ball. Ich bin ein Kunstwerk. Wie seltsam manche Macher sind.“

„Monica Bonvicini ist für ihre raumgreifenden und zum Teil monumentalen Installationen bekannt, in denen sie sich mit den Strukturen von Macht und Verführung in der uns umgebenden Architektur auseinandersetzt. Darüber hinaus hat die Künstlerin im Laufe von rund 25 Jahren ein beeindruckendes Konvolut an grafischen Arbeiten produziert, in denen sie die für ihr Werk charakteristischen Zusammenhänge von alltäglichen und politischen Bildwelten vertieft.“ - Heißt es in der Pressemitteilung. „Ihre Zeichnungen und Collagen, die häufig als Entwürfe zu Installationen entstanden, ermöglichen einen intimen Einblick in die Beschäftigung der Künstlerin u.a. mit Kunstgeschichte, Architektur und Sexualität. Ihre vielfältigen Interessen spiegeln sich in den verschiedenen Stilen und Materialien wider: Zitate aus der Kunst- und Architekturgeschichte, aus Lyrik, Musik und Werbung verflechten virtuos Eleganz und Punk.“ (Gay construction workers beatoff and stroke their cocks and piss on eachother) - Die Ausstellung in ihrer Gesamtheit wird dem Titel der dimensional dominanten Arbeiten durchaus gerecht: „ Hurricanes and Other Catastrophes“ ... auch wenn sich dem Besucher eine auf den ersten Blick “harmlose“ Ausstellung zu präsentieren scheint.

Es erweist sich als informativ, an dieser Stelle an ein Interview zu erinnern, dass im Jahre 2001 kontextuell zur Ausstellung „Ziviler Ungehorsam“ im begleitenden Katalog der Kestner Gesellschaft veröffentlicht wurde. Der Sammler Falckenberg war gerade dabei die Sammlung entsprechend seinen Vorstellungen zu positionieren, und mit der Gestaltung der Phoenix-Hallen auf einem Fabrikgelände in Hamburg-Harburg war dem Architekten Roger Bandschuh „ein großer Wurf gelungen“. „Phoenix hat den Vorteil, dass man insgesamt freier gestalten kann und für Ausstellungen einfach mehr Möglichkeiten bestehen. Ich möchte bei Phoenix ein Forum für Privatsammlungen schaffen, dass zu den anderen Kunstsituationen in Hamburg nicht in Konkurrenz steht, sondern eine sinnvolle Ergänzung darstellt. … Privatsammlungen haben gegenüber Museen den Vorteil, dass sie keine öffentliche Vermittlungsaufgabe zu erfüllen haben und weder auf kunsthistorische noch auf enzyklopädische Zusammenhänge Rücksicht nehmen müssen.“ - Obwohl diese Perspektive in den letzten Jahren enger gefasst zu sein scheint als sie wohl ursprünglich angedacht worden war, und es auch Ausstellungen gab, die dem persönlichen Geschmack eines Sammlers und dem typischen PR-Charakter von Galerien näher standen als einem universellen Diskurs (z.B. Ena Swansea und Robert Lucander vor etwa einem Jahr), zeigt sich trotzdem das anfängliche Ziel weitgehend erkennbar. Auch Probleme bezüglich der Lokalitäten konnten mittels dieser hier angestrebten, und für Hamburg seltenen Qualität, gelöst werden; und was durch den Zuspruch öffentlicher Mittel unterstreicht, dem tatsächlichen „Vermögen“ von Kunst grundsätzlich einen Vorzug zu gewähren.

Das „Ereignis“ Bonvicini jedenfalls wird in einem sehr umfangreichen Katalog dokumentiert, der vielleicht sogar das zehnfache an Volumen des erwähnten „Ziviler Ungehorsam“- Katalogs von 2001 ausweist. Darin reflektiert Harald Falckenberg persönlich diverse Prägungen der zwar 1965 in Venedig geborenen, aber seit 1972 in Brescia aufgewachsenen Künstlerin. Er wähnt: „Die Region ist nicht nur durch Venedig, Verona oder Mailand, sondern ebenso durch das Alpenvorland und die Po-Ebene mit einer über Generationen durch harte Arbeit geprägten Bevölkerung bestimmt. Arte Povera ist die Kunst des Volkes, das Gegengewicht zum Spektakel der Städte mit ihren illustren Kirchen und Palästen des Barock, der Renaissance, Gotik und Romanik.“ - Wir erleben: Was eben noch über die Autobahn raste, bewegt sich plötzlich auf einem Feldweg weiter; smarte Bauvorhaben landen auf einem unerschlossenen Spülfeld ... enden dort wie "Onkel Tom's Hütte" in New Orleans. Doch verflechten sich heute Kontextualitäten, die immer deutlicher eine renaissance-artige Potentialität in der zeitgenössischen Kunst zum Ausdruck bringen; und wo auch das Werk von Monica Bonvicini zu Wahrscheinlichkeiten von Aktualität drängt. Es sind die Dimensionen situativer Ästhetik, die in evidenter Weise Gemeinsamkeiten in Räumen und Zeiten kontra-positionell zu Ausgrenzungen kontrastieren, und so einen organischen Diskurs, primär im Herzen… und sekundär im „brain“, quasi als Rhythmus in den Konzepten und Werken von Kunst zukunftsträchtig pulsieren lassen: „Das Unmögliche muss im Herzen des Möglichen wohnen.“ (°) Als ein offensichtliches Genie in „corporate identity“ konnte „the easiest person on the planet“ nicht anders entscheiden: „ ... to try art because it was the only way to be a worker and an intellectual at the same time.“
P.S.: Mir ging und geht es übrigens ähnlich. Jedoch mit zwei Unterschieden: (1) Der akademische Einfluss wurde bei mir von akademischen Freunden seit jeher extrem moderiert, um die Kontamination möglichst gering zu halten; (2) eine gewissermaßen negativ dialektische Reflexivität begann sich in ihrer archaischen Prägung erst später über meinen kritischen Ansatz hinaus auszudehnen: Auf einer pitiusischen Insel. - (°) „Eine gewisse unmögliche Möglichkeit, vom Ereignis zu sprechen“, Jaques Derrida / Merve.
UNSER TIP: Ein Besuch während der HARBURGER KULTURTAGE !

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