Der Präsident der Enttäuschten
Der Wahlkampf in den USA ist in vollem Gange. Viele junge Wähler, die Obama vor vier Jahren noch vergötterten, sind schwer enttäuscht. Zwei von ihnen haben ihn mit einer Parodie des Gotye-Hits "Somebody that I Used to Know" darauf aufmerksam gemacht. Und damit 1,2 Millionen Menschen erreicht.
Justin Monticello sieht sehr traurig aus. Mit gesenktem Blick steht er da, nackt, schutzlos. Er wirkt wie jemand, der einsam ist oder eine große Enttäuschung erfahren hat, wie ein Junge, der von seiner großen Liebe verlassen wurde.Er beginnt zu singen, mit kraftloser, fast schon jammernder Stimme. Aber es geht hier nicht um ein Mädchen. Es geht um Barack Obama, den Präsidenten der USA. Der erste Eindruck, dass sich hier jemand im Stich gelassen und enttäuscht fühlt, ist trotzdem nicht falsch.
„Obama That I Used to Know“ heißt das Musikvideo, das Justin Monticello und sein Freund Ryan Newbrough Anfang August auf YouTube veröffentlichten. Mittlerweile wurde es fast 1,2 Millionen mal angeklickt, es ist ein YouTube-Renner geworden.
Das mag zum einen daran liegen, dass es sich um eine umgedichtete Version des Gotye-Hits „Somebody That I Used to Know“ handelt, der im vergangenen Jahr wohl öfter als jeder andere Song in verschiedenen Versionen parodiert wurde. Wahrscheinlich spricht der Inhalt aber auch ziemlich vielen Menschen aus der Seele.
Monticello und Newbrough gingen noch aufs College, als Obama 2008 mit seinem Wahlkampf die Massen begeisterten. Auch sie wurden von der Welle mitgerissen. „When you won I felt so happy I could die“, spricht Monticello den US-Präsidenten in seinem Lied an. Bevor sein Gesang einsetzt, hört man einen Auszug aus der Rede, die Obama am Super Tuesday während der Vorwahlen 2008 in Chicago hielt: „What began as a whisper has now swelled to a chorus that cannot be ignored, that will not be deterred, that will ring out across this land as a hymn that will heal this nation, repair this world, make this time different than all the rest. Yes we can!“
Das Gänsehaut-Gefühl, die Hoffnung, die Aufbruchstimmung, die Obama damals verbreitete, ist längst dahin. Obama hat es nicht geschafft, die verfeindeten Lager der US-Politik zu versöhnen, eine politische Kultur der konstruktiven Zusammenarbeit in Washington zu etablieren. Im Gegenteil, Konservative und Demokraten sind verfeindeter denn je. Er hat Guantanamo nicht geschlossen, seine Gesundheitsreform ist nur als verkrüppelte Version ihrer selbst durchgekommen, er hat sich nicht als der Friedensfürst erwiesen, der er laut Meinung des Kommitees des Friedensnobelpreises ist. Und nicht zuletzt hat er es nicht geschafft, die USA aus Krise und Arbeitslosigkeit zu befreien.
All das hat die vielen jungen Menschen enttäuscht, die Obama 2008 noch unterstützten. Damals hat er es wie keiner vor ihm verstanden, junge Wähler wie Monticello und Newbrough zu begeistern und zu mobilisieren. Etwa zwei Drittel der Unter-30-Jährigen entschieden sich für ihn, es gingen Millionen mehr junge Amerikaner zur Wahl als zuvor. „But college ended, had to pay my rent ... The only change I got was that I moved in with my mother“, singt Monticello. Er zählt im weiteren Verlauf all die Themen auf, bei denen sein einstiger Hoffnungsträger versagt hat, und kommt im Refrain zu dem Schluss, der jetzige Obama sei nicht mehr derselbe wie der von 2008.
So oder so ähnlich könnten jetzt viele ehemalige Obama-Anhänger denken. Für seine Wiederwahl ist das ein großes Problem. Die Macher des Videos sagten in einem CNN-Interview, sie seien für die Wahl im Herbst noch unentschlossen. Sie geben zu, dass ihre Kritik nicht unbedingt an allen Stellen fair ist. „Vielleicht waren das unrealistische Erwartungen“, sagte Monticello im TV-Interview. Aber immerhin war es ja Obama, der diese Erwartungen in seinen Reden wieder und wieder geweckt und die nachfolgende Enttäuschung somit mitverursacht hat.
Mal sehen, ob er im restlichen Wahlkampf auch in dieser Hinsicht nicht mehr derselbe wie vor vier Jahren ist.
- Wenn gar nichts passen kann 24.05.2013
- Mehr als ein Gefällt-mir? 23.05.2013
- Der Burschentag zum Mitreden 22.05.2013
- Bändchenbinden bei Bon Jovi 20.05.2013
- „Feiert jetzt, denn ihr werdet nicht viel zu lachen haben“ 17.05.2013
Mehr Texte von jetzt.de liest Du jeden Montag in der Süddeutschen Zeitung - außerdem donnerstags im Lokalteil der SZ. Du kannst die SZ zwei Wochen kostenlos testen - du musst nicht einmal kündigen!
Alle Kommentare anzeigen
Digital_Data
BananenBill sagte:
Immer das Selbe mit den ernannten Erlösern: Sie enttäuschen immer. Hätten Sie ihn einfach als pragmatischen, schwarzen Präsidenten erwartet, wären Sie heute zufrieden und würden den blockierenden Block der Reps als das erkennen, was er ist: Krebs.
Wer an einen Erlöser in der Politik glaubt und die Realitäten und Einschränkungen des Politikbetriebes nicht erkennen möchte, ist selbst schuld. So jemandem ist seine Enttäuschung von Herzen zu gönnen.
Im Übrigen: die Sehnsucht nach Erlösern in der Politik ist nicht gerade ein Ausweis vernünftigen Demokratieverständnisses.
Digital_Data sagte:
Na wenigstens hat er (noch) keinen neuen Krieg angefangen, ist ja auch schon was.
Digital_Data
keinen neuen Krieg, aber Neuen Krieg. Drohnenkrieg. Auch in Ländern, wo kein Kriegszustand herrscht, wie in Jemen. Versteh mich nicht falsch, alles besser als der Romney, aber der Obama ist scho a bissal gschert a, ge?
okkasionalsozialist sagte:
es zeugt von todesverachtung und grenzt an gesellschaftlichen selbstmord, so etwas in DE zu bekennen. aber ich tus trotzdem. ich halte romney für das wesentlich kleinere übel.
Romney hat Ryan im Gepäck - der ist zwar fiskalisch ganz OK, hat aber ebenso wie sein Chef AIPAC einen Iran-Krieg so gut wie schriftlich zugesagt.
Alles Scheiße außer Ron Paul, und der will ja nimmer.
29.08.2012 - 12:38 Uhr
alces
alces sagte:
okkasionalsozialist sagte:
es zeugt von todesverachtung und grenzt an gesellschaftlichen selbstmord, so etwas in DE zu bekennen. aber ich tus trotzdem. ich halte romney für das wesentlich kleinere übel.
Romney hat Ryan im Gepäck - der ist zwar fiskalisch ganz OK, hat aber ebenso wie sein Chef AIPAC einen Iran-Krieg so gut wie schriftlich zugesagt.
Alles Scheiße außer Ron Paul, und der will ja nimmer.
ich habe heute morgen die neueste mail der ron paul campaign zu den gestrigen vorgängen erhalten. traurig.
die ron paul leute unterscheiden zwischen ihm und "wrong paul" (=paul ryan). aber gut, trotzdem das kleinere übel als die dems. und vom auftreten her ist ryan ja schon cool.
Alle Kommentare anzeigen









2
28.08.2012 - 20:42 Uhr
Parvati