27.08.2012 - 18:22 Uhr

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Berliner Mischung. Bericht über ein in-Echt.

Text: anne_prinsregentenheim

Durch den Wind sei er, sagt er, und seine Hände fliegen wie Laub im Herbst. Er selbst ist eher wie Winter, blass und dunkelhaarig, und wirkt, als wolle er gerne noch eine Weile unter dem Eis schlafen, bevor er loslebt. Um uns herum ist Frühling und ich gable ihn an einer Kreuzberger Kreuzung auf. Ich freue mich, dass ich Andrzej gleichzeitig wiedererkenne und kennenlerne. Wir kennen uns bisher nur schriftlich, aber so, dass ich einen konkreten Eindruck von ihm habe. Nun bekommt der Eindruck ein Bild, es ist schnell tauglich. Wir begeben uns in eine dunkle, höllenlaute Kneipe mit Pressrauchluft. Andrzej trägt einen Geruch, der kurz durch den Rauch lugt wie ein Asternblatt durch den mittelrussischen Herbstschlamm. Ich überlege, ob ich mich riechenderweis zu ihm rüberbeugen soll wie die italienische Großmutter zu Ricco alias Florian Lukas in "Absolute Giganten", entscheide mich aber, es im Vagen zu belassen und Ruhe auszustrahlen, bis ich mir selber langweilig werde.

Die Drinks. Ich muss an einer Art Bushido für Arme (BfA) vorbeigehen, der bei meinem Anblick die furchige Stirn krauszieht und wie ein riesiger Eichelhäher seinen Freunden etwas Abfälliges über mich zukeckert. Noch bevor der Wind durch Andrzej alias d_rzej hindurch ist, entsteht an den Tischkickern ein reges Volksbegängnis, alles wogt an uns vorbei, Andrzejs Hände zeichnen die Ströme nach und der BfA landet laut klackernd und keckernd am Nebentisch. Was ihn angeht, kotze ich ängstlich ab. Man kennt das: Mann (alias schwanzgesteuerter Eichelhäher) fokussiert Frau, sie weicht dem Blick aus, er lauert, sie plant einen fulminanten Aufbruch.

Im Eckkneipenschummer glänzen Andrzejs Augen, die aufgeregt strahlen, sein Gesicht blass und jung. Ich weiß ganz genau, warum mein Cousin Wiglaf (aka _wechselgeld_) ihn ins Bett kriegen wollte, wie wir gerade festgestellt haben. Das heißt, Andrzej stellt fest, dass es mein Cousin war, ich den Teil mit dem Bett. Der Kosmos ist klein. Andrzej erzählt und erzählt etwas, er ist ganz Wort, ich bin ganz Ohr. Er ist eher Elektro, ich weniger, und ich frage mich, ob das was über den Sex aussagt. Sex unplugged, geistert es mir verstörend durch den Kopf, ohne dass ich den Gedanken zu Ende formulieren kann. Hinter meinem Rücken hähern sie hämisch mit krauser Stirn. Sollen sie sich gegenseitig an den Ausgangsbuchsen lecken.

Vor den Klos schlagen sie mit den Flügeln. Andrzej sagt, er sei ein hässliches Kind gewesen, das plötzliche Wort tut nicht nur ihm weh. Seine Hände sind in der Zwischenzeit ermüdet, wie zwei Milchtiere ruhen sie auf dem Tisch und von Zeit zu Zeit schickt er sie nach seinem Drink. Ich habe plötzlich Bedenken, er könne sich mit Flitzas Andy angesprochen gefühlt haben, was ich geradezu lächerlich finde. Ich komme nicht dazu, es zu sagen, die Ohren sind taub von der Erkältung und vom Lärm und zuviel kreuzt mir vage durch den Kopf. Ich komme mir müde und oll vor und habe Angst, das könnte Andrzej enttäuschen, der vielleicht jemand anderes in mir erwartet hat. Mein Bier ist das einzige, was hier golden glimmt, Andrzejs Gesicht ein heller Schimmer, auf dem noch immer der Schmerz über die Ablehnung des Kindes steht. Noch bevor ich was Gutes spruchreif gezerrt habe, schieben sich andere Gedanken vor, drüber, drunter. Der BfA wartet. Kreuzberger Nächte sind lang, grölen sie im Musical, und ich denke: Mensch, so'n Schnupfen, Andrzej.

Als wir wieder draußenstehen, dröhnt es mir, Anne alias anne_prinsregentenheim, in den Ohren und Adern und der Wind, der vom Fahrdamm rüberweht, stiebt meine Gedanken auseinander. Zufrieden bin ich, denke aber, genauer: hege im festen Gatter meiner Rippen die Befürchtung, ich sei an diesem Abend vielleicht nicht der richtige Mensch gewesen. Der Wind ist das, er macht hier jeden an. Ich wünsche Andrzej noch eine schöne Nacht und dem Eichelhäher eine Hollaback-Waldfee. Andrzej wird von der Nacht verschluckt, geht ganz in ihr auf. Ich habe unwichtige Worte gesagt, und ich sehe deutlich, wohin ich gehe.


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5 Kommentare
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dascory
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Mag ich Mag ich nicht

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28.08.2012 - 13:31 Uhr
dascory

das ist wirklich schön.

Kalef
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Mag ich Mag ich nicht

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28.08.2012 - 17:25 Uhr
Kalef

gute Sprache, danke dafür!

alcofribas
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Mag ich Mag ich nicht

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28.08.2012 - 18:10 Uhr
alcofribas

Tja. Das ist manchmal so.

schreiberin
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Mag ich Mag ich nicht

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29.08.2012 - 00:01 Uhr
schreiberin

"hege im festen Gatter meiner Rippen die Befürchtung, ich sei an diesem Abend vielleicht nicht der richtige Mensch gewesen" - das hab ich mehrfach gelesen, so schön fand ich das.

fettesmaedchen
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Mag ich Mag ich nicht

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29.08.2012 - 13:16 Uhr
fettesmaedchen

Hauptsache Du schluckst.

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