RapRendezvous. Wir hören neue Platten mit den Atzen
Einmal im Monat plaudert jetzt.de mit einem Vertreter aus dem HipHop-Kosmos über aktuelle Rap-Veröffentlichungen. Heute mit Frauenarzt und Manny Marc von den Atzen über die Neuerscheinungen von El-P, B.o.B., Roger, Robert Glasper Experiment und Usher.

Selbst wenn die Atzen heute mehr am Ballermann als auf Blockpartys abgehen, sind Frauenarzt und Manny Marc langjährige und verdiente Vertreter der hiesigen HipHop-Szene. Beide sind Mitglieder von BC, der berühmten Hauptstadt-Crew Berlin Crime, und haben Ende der 90er-Jahre das nicht minder legendäre Bassboxxx-Label gegründet. Beide waren immer schon große Anhänger von Miami Bass, und ihre erfolgreiche „Atzenmusik“ ist letztlich bloß eine konsequente Weiterentwicklung dessen. Im Mai ist ihr aktuelles Album „Atzen Musik Vol. 3“ mit der dazugehörigen Single „Party (Ich will abgehen) erschienen.
Aber jetzt geht es los mit dem Rap Review Rendezvous und:
El-P – "Cancer For Cure"

Man hört auf der Platte jede Menge Wut heraus, die immer schon eine wichtige Antriebsfeder im Schaffen von El-P war. Ihr hingegen seid ja vor allem dafür bekannt, mit eurer Musik Spaß zu verbreiten – könnt ihr euch trotzdem in diese Wut reinfühlen?
Frauenarzt: Mich erinnert El-Ps Rap-Stil total an Kool Keith, wenn auch nicht ganz so lustig. Aber ich kann mir das schon reinziehen, obwohl mich das Intro mit seinen Drum’n’Bass-Anleihen kurz geschockt hat. Aber diese alten 808-Sounds – damit können wir natürlich etwas anfangen. Auch wenn das Ganze natürlich nicht ganz unser Style ist. Wir kommen ja eher aus der Miami-Bass-Ecke.
Manny Marc: Das ist schon ganz geil, aber ich finde, man hätte das Ganze durchaus noch fetter produzieren können. Ich denke ja immer in Tanz-Kategorien: Und wenn man seinen experimentellen Ansatz mit etwas tanzbareren Beats unterlegen würde, könnte ich definitiv mehr damit anfangen.
Eine wichtige Inspirationsquelle zum Schreiben der Platte war der Tod eines guten Freundes von El-P. Hört ihr das dem Album an?
Frauenarzt: Solche Ereignisse verarbeitet ja jeder auf seine Weise. Aber ich hätte bei dem Hintergrund wohl ein etwas traurigeres Album erwartet.
Wäre so ein Ereignis für euch ebenfalls ein Anlass, um euch in die Musik zu flüchten?
Manny Marc: Ich würde das vielleicht auch in der Musik verarbeiten, aber dann eher mit instrumenteller Musik oder mit sehr verschlüsselten Nachrichten, ohne allzu konkret zu werden. Aber auch das muss jeder für sich selbst entscheiden.
Auf der Platte hört man sowohl Samples als auch Live-Instrumente. Gefällt euch die Mischung?
Manny Marc: Mir gefällt dieser experimentelle Ansatz. Aber das machen zur Zeit ja viele Leute. Selbst Typen aus der Techno-Ecke gehen gerade mit Band auf Tour. Eigentlich ist das total logisch, denn es werden ja häufig „normale“ Instrumente gesamplet. Das ist nun die Zusammenführung von Dingen, die sowieso zusammengehören.
In der Juice wurde die Platte als härteste seit „Hell Hath No Fury“ von Clipse beschrieben – seht ihr das ähnlich?
Manny Marc: Ich finde sie eher hektisch als hart. Aber was jemand als hart empfindet ist natürlich immer sehr subjektiv. Cannibal Corpse sind härter (lacht). Einigen wir uns ganz diplomatisch darauf, dass die Platte cool ist
B.o.B. – "Strange Clouds"

B.o.B. arbeitet auf der einen Seite mit Pop-Sternchen wie Ke$ha und Katy Perry zusammen, auf der anderen Seite aber auch mit Leuten wie Tech N9ne oder Bun B. Viele HipHop-Heads haben ein Problem mit diesem Spagat. Wie steht es mit euch – geht das für euch In Ordnung?
Manny Marc: Das ist vollkommen okay. Man sollte immer das tun, worauf man Bock hat und sich nie an der Meinung der breiten Masse orientieren.
Frauenarzt: Mir gefällt die Produktion. Die ist sehr clean, sehr geil. Zwar etwas experimentell, aber trotzdem sehr poppig. B.o.B. benutzt ja auch sehr viel Autotune. Und Tech N9ne klingt nach Eminem.
Für B.o.B. scheint der Erfolg offensichtlich wichtiger zu sein als Szene-Kredibilität. Seid euren Chart-Erfolgen müsst ihr euch mit ähnlichen „Problemen“ auseinandersetzen. Wie ist das bei euch – was ist wichtiger?
Frauenarzt: Wie gesagt: Man muss immer das machen, was man für richtig hält. Aber es ist doch immer so: Sobald es auch der breiten Masse gefällt, wird es für viele Szene-Leute uncool. Aber es vermischt sich immer mehr. Der Pop-Bereich ist viel undergroundiger geworden – man nehme nur mal die aktuelle Dubstep-Welle, die momentan Einzug in die Popmusik erhält. Das war ja ursprünglich auch eine Untergrund-Bewegung.
Manny Marc: Die Leute müssen einfach mal ihren Stock aus dem Arsch ziehen und sich ein bisschen locker machen. Aber wir lieben unsere Hater. Wenn alle Leute immer alles feiern würden, wäre es eben auch langweilig. Aber wie haben wir es auf „Atzenmusik Vol. 3“ im Song „A.C.A.B.“ doch so schön gesagt: „Alles cool, alles bestens.“
Auf dem Stück „Where Are You (B.o.B. vs. Bobby Ray)“ setzt sich B.o.B. selbstkritisch mit der Diskrepanz zwischen sich selbst und seinem Künstler-Alter-Ego auseinander. Habt ihr auch manchmal Probleme, zwischen beidem zu unterscheiden?
Manny Marc: Nein. Das geht bei uns ineinander über. Wir sind privat nicht großartig anderes als auf der Bühne – vom Ausrasten on stage einmal abgesehen. Aber so oder so – wir sind immer wir selbst.
B.o.B. hat in einem Interview gesagt, durch das viele Reisen hätte er sich als Künstler erst gefunden. Habt ihr ein anderes Selbstverständnis von euch erlangt, seit ihr so erfolgreich und damit einhergehend so viel unterwegs seid?
Frauenarzt: Das Reisen ist vor allem anstrengend. Gefunden haben wir uns eher durch die musikalische Auseinandersetzung mit uns selbst, das Herumtüfteln an Geräten und Schreiben von Texten. Auch durch das Auflegen, sprühen, breaken – all diese Bestandteile der HipHop-Szene. Dadurch haben wir uns gefunden. Das ist 100& Atzen-Autenz!
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