10.08.2012 - 18:30 Uhr

4 11

Die WG

Text: Kienlea

Seit vier Monaten war es soweit. Nach einem Jahr Wohnheim-Leben, wurde es für mich an der Zeit um zu switchen und ich fühlte mich beinahe wichtig in der Situation als „WG-Suchende“. Diese Tatsache jedoch änderte sich schnell. Bald nämlich erkannte ich, dass ich als Bewerberin, in sämtlichen bereits bestehenden Wohngemeinschaften, nur eine von zahlreichen Besuchern war und das sogar manchmal in Form einer Nummer oder einer von mir genannten Eigenschaft (z.B. ordentlich und ruhig) in der Bewerbungs-Mail. Jedenfalls wurde mir nach gefühlter unmöglich langer Zeit klar, dass es nicht gerade rosig um die Wohnsituation in München stand und dass ich wohl einige Abstriche in Bezug auf meine mickrigen Ansprüche machen müsste, sollte sich nicht bald ein geeignetes Zimmer finden. Stundenlang wurstelte ich mich durch Foren und Scoutseiten, schickte Fotos und Wunschvorstellungen durch die Gegend, schon bald in der verzweifelten Annahme, dass sich keiner dafür interessierte. Antworten bekam ich sehr wenige und als ich schließlich ein paar „Dates“ hatte, war ich beinahe schockiert über meine „Auswahl“. Beim Besuch einer Rattenzüchterin und Spinnenliebhaberin hielt ich wortwörtlich die Luft an und bei einem Kennenlern-Gespräch mit einer Jungscrew, welche sich ein „Mädchen für alles wünschte“, machte ich es ebenso. Enttäuscht von derartigen Besuchen fragte ich mich, ob meine Vorstellungen wohl etwas zu hoch geschraubt waren. Vielleicht war ich einfach zu anspruchsvoll in meinen Wünschen als zukünftige Mitbewohnerin einer Wohngemeinschaft? Ich besuchte eine Dreier-WG am Ostbahnhof. Zwei Jungs und ein Mädchen. Einer der Jungs würde bald ausziehen. Sie empfingen mich verhalten. Aus der Wohnung drangen dumpfe Bassgeräusche. Als mich das Mädchen durch die Räumlichkeiten führte inspizierte ich so viel wie es in der kurzen Zeit nur möglich war. Das, was ich in der 4-Zimmerwohnung zu sehen bekam empfand ich als angenehm. Ja, ich hätte mir sogar vorstellen können, dort zu wohnen. Die jungen Leute um mich, die Diskotheken in der Nähe und ein super S- und U-Bahn-Anschluss. Ich wurde in die kleine Küche geführt. Auf dem Tisch lag eine Liste und als ich meine Äuglein ein wenig schärfer stellte, erkannte ich zu meinem Schrecken, dass es sich dabei um eine Aufzählung der tendenziellen Mitbewohner handelte. Tja und als ich schließlich meinen Namen irgendwo zwischen der Nummer 34 und 36 fand, da war ich irgendwie eingeschüchtert. Ich wollte dieses verdammte Zimmer haben. Ich versuchte meine Schokoladenseite so weit wie möglich vor meine Schattenseite zu stellen und schwafelte die armen Menschen zu, bis es ihnen sichtlich zu viel wurde. Das Mädchen verabschiedete mich nach draußen und versprach, dass ich von ihnen hören würde. Im Treppenhaus kam mir ein Junge meines Alters entgegen. Hallo Nummer 36, dachte ich entmutigt. Ich war wirklich verzweifelt. Es war höchste Zeit Nägel mit Köpfe zu machen und endlich ein Zimmer für mich und meinen Hintern zu finden. Ich träumte so sehr, endlich in einer Gemeinschaft zu wohnen. Zu wissen, dass ich irgendwo, zwischen lieben Menschen, zu Hause war und schöne Abende bei ihnen verbrachte, das machte mich beinahe störrisch auf meiner Suche und irgendwann – es war Ende April, da traf ich endlich auf zwei Mädels, die sich zu einer Dreier-WG komplettieren wollten – und mich sogar genehmigten. Genau seit drei Monaten wohne ich mit den Mädels zusammen und da ich vom WG-Leben wohl andere Vorstellungen hatte, wie ich sie nun kennengelernt habe, muss ich feststellen: Es war beinahe angenehm allein zu wohnen. Vielleicht verschwimmen die Augenblicke schon, in denen ich mich abends allein, in dem schlauchförmigen Wohnheim-Zimmer sehe und mich mit Lesen und Aufräumen beschäftigte. Aber war es nicht irgendwie entspannter?


Mir kommt es vor, als ob ich mittlerweile das Zeug der anderen wegräume. Der Aschenbecher ist dauernd voll und die Spülmaschine irgendwie immer dann, wenn ich gerade mein dreckiges Geschirr reinstellen möchte. Ich höre die Dusche laufen, wenn ich dringend mal aufs Örtchen muss und der Freund meiner Mitbewohnerin hat immer dann Sex mit ihr, wenn ich gerade schlafen möchte. Perfektes Timing, denke ich mir dabei immer nur. Mein Geld schwindet dahin. Doch dabei gebe ich es nicht mehr – wie früher – für Klamotten und Zimmer-Deko aus, nein ich kaufe Klopapier, Geschirrspülmittel und Staubtücher. Dass ich die von meiner Mitbewohnerin gekauften Tampos benutze, das war mir irgendwie unbewusst klar. Doch, dass sie ihr Pudernäschen mit meinen Abschminktüchern sauber macht, das machte mir ganz schön zu schaffen. Ich mochte beide. Doch beide hatten, wie ich eben auch, Angewohnheiten, die für Mitmenschen einfach nervig sein konnten. Die blondere von beiden hasst beispielsweise offene Fenster. Aufgrund ihrer schlanken und zarten Figur friert sie leicht. Doch bin ich der festen Überzeugung, dass jeder lieber friert, als dass er zwischen Schimmel und Stinke-Luft duschen muss. Auch könnte ich mich jedes Mal tierisch aufregen, wenn Diana, die etwas dunkelblondere Mitbewohnerin, ihre getragenen Strings in eine der Badecken wirft und sie dort für Tage liegen lässt. Naja es kam letztendlich zu meiner Feststellung, dass das WG-Leben nicht gerade leicht und harmonisch ist. Jeder von uns war schließlich viel unterwegs, es hatte jeder einen festen Job und beim Freund zu schlafen schickte sich irgendwie mehr. Das gemeinsame Kochen und die Mädelsabende waren zu selten und wir lernten uns eigentlich nur in unseren Gewohnheiten bezüglich des Putzplans und der Essenswunschliste kennen. Die Gespräche beliefen sich weniger auf Persönliches, wichtiger war es, noch mal den Telefonanbieter und den Vermieter bezüglich der Stromrechnung anzurufen. Als ich die vorletzte Woche aber allein war – die Mädels waren beide im Urlaub – da hatte ich plötzlich so viel Raum und Platz für mich selbst. Ich hatte mich nicht aufzuregen wegen irgendwelcher störender Angewohnheiten der Mädchen. Irgendwie war es nach dem dritten Abend allein beinahe langweilig. Als Diana am Freitagabend zurück kam, freute ich mich sogar ein wenig. Sie erzählte von ihrem Urlaub und wir kochten die Tortellini aus Italien, die sie mitgebracht hatte. Beide hatten wir ein freies Wochenende vor uns. Wir quatschten noch viel an dem Freitagabend. Wir waren entspannt und stellten fest, dass wir einige Gemeinsamkeiten hatten. Es wurde spät. Samstags und sonntags sahen wir uns kaum und als ich montags aufwachte und meine Blase sich bemerkbar machte, da hörte ich schon den Wasserhahn im Bad. Lisa würde ewig brauchen. Ich könnte aufstehen uns sie höflichst bitten sich zu beeilen. Doch wenn Lisa im Bad war, dann existierte das Wort Beeilung nicht. Das war schon theoretisch unmöglich bei ihr. Und irgendwie verwünschte ich mir die Mädels schon wieder in die Ferne. Dass ich beim Kaffeekochen zum hundertsten Mal den vollen Filter in der Maschine gelassen hatte und damit die beiden ebenfalls zum hundertsten Mal erneut verärgerte, das muss meinetwegen nicht jeder wissen. Und überhaupt: Dass ich auf meine Kosten Abstriche mache und dass ich mich zum hunderteinsten mal ärgere, das sind einfach Dinge, welche die Langeweile ganz weit in die Weite verbannen und soziale Kompetenzen bei Weitem wachsen lassen. Und wirklich. Ich lernte in kurzer Zeit zu sagen, was mich stört. Ich lernte dreckiges Geschirr meiner Mitmenschen wegzuräumen, auch wenn sich mein Innerstes äußerst sträubte und ich lernte außerdem mich um die anderen zu sorgen.  Also stelle ich mal wieder fest, dass es auch hier - wie eben so oft im Leben - eine gute und eine nervige Seite gibt. Mein Charakter jedoch wurde durchaus geformt und ich bin tatsächlich - zumindest bildlich-  ein Stück gewachsen. Ja, ich fühle mich beinahe schon riesig. Fast schon ausgewachsen.




Neue Texte zum Label 'WG-Leben':
Textoptionen
Mehr Texte von
Kienlea
Mehr Texte zum Label
WG-Leben
Text Freunden empfehlen Text drucken Text melden
11 Kommentare
Für diese Funktion musst du eingeloggt sein.

Alle Kommentare anzeigen

Trelawny
Melden!
Zitieren
Mag ich Mag ich nicht

0

09.11.2012 - 13:00 Uhr
Trelawny

wurdest du sehr verwöhnt zu Hause? Wir lebten mit einer fünfköpfigen Moskauer Familie zuammen, hatten selbst ein Neugeborenes Kind, und die Duschzeiten lagen pro Person selten unter 30 Minuten. So gesehen, kann ich manches gut verstehen.
Es hat aber schon etwas mit der Grundeinstellung und dem Alter zu tun,- oder?

Zurück Seite 1 2

Alle Kommentare anzeigen

Mehr lesen:

Jetzt-Mitglied

Kienlea offline

Kienlea

ist jetzt-Userin und hat diesen Beitrag verfasst.