06.09.2012 - 18:30 Uhr

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Geschlechterkampf in der Wikipedia

Text: christian-helten - Illustration: Torben Schnieber

Beschimpfungen, persönliche Angriffe, Flucht vor Mobbing - Autoren und Autorinnen der Wikipedia erlebten in den vergangenen Monaten eine raue Kampagne von Feminismus-Gegnern. Nach wie vor hat das Online-Lexikon große Probleme mit seinem erheblichen Frauenmangel.

Von „ideologischer Kriegsführung“ ist die Rede, von „feindlicher Übernahme der Wikipedia durch Ideologen“, von Autoren, die versuchen, „andere mit ihrem Hass zu überziehen“. Der offene Brief, in dem diese Vorwürfe erhoben werden, richtet sich an Wikipedia-Mitgründer Jimmy Wales. Er ist in besorgtem, alarmierenden Tonfall geschrieben und ruft nach „einschneidenden Maßnahmen bei der deutschen Wikipedia“.



Aber: Die Autoren sehen sich selbst dem Vorwurf ausgesetzt, nur ihre eigene Ideologie verbreiten zu wollen. Sie sind bekannt als „Maskulisten“, die sich als Gegenpol des Feminismus positionieren und davor warnen, dass diese Bewegung zu viel Gewicht bekommt und ihrerseits Männer diskriminiert.

Im deutschen Teil der Wikipedia waren sie in den vergangenen Monaten aktiv, und es hat einige unschöne Szenen gegeben. Verschiedene Autoren und Blogs berichteten von einer Kampagne der Maskulisten, die neben dem Brief auch direkte Anfeindungen und Beleidigungen einzelner Autoren und Autorinnen enthielt und dazu führte, dass einige davon sich abmeldeten und dem Projekt Wikipedia als Autoren den Rücken kehrten.

Vergangene Woche meldete sich dann auch Wikimedia zu Wort. In einem Blogeintrag schrieb Julia Kloppenburg, bei Wikimedia zuständige Projektmanagerin für Bildung, Wissen und Diversity: „Mit großem Erschrecken haben wir in den vergangenen Wochen den Verlauf einer koordinierten aggressiven Kampagne inner- und außerhalb der Wikipedia verfolgt, die in sexistischen Beschimpfungen und Demütigungen gipfelte. Gefördert durch Teilnahmslosigkeit und fehlende Solidarität führte diese Kampagne zur Vergrämung von Benutzerinnen in der Wikipedia. Das ist beschämend.“ Sie rief zu Solidarität und Zusammenhalt auf, und richtete eine Mailingliste ein, in der konstruktiv darüber diskutiert werden soll, welche grundsätzlichen Probleme Frauen in der Wikipedia haben und wie man damit umgehen soll.  

Denn die Kampagne an sich ist für Wikimedia kein Problem, auf das zu viel Zeit verschwendet werden sollte. „Das ist eine sehr unangenehme und eklige Kampagne, die persönlich verletzend ist und gegen einzelne Personen ging“, sagt Pavel Richter, Vorstand von Wikimedia Deutschland. „Aber sie wirft ein Schlaglicht auf ein Problem, dass die Wikipedia tatsächlich hat: die Rolle von Frauen in der Wikipedia, und der Umstand, dass es dort viel zu wenige Frauen gibt.“

Das zu ändern, ist schon seit langem ein erklärtes Ziel, das vor kurzem erst neu ausgerufen wurde. Der Anteil der weiblichen Autoren des Wissensnetzwerks liegt nach einer Umfrage aus dem Jahr 2010 bei nur acht Prozent. Weil die Community zum Beispiel selbst festlegt, welche Themen relevant genug für einen eigenen Wikipedia-Eintrag sind, führt der Frauenmangel zu einer Dominanz männlicher Themen. Ein prominentes Beispiel brachte Gründer Jimmy Wales auf der letzten Jahrestagung selbst: Nachdem ein Eintrag über das Hochzeitskleid von Kate Middleton erschienen war, forderten viele mit Erfolg dessen Löschung.

Die genauen Gründe für den Frauenmangel sind nicht zweifelsfrei wissenschaftlich belegt. Aber es gibt Vermutungen, was Frauen abschrecken könnte: das Design der Plattform, der zum Teil raue Tonfall in den Diskussionen, die männliche Dominanz, die sie prägt, aber auch Sexismus. Nachrichten wie die über die Kampagne der Maskulisten dürften ebenfalls nicht förderlich sein. An allen Schrauben versucht man immer wieder zu drehen, mit Workshops, aktiver Suche von Autorinnen an Unis – und mit Aktionen wie der aktuellen Mailingliste: „Es gibt einen Bedarf, sich zu vernetzen, sich auszutauschen und herauszuarbeiten, an welchen Schrauben man drehen kann“, sagt Julia Kloppenburg. „Die Mailingliste soll ein Diskussionsraum für die Community und Interessierte sein.“

Nicht nur von Wikimedia, auch aus der Autorencommunity selbst gibt es immer wieder Vorstöße. Vergangenes Jahr hatte eine Initiative engagierter ehrenamtlicher Autoren ein Projekt ersonnen, das die Mitarbeit von Frauen fördern sollte. Aus dem sogenannten „Community Projektbudget“ der Wikimedia, das Geld für Initiativen aus der Community zur Verfügung stellt, bekamen sie Geld bewilligt, fanden aber bislang wohl noch nicht die Zeit, die Idee Realität werden zu lassen. Pavel Richter hofft, dass in der bald anstehenden nächsten Runde dieses Ideenwettbewerbs weitere solche Ideen zustande kommen und auch umgesetzt werden.

Zu den ersten, die sich in der neu eingerichteten Mailingliste zur Sexismusdebatte in der Wikipedia äußerten, gehörten die zwei Wikipedia-Autoren, die in dem offenen Brief der Maskulisten namentlich erwähnt und des Ideologiekriegs bezichtigt werden. Der Soziologe Andreas Kemper, der unter dem Namen „Schwarze Feder“ auf Wikipedia angemeldet ist und bereits zwei Bücher zum Thema Maskulisten verfasst hat, legt ausführlich dar, wie Maskulisten ihn und andere angingen, und weist auf Ansätze zur Lösung der Probleme hin. Fiona Baine, ebenfalls Ziel vieler Anfeindungen, möchte in der Liste mitdiskutieren. Als Autorin der Wikipedia wird sie vorerst aber nicht wieder auftauchen.  

Die Frage, die man sich als Wikipedia-Leser angesichts solcher Kampagnen und Debatten stellt, ist, ob die Artikel der Enzyklopädie nun tatsächlich ideologisch gefärbt sind oder nicht. Vorstand Pavel Richter glaubt das nicht: „Wenn Sie etwas in einen Wikipedia-Artikel einfügen wollen, brauchen sie eine valide Quelle, die wissenschaftlich anerkannt ist. In der Wissenschaft gibt es auch verschiedene Sichtweisen und Positionen. Die haben alle einen Platz in der Wikipedia.“ Trotzdem ist es nicht schlecht, als Leser im Hinterkopf zu behalten, dass Themen, die in der Offline-Welt polarisieren, auch online zumindest Instrumentalisierungsversuchen ausgesetzt sind. 



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herrjemine
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Mag ich Mag ich nicht

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06.09.2012 - 22:31 Uhr
herrjemine

Jetzt gehöre ich wahrscheinlich zu einer Minderheit, aber ich hab zuerst über Arne Hoffmann davon erfahren. Und da wurde geschrieben, dass Herr Kemper einen Eintrag erstellt hat und dann als Referenz eine Arbeit von sich selbst angegeben hat. Also das kommt mir schon komisch vor.

Digital_Data
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Mag ich Mag ich nicht

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07.09.2012 - 06:56 Uhr
Digital_Data

Das Hauptproblem der Wikipedia ist die Relevanz an sich. Die Relevanz kennt das Internet grundsätzlich nicht. Warum es also in der Wikipedia so viel Raum einnimmt ist nicht nachzuvollziehen.

Bei der Wikipedia nun wird man für Artikel nicht bezahlt. Einzige Vergütung sind Status und Macht. Diese Macht kann am besten über Relevanzdiskussionen geführt werden. Solange man diese dauernde, nervende Relevanzdebatte nicht in den Griff bekommt, wird man das eigentliche Problem nicht lösen.

Abgesehen davon ist die Wikipoedia keine rein wissenschaftliche Enzyklopädie.

Digital_Data

afrirali
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07.09.2012 - 09:24 Uhr
afrirali

herrjemine sagte:
Jetzt gehöre ich wahrscheinlich zu einer Minderheit, aber ich hab zuerst über Arne Hoffmann davon erfahren. Und da wurde geschrieben, dass Herr Kemper einen Eintrag erstellt hat und dann als Referenz eine Arbeit von sich selbst angegeben hat. Also das kommt mir schon komisch vor.


so ein schmarrn. wenn er experte auf dem gebiet ist und dann einen artikel bei wikipedia schreibt, macht das ja durchaus sinn.

herrjemine
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Mag ich Mag ich nicht

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07.09.2012 - 09:35 Uhr
herrjemine

afrirali sagte:
so ein schmarrn. wenn er experte auf dem gebiet ist und dann einen artikel bei wikipedia schreibt, macht das ja durchaus sinn.


aber ich kann doch nicht etwas behaupten und das damit begründen, dass ich es vorher schon behauptet habe.

soylentyellow
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07.09.2012 - 09:36 Uhr
soylentyellow

"Nach wie vor hat das Online-Lexikon große Probleme mit seinem erheblichen Frauenmangel. "

Frauenmangel: Ja, bestimmt. Probleme deswegen? Nein - oder leidet etwa de Artikelqualität darunter? Ist mir bisher nicht aufgefallen dass dies am Geschlecht liegen sollte, abgesehen davon kann man online ja sowieso sein was man will. Vielleicht tun die weiblichen Autoren nur alle so als seien sie männlich? Abgesehen davon ist das Geschlecht online so oder so irrelevant.

Na ja und ein Artikel über das Hochzeitskleid einer Dame die v.a. dadurch bekannt ist dass sie in der Bunten lebt - bitte. Wer so etwas möchte muss halt zur englischen Version rübersurfen et voilà: http://en.wikipedia.org/wiki/Kate_Middle... - da gibt es nämlich, im Gegnsatz zur deutschsprachigen Version - zu wirklich ALLEM einen Artikel (was ich ehrlich gesagt besser finde denn wer beim suchen nichts findet der sucht eben woanders)

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07.09.2012 - 09:46 Uhr
soylentyellow

"Nachdem ein Eintrag über das Hochzeitskleid von Kate Middleton erschienen war, forderten viele mit Erfolg dessen Löschung."

Was sich danach anhört als gäbe es ihn garnicht, diesen Artikel *über ein Brautkleid*. Gibt es aber doch: http://de.wikipedia.org/wiki/Brautkleid_... (wobei einer der beiden Artikel wohl eine Übersetzung des anderen Artikels ist)

Ich fand Pippas (?) Hintern trotzdem wesentlich spannender als das Kleid der Braut wenn ich ehrlich bin.

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Mag ich Mag ich nicht

1

07.09.2012 - 10:01 Uhr
soylentyellow

Um beim Thema Frauen+royales Brautkleid+deren Interesse daran zu bleiben, zwei Zitate aus der Diskussionseite des Brautkleidartikels welche das Problem der Löscher schön darlegen:

1. Wer interessiert sich denn für so einen Quatsch?!:

The sheer presence of this article is one of the lowest points ever reached by Wikipedia! What amazes me is that there's acculturatede people (since the article was well written) who has such interests, and free time to lose to devoted themselves for such totally irrelevant arguments.

2. Wer behauptet Frauen würden sich *wirklich+ für so was interessieren ist ein Sexist:

Anyway I deem a bit offensive stating (or even thinking!) that the majority of women are so obsessed about Kate Middleton's wedding gown that they accept its "encyclopedicity". Duh?!

anagramm
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Mag ich Mag ich nicht

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07.09.2012 - 10:03 Uhr
anagramm

soylentyellow sagte:
"Nach wie vor hat das Online-Lexikon große Probleme mit seinem erheblichen Frauenmangel. "

Frauenmangel: Ja, bestimmt. Probleme deswegen? Nein - oder leidet etwa de Artikelqualität darunter? Ist mir bisher nicht aufgefallen dass dies am Geschlecht liegen sollte, abgesehen davon kann man online ja sowieso sein was man will. Vielleicht tun die weiblichen Autoren nur alle so als seien sie männlich? Abgesehen davon ist das Geschlecht online so oder so irrelevant.

abgesehen davon, dass ein artikel über ein hochzeitskleid ein elendig schlechtes beispiel ist - frauen interessieren sich mit ihren häschenhirnen nur für mode, am liebsten sogar hochzeitsmode, mit glitzer und rüschen und einem angehängten traumprinzen - führt ein frauenmangel vielleicht nicht zu einem qualitätsverlust, aber die bandbreite der themen leidet sicherlich unter einem fast ausschließlich männlichen blick auf die welt. und für eine enzyklopädie ist es halt etwas erbärmlich, wenn nicht ein möglichst breites themenspektrum abgebildet wird.

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2

07.09.2012 - 10:07 Uhr
anagramm

soylentyellow sagte:
Um beim Thema Frauen+royales Brautkleid+deren Interesse daran zu bleiben, zwei Zitate aus der Diskussionseite des Brautkleidartikels welche das Problem der Löscher schön darlegen:

1. Wer interessiert sich denn für so einen Quatsch?!:

The sheer presence of this article is one of the lowest points ever reached by Wikipedia! What amazes me is that there's acculturatede people (since the article was well written) who has such interests, and free time to lose to devoted themselves for such totally irrelevant arguments.

2. Wer behauptet Frauen würden sich *wirklich+ für so was interessieren ist ein Sexist:

Anyway I deem a bit offensive stating (or even thinking!) that the majority of women are so obsessed about Kate Middleton's wedding gown that they accept its "encyclopedicity". Duh?!

was natürlich auch gnadenlos dumm ist - mode ist auch immer ein zeitstatement. und königliche hochzeitskleider sind definitiv nicht nur geschmacksache, sondern spiegeln das aktuelle royale verhältnis zu medien und popkultur und gesellschaft wieder. und die britische monarchie ist immer noch mehr als reine deko. so zu tun, als ob das ein hochzeitskleid von lieschen müller sei oder dass informationen über ein derartiges kleid nur für frauen relevant sei, die sich nur für mode und klatsch interessieren, ist dumm und kurzsichtig. vom kulturwissenschaftlichen standpunkt ist die mode ein genau so wichtiger teil, wie wirtschaft, recht, politik, kunst, architektur, etc wenn es darum geht, ein vollständiges bild einer epoche abzubilden.

soylentyellow
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Mag ich Mag ich nicht

2

07.09.2012 - 10:24 Uhr
soylentyellow

"königliche hochzeitskleider sind definitiv nicht nur geschmacksache, sondern spiegeln das aktuelle royale verhältnis zu medien und popkultur und gesellschaft wieder."

Und was ist dann das aktuelle royale Verhältnis zu medien und popkultur und gesellschaft welches man aus dem Kleid ablesen kann?

" und die britische monarchie ist immer noch mehr als reine deko."

Soweit ich weiß dekoriert die Queen das Geld, die Briefmarken und eine ganze Menge mehr. Aber sonst? Ach ja, alles heißt Royal-dies und Royal-das. Bitte, in Passau hieß auch immer alles Dreiflüsse-irgendwas oder halt Nibelungen-irgendwasanderes.

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