14.08.2012 - 11:47 Uhr

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Nach dem Vorstellungsgespräch

Text: DaniausHamburg

Mein Innenleben ist ein langsamer französischer Film. In einer Ecke ihres dämmerigen Raumes schwingt müde das schwere Messingpendel einer antiken Standuhr. Von der Dachrinne tropft es in langen Abständen, nervtötend lange. Der Teer der Straßen zerfließt zu Ödnis in Anthrazit, eine Schnecke klebt im Rinnstein. Kein Mensch kreuzt meinen Weg, ich gehe, mühsam einen Fuß vor den anderen, ohne Ziel. Einer Hoffnung entgegen.

Gleichzeitig hat sich in meinem Kopf ein Hamsterrad aufgebaut. In ihm, darf ich vorstellen, Trommelwirbel: Usain, der LSD-Hamster. Startschuss mit der Einladung, seitdem ist er der unermüdliche Duracell-Hase des Rades und gibt alles. Usain läuft, rennt, er ist eine Hochleistungsmaschine, und bei jedem Atemzug stößt er die Fragen meines Lebens aus: Was, wenn sie dich doch nicht nehmen. Was, wenn die Stelle nicht besetzt wird. Das Rad dreht sich schneller als das Auge gucken kann. Was, wenn der neue Chef dort seine eigene Crew mitbringt.
Usain schwitzt und rennt und keucht und seine Lungen drohen zu platzen.

Das Getrippel der kleinen Hamsterpfoten und das Tropfen der Langsamkeit vermischen sich zum Rhythmus meines Seelenlebens. Langsamer Grundschlag des Wartens, dazwischen das schnelle Hämmern der Ungeduld und Angst: Wann sie sich wohl wieder melden. Hilfe, was, wenn das nichts wird. Ich will ich will ich will.

Vor zwei Jahren hatte ich das schon einmal, damals ging das so aus: Wir hätten Sie gerne - aber die Stelle wird nicht besetzt. Der Hamster verließ meinen Kopf, schulterte sein Rad, den Abdruck der Speichen auf seinem Fell und zog wieder aus. Der französische Film nahm sein Ende, mein Leben und Denken gingen weiter, irgendwie. Die Hoffnung, der ich entgegengewartet hatte, löste sich auf, sie war mir keinen Bestattungsritus wert.

Bis zur nächsten Bewerbung, die ich ernster meinte als alles zuvor. Sie luden mich ein. Und schickten diese Email.

Liebe Frau AusHamburg,
jetzt ist schon wieder einige Zeit vergangen und ich wollte Ihnen nochmal sagen, dass sie bei uns einen sehr guten Eindruck hinterlassen haben. Leider mahlen die Mühlen recht langsam und es wird zwar eine Stelle frei, die wir aber aus bürokratischen Gründen nicht sofort wieder voll besetzen können. Wir werden erstmal auf eine bewährte "Aushilfe" zurückgreifen für Sie ja wenig interessant, da Sie sich in einer Festanstellung befinden. Aber sobald sich mehr tut, melde ich mich wieder!

Ich will einen Schlager schreiben und den neuen Job darin anhimmeln. Will mich vors Gebäude stellen und sehnsüchtig hoch blicken zu den Räumlichkeiten. Mich in einer schröderesken Geste an die Außenpaneelen des Hauses hängen und meine Sehnsucht heraus schreien. Will Freunde beauftragen, ein gutes Wort für mich einzulegen. Facebook-Posts schreiben, Servietten bedrucken, ein virales Video drehen und um die Welt schicken. Ich will meine Hoffnung nicht loslassen, will diesmal Glück haben.

Ich will schreiben: Sie müssen mich nicht fest anstellen, ich vertraue mir. Ich will Aushilfe sein. Und denke: Nein, dann wirke ich zu verzweifelt.

Es ist würdelos, pubertär, unreif und sicher nutzlos, aber so ist es: Ich bete, hoffe, bange, gucke aufs Telefon, habe Angst und Hoffnung zugleich, traue mich nicht zu hoffen und will doch nichts mehr. Ich versuche den Hamster zu bremsen und das Pendel anzuschubsen, meinen eigenen Rhythmus zurück zu bekommen.

Ich werde mein Emailpostfach checken. Das dritte Mal heute. Es ist 11.14 Uhr.


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