29.09.2012 - 21:53 Uhr

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Kunst.Wahrheit.Wirklichkeit. - ART and PRESS 4U.

Text: HEDunckel


Eine Ausstellung, die im Martin-Gropius-Bau (vom 23. März bis zum 24. Juni 2012) recht erfolgreich war, kam jetzt ins ZKM ( ZKM Zentrum für Kunst und Medientechnologie - Museum für Neue Kunst ) nach Karlsruhe und wurde dort vor einer Woche eröffnet. Viele Künstler haben, wie es inzwischen (endlich) üblich geworden ist, eigens für die Ausstellung neue Arbeiten realisiert, andere haben etwas aus ihren Archiven hervorgekehrt. „Seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist die Zeitung Material und Gegenstand der Kunst. Künstler setzen sich mit diesem Medium, ob in der Funktion als Instrument der Aufklärung oder der Manipulation, auf vielfältige Weise auseinander. Motivation und Bedeutung für die Nutzung des Mediums sind dabei immer unterschiedlich.“ (Flyer) – Parallel zu den eher zeitgenössischen Exponaten wird auch ein historischer Rückblick empfangen: mittels diverser iPad's rund um den Innenhof. Von Otto Dix über Kurt Schwitters bis hin zu John Heartfield ist eine künstlerische Auseinandersetzung mit den „Neuen Medien“ zu sehen.



KUNST: „Wo Schwerkraft war, soll Schwebe werden“ - resümiert Peter Sloterdijk am Ende seiner Zeilen in einem begleitenden Katalog. Die Kraft der Manipulation seitens homogener Interessen, soll also durch offene Kommunikation in Netzwerken optimaler Heterogenität stattfinden, um in Zukunft wieder eine nach-kartesische, planetar kompatible Evolution in den Fluss zu bringen, in dem keiner jemals unter den selben Bedingungen erneut baden gehen kann – und wie es seit Heraklit postuliert ist. „Letztbegründungsansprüche“ oder die Flucht an „das rettende Ufer“ verlieren in dieser Dimension ihren Sinn. Die situative Ästhetik, der Intellektuelle Kontext und ein konstitutives Losgelöstsein transzendieren Täterschaft und Tat des Handelnden bereits in seinen Handlungen. Hier zeigt sich jedoch in den meisten Fällen: Nur die Kunst ist frei. Kann jedenfalls frei genug sein, um in verständlicher Form von Irrungen und Holzwegen zu berichten: Die Evidenz von Fehlentwicklungen unterstreichend und neue Perspektiven zeichnend. Eine Geste die nur in seltenen Fällen, von den kommerziell geknechteten Medien (… über mehrere Wochen präsentierte BILD die Ausstellungsräume jeweils mit einer ganzen Zeitungsseite), entsprechend ihrer generellen Wichtigkeit für die gesamte Sozietät geschätzt wird. Seltsam, denn der Lauf der Geschichte bezeugte die Hellsichtigkeit nahezu sämtlicher Sezessionen.



WAHRHEIT: Wer es irgendwann geschafft hat, die Blasen der Einbildungskraft zum Platzen zu bringen, und sich nicht länger nur durch irgendwelche Ausstellungen, sonder kontemplativ durch Erlebnisse situativer Ästhetik bewegt, für den lassen sich hier leicht drei Fremdkörper orten: (1.) Günther Förg, dem anscheinend niemals aufgefallen ist, dass was weder anziehend noch abstoßend sich präsentiert, einfach nur uninteressant, weil ausdruckslos, sein kann. (das Kuratorium hätte diese Wände eher leer lassen sollen, oder mit einer Collagen-Arbeit geringer Dimension belegen); - (2.) Jonathan Meese, dem durch einen geschickten Medien-Rummel (ART and PRESS ! ... Helge Schneider II. ...?) ein dickes „Ruhm-Polster“ am Gesäß geschwollen ist, und das eigentlich jeder aufmerksame Beobachter bräuchte, wenn er mit offenen Augen sieht, wie kalkulierte Provokationen ein eindeutiges Zeugnis von Intelligenz und Sensibilität ihres „Evokateurs“ geben; (3.) Markus Lüperts, dem ein Bild durch die Installation „News Delivery Round“, von Sigalit Landau, als passender Hintergrund gerettet wurde, aber mit „Exekution“ (oder etwa „Tod + Maler“ ?) ein Tragischer Schuss in den eigenen, expedientellen Ofen gelang. - Oder sind es die perzipientellen Defizite von Kritikern? - Wie können (noch immer) unbeholfene Mal-Versuche auch nur im entferntesten mit wahren Meisterwerken von Goya in Relation gebracht werden? - Wie einer der ganz großen Maler der universellen Kunstgeschichte dermaßen beleidigt werden?



WIRKLICHKEIT: Was von Lüperts clever als „eye-catcher“ gedacht war, zeigt sich in einer eigentlich interessanten Präsentation, und ganz besonders im konkreten, wohl blind gewählten historischen Kontext, in seiner situativen Ästhetik als Kontemplativ-(Vogel-)Schäuche ... allerdings in einem ansonsten recht stimmigen Gesamtbild. Es ist eben doch so: In Illusionen von „Ich denke“ (ich bin ein Künstler) „also bin ich“ (ein selbsternanntes Genie) zu leben, hat in der zeitgenössischen Kunst definitiv keine Chance noch länger zu überleben. Dass es nicht die „Namen“ sind, sondern Qualitäten von Arbeiten in angemessenen Kontexten, die Bereiche des Lebens in ästhetischer Resonanz zum Schwingen bringen, hatte doch gerade die dOCUMENTA (13) sehr überzeugend dargestellt. Ich glaube, es gilt sich in Deutschland schnellstens vom einem „concetto inutile”, und das uns zu einer quasi medial verschriebenen “Staats-Kunst” kartesischer Prägung führt, zu verabschieden. Wie immer in unserer Geschichte gibt es abseits vom akademischen „main-stream“ auch in Deutschland kreative Menschen und sogar zeitgenössische Kunst, die durch ästhetische Innovation und kommunikative Potentialität überzeugen. - Das ZKM Zentrum für Kunst und Medientechnologie zeigt die Ausstellung „ARTandPRESS“ vom 15.09. 2012 bis zum 10.02.2013. (… und ein Besuch lohnt sich auch wegen anderer Ausstellungen !)


Holger E. Dunckel



P.S.: Anmerkung zu Goya / Lüperts - Wer sich intensiv mit der gesamten Geschichte der Malerei, von ihren Anfängen bis hin zur Aktualität, beschäftigt hat, erlebt Bilder nicht aus einer Sicht des persönlichen Geschmacks, sondern als den Zauber einer anderen Realität. Es ist eine eigene Dimension, in der sich der visuelle Akteur – der involvierte Intermediant zwischen den Realitäten – tatsächlich befindet. Das historisch bekannte, höchste Niveau an technischer Perfektion und Sensibilität im figurativen Ausdruck, frei vom Ablage-Zwang in Stil-Schubladen, hatte in dieser Disziplin der Maler Michelangelo Merisi da „Caravaggio“ erreicht, der meist im ersten Strich ( z.B. das Schwert bei „Judith und Holofernes“) und ohne Vorzeichnung seinen „Photorealismus“ auf die Leinwand brachte. Davon waren seither ALLE Maler derart begeistert, dass dieser „Europäische Zen-Strich“ fortan zur Maxime der künstlerischen Disziplin wurde (… bis hin zu Andy Warhol und Francis Bacon!). Auch Francisco de Goya y Lucientes malte sich als Meister des ersten und flüchtigen Strichs in den „Olymp“ europäischer Malerei. Dieses „Können“ wurde zur Grundvoraussetzung jeder weiteren Transfiguration von Szenen und Ereignissen (wie z.B. auch bei Gerhard Richter). Aus der situativen Ästhetik der Darstellung öffnen sich, aus eben dieser Spannung, Zugänge (das Bild ist ja stets mehr als die Summe der erscheinenden Details) zu dieser eigentlich unmöglichen Zauberwelt, die ganz unmittelbar aus dem Akteur heraus quasi sich ergießt, wie ein natürlicher Quell. Deshalb hatte Caspar David Friedrich gewarnt: „Der Maler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht, sondern auch was er in sich sieht. Sieht er aber nichts in sich, so unterlasse er auch zu malen, was er vor sich sieht. Sonst werden seine Bilder den Spanischen Wänden gleich, hinter denen man nur Kranke oder gar Tote erwartet.“


Markus Lüperts

Francisco de Goya



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Holger E Dunckel
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