27.09.2012 - 09:58 Uhr

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Klang als Medium der Kunst = SOUND ART

Text: HEDunckel


Eine der wohl interessantesten Ausstellungen Mittel-Europas ist derzeit in Karlsruhe zu erleben, und sollte unbedingt vor dem 6. Januar 2013 besucht werden. „ Die Geschichte der Klangkunst neu zu deuten, neu zu beleben, war maßgeblich für die Konzeption der Ausstellung. Dabei war wesentlich, zentrale künstlerische Diskurse der Klangkunst der vergangenen fünfzig Jahre durch prägende Werke oder Themenstellungen zu artikulieren und sie somit erstmals im Kontext der Medienkunst zu verorten. - Die Ausstellung spiegelt die diskursive Aneignung des Auditiven von verschiedenen Standpunkten aus.“ (Julia Gerlach) Es werden folgende Aspekte thematisiert: (1) Archive und Kollektionen; (2) Sight and Sound; (3) Hören, Selbstexperiment, Körper; (4) Analog und digital, Skulptur und Raum; (5) Urbaner Hörraum. Und: Entgegen gängiger Erfahrungen mit musealen Ankündigungen ist hier auch drin was draufsteht: Die exzellente Präsentation einer gelungenen Auswahl von Arbeiten empfängt den Besucher!



Ohne es auch nur einen Moment lang zu bemerken haben wir uns drei Stunden lang in den Exponaten verloren (oder wohl gefunden). Das Museumspersonal war extrem nett und hilfreich, um Hinweise zum Umgang mit den einzelnen Objekte zu geben. Eine starke Identifikation mit Inhalt und Form war offensichtlich. Klar: Der Mensch lebt eingebettet in ein „sonosphärisches Gemeinwesen“. Er kann sich gewissermaßen nur als Wesen in einer Klangwelt begreifen, und auch nur dort ganz begriffen werden. Peter Sloterdijk, Direktor der ebenfalls im Gebäude angesiedelten „Hochschule für Gestaltung“, erklärte dazu folgendes: „Das menschliche Gehör ist das Organ des Zusammengehörens – es ist a priori darauf eingerichtet, für die Geräuschwelt der Eigengruppe offenzustehen. Dort empfängt jedes Wesen ein spezifisches Tuning, eine relativ scharfe und selektive Einstimmung auf die Sonosphäre seiner Gruppe – und das Zerreißen der akustischen Nabelschnur, durch die jeder einzelne an eine nahe Mitwelt gebunden bleibt, würde von demselben als eine existentielle Katastrophe, als akustischer Weltuntergang erfahren.“ (Medien-Zeit S.74 / cantz) – Aber: Im ZKM werden Ideen in ihrer situativen Ästhetik erfahrbar, wie wir in und mit diesen Tuning-Blasen umgehen können oder sollten.



Wer zwei Feuersteine aneinander schlägt hört in etwa ein Geräusch wie „tok-tok“. So hieß der Stein „TOK“ und „Feuer machen“ eben „tok-tok“. Auf derartige Laute basierend, bildeten sich umfangreiche Wortfamilien auf dem gesamten Planeten. Durch Geräusch-Imitation („Wau-Wau“) fixierte der Mensch akustische Orientierungspunkte in seiner Sonosphäre; in seinem individuell und kollektiv Auditiven. Das individuell bezeugte Ereignis wurde zu einem kollektiv un-möglichen Ereignis. Zu „... einem Un-Möglichen, das nicht nur unmöglich, nicht nur das Gegenteil des Möglichen ist, sondern gleichermaßen die Bedingung oder die Chance des Möglichen. … Das verlangt eine Transformation des Denkens, der Erfahrung oder des Sprechens von der Erfahrung des Möglichen und des Unmöglichen.“ (S.41) - Ganz so wie uns Jacques Derrida „Eine gewisse unmögliche Möglichkeit, vom Ereignis zu sprechen“ (Merve) als transkognitives Erleben näher bringt. So zeigt uns eine Klangwelt nicht nur, dass es möglich ist unsere Logik des Möglichen oder des Unmöglichen außer Kraft zu setzen, ebenso eröffnet sie uns Wahrscheinlichkeiten, die Enge derartiger Logik, wie auch bekannte Sonosphären zu verlassen.



Um keinen akustischen Weltuntergang in Form einer existentiellen Katastrophe erleben zu müssen, wenn er wohl möglich etwas anderes hört als das bisher Gewohnte, hat der Mensch auch sein akustisches Wesen zu kultivieren. Jeder erklingende Ton, jeder Klang und jedes Geräusch sind Teil jedweder situativen Ästhetik. „Um der Befreiung des Klanges und der Emanzipation des Geräusches ihre wahre Bedeutung zu verleihen, muss man der These Jacques Attalis folgen, dass 'die Welt nicht lesend, sondern hörend verstanden wird', wie er sie in seinem Buch Bruits (1977), einer politischen Ökonomie der Musik, vertritt. Platons Diktum folgend, dass an den Staat rührt, wer an der Musik rührt, hört Attalis Musik als Mimesis der sozialen Ordnung.“ (Peter Weibel) – Wir finden hier den Ursprung unserer umfangreichen Bemühungen, mehr Dynamik, und so eben eine zukunftsträchtige Potentialität für unsere Gestaltung von Aktualität, über Experimente mit Synergien in neuen medialen Ausdrucksformen, zu generieren.



Wird auf diese Weise jedoch Klang zum Medium einer Kunst von Weltgestaltung, wäre anzuregen, in einigen Fällen mehr Sorgfalt bei der Auswahl von Geräuschquellen walten zu lassen. Es wird sogar damit geworben: „Geräusche (White Noise) und sogar Sounddateien können so gefiltert werden, dass sie pulsierende Stimuli und andere Formen der Modulation bieten, die auf das Gehirn wirken. Mit Hilfe dieser Technologie können Sie mit jedem geeigneten Musikstück Ihre Gehirnwellen effektiv beeinflussen. Gefilterter Sound hat den Vorteil, die Kreativität stärker als die normalen Töne des Brainwave Entrainment zu stimulieren.“ (Entrainment ist ein Prinzip der Physik. Es ist definiert als Synchronisierung von zwei oder mehr rhythmischen Zyklen.) - Das Problem beim „cross-over“ zwischen den Disziplinen in der zeitgenössischen Kunst stellt sich meist ein, wo zum Beispiel Videos gedreht werden, bei denen sämtliche Erfahrungen vom Kino ignoriert bleiben; oder auch wo manchmal für Installationen ausgewählte Sounds den Ansprüchen im Gehör eines Musikers etwas zu wenig professionell klingen. Es geht schließlich um pulsierende Stimuli einer sozialen Ordnung. (UND: Das ZKM ist wirklich eine Reise wert ... mit Übernachtung, denn es gibt dort z.Z. einige gute Ausstellungen zu sehen … )


Holger E. Dunckel

Ein Beispiel von Klangmodulation:


Eine Anleitung zum digitalen Instrumentebau:



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Holger E Dunckel
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