03.09.2012 - 18:30 Uhr

8 33 Über Twitter weiterempfehlen

Friede, Freude, Cupcakes

Text: nadja-schlueter - Foto: m.edi/photocase.com; Illustration: Torben Schnieber

Überall glückliche Statusmeldungen und Fotos von den schönen Details des Alltags. Ständig werden wir online mit den Leben anderer Menschen konfrontiert und meistens sehen die viel besser aus als das eigene. Macht uns das Internet neidischer und am Ende sogar unzufriedener?

Angestrichen:
What these success stories don't tell you is what is going on behind closed doors."

Wo steht das?
In einem Blogpost der Autorin Nanna Freeman mit dem Titel "How to Be Happy".

Worum geht's?
Nanna Freeman sagt uns in diesem Text, was zu tun ist, damit das mit dem Glücklichsein endlich klappt: tanzen gehen, kreativ sein, Sport machen, die Freunde gernhaben. Erstmal nichts Neues. Doch dann kommt Freeman auf eine der ihrer Meinung nach größten Lügen zu sprechen, der wir alle aufsitzen: Man müsse nur erwachsen werden, einen guten Job, ein festes Einkommen und einen geliebten Partner haben, dann sei das Glück erreicht und das eigene Leben in die perfekte Bahn gelenkt. Stimmt nicht, sagt die Autorin, das sei ein Mythos. Aber leider einer, den man nur sehr schwer ausräumen könne, da er heute mehr denn je befeuert werde, durch fröhliche Statusmeldungen bei Facebook und Blogposts frisch vermählter Bräute oder quirliger junger Mütter. Die führen einem dauern ihr scheinbar makelloses Leben vor. Aber, warnt Freeman, man erfährt ja nicht, was hinter geschlossenen Türen vorgeht.

 

Jeder, der das Internet für mehr als aktuelle Nachrichten und Wikipedia nutzt, kennt das. Ob Blogs, Facebook, Pinterest oder Instagram, manchmal muss man den Eindruck gewinnen, dass einige Menschen immerzu in wunderhübschen Cafés sitzen, ihre atemberaubend gutaussehenden Freunde treffen, sich stilvoll anziehen, in einer traumhaften Wohnung wohnen, in der immer irgendwo frische Blumen stehen, und ständig in Urlaub fahren, wo dann die Sonne scheint, aufs Meer und den Sandstrand oder auf die schneebedeckten Gipfel. Anscheinend ist bei denen alles immer Friede, Freude, Cupcakes. Da kann man schon das Gefühl kriegen, das eigene Leben sei irgendwie nicht schön genug, weil alle anderen es so viel schöner haben. Für eine Studie der Utah Valley University zum Einfluss des größten sozialen Netzwerks auf die eigene Lebenszufriedenheit haben 425 Studenten Angaben zu ihrem Facebook-Verhalten gemacht: Seit wann sie es nutzen, wie viel Zeit sie dort verbringen und wie viele Freunde sie haben. Außerdem wurden sie nach ihrer Zufriedenheit gefragt und ob sie glauben, dass ihre Freunde ein besseres Leben führen als sie. Das Ergebnis: Je länger die Studenten Facebook nutzen, desto eher neigen sie dazu, andere Menschen für glücklicher zu halten als sich selbst. Verstärkt trat der Effekt bei jenen Probanden auf, die besonders viele Facebook-Freunde haben, die sie im echten Leben kaum zu Gesicht bekommen. Es stimmt also: Das Internet macht uns neidischer.

Aber auch Freeman hat eben Recht. Der Liebeskummer, der Regentag, das schlechte Essen im Asia-Imbiss nebenan, das man sich unter Zeitdruck reingetrieben hat, und der welke Blumenstrauß werden eben nicht mitgeteilt und fotografiert. Durchschnittliche Tage und emotionale Ausbrüche nach unten, so scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu lauten, werden auf Teenager-Blogs thematisiert, haben aber mit Erreichen der Volljährigkeit wenn möglich aus dem Online-Leben zu verschwinden. Es gibt Ausnahmen, aber die sind selten und setzen sich dann eher reflektiert-erwachsen mit schlechten Stimmungen auseinander, anstatt sie so einfach in die Welt hinauszuplaudern wie die schönen Momente. Die positive Darstellung des eigenen Lebens ist so beliebt, dass sich wahrscheinlich auch viele, die sich beim Anblick der Freunde-Timelines defizitär fühlen, hin und wieder dabei erwischen, wie sie einen Sepia-Filter über das Foto einer schlafenden Straßenkatze in einer italienischen Kleinstadt legen und es anschließend posten. Sie wünschen sich dann, dass jemand es sieht und das Gefühl hat, das hier abgebildete Leben (des Fotografen, nicht das der Katze) sei besonders schön und beneidenswert.

Vielen ist es aber schlicht zu aufwändig, im Internet ein glanzvolles Bild des eigenen Seins zu entwerfen. Das ist gut, denn diese Selbstdarstellung sollte möglichst nicht zum Zwang werden. Dafür ist es wiederum unabdingbar, dass absolut niemand sich einreden lässt, die anderen seien viel glücklicher als er selbst. Nanna Freeman schreibt, dass sie während ihrer jahrelanger Internetnutzung eines gelernt hat: "that no one 'has it together' in the way we think they do." Wenn man also gerade mal wieder mit mieser Laune die gutgelaunten Statusmeldungen und Fotos anderer betrachtet, sollte man immer an die geschlossenen Türen denken, hinter denen auch Blog-Mamis manchmal ihre Kinder ausschimpfen, Facebook-Freunde sich frustriert die Nudeln vom Vortag aufwärmen und meistens alles ziemlich durchschnittlich ist.



Neue Magazin-Texte:

Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem donnerstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!

Textoptionen
Mehr Texte von
nadja-schlueter
Mehr Texte zum Label
Textmarker
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
Der Text gefällt Dir?
Lesenswertpunkt schenken
Fehler gefunden?
Report an Error
Hier bei jetzt.de anmelden,
Texte schreiben und kommentieren.
33 Kommentare
Für diese Funktion musst du eingeloggt sein.

Alle Kommentare anzeigen

alcofribas
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

03.09.2012 - 18:55 Uhr
alcofribas

Ich finde das Neid-Argument in jedem Zusammenhang eine ziemliche Frechheit, weil damit ja unterstellt wird, man würde anderen, das, was sie haben (oder im Netz: präsentieren), nicht gönnen. ist aber kein Neid, sondern ich finde den Subtext einfach Scheiße: schaut mal wie fein designed unser Wohnzimmer ist, wie hübsch unser Kind, wie geil meine Karre, wie busy ich bin oder wie perfekt unsere Beziehung ist. Das habt ihr nämlich nicht.

Und es ist ein Riesenunterschied, ob ich ab und an mal meine Kaffeetasse instagramme, oder ob ich mein komplettes perfektes Leben ausbreite, inklusive öffentliches Besprechen des wöchtenlichen Speiseplans.

gartenfrau
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

2

03.09.2012 - 18:58 Uhr
gartenfrau

alcofribas sagte:
Und es ist ein Riesenunterschied, ob ich ab und an mal meine Kaffeetasse instagramme, oder ob ich mein komplettes perfektes Leben ausbreite, inklusive öffentliches Besprechen des wöchtenlichen Speiseplans.

meinst du den kosmoskoch...? ;-)

alcofribas
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

03.09.2012 - 18:58 Uhr
alcofribas

gartenfrau sagte:
alcofribas sagte:
Und es ist ein Riesenunterschied, ob ich ab und an mal meine Kaffeetasse instagramme, oder ob ich mein komplettes perfektes Leben ausbreite, inklusive öffentliches Besprechen des wöchtenlichen Speiseplans.

meinst du den kosmoskoch...? ;-)


Nein :)

okkasionalsozialist
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

03.09.2012 - 20:38 Uhr
okkasionalsozialist

alcofribas sagte:
Ich finde das Neid-Argument in jedem Zusammenhang eine ziemliche Frechheit, weil damit ja unterstellt wird, man würde anderen, das, was sie haben (oder im Netz: präsentieren), nicht gönnen. ist aber kein Neid, sondern ich finde den Subtext einfach Scheiße: schaut mal wie fein designed unser Wohnzimmer ist, wie hübsch unser Kind, wie geil meine Karre, wie busy ich bin oder wie perfekt unsere Beziehung ist. Das habt ihr nämlich nicht.

Und es ist ein Riesenunterschied, ob ich ab und an mal meine Kaffeetasse instagramme, oder ob ich mein komplettes perfektes Leben ausbreite, inklusive öffentliches Besprechen des wöchtenlichen Speiseplans.


es gibt das sogenannte "ultimatumspiel". das zeigt, dass ziemlich viele leute bereit sind (je nach sample variiert der anteil stark, aber immer erstaunlich viele) für die bestrafung anderer eigene nachteile inkauf zu nehmen.

Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

03.09.2012 - 20:40 Uhr
okkasionalsozialist

(dass anlass für den wunsch nach bestrafung in diesen zusammenhängen oft schlicht neid ist, das ist zugegebermaßen nur eine mögliche interpretation)

alcofribas
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

03.09.2012 - 20:42 Uhr
alcofribas

okkasionalsozialist sagte:

es gibt das sogenannte "ultimatumspiel". das zeigt, dass ziemlich viele leute bereit sind (je nach sample variiert der anteil stark, aber immer erstaunlich viele) für die bestrafung anderer eigene nachteile inkauf zu nehmen.


Den Link bekomm ich jetzt nicht hin.

okkasionalsozialist
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

03.09.2012 - 20:47 Uhr
okkasionalsozialist

alcofribas sagte:
okkasionalsozialist sagte:

es gibt das sogenannte "ultimatumspiel". das zeigt, dass ziemlich viele leute bereit sind (je nach sample variiert der anteil stark, aber immer erstaunlich viele) für die bestrafung anderer eigene nachteile inkauf zu nehmen.


Den Link bekomm ich jetzt nicht hin.


also: ob du einem anderen etwas nicht gönnst weiss ich natürlich nicht, aber das anderen etwas "nicht gönnen" findet sogar oft auch dann statt, wenn damit eigene nachteile verbunden sind

alcofribas
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

03.09.2012 - 20:56 Uhr
alcofribas

okkasionalsozialist sagte:


also: ob du einem anderen etwas nicht gönnst weiss ich natürlich nicht, aber das anderen etwas "nicht gönnen" findet sogar oft auch dann statt, wenn damit eigene nachteile verbunden sind


Man könnte auch auf die Idee kommen, dass Leute, die keine Gelegenheit auslassen, zu zeigen, was sie haben oder können (oder was sie dafür halten) von einer etwas simplen Struktur sind. wobei ich hier sogar noch einen Unterschied mache, ob man das z.B. auf twitter tut, wo theoretisch jeder das gucken kann oder man das vor einem recht begrenzten Publikum wie auf Facebook macht, wo die Adressaten ja feststehen und somit auch das Verhalten beeinflusst wird)

gamine
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

2

03.09.2012 - 21:06 Uhr
gamine

ja, schöner text, stimmt.

ich habe die news der meisten meiner "freunde" auf facebook eh unsubscribed, weil mich deren scheiß leben gar nicht interessiert.

okkasionalsozialist
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

1

03.09.2012 - 21:14 Uhr
okkasionalsozialist

alcofribas sagte:
okkasionalsozialist sagte:


also: ob du einem anderen etwas nicht gönnst weiss ich natürlich nicht, aber das anderen etwas "nicht gönnen" findet sogar oft auch dann statt, wenn damit eigene nachteile verbunden sind


Man könnte auch auf die Idee kommen, dass Leute, die keine Gelegenheit auslassen, zu zeigen, was sie haben oder können (oder was sie dafür halten) von einer etwas simplen Struktur sind. wobei ich hier sogar noch einen Unterschied mache, ob man das z.B. auf twitter tut, wo theoretisch jeder das gucken kann oder man das vor einem recht begrenzten Publikum wie auf Facebook macht, wo die Adressaten ja feststehen und somit auch das Verhalten beeinflusst wird)


man kann mit lauten und mit leisen "signalen" prahlen. aber prahlen mit dem, was man hat, wird jeder irgendwie, wenn er kann, wenn er sich in einer auf expansion gerichteten lebensphase befindet.

der eine eben durch minimalismus, irgendeiner für besonders sophisticated gehaltenen ethik und sonstigen distinktionscodes nur für eingeweihte, hier auf jetzt.de gerne durch ostentative introvertiertheit - der andere durch breitbandige selbstdarstellung mit allen denkbaren medialen mitteln, nem goldenen rolls royce und nem haufen chicks auf hüfthöhe.

Weiter Seite 1 2 3 4

Alle Kommentare anzeigen

Jetzt-Mitglied

nadja-schlueter offline

nadja-schlueter

ist jetzt-Mitarbeiterin und hat diesen Beitrag verfasst.