Vorsicht, Trigger!
Vor Blog- oder Forenbeiträgen liest man immer öfter "Vorsicht, Trigger!" Das soll Personen mit Traumata vor dem Weiterlesen warnen. Aber was genau ist eigentlich ein Trigger und wieso steht die Warnung mittlerweile auch vor nostalgischen Links?
„Vorsicht Triggergefahr": Diese Warnung schickt „Aiken", Nutzer eines Forums für Heimkinder, seinem Beitrag voraus. Er warnt damit Personen, die Opfer von Missbrauch geworden sind, vor dem Weiterlesen. Denn in seinem Beitrag geht es um die Verhandlung eines Sexualstraftäters – um einen Fall also, der bei Missbrauchsopfern belastende Erinnerungen wecken könnte. Im schlimmsten Fall kann die Schilderung des Falls als sogenannter „Trigger" fungieren, als ein Auslösereiz, der den Betroffenen an die traumatische Situation denken oder sie sogar emotional und körperlich noch einmal durchleben lässt. Menschen mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung sind gefährdet, solche Flashbacks zu erleben. Dabei können in manchen Fällen schon sehr schwache Reize als Trigger wirken: ein Geräusch, ein Geruch, eine Geste, die an das Erlebte erinnern.
Triggerwarnungen, wie „Aiken" sie benutzt hat, tauchen online immer häufiger auf, vor allem in Selbsthilfeforen und auf Blogs. Wenn Nutzer über traumatische Ereignisse, selbstverletzendes Verhalten oder ihre Essstörung berichten, dann versehen sie den Titel ihres Beitrags mit dieser Warnung. Viele nutzen außerdem sogenannte „Splahs", sie ersetzen Buchstaben in Wörtern wie „Vergewaltigung" durch Sternchen oder andere Zeichen. Das soll das Lesen erschweren und vor schlagartigen Erinnerungen bewahren. Auch auf dem Blog der Aktion „Ich habe nicht angezeigt", die das Schweigen von Missbrauchsopfern brechen will, findet man einen Hinweis, in Form eines großen roten Buttons mit der Aufschrift „Triggerwarnung". Es gibt Angebote, um die Filterblase im Netz sogar noch großflächiger aufzubauen: Auf triggy kann man Links eingeben, vor die eine Triggerwarnung geschaltet werden soll, wenn man sie aufruft. Tumblr bietet mit „Fuck Yeah, Trigger Warnings" an, Beiträge mit bestimmten Tags für die eigene Nutzung zu blockieren.
Betrachtet man diese Beispiele, scheint das Prinzip der Triggerwarnung vernünftig und rücksichtsvoll: Forenmitglieder und Blogger achten aufeinander und auf ihre Leser, sie wollen offen reden und dabei jene schützen, denen durch diese Offenheit Leid zugefügt werden könnte. Auch Dr. Markos Maragkos, Privatdozent für Psychologie an der LMU München und Spezialist für Traumata und Posttraumatische Belastungsstörungen, begrüßt dieses Vorgehen, merkt aber an, das viel von dem Umgang des Betroffenen mit seinem Trauma abhänge: „Wenn in einem Video zu Anfang eine Triggerwarnung eingeblendet wird, löst das oft Neugier aus. Dann ist die Frage, inwiefern die Person dazu in der Lage ist, Stimuluskontrolle auszuüben, also sich zu kontrollieren und zu entscheiden, das Video nicht weiter anzuschauen." Wer weiß, was ein Trigger ist, und gelernt hat, bestimmte Reize zu meiden, dem kann eine solche Warnung also durchaus helfen.
Der Grundgedanke ist lobenswert, doch wie fast alles, das irgendwann im Internet aufgekommen ist, hat sich auch die Triggerwarnung rasend schnell ausgebreitet und ist mittlerweile in allen möglichen Zusammenhängen zu finden. In manchen Foren steht sie vorsichtshalber vor fast jedem Beitrag. Als die Mädchenmannschaft im März einen kritischen Beitrag zum „Schnitzel-und-Blowjob-Tag" veröffentlichte, setzten sie die Triggerwarnung vor das Logo des Tages, eine piktogrammähnliche Darstellung von Oralverkehr. War die Warnung schon dort sicher nicht ganz ernst gemeint, wird sie andernorts gänzlich im Spaß gebraucht: Bei Twitter zum Beispiel fügt eine Nutzerin ihrem Tweet „Wisst ihr noch?" den Hashtag #triggerwarnung hinzu und verlinkt auf ein altes Aquarius-Schulheft.
Die Verwendung der „Triggerwarnung" in sämtlichen „Das hier kann Erinnerungen wecken"-Kontexten, egal ob ernsthaft oder ironisch, beweist, dass sie im Internet-Mainstream angekommen ist. „Trigger" ist ein Modewort geworden. In ihrem auf Freitag.de erschienenen Kommentar „Auf der richtigen Seite" schreibt Katrin Rönicke, die Warnung werde „inflationär benutzt" und die Ernsthaftigkeit dadurch verwässert. Dr. Maragkos bestätigt diese Annahme: „Je häufiger eine Warnung ihre Exklusivität verliert, desto weniger wirkt sie. Es kommt dann zu einem Gewöhnungs- und Aushebelungseffekt." Als Beispiel nennt er das Wort „Hilfe": Mittlerweile werde dazu geraten, in Gefahrensituationen „Feuer" zu rufen, weil die Reaktion auf „Hilfe" wesentlich geringer sei. Es besteht also die Gefahr, dass die Triggerwarnung von einem ernstgemeinten Hilfsangebot zu einem Spaßbegriff verkommt. Betroffene werden sich dann nicht mehr ernst genommen fühlen und es wird für sie schwer werden, zu unterscheiden, wann sie wirklich aufpassen müssen und wann die Warnung nur im Scherz ausgesprochen wird.
Rönickes Beitrag hat eine Diskussion unter Bloggern ausgelöst. Eine Bloggerin merkt sogar an, dass sie auch ohne ein traumatisches Erlebnis nur ungern mit Schilderungen von Gewalt oder Ähnlichem konfrontiert werden möchten. Sie fordert damit Warnungen für alle, damit man entscheiden kann, was man sehen will und was nicht. Voraussetzung dafür ist aber wieder die von Dr. Maragkos angeführte Stimuluskontrolle. „Die liegt mit generell sehr am Herzen", sagt er, „ich bin dafür, dass Menschen sich nicht allem aussetzen müssen, was medial auf sie einwirkt. Die Sinnesorgane sollten Wahrnehmungspforten sein und jeder sollte vorsichtig mit sich umgehen und genau überlegen, welchen Reizen er sich aussetzen will und welchen nicht."
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Das Wort gab es schon zu Anfangszeiten des populärer werdenden Internet und zuvor in anderen Diskussionsmedien wie z.B. FIDONET.
Ursprünglich und bis vor einiger Zeit wurde es auch auf die erwähnten Trauma-Themen und -Gruppen beschränkt.
Wenn es sehr explizit wird, finde ich diese Dinge ja noch gut, aber in entsprechenden Gruppen gab es auch sogenannte "Arme Wesen", die hauptsächlich Mitleid erregen wollten und deshalb ganz alltägliche Dinge wie eine Farbe oder eine bestimmte Margarine-Marke als "Trigger" bezeichneten.
In einem Blog, der sich mit einer Fernsehserie beschäftigt, werden Triggerwarnungen oft gesetzt, um Leuten vom Weiterlesen abzuraten, die nicht schon bekannte Details wissen wollen.
Ich denke, hier ist es wie meistens der Kontext, der das Wort mit Sinn füllt. Im Traumabereich wird es seine Bedeutung nicht verlieren.
Bei Serien hat es eine andere erhalten.
Für Ingenieure und Informatiker wird es größtenteils seine wörtliche Bedeutung behalten.
21.07.2012 - 12:07 Uhr
Awesomeness
Das kann z.B. das Verwenden des Begriffes an sich sein.
Etwa #Sex würde diejenigen abhalten, die es nicht lesen wollen und umgekehrt die anlocken, die es interessiert.
Warning: Explicit Lyrics
Contains some nudity, sex & violence
Bei den zwei letzteren dient diese "Warnung" ja auch eher als Qualitätsnachweis denn als Warnung (ein Rap Album ohne Warnung vor Schimpfwörtern? Undenkbar!). Na ja und bei Wikipedia sind die Spoilerwarnung ja zum Glück auch außer Mode gekommen. Wenn ich den Artikel zum Film lese will ich ja auch wissen worum es geht...
chrinamu sagte:
...Gut, in einzelnen Fällen mag so eine Warnung sinnvoll sein, aber wenn man das konsequent machen würde, müsste man doch vor jeder Äußerung (nicht nur im Netz, sondern auch im Alltag), die irgendwen aus dem seelischen Gleichgewicht bringen könnte, warnen...
Nicht ganz, denn man darf nicht vergessen, das die meisten Leute alleine sind, während sie sich im Netz bewegen!
Trigger können oft zu flashbacks, zum Switchen oder Dissoziationen führen...hierbei kann es zu Handlungen kommen, die mitunter nicht immer positiv für das Selbst sind etc.!
Somit macht es natürlich einen Unterschied, ob man beim getriggert werden alleine ist, oder ob man ggf. ein Gegenüber hat, welches den Trigger auslöst, einen ggf. aber dann auch auffangen kann.
...Davon ganz abgesehen wäre es für Traumatisierte doch hilfreicher zu lernen, mit Schocks auslösenden Situationen umzugehen, denn vermeiden kann man sie halt einfach nicht ganz. Und je mehr sie vermieden werden, desto schlimmer sind sie doch, wenn man sie ausnahmsweise doch mal erlebt.
Hm, jede einzelne Situation, in der ein erneuter "Schockzustand" bzgl. des Traumas ausgelöst wird, kann einen tiefer in die Sache ziehen...bis hin zur Traumatisierung des Traumas.
Grundsätzlich ist es natürlich richtig, das man sich mit diversen Dingen diesbezüglich konfrontieren muss...deswegen ja auch Verfahren wir Trauma-/Konfrontations- und EMDR - Therape! Aber hierbei ist es wichtig, das dies in einem geschützen Rahmen geschieht!
Zur Anwendung der Begrifflichkeit "Trigger" allgemein muss ich allerdings auch sagen, das es allmählich überhand nimmt, und meiner Meinung nach wahllos in jedem Bereich eingesetzt wird!
21.07.2012 - 20:20 Uhr
JulchenMSD
"Nicht ganz, denn man darf nicht vergessen, das die meisten Leute alleine sind, während sie sich im Netz bewegen!
Trigger können oft zu flashbacks, zum Switchen oder Dissoziationen führen...hierbei kann es zu Handlungen kommen, die mitunter nicht immer positiv für das Selbst sind etc.!
Somit macht es natürlich einen Unterschied, ob man beim getriggert werden alleine ist, oder ob man ggf. ein Gegenüber hat, welches den Trigger auslöst, einen ggf. aber dann auch auffangen kann."
Des gehörte nicht zum Zitat! ^^
chrinamu sagte:
Das Wort Trigger hab ich in diesem Zusammenhang ehrlich gesagt noch nie gehört, vielleicht sollte ich mehr Blogs lesen? Es erscheint mir aber nicht nur deshalb ambivalent, weil die Warnung verwässert, wenn man sie zu oft benutzt, sondern weil es so ein typisches Phänomen unserer sicherheitsfixierten Gesellschaft zu sein scheint. Gut, in einzelnen Fällen mag so eine Warnung sinnvoll sein, aber wenn man das konsequent machen würde, müsste man doch vor jeder Äußerung (nicht nur im Netz, sondern auch im Alltag), die irgendwen aus dem seelischen Gleichgewicht bringen könnte, warnen. Und da jeder Mensch anders reagiert (manche gruselt´s auch beim Gedanken an Hunde oder Dreck, es muss ja nicht immer gleich das Thema Vergewaltigung sein), kann man irgendwann außer "Beep" überhaupt nichts mehr sagen.
Davon ganz abgesehen wäre es für Traumatisierte doch hilfreicher zu lernen, mit Schocks auslösenden Situationen umzugehen, denn vermeiden kann man sie halt einfach nicht ganz. Und je mehr sie vermieden werden, desto schlimmer sind sie doch, wenn man sie ausnahmsweise doch mal erlebt.
Ja, es wäre wünschenswert, wenn die menschliche Psyche Traumata einfach wieder auslöschen könnte, und mit Flashbacks-auslösenden Begriffen oder Bildern emotionslos umgehen könnte.
Doch so funktioniert es nicht. Zu einer Traumatherapie bedarf es dem höchsten Maß an seelischer Aufarbeitung unangenehmster Erinnerungen, die oftmals schon sehr lange verdrängt wurden.
Bezüglich der Posttraumatischen Belastungsstörung finde ich den Trigger-Begriff hundertprozentig sinnvoll, und in Betroffenenforen funktioniert das Indizieren sensibler Posts sehr gut. Hier geht es auch nicht um gesellschaftliche Zensur, sondern um den verantwortungsvollen Umgang mit anderen Personen, zumeist Betroffenen, im Netz.
Aber die Mehrheit ging schon Maßvoll und bedacht damit um, das stimmt.
Als Betroffener ist es wichtig zu lernen, mit bestimmten Dingen überall konfrontiert werden zu können. Egal ob man alleine ist oder mit Freunden zusammen.
Seine Lebensqualität nach einem traumatischen Ereignis kann man nur dann wieder erlangen, wenn man den "inneren Krampf" gelöst hat.
Und dazu gehört in jedem Fall, die Trigger-Fähigkeit bestimmter Elemente erst abzuschwächen und danach völlig zu beenden.
In den Foren neigen viele dazu, sich in Selbstmitleid zu baden. Das ist meiner Erfahrung nach in jedem Fall kontraproduktiv!
Dass der Begriff nun ausgeweitet wird, ist nicht das erste Mal. Da wir auf der einen Seite immer mehr erotisches, gewaltgeladenes und fäkalsprachliches Material konsumieren, wird auch überall davor gewarnt!
Wie mein Vorredner richtig schrieb ist das bei vielen Produkten mittlerweile ja auch der Kaufreiz.
Also dran gewöhnen... die Mode geht auch wieder vorbei, genau wie KEWL und Bamboocha.









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21.07.2012 - 11:29 Uhr
chrinamu
Davon ganz abgesehen wäre es für Traumatisierte doch hilfreicher zu lernen, mit Schocks auslösenden Situationen umzugehen, denn vermeiden kann man sie halt einfach nicht ganz. Und je mehr sie vermieden werden, desto schlimmer sind sie doch, wenn man sie ausnahmsweise doch mal erlebt.